„Permanent Error“ von Pieter Hugo

Das erste Foto ist das Erschreckendste. In mir weckte es sofort Erinnerungen an Kriegsreportagen, an Bilder von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Massengräbern irgendwo auf der Welt, aus denen Knochen und zerfetzte Kleidungsreste zu Vorschein kommen. Das Bild zeigt aber keine menschlichen Überreste – zumindest keine körperlichen. Es sind lediglich die Tasten einer alten Computertastatur, die sich wie einzelne Rippen von unten durch die vergewaltigte Erde drücken.

In seinem neuen Buch „Permanent Error“ (Prestel Verlag, 112 Seiten, 39,95 Euro) hat der Südafrikaner Pieter Hugo seine Reihe eindringlicher Porträts, die gleichzeitig aktuelle gesellschaftliche Zustände oder Entwicklungen in Afrika dokumentieren, fortgeführt. Allerdings mit einem gewaltigen Unterschied: Hat Hugo mit seinem legendären „The Hyena & other Men“ und dem darauf erschienenen „Nollywood“ beim westlichen Leser noch eine Mischung aus Schrecken, Faszination, Unglauben und manchmal auch Schmunzeln ausgelöst, dominieren nun eher Verzweiflung und Wut. Wut auf eine Gesellschaft, der man selbst angehört, und die sich nahezu keine Gedanken über die Folgen ihres Handelns macht. Denn Hugo hat dieses Mal auf einer Müllhalde in Agbogbloshie, einem Vorort von Ghanas Hauptstadt Accra fotografiert. Er wird auch „Toxic City“ genannt, denn dort lagert nicht irgendein Müll, sondern der technische Abfall aus Europa und Amerika. Also unserer. Viele Einwohner leben vom Handel mit dem Elektroschrott und den darin enthaltenen, wiederverwertbaren Metallen wie Kupfer oder Aluminium. Doch dafür müssen sie erst an sie heran kommen – und verbrennen die Geräte dafür.

Nun hat Hugo, der 1976 in Johannesburg geboren wurde, keine Betroffenheitsreportage über die Lebensumstände vor Ort gemacht. Vielmehr pendelt er in seinem Buch zwischen stillen Porträts der auf der Deponie arbeitenden Menschen und einer zurückhaltend-nüchterner Dokumentation hin und her. Über fast allen Fotografien liegt ein Grauschleier, der vom giftigen Rauch der vielen kleinen Feuer stammt. Der Himmel ist so gut wie nie zu sehen. Dafür verbrannte Erde. Und Rinder, Ziegen und Hunde, die auf ihr stehen oder liegen. Sie schauen den Betrachter genauso leer und teilnahmslos an wie die Menschen, die Hugo auf seine ganz besondere Art und Weise festzuhalten versteht und die ihn zu den wichtigsten Porträtfotografen der Gegenwart machen.

So zeigt das Cover-Porträt einen jungen Mann, der einen Haufen Kabel auf dem Kopf trägt, was ihn wie eine moderne Medusa wirken lässt. Andere warten mit verschränkten Armen darauf, dass die Feuer erlöschen, um an die halbwegs wertvollen Rohstoffe zu gelangen, oder schlafen in provisorischen Hütten und Lagern auf diesem lebensfeindlichen und -unwürdigen Areal. Zwischendurch folgen Panorama- und Detailaufnahmen. Das einzige halbwegs hoffnungsvolle Bild zeigt zwei Rinder, von dem eins das andere auf die Stirn zu küssen scheint. Erst auf dem zweiten Blick merkt man, dass es dabei uriniert.

Links: Prestel, Pieter Hugo