“Escape” von Danila Tkachenko

Das letzte Foto in dem Buch zeigt uns eine dünne Linie aus Fichtenzapfen und kleinen Steinen, die über den Waldboden gezogen wurde. Es ist eine fragile Grenze. Sie sagt uns: Hier fängt das Grundstück eines anderen an.

So fragil wie diese Linie sind auch die Fotografien in “Escape” von Danila Tkachenko, erschienen bei Peperoni Books, 40 Euro. Zunächst „laufen“ wir durch einen dichten, dunklen Wald bis uns schließlich unvermittelt ein älterer Mann anschaut. Die Falten sind tief, das Haar wirr, die Jacke dreckig. Er ist der erste von acht „Entkommenen“, die Tkachenko porträtiert hat. Acht Männer, die der Gesellschaft den Rücken gekehrt haben, und die nun als Einsiedler in Hütten, Höhlen oder Erdlöchern in russischen und ukrainischen Wäldern leben. Manches sieht fast paradiesisch oder zumindest fantastisch aus, anderes geradezu mitleiderregend erbärmlich.

Die Gründe für ihre „Flucht“ werden am Ende des Buches genannt. Einer konnte sich den Mord an einen Mann nicht vergeben, jemand anderes hat den Tod seiner Frau nicht verkraftet, andere suchen einfach die Einsamkeit. Für jemanden, der sich fest in der Gesellschaft verankert fühlt, ist das nicht immer nachvollziehbar. Aber immer sehr berührend.

Link: Peperoni Books

Amazon: Escape

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Pep Bonet in der Michael-Horbach-Stiftung

Der mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis der Michael-Horbach-Stiftung geht in diesem Jahr an den spanischen Fotografen und Gründer der Agentur NOOR, Pep Bonet.

Zum Preis gehört auch eine große Einzelausstellung mit dem Titel “Heaven and Hell”, in der Arbeiten aus den vergangenen 13 Jahren gezeigt werden – von Bonets “Faith in Chaos”-Projekt über die physischen und psychischen Folgen des Bürgerkriegs in Sierra Leone und “All Imperfect Things” über Transsexuelle in Brasilien bis zu “Forced” über moderne Sklaverei und Kinderarbeit in Bangladesch. Leicht sind Bonets Themen nie – mit Ausnahme vielleicht von “Röadkill”, für die er seine Lieblingsband Motörhead während mehrere Touren als Fotograf begleitet hat und die auch nicht so richtig in die Ausstellung passen will, aber sei’s drum.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Juni zu sehen. Meine Besprechung aus der taz gibt es hier als PDF.

Links: Pep Bonet, NOOR, Michael-Horbach-Stiftung

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“Miracle Village” von Sofia Valiente

Was für ein Thema!!! Im Niemandsland östlich der Kleinstadt Pahokee in Florida hat sich vor sechs Jahren eine Gemeinde gegründet, in der fast ausschließlich verurteilte Sexualstraftäter leben: Miracle Village. Das Dorf mit den etwa 55 kleinen, weißgestrichenen Häuschen ohne Terrassen und Gartenzäune war früher die Basis der karibischen Saisonarbeiter der umliegenden Zuckerrohrplantagen. Die christliche Hilfsorganisation „Matthew 25: Ministries“ hat die Häuser übernommen und renoviert und bietet den mehr als 100 Bewohnern so die Möglichkeit auf ein halbwegs geschütztes Leben – schließlich hat nicht nur die Öffentlichkeit Angst vor den vermeintlichen Wiederholungstätern, auch die Männer leben in Furcht vor den Übergriffen aus der Bevölkerung.

Die Fotografin Sofia Valiente hat elf Männer und eine Frau porträtiert und interviewt. Das gleichnamige Buch, das wie ein schlichtes Notizbuch oder eine Aktenkladde samt Gummiband gestaltet ist, versammelt diese Fotografien und Geschichten. Wirklich überzeugen kann mich das Buch, das bei La Fabrica erschienen ist, allerdings nicht, dafür hat es in zu vielen Bereichen Mängel.

Welche genau könnt ihr in meiner Besprechung, erschienen in der aktuellen Photonews, lesen.

Link: La Fabrica

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Stefan Heyne bei Kaune, Posnik, Spohr

Die letzte Ausstellung des Fotografen Stefan Heyne in der Galerie Kaune, Posnik, Spohr liegt bereits fünf Jahre zurück und ich erinnere mich, dass ich sie nicht wirklich überzeugend fand: Das angebliche Ausloten von Grenzen in der Kunst langweilt mich zu oft, weil es a) inflationär betrieben wird und b) man sich damit wahnsinnig intellektuell geben kann, aber c) das Versprechen letztlich per se nicht eingehalten werden kann: Wo, bitteschön, sollen denn eigentlich die Grenzen in der Kunst und in ihrer Darstellbarkeit sein und warum sollte man sie überhaupt ausloten wollen?

Die aktuelle Ausstellung von Stefan Heyne finde ich hingegen viel überzeugender weil radikaler: Der gelernte Bühnenbildner scheint nicht mehr zu suchen, er hat bereits gefunden und zeigt fast ausschließlich abstrakte, unscharfe, monochrome Farbverläufe. Das Auge versucht nicht mehr sich an irgendwelchen Anhaltspunkten festzuklammern und Gegenstände zu erkennen, weil es keine mehr gibt.

Im Interview mit Rebecca Maria Jäger (nachzulesen in Qvest #67) hat Heyne es so formuliert: “Wenn ich fotografiere, versuche ich dichter ans Auge zu kommen und schalte meinen Verstand aus. Dann ist sowieso alles abstrakt. Es geht mir um ein direkteres Sehen, als es vielleicht im Alltag üblich ist. Wahrnehmung und Sehen sind Prozesse, bei denen die kollektive kulturelle Überformung eine große Rolle spielt, also der Kopf und das Denken; es gibt Konventionen wie zu sehen ist, und es gibt auch Tabus, besonders in der Fotografie. Und gerade diese interessieren mich.”

Die Ausstellung ist noch bis zum 13. Juni zu sehen. Meine Besprechung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger gibt es hier als PDF.

Außerdem ist Stefan Heynes neues Buch “Naked Light – Die Belichtung des Unendlichen” im Hatje Cantz Verlag erschienen. Es hat 128 Seiten und kostet 39,80 Euro.

Link: Kaune, Posnik, Spohr

Amazon: Stefan Heyne: Naked Light Exposing Infinity

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Photoszene-Ausflug zu Larry Sultan nach Gent

Die Photoszene Köln bietet einen Ausflug zum S.M.A.K. nach Gent/Belgien an. Zeitlich parallel zur Ausstellung im Kunstmuseum Bonn ist dort noch bis Ende Mai eine große Larry-Sultan-Ausstellung zu sehen. Der deutschsprachige Kurator Martin Germann wird uns durch die Ausstellung führen.

Als offenes Angebot an alle Interessierten bietet die Photoszene eine eintägige Busreise von Köln-Ehrenfeld nach Gent an, die neben dem gemeinsamen Ausstellungsbesuch noch ein bisschen Zeit zum Besuch dieser großartigen Stadt lässt. Die Kosten für die Busreise betragen 35 Euro pro Person, der Eintritt ins Museum zusätzlich 6 Euro. Außerdem ist ein gemeinsames Mittagessen in Gent geplant.

Wer gerade gar nicht weiß, wer überhaupt Larry Sultan ist: Hier mein Artikel zur Ausstellung in Bonn.

Link: Photoszene

photoszene ausflug

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“Poststructure II” von Josef Schulz

Für seine aktuelle Serie „Poststructure“ hat der Düsseldorfer Fotograf Josef Schulz seine bisherige Arbeit konsequent weiter- und zusammengeführt: In düsteren Farb- und Schwarzweiß-Fotografien präsentiert er uns leere Geschäfte, Tankstellen, Imbissbuden und Supermärkte in ländlichen Regionen der USA – und stellt damit eine direkte Nähe zum legendären Projekt der Farm Security Administration (FSA) aus den 1930er Jahren her.

Im Kölner Stadt-Anzeiger ist mein Kurzbericht zur Ausstellung in der Galerie Fiebach, Minninger erschienen.

Link: Fiebach, Minninger, Poststructure Video

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“The Asylum of the Birds” von Roger Ballen

Mit seinen Fotografien löst Roger Ballen heftige Reaktionen aus: Entweder man lehnt seine Fotos ab oder man ist begeistert. Etwas dazwischen scheint es kaum zu geben.

Mit seiner aktuellen Serie “The Asylum of the Birds” hat der Wahl-Südafrikaner seine Bildsprache nun erneut verändert – war Ballen in den 1990er Jahren noch ein Reportagefotograf, entwickelte er sich zum großen Inszenierer, der seinen extravaganten Protagonisten vom Rande der Gesellschaft aber auch viel Raum ließ. Heute ersetzt er deren Gesichter durch Masken und Zeichnungen, weil das menschliche Gesicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht – für den promovierten Geologen sind jedoch alle Bildelemente gleich wichtig.

In der März-Ausgabe der Photographie bin ich auf diese Entwicklung ausführlich eingegangen, den Artikel gibt es hier.

Gleichzeitig möchte ich schon einmal auf die nächste Ausstellung von Roger Ballen in der Galerie Karsten Greve in Köln hinweisen, die am 30. Mai 2015 eröffnet wird.

Link: Roger Ballen, I Fink U Freeky, Karsten Greve

Amazon: The Asylum of the Birds

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“Fullmoon” von Darren Almond

Ich liebe die Fotografien von Darren Almond. Da kommt der Romantiker in mir durch. Seit 1998 fotografiert der Engländer Landschaften im Licht des Vollmondes. Es sind Landschaften gefangen in Raum und Zeit, mystisch aufgeladen durch das ungewöhnliche Sonnenlicht, das durch unseren Erdtrabanten wie von einem riesigen Aufheller reflektiert wird und das in dieser Intensivität mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist.

Am eindringlichsten sind Almonds Bilder, wenn wir teilhaben dürfen an seinem subjektiven, fast schlaftrunkenen Blick, der gerade durch das Geäst der Bäume hindurch oder an einem Felsvorsprung vorbei etwas in der Ferne erspäht hat – einen Gipfel, einen Strand, einen Wasserfall, eine Lichtung oder einfach nur die Spiegelglatte See vor der japanischen Küste. Man hat das Gefühl in Landschaften einzutauchen, die noch nie ein Mensch betreten hat. Oder die gerade erst von Menschen nach ihren Idealvorstellungen erschaffen wurden. Der Geist eines Caspar David Friedrich ist in fast jedem Bild spürbar.

Nun sind diese Bilder in dem schweren Bildband “Fullmoon” zusammengefasst (Taschen Verlag, 400 Seiten, 49,99 Euro). Meine Buchvorstellung aus der Photonews gibt es hier.

Link: Taschen

Amazon: Darren Almond. Fullmoon

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“Fotopraxis mit Perspektive” von M. Mettner

Okay, ich muss zugeben, der Titel und das Cover haben mich abgeschreckt. Sehr sogar. “Fotopraxis mit Perspektive. 16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher” klingt für mich jedenfalls alles andere als sexy und bedient meiner Meinung nach die gleiche Zielgruppe, die auch Bücher wie “Elf Tipps für perfekte Landschaftsfotos” oder ähnliches kaufen.

Doch weit gefehlt. Das Buch (erschienen im Fotofeinkost-Verlag, 216 Seiten, 39,80 Euro) von Martina Mettner versammelt neben einer ausführlichen Einleitung, in der sie auf die Problematik eingeht, heutezutage mit Fotografie Geld zu verdienen und welche Möglichkeiten freie Projekte für Fotografen bieten, äußerst interessante und vor allem ausführliche Interviews, die Martina Mettner mit Fotografen über deren Fotografieprojekte geführt hat – darunter freie Projekte genauso wie außergewöhnliche Auftragsarbeiten. Gleich das erste Gespräch ist mit Carlos Spottorno, dem Fotografen von “The Pigs” – einem meiner Lieblingsbücher 2013. Dabei geht die Autorin auf das gesamte Konzept dieser besonderen Publikation genauso ein wie auf einzelne Bilder und auch Spottornos Hintergrund als Werber.

Andere Interviews hat Mettner beispielsweise mit Andreas Meichsner über sein Buch “The Beauty of Serious Work”, mit David Hiepler und Fritz Brunier von hiepler, brunier, über ihren Fotoauftrag für den Schweizer Großkonzern Holcim und mit James Mollison über seine typologische Herangehensweise geführt. Ebenfalls zu Wort kommen Ekkehart Keintzel, Christian Ahrens und Silvia Kröger-Steinbach, Jürgen Scriba, Mathias Braschler und Monika Fischer, Robert Maybach, Oliver Stegmann, Alexander Schneider, Ulla Lohmann, Julia Runge, Kai Löffelbein, Patrick Willocq und Bénédicte Vanderreydt.

Was mich neben dem Titel des Buches allerdings auch noch stört ist die biedere Aufmachung und den meiner Meinung nach zu hohen Verkaufspreis. Für eine Zusammenstellung von Interviews hätte man jedenfalls kein Hardcover mit Leinenbezug wählen müssen. Dass das Buch so aussieht, wie es aussieht, weil es in einer ganzen Veröffentlichungsreihe des Verlages steht, verstehe ich ja – ich hätte mir dennoch eine ganz andere, viel leichtere Präsentation gewünscht.

Link: Fotofeinkost

Amazon: Fotopraxis mit Perspektive: 16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher

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Larry Sultan im Kunstmuseum Bonn

Der Amerikaner Larry Sultan (1946-2009) ist Fotografie-Fans in Deutschland am ehesten durch seine Serie “The Valley” ein Begriff. 2004 als Buch erschienen zeigt er uns darin seinen Blick auf Pornodreharbeiten im San Fernando Valley nordwestlich von Los Angeles. Vielleicht kennt man auch noch seine Serie “Evidence”, für die er gemeinsam mit seinem Kollegen Mike Mandel zwei Jahre lang zwei Millionen Fotos in 77 Archiven unterschiedlichster Institute, Behörden und Firmen gesichtet hat und aus denen sie schließlich 59 ausgewählt haben. Damit gehörten sie 1977 zu den Vorreitern der Appropriation Art“ und haben gleichzeitig den Begriff der Dokumentarfotografie massiv in Frage gestellt – durch die Isolierung und Dekontextualisierung verlieren die Fotografien ihre Beweiskraft und geben stattdessen neue Rätsel auf.

Das Kunstmuseum Bonn widmet Larry Sultan nun nach eigener Aussage die erste museale Retrospektive in Europa. Meinen Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger gibt es hier. Im Kerber Verlag ist zudem ein Katalog zur Ausstellung erschienen, der aus allen Serien nur wenige Beispielbilder zeigt und vor allem als Lesebuch verstanden werden will.

Links: Kunstmuseum Bonn, Kerber Verlag

Amazon: Larry Sultan

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