100 Jahre Leica

Technik ist mir ja eigentlich relativ egal. Aber zum 100. Geburtstag von Leica muss ich doch einmal eine Ausnahme machen – schließlich geht es hier nicht bloß um eine Kamera, sondern um die Erfindung der Kleinbildfotografie schlechthin. Dabei wollte der Erfinder der “Liliputkamera”, Oskar Barnack, einfach nur weniger Gepäck mit sich dabei haben, wenn er auf seinen Wandertouren in den Bergen unterwegs war.

In einem ausführlichen Artikel in der April-Ausgabe von Photographie zeichne ich die Geschichte des legendären deutschen Kameraherstellers mit seinen Höhen und Tiefen einmal nach. Den zwölfseitigen Artikel findet ihr hier als PDF.

Link: Leica

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“The World We Live In” von de Koekkoek

Die Weltkugel als Ansammlung verschiedener (sozialer) Welten, als eine Art Überraschungs-Ei, das man in der Mitte öffnen kann und wunderbare Geschichten purzeln einem entgegen. Mit dieser Symbolik spielt das nüchtern-mathematisch wirkende Cover von Daniel Gebhart de Koekkoeks Buch „The World We Live In“ (Kehrer Verlag, 160 Seiten, 39,80 Euro). Darin zeigt er uns viele kleine Serien über Rituale unterschiedlicher Gruppen wie die über die Wintercamper von Sankt Moritz in ihren schneebedeckten Wohnwagen, die Hubertusfeier in Hintersee und eine Jehova-Massen-Taufe in einem Sportstadion.

Unterbrochen werden sie von persönlichen Einzelmotiven de Koekkoeks, die wie Kurzreisen nach Absurdistan oder Fantasia wirken und wo Dinosaurier miteinander kämpfen, nackte Tennisspieler sich ein Päuschen gönnen, man mit einem Möwenschwarm über den Strand fliegt und eine Tankstelle die letzte, leuchtende Bastion im Schneegestöber bleibt. Vor allem sind es aber auch einfach verdammt starke Einzelmotive. Schöner kann kein Überraschungs-Ei sein.

Link: Kehrer

Amazon: Daniel Gebhart de Koekkoek: THE WORLD WE LIVE IN

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“Antibodies” von Antoine D’Agata

Die Fotografien von Antoine D’Agata waren noch nie leicht zu ertragen. Ich erinnere mich noch sehr gut an seine Ausstellung im Forum für Fotografie vor etwa zehn Jahren, wo an der langen Wand Dutzende schwarz gerahmte Fotos dicht an dich hingen und mich gefangen nahmen. Es war ein Schlag in die Magengrube – und ein Erweckungserlebnis zugleich: Seine Themen kreisen meist um (käuflichen) Sex und Drogen; seine Protagonisten sind die Außenseiter der Gesellschaft (wozu er sich auch selbst zählt); seine sehr eigene Bildsprache macht daraus ein düsteres Tableau aus Begehren, Gewalt und Tod mit verzerrten Körpern und entstellten Gesichtern. Überspitzt formuliert: In “Café Lehmitz” blickt der Fotograf Anders Petersen auf eine Gruppe von Huren, Freiern, Säufern und Draufgängern. Antoine D’Agata hingegen liefert uns den Blick dieser Huren, Freier, Säufer und Draufgänger auf sich selbst.

Mit „Antibodies“ (Prestel Verlag, 560 Seiten, ca 65 Euro) veröffentlicht der Magnum-Fotograf (ich frage mich bis heute, wie er es geschafft hat, in den Kreis dieser dem Humanismus verpflichteten Gruppe aufgenommen zu werden. Vielleicht ja gerade wegen seines mi­s­an­th­ro­pischen Weltbildes) nun eine eindrucksvolle Quintessenz seines Schaffens. Dafür hat D’Agata mehrere Serien zu einem schweren, schwarzen Fotobuch-Block zusammengefasst und dabei auch berücksichtigt, was zunächst nicht unbedingt dazu gehören würde: Fotos von bewaffneten Auseinandersetzungen in Palästina, aber auch Architekturaufnahmen von den Unorten unserer Städte sowie Bauruinen, Wohnbaracken und Schlafstätten in Slums. Das funktioniert erstaunlich hervorragend, denn die große Klammer ist D’Agatas Sicht auf die Welt. Die ist durch und durch negativ – und dabei so großartig wie ein Roman von Louis-Ferdinand Céline.

Link: Prestel

Amazon: Antibodies

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Aufruf zur Photoszene-Festival-Teilnahme

Im Namen der Photoszene möchte ich alle Kölner Institutionen, Ausstellungsräume und Galerien sowie Fotografen und Fotografengruppen herzlich einladen, auch 2014 wieder Teil des Photoszene-Festivals zu sein.

Wer eine Fotoausstellung plant, die zwischen dem 19. August und dem 30. September in Köln zu sehen sein wird, kann sich bis zum 30. april zur Teilnahme am Photoszene-Festival 2014 WallPaper anmelden. Die Hauptveranstaltungswoche des Photoszene-Festivals ist traditionell die photokina Woche vom 16. – 21. September 2014.

Zusätzlich zu den zahlreichen Fotografieausstellungen im Stadtraum wird es in diesem Jahr zwei lebendige Festivalzentren geben: Das PhotoBookMuseum auf dem Gelände der Carlswerke in Köln-Mülheim und das Museum für Angewandte Kunst Köln in der Innenstadt. Sie sollen zu Orten der Begegnung und des Austauschs mit und über Fotografie werden.

Weitere Informationen und das Anmeldeformular findet ihr auf unserer Homepage photoszene.de

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“Topos” von Tobias Madörin

Landschaftsfotografen gibt es viele, aber nicht alle schaffen es, mehr als nur die Oberfläche eines Ortes abzubilden.

Anders Tobias Madörin. Seit über 20 Jahren arbeitet er für die Serie “Topos” in Barcelona, São Paulo und Grindelwald, Uganda, Japan, Indonesien und vielen anderen Plätzen dieser Welt. Fotografiert in der präzisen Tradition des New Topographic zeigt er uns von Menschen geprägte, veränderte und genutzte Orte. Er schafft somit ein vielschichtiges Porträt über die Lebensgewohnheiten und die Lebensräume der Menschheit im 21. Jahrhundert. Es gibt sicherlich Parallelen zu anderen Fotografen wie beispielsweise den von mir sehr geschätzten Georg Aerni, aber dennoch bleibt Madörins Position sehr eigenständig und für sich stimmig. Außerdem ist “Topos” definitiv kein 08/15-Fotobuch: Es ist wunderbar einfach und dennoch auf den Punkt gestaltet und hat ein sehr angenehmes und hochwertiges Papier.

“Topos” ist im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen, hat 224 Seiten und kostet 87 Euro.

Link: Scheidegger & Spiess

Amazon: Tobias Madörin. Topos: Contemporary Global Prospects: Fotografien 1991-2011

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“Switcheroo” von Hana Pesut

Das Projekt “Switcheroo” von Hana Pesut kenne ich schon länger und will es eigentlich schon seit Monaten hier vorstellen, aber aus verschiedenen Gründen hat sich das immer wieder verschoben. Nun klappt es aber doch noch – und das ausgerechnet am heutigen Weltfrauentag, was ein sehr passender Zufall ist.

Denn in “Switcheroo” geht es vor allem um Geschlechterrollen – heute gerne unter dem Sammelbegriff “Gender” zusammengefasst. Pesuts Serie spielt im wahrsten Sinne des Wortes mit unseren Erwartungen, die wir an das Auftreten von Männern und Frauen haben – denn obwohl man das Prinzip von “Switcheroo” eigentlich vom ersten Bild an durchschaut (ein heterosexuelles Paar lässt sich fotografieren und anschließend tauschen die beiden ihre Kleidung und jeder nimmt die Körperhaltung des anderen vom ersten Foto ein, und sie werden erneut fotografiert), gibt es immer wieder Bilder, die man erst auf den zweiten oder gar dritten Blick versteht. Dabei sind es nie die Frauen in den Männerrollen, die uns verwirren, sondern eigentlich immer nur die grobschlächtigen Männer in den viel zu kleinen und bunten Frauenkleidern.

Dieser Trick funktioniert meiner Meinung deshalb besonders gut, weil Pesut in ihren Bildern die Personen, nicht aber die Kleidung die Position wechseln lässt: Das elegante Abendkleid bleibt in beiden Fotografien auf der rechten Seite, nur die Person in den Klamotten ist eine andere. Die Fotografin hätte ja auch genauso die Personen an den gleichen Stellen stehen und bloß die Kleidung die “Position” wechseln lassen können, aber das Konzept wäre deutlich langweiliger weil durchschaubarer gewesen.

So jedoch schauen wir uns die Bilder an und sind verwirrt. Und wir sind auch deshalb verwirrt, weil wir nach dem Fehler schauen müssen. Frauen in Männerkleidung sind wir mittlerweile gewohnt, Männer in Frauenkleidung hingegen nicht. Das funktioniert natürlich besonders gut, wenn Kleider und Röcke und besonders bunte Klamotten ins Spiel kommen – bei dem Paar, bei dem beide die gleiche langweilige Unisex-Kleidung wie eine urbane Uniform tragen, macht es eigentlich keinen Unterschied. Und wenn Männer ausgeflippte Hosen und Shirts tragen, weiß man übrigens auch nicht genau, welches jetzt eigentlich das Vorher- und welches das Nachher-Bild ist.

Man kann die Serie also als Metapher auf unsere sich im Wandel befindlichen Gesellschaft sehen. Die Emanzipation der Frauen funktioniert, allerdings nur, wenn sie sich den Männern anpassen. Umgekehrt werden Männer in Frauenrollen (sei es als Kindergärtner oder als Hausmann) noch immer schräg angeschaut. Emanzipation ist aber keine Einbahnstraße, sie muss in beide Richtungen funktionieren. Und es kann nicht sein, dass Emanzipation bedeutet, die eigene (weibliche) Rolle aufzugeben. Das setzt natürlich voraus, dass das auch beide Geschlechter wollen. Frauenkleider möchte ich deshalb allerdings trotzdem nicht unbedingt anziehen.

Link: Hana Pesut, Switcheroo

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“Gulu Real Art Studio” von Martina Bacigalupo

Wann ist ein Porträt ein Porträt? Dieser Frage gehen viele Fotografen nach, erst kürzlich habe ich hier die Langzeit-Porträts von Michael Wesely vorgestellt.

Auch Martina Bacigalupo geht in “Gulu Real Art Studio” (Steidl Verlag, 38 Euro) dieser Frage nach und zeigt uns das, was von Fotos übrig bleibt, wenn das offizielle Porträt für den Auweis mit einer Schablone aus ihnen herausgeschnitten wurde. Wir schauen auf Menschen, die auf einem Schemel sitzen. Fast immer gut gekleidet, zurechtgemacht fürs Passfoto. Die Hände brav auf den Oberschenkeln abgelegt, manchmal spielen sie mit den Fingerspitzen. Aber immer sind sie ohne Gesicht: An der Stelle des Kopfes blicken wir in ein weißes Rechteckt mit abgerundeten Ecken, das sich wie ein übergroßer Zensur-Balken übers Bild zu schieben scheint. Das, was wir nun sehen, war eigentlich für den Abfall gedacht. Und das, was wir nicht sehen, ist das Bild, dass der Staat von den Menschen haben will, um sie identifizieren zu können.

Aufgenommen wurden die Bilder im ältesten Fotostudio in Gulu im Norden Ugandas. Bacigalupo schafft mit ihrer Sammlung (nur scheinbar) immer gleicher Bilder eine Typologie einer Gemeinschaft – so präzise und subtil, wie es klassische Porträts kaum können.

Link: Steidl

Amazon: Gulu Real Art Studio

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“Tōhoku” von Hans-Christian Schink

Wir alle haben die Schreckensbilder vor Augen, die nach dem Erdbeeben von Tōhoku und dem dadurch ausgelösten Tsunami mit dem anschließenden Super-Gau von Fukushima um die Welt gingen. Der deutsche Fotograf Hans-Christian Schink ist ein Jahr später in die Region gereist und hat das zerstörte Küstengebiet dokumentiert. Dass er sich dabei der Bildsprache des New Topographic bedient, unterscheidet ihn von anderen Fotografen wie beispielsweise Paolo Pellegrin, gegen dessen Schwarzweiß-Trümmer-Ästhetik sich kein Betrachter wehren kann. Schinks Aufnahmen wirken hingegen sehr präzise, aber unaufdringlich komponiert und zurückhaltend im Ausdruck. Es sind Landschaften, die erst vom Menschen „zerstört“ weil verändert wurden, und die die Natur nun wiederum zerstört und sich somit zurückerobert hat.

Am ergreifendsten und vielschichtigsten ist dabei die Aufnahme, in der Schink von einem Hügel aus auf die Ōtsuchi-Bucht herunter fotografiert hat: Im Hintergrnd sehen wir friedlich das Meer, in der Bildmitte das zerstörte Land mit wenigen restlichen Häusern – und im Vordergrund den unberührten Friedhof, auf dem sich die Bewohner während des Tsunamis gerettet haben. Mich erinnert die Aufnahme auch an “Bethlehem, Pennsylvania”, das 1935 Walker Evans und 51 Jahre später Bernd und Hilla Becher als Hommage an Evans aufgenommen haben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April im Forum für Fotografie, Schönhauser Straße 8, Köln zu sehen. Im Hatje Cantz Verlag ist zudem das Buch “Tōhoku” erschienen. Es hat 132 Seiten und kostet 39,80 Euro.

Link: Forum für Fotografie

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“Hustlers” von Philip-Lorca diCorcia

Für dieses Buch benötigt man beinahe einen Beistelltisch – immerhin misst es stolze 44 mal 34 Zentimeter. In ein mehr oder weniger normales Bücherregal passt es somit auch nicht ohne Weiteres hinein.

Ich halte das für ziemlich übertrieben (vor allem deshalb, weil die Bilder lediglich die Hälfte der Seiten einnehmen), dennoch ist „Hustlers“ (erschienen bei Steidl, 98 Euro) ein wunderbares Buch geworden. Es zeigt nicht nur die „pikanteste“, sondern auch eine der stärksten Serien des US-Fotografen Philip-Lorca diCorcia, für die er zwischen 1990 und 1992 (überwiegend) männliche Prostituierte in Los Angeles fotografiert hat. Allerdings nicht in seiner für ihn typischen Technik, mit der er Passanten auf der Straße völlig überrascht, sondern als aufwendige Inszenierungen, für die er seine Stricher in vorher arrangierten Locations wie auf Bühnen platziert hat, wo sie in hopperesker Einsamkeit erstarren. Die Bildtitel verraten nicht nur Name und Alter, sondern auch, wieviel Geld die Modelle für das Foto erhalten haben.

Sehr gut gefällt mir übrigens der zweite Teil, der uns Blicke in diCorcias Shooting-Notizen mit persönlichen Anmerkungen zu seinen Models gewährt sowie uns Alternativ-Bilder der jeweiligen Shootings zeigt.

Link: Steidl

Amazon: Hustlers

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“Fotografie” von Thomas Billhardt

Ich habe bis vor kurzem noch nie etwas von dem DDR-Fotografen Thomas Billhardt (Jahrgang 1937) gehört. Das hat sich nun zum Glück geändert, denn die Edition Braus hat eine Monographie herausgebracht, die mir die Bilder dieses Fotojournalisten etwas näher gebracht hat.

Am stärksten beeindruckt bin ich natürlich von seinen Gegensätzen, die er oft in einem einzigen Bild vereint. Das Liebespaar mit den umgeschnallten Gewehren zum Beispiel. Honecker und Breschnew, die beim sozialistischen Bruderkuss beobachtet werden. Oder der abgeschossene US-Bomberpilot, der von einer zierlichen Vietnamesin abgeführt wird.

Meine Besprechung ist in der neuen Ausgabe der Photographie erschienen und gibt es hier als PDF.

Link: Edition Braus

Amazon: Thomas Billhardt. Fotografie

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