Trouvés – die Schätzchen des Kehrer-Verlages

Als Trouvés bezeichnet der Heidelberger Kehrer-Verlag seit einiger Zeit seine „gefundenen“ kleinen Kostbarkeiten. Dabei handelt es sich um Buch-Objekte, die mal im Schuber oder in einer Holzbox, mal in Seide oder in Leder gekleidet, vor allem aber immer handgefertigt und streng limitiert sind. Der Fotograf gestaltet also sein Buch, ohne Rücksicht auf die Interessen eines Verlages oder Buchhändlers nehmen zu müssen. Dabei entsteht eine sehr intensive Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk – das fertige Objekt ist mal verspielt und mal ernst, mal sehr aufwendig und mal bewusst schlicht gehalten. Aber immer etwas Besonderes – denn eine ISBN haben die Bücher natürlich nicht.

Die Idee zu den Trouvés kam übrigens Alexa Becker, ihres Zeichens Acquisitions Editor im Kehrer-Verlag, als sie die Fotografin Tamany Baker kennenlernte und eines ihrer selbstgemachten Bücher sah. “Wo kann man das kaufen?” fragte sie. “Nirgendwo”, war die Antwort – denn für Galerien seien diese Bücher zu preiswert und für den Buchhandel zu kostbar.

Also haben diese “gefundenen” Schätzchen nun im Kehrer-Verlag ein Zuhause gefunden – zumindest ein vorläufiges, denn mit Auflagen von 20 bis 50 Stück dürften die Trouvés entspechend schnell ausverkauft sein. Naja, zumindest die günstigeren, denn die Preisspanne reicht derzeit von 47 Euro für “Grassland” von Phil Underdown bis zu 980 Euro für die extravagante Bildrolle “Presence In Between” von Celine Wu. Sechs Trouvés hat der Verlag bislang im Programm, aber das soll noch weiter ausgebaut werden. In Frage kommen grundsätzlich alle Bücher, die auch sonst zum Verlagsprogramm passen würden, erklärt Alexa Becker. Den Erlös teilen sich Fotograf und Verlag.

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

Kleiner Kunstkauf am Rande

Ich möchte kurz auf das Projekt von Daniel Hofer hinweisen. Der braucht dringend Geld, um seine Diplomarbeit “BIG L” über das Leben am bolivianischen Salzsee Salar de Uyuni zu finanzieren – und hat dabei einen eher unkonventionellen Weg eingeschlagen: Ab einer Spende von 50 Euro erhält der Unterstützer ein Bild Hofers als Fine-Art-Print in einer unlimitierten Sonderedition.

Ich habe auch mitgemacht – und mich für einen seiner Bergmänner entschieden. Den fand ich schon in der Gruppenausstellung “I, Object” in Düsseldorf vor eineinhalb Jahren sehr toll, aber ein 80 mal 110 Zentimeter großes Porträt hängt man sich ja nicht so ohne weiteres in die Bude. In 20 mal 30 dann vielleicht schon eher. Und außerdem ist es ja für einen guten Zweck.

Daniel Hofer, aus der Serie "Bergwerk Ost", 2007

Geschrieben in Allgemein | Keine Kommentare

Vernissage am 3. September in Köln

Vom 3. bis 26. September werden meine Freundin Nadine Preiß und ich unser aktuelles gemeinsames Projekt Paare – Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen einer kleinen Gruppenausstellung vorstellen. Es ist eine Hommage an und zugleich die Fortführung des gleichnamigen Projektes und Buches von Beate & Heinz Rose aus dem Jahr 1971, für das sie Menschen fotografiert haben, die damals ein Paar waren – als Ganzkörperporträt vor einer weißen Wand. Die einzigen Informationen, die man zu den Bildern erhält, sind der Beruf und das Alter der Abgebildeten.

Nach E-Mails und Telefongesprächen mit Beate Rose setzen Nadine und ich ihre Arbeit nun, 40 Jahre später, fort. Die ersten zwei Dutzend Fotos sind bereits entstanden, insgesamt wollen wir mindestens 150 bis 200 Paare deutschlandweit fotografieren, um genügend Bildmaterial für eine eigene Veröffentlichung zu haben. Keine ganz einfache Aufgabe, aber wir sind sehr motiviert und die ersten Reaktionen auf das Projekt sind durchweg positiv.

Wer sich einen Eindruck von dem Projekt machen und mit uns ins Gespräch kommen möchte, ist herzlich zur Vernissage von o.T.#7 am Freitag, 3. September, von 18 bis 22 Uhr im studioholterhoff, Gereonswall 5c, in Köln eingeladen. Weitere Teilnehmer sind übrigens Gangolf Bartz, Tine Holterhoff, Uwe Müller, Frank Steinbach und Nicole Wustrack, die ebenfalls sehr schöne Serien zeigen werden. Es lohnt sich also auf jeden Fall zu kommen.

Geschrieben in freie Arbeiten | 1 Kommentar

Hijacked – Volume 2 Australia/Germany

Bereits “Hijacked – Volume One”, erschienen 2008 bei Big City Press, war ein wunderbares Buch. Damals stellte der Initiator und Herausgeber Mark McPherson zusammen mit Max Pam australische und us-amerikanische Fotografen in einem gemeinsamen Band vor – darunter gute bis fantastische Positionen von Robin Schwartz, Brian Cross, Amy Stein, Greta Anderson, Sarah Small und Juha Tolonen.

Nun hat Big City Press gemeinsam mit dem Heidelberger Kehrer-Verlag die Fortsetzung “Hijacked – Volume 2″ in die Läden gebracht – dieses Mal mit australischen und deutschen Fotografen und mitherausgegeben von Ute Noll und Markus Schaden. Das schicke Lesebändchen vom ersten Teil gibt es nicht mehr, dafür bekommt man aber noch mehr Seiten, die auch noch richtig gut gefüllt wurden mit junger, aufrüttelnder, poetischer, verstörender, verträumter Fotografie.

Das fängt schon beim Cover an, das das Bild “Reita” von Oliver Sieber ziert und das zurzeit auch noch in der Ausstellung Imaginary Club in der Kölner Galerie Priska Pasquer zu sehen ist: Warum zum Teufel hat diese Frau eigentlich eine weißes Stirnband quer über das Gesicht laufen, das nur ihre Nase verdeckt? Es geht weiter mit Arbeiten von Josef Schulz, Jan von Holleben, Johanna Ahlert, Olaf Unverzart, Jens Liebchen, Myriam Lutz, Julian Röder, Ivonne Thein, Albrecht Fuchs, Nathalie Bothur, Jörg Brüggemann, Anne Lass, Karsten Kronas, Sascha Weidner und Thekla Ehling – kurzum: fast ausnahmslos sehr gute und eigenständige Positionen, die einen guten Überblick über die junge, zeitgenössische Fotografie bietet – mit einer nicht ganz unwichtigen Ausnahme: Fast keiner der deutschen Fotografen fotografiert deutsch, also im Sinne der Neuen Sachlichkeit und der Becher-Klasse. Offensichtlich wurde viel Wert darauf gelegt zu zeigen, dass man hierzulande auch anders fotografieren kann, was ich persönlich für sehr gut und wichtig halte.

Im Mittelteil gibt es mehrere Texte, dann begegnet dem Betrachter in der australischen Hälfte erst einmal einem jungen, nacktem Paar, das im offenen Kofferraum ihres Kombis sitzt: Bronek Kózka hat im Gregory-Crewdson-Jeff-Wall-Stil inszeniert – allerdings nicht ganz so gut, weil nicht so geheimnisvoll. Andere Arbeiten haben mir da deutlich besser gefallen – zum Beispiel die von Ingvar Kenne, Conor O’Brien, Polixeni Papapetrou, Derek Henderson und auch Louis Porter, Andrew Cowen und Michael Corridore. Sehr amüsiert habe ich mich übrigens auch bei Jackson Eaton und seinem Bild “Hasisi holding my foreskin in her teeth”. Ich denke, ich brauche nicht näher zu beschreiben, was darauf zu sehen ist.

Wenn mir auch persönlich nicht alle Fotografen so ganz zusagen, bleibt mir doch nichts anderes übrig, als für “Hijacked 2″ eine uneingeschränkte Kaufempfehlung auszusprechen: Das Buch ist eine sehr gelungene Zusammenstellung junger, zeitgenössischer Fotografie jenseits des Mainstreams und dürfte auch in Zukunft immer wieder zum Schmökern und Nachschlagen einladen.

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

Ted Partin im Haus Esters in Krefeld

Im Ksta ist meine Besprechung über die Ausstellung von Ted Partin erschienen – da sie allerdings doch stark gekürzt und ohne Bild abgedruckt wurde, gibt es sie hier noch einmal in voller Länge:

Ted Partin ist im Rheinland zurzeit das, was gerne ein „Geheimtipp“ genannt wird. Kaum einer kennt den jungen Fotografen aus Brooklyn, aber wer seine Ausstellung im letzten Jahr in der Düsseldorfer Galerie Thomas Flor oder aktuell im Museum Haus Esters in Krefeld (noch bis zum 19. September) gesehen hat, spricht meist voller Begeisterung und Bewunderung von den intensiven Porträts des 33-Jährigen.

Ihre Wirkung entfalten die Originalabzüge sicherlich auch auf Grund der eingesetzten Technik – schließlich fotografiert Partin mit einer großen und schweren Fachkamera der Marke Deardorff, mit der auch schon Richard Avedon gearbeitet hat. Das Negativ, das dabei belichtet wird, ist mit 20 mal 25 Zentimetern etwa sechs mal so groß wie eine durchschnittliche, digitale Kompaktkamera – die Brillanz der Abzüge lässt jeden neuen Megapixelrekord und jede Bildstabilisatoren-Neuheit wie einen Treppenwitz der Fotografiegeschichte dastehen.

Doch all diese technischen Feinheiten nutzen nur wenig, würde es am entsprechenden Inhalt fehlen. Tut er bei Partin aber nicht. Denn der Amerikaner bewegt sich mit der Ausstellung „Eyes look through you“ souverän in der Sphäre zwischen Dokumentar- und Inszenierter Fotografie und zeigt junge Erwachsene zwischen Rebellion und Resignation, zwischen Selbstreflektion und Selbstaufgabe. Partin fotografiert sie durch Fenster und Spiegel, um räumliche Situationen zu verschachteln und neue Perspektiven zu kreieren – dadurch gewinnt er Nähe und Distanz zugleich. Aber auch ohne solche Hilfsmittel gibt es immer wieder Barrieren, die er zu überwinden versucht – zum Beispiel der Hund mit dem Maulkorb auf dem Steg vor ihm, der Mann unter der Wasseroberfläche oder der frisch nach einer Operation verklammerte Hinterkopf eines anderen.

Faszinierend ist auch das Porträt einer Frau. Sie wirkt merkwürdig fremdartig, als wäre sie eine Afroamerikanerin mit Albinismus. Doch als würde dies alleine noch nicht ausreichen, lässt Partin sie während der Langzeitbelichtung die Lieder schließen. Auf dem Abzug wirkt dies wie ein milchiger Schleier über den Augen als wäre sie blind. Direkt unter der Oberfläche seiner Bilder liegt häufig etwas Dunkles, etwas Verborgenes – so auch wie bei der grandiosen Farbaufnahme einer anderen jungen Frau. Männerhände ziehen an ihrer Bluse, so dass eine große, sternförmige Narbe auf ihrem Dekolleté erscheint, die sie sich offensichtlich freiwillig zugezogen hat. Dass Partin dieses Bild direkt auf Cibachromepapier belichtet hat, kann auch als Respekt seinem Modell gegenüber verstanden werden, denn bei dieser Technik existiert kein Negativ mehr, und der Abzug wird somit zum Unikat – in der Fotografie eigentlich ein Absurdum.

Der Vergleich mit anderen Porträtfotografen wie August Sander, Diana Arbus und Judith Joy Ross drängt sich auf, schließlich fotografiert Partin ganz in ihrer Tradition. Aber auch Larry Clark, der Jugendliche im Drogen- und Sexrausch fotografierte, steht in gewisser Weise Pate – nur, dass Partins Bilder subtiler und weniger aggressiv, seine Modelle eher abgeklärt, einsam und melancholisch statt provokativ sind. Ihre Tattoos, Piercings und Narben sind ein Teils ihres Ichs – und nicht allein dafür da, um andere zu schockieren oder weil ihnen langweilig ist. Und anders als bei Clark, bei dem der Betrachter zum Voyeur wird, sind es bei Partin häufig die Betrachter selbst, die angeschaut werden. Es sind ganz flüchtige Augenblicke, und deshalb wirken Partins Fotografien auch so beiläufig, so schnappschussartig – obwohl sie in Wirklichkeit von langer Hand geplant und perfekt durchkomponiert sind. Da kommt dann Gregory Crewdson ins Spiel, bei dem er studiert hat – nur sind Partins Arbeiten deutlich leichter und viel weniger cineastisch, weil sein Licht natürlich und nicht dramatisch zugespitzt wirkt.

Trotz der zahlreichen Vergleiche und Parallelen hat sich Ted Partin also eine sehr eigenständige Handschrift erarbeitet und öffnet dem Betrachter somit eine fotografische Welt, die sich erfrischend von der des vorherrschenden Kunstmarktes abhebt. Für mich ist „Eyes look through you“ jedenfalls die bislang beste Fotoausstellung des Jahres.

Geschrieben in Ausstellungsbesprechungen | Keine Kommentare

Nur noch einen Monat bis zur Photoszene

Ich stelle gerade fest, dass es nur noch einen Monat bis zum Beginn der Internationalen Photoszene Köln dauert. Die findet in diesem Jahr zudem zum 20. Mal statt: Vom 3. bis zum 26. September zeigen Galerien, Museen und andere Institutionen zahlreiche Ausstellungen – von der René Burri-Retrospektive im Museum für Angewandte Kunst über Rinko Kawauchi in der Galerie Priska Pasquer, Joachim Brohm in der SK Stiftung Kultur und Stefan Heyne in der Galerie Kaune, Sudendorf bis hin zu großen Themen-Ausstellungen wie die über südafrikanische Fotografen seit 1950 in der Galerie Seippel und die über Dokumentarfotografie mit zahlreichen Magnum-Mitgliedern im Forum für Fotografie. Und nachdem ich mich gerade durch das Programm geklickt habe, kann ich nur froh sein, dass ich im September nicht verreise, denn: Die Photoszene verspricht in diesem Jahr richtig gut zu werden!

Geschrieben in Allgemein | Keine Kommentare

Design-Abschlussarbeiten der FH Dortmund II

Dokumentarischer ist das Diplom “Sifir Alti Ankara” von Lale Çakmak. Darin beschäftigt sich Çakmak mit der türkischen Hauptstadt Ankara, in der auch ihre Eltern lebten, bevor sie nach Deutschland auswanderten. Ihre Motivation für diese Serie zieht die 1974 in Grevenbroich geborene Çakmak aus einer persönlichen Faszination für das Urbane sowie aus zahlreichen Kindheitserinnerungen – schließlich verbrachte sie zahlreiche Sommerurlaube in der Millionenmetropole.

Ihr Dilpom ist aufgebaut als Reise vom Zentrum bis zur Peripherie – immerhin ist Ankara mit etwa 2500 Quadratkilometern fast dreimal so groß wie Berlin. Wie eine Fremde schlendert und fährt sie mit ihrer Mittelformatkamera durch die Stadt. Ihr dokumentarischer Stil wirkt für eine Fotografin mit Wurzeln in der Stadt zwar fast ernüchternd, spiegelt aber auch ein wenig ihre Ambivalenz und Distanziertheit wider. Auch der Titel ist ein Hinweis dafür – “Sifir Alti” beudetet “Null Sechs” und steht für das Autokennzeichen Ankaras. Dennoch ist ihr Blick alles andere als lieblos, höchstens geprägt von einer “stillen Melancholie”, wie sie es selbst nennt. Sie fotografiert kleine Kätzchen an den Mülltüten am Straßenrand, Busbahnhöfe und mobile Fotoboxen, modern gekleidete Jugendliche und gelangweilte Schulkinder, und ganz zum Schluss einen Kangal, den türkischsten aller Hunderassen. Aber er sieht nicht stolz und stark aus, eher aussätzig und trabt wie geprügelt durch die karge Landschaft und aus dem Bild.

Zuletzt habe ich noch viel Zeit mit dem Diplom Arbeit, Einheit, Wachsamkeit von Malte Wandel verbracht. Er hat sich eingehend mit dem hierzulande kaum beachteten Phänomen der “Madgermanes” in Mosambik beschäftigt – wobei “Madgermanes” wahlweise als “die wütenden Deutschen” oder auch neutraler als “die, die in Deutschland waren” übersetzt werden kann. Fakt ist jedenfalls, dass Mosambik in den 80er Jahren 16.000 Vertragsarbeiter in die DDR geschickt hat. Für die hätte die Arbeit in Europa wirtschaftlich lukrativ sein können – hätte man ihnen nicht bis zu 60 Prozent ihres Einkommens abgezogen. Die eingeflogenen Mosambikaner arbeiteten, ohne es zu wissen, die Schulden ihres Landes bei der DDR ab: Weil Mosambik die von der DDR gelieferten Maschinen und Industrieanlagen nicht bezahlen konnte, mussten ihre Madgermanes mit ihrer Arbeit für einen Ausgleich auf den Verrechnungskonten sorgen. Eine Art staatlich organisierter Menschenhandel also.

Seit dem Zusammenbruch der DDR fordern die Madgermanes ihre Abzüge zurück und leben derweil meist in großer Armut. Drei Monate lang ist Malte Wandel (Jahrgang 1982) durch alle Provinzen Mosambiks gereist, hat dabei 400 ehemalige Vertragsarbeiter kennengelernt und 40 von ihnen interviewt und porträtiert. Zusammen mit Bildmaterial vom Land und den Städten hat er ein eindrucksvolles Buch zusammengestellt, das mal merkwürdig verträumt und inszeniert, dann wieder wie eine reine Dokumentation daher kommt. Ständig stolpert der Betrachter über Andenken und Mitbringsel aus der DDR – sei es die Fahne an der Wand der Lehmhütte, Schals, Schlüsselanhänger oder Aufkleber auf der Windschutzscheibe eines Autos. Und manchmal glaubt man die schwarz-rot-goldene Farbkombination sogar dort zu sehen, wo sie vielleicht gar nicht gewollt war.

Geschrieben in Ausstellungsbesprechungen | 1 Kommentar

Design-Abschlussarbeiten der FH Dortmund I

An der Fachhochschule Dortmund gab es wieder die Gelegenheit, sich die Abschlussarbeiten des Fachbereichs Design anzuschauen – darunter naturgemäß auch zahlreiche Fotografie-Diplome. Vier, die mich am meisten überzeugt und interessiert haben, möchte ich hier kurz vorstellen. Wegen der Länge des Artikels teile ich ihn auf.

Da wäre zum einen das streng konzeptionelle Projekt 6×10 von Marcel Wurm. Dass die digitale Fotografie das Medium und den Umgang mit ihm verändert hat und noch weiter verändern wird, ist allgemein bekannt. Allerdings hat sich bislang kaum jemand damit auseinander gesetzt, wie sich das “neue” digitale Fotografieren selbst präsentiert. Der 1974 geborene Wurm zeigt insgesamt 288 Selbstporträts, in denen er die immer gleiche und allseits bekannte Körperhaltung mit dem ausgestreckten Arm einnimmt. Statt einer echten Kamera benutzt er einen Holzklotz als Dummy – dessen titelgebenden Maße von 6×10x2 Zentimeter entsprechen dabei denen der beliebtesten digitalen Kompaktkameras. Lediglich in den Details nimmt er leichte Veränderungen vor – die Haltung der Finger, ob er den Dummy mit ein oder zwei Händen hält sowie die gleichen Haltungen noch einmal von hinten fotografiert. Doch egal, wie er den Kamera-Dummy auch hält – sein Gesicht verschwindet immer dahinter.

So streng formal sein Konzept ist, so kryptisch nennt Wurm dann auch seine Bilder – wobei die Abkürzungen der genauen Archivierung  dienen: “v-e-s-09″ steht beispielsweise für “vorne, einhändig, schwarzer Dummy, Variante 9″. Dass die Bilder dabei selbst im Studio und bei neutralem Licht entstanden sind, macht sie zusätzlich sehr clean und unpersönlich – was ich in diesem Fall begrüße, weil es sehr dem Akt des digitalen Schnellknipsens entspricht.

Am meisten gefallen mir an Wurms Serie die “einhändigen” Aufnahmen, bei denen die linke Hand lässig in der Hosentasche steckt. Diese Variante ist für mich ein Sinnbild des unangestrengten, beiläufigen Knipsens und des fotografischen Werteverfalls: Bilder werden heutzutage so einfach, billig und schnell aufgenommen, dass der Fotograf nur eine Hand dafür benötigt, während die andere weiter tatenlos und quasi gelangweilt in der Tasche verweilen kann – da ist es dann auch kaum ein Wunder, wenn immer weniger Auftraggeber bereit sind, für professionelle Fotos angemessen zu zahlen.

Deutlich poetischer als Marcel Wurm hat hingegen Jennifer Braun fotografiert. Ihr Diplom Mora zeigt kahle Winterlandschaften, die rau und zerbrechlich zugleich aussehen. Dazwischen tauchen immer wieder weiße Plastikfolien auf, die Bäume umarmen, Felder durchstreifen und Personen verhüllen. Es sind auf sehr kurze Zeit begrenzte und äußerst labile Schutzräume, aber dem Bild geben sie Halt und Form. Meist wirken sie organisch und vielschichtig, sind mitten in der Bewegung erstart und scheinen doch weiter zu fließen. Brauns Bilder sind voller Leichtigkeit und Poesie – aber weil sie sie mit Melancholie, Tiefe und einer sehr klaren Bildsprache kombiniert, verhindert sie, dass ihre Arbeit in oberflächigen Kitsch abzudriften droht.

Die Nähe zu Riitta Päiväläinen von der Helsinki School und ihren “Imaginary Meetings” ist nicht von der Hand zu weisen und sicher geht Päiväläinen in ihrem Buch weiter, indem sie die nordische Landschaft noch ausführlicher und abwechslungsreicher für ihre Sagengeschichten und aufwendigen Arrangement mit Kleidungsstücken nutzt. Dennoch hat die 1982 geborene Wahl-Kölnerin Braun einen sehr selbstständigen Weg gewählt – für sie ist “Mora” eine Art Reise, eine Wanderung durch die Landschaft, bei der ich im Ursprung des Menschen, der Natur, nach Möglichkeiten des Rückzugs suche. Bei dieser Reise verliere ich das Gefühl für Zeit, baue schwerelos erscheinende Skulpturen und suche in dem daraus entstehenden Raum und in der umgebenden Natur nach dem Zerbrechlichen im Menschen. So lasse ich ein Portrait meiner Wirklichkeit aus dem bereits Vorhandenen und dem von mir Hinzugefügten entstehen.

Zum zweiten Teil der Besprechung geht es hier.

Geschrieben in Ausstellungsbesprechungen | Keine Kommentare

Der Blog feiert Geburtstag!

Heute vor einem Jahr bin ich mit meinem Blog online gegangen. Was als kleines Experiment begann, ist mittlerweile ordentlich gewachsen. Insgesamt 88 Artikel (davon fast die Hälfte Ausstellungsbesprechungen) sind in den vergangenen 365 Tagen erschienen – das macht statistisch alle vier Tage einen Beitrag, was deutlich mehr ist als ich anfangs angestrebt habe. Zwar habe ich insgesamt nur 16 “echte” Kommentare unter meinen Artikeln erhalten, dafür allerdings stolze 803 Spam-Kommentare. Anders herum wäre mir lieber, aber man kann ja nicht alles auf einmal haben.

Denn womit ich überhaupt nicht gerechnet habe, ist die doch enorm gewachsene Anzahl der Besucher. Mit etwa 60 habe ich angefangen, mittlerweile klicken täglich fast 300 User auf damianzimmermann.de/blog. Das freut mich sehr, zeigt mir aber auch, dass der Blog mehr ist als nur ein schnell zu aktualisierendes Online-Portfolio (als was es eigentlich gedacht war). Fotografieinteressierte nutzen es als Informationsquelle für aktuelle Ausstellungen und Bücher, lassen sich aber auch für eigene Arbeiten, egal ob es sich um Fotografie oder Texte zur Fotografie handelt, inspirieren.

Aber auch meine Außenwahrnehmung hat sich verändert. Sah man mich früher, je nach Veranstaltung und Auftrag, entweder als Journalisten oder als Fotografen an, werde ich nun immer häufiger als Blogger vorgestellt. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll, aber es zeigt mir zumindest, dass ich das alles hier nicht umsonst mache.

Was das nächste Jahr bringen wird, kann ich nicht genau sagen. Seit einiger Zeit schwirrt mir aber die Idee für eine neue Kategorie durch den Kopf, in der ich meine Ewige Bestenliste für Fotobücher vorstellen möchte. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Buch erst seit zwei Wochen oder bereits seit 50 Jahren auf dem Markt ist – hauptsache, es hat eine qualitative und emotionale “Macht”, die weit über den Moment hinaus reicht und mich noch Monate oder Jahre später fesselt – kurzum: Es hat Einfluss auf meine Wahrnehmung! Von solchen Büchern gibt es naturgemäß nicht viele – aber es gibt sie. Und sie sind es wert, dass sie möglichst viele Menschen kennen.

Mal schauen – vielleicht fange ich ja bald damit an.

Geschrieben in Allgemein | 3 Kommentare

Loredana Nemes’ Männerwelten

Die Baukunst Galerie zeigt noch bis zum 28. August eine Ausstellung mit Arbeiten der rumänischen Fotografin Loredana Nemes, in denen sie sich mit den Innen- und Außenansichten von Männern beschäftigt. Zum einen fotografierte sie vor islamischen Cafés in Berlin, deren Zutritt ihr verwehrt bleibt, und schuf damit nebulöse und im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtige Porträts, zum anderen verkleidete sie sich als Braut und fragte Männer in Europa und den USA, ob sie eine Frau liebten und fotografierte sich gemeinsam mit ihnen.

Eine kurze  Besprechung wurde heute auch im Kölner Stadt-Anzeiger veröffentlicht.

Geschrieben in Ausstellungsbesprechungen | Keine Kommentare

Most Popular Tags