“Fotonovelas” von George Friedman

Ich erinnere mich noch gut an die Foto-Lovestories aus der Bravo, diese comicartigen Geschichten mit Fotografien statt Illustrationen. Die waren damals schon schlecht produziert, und gerade habe ich mich davon überzeugt, dass sich daran bis heute nichts geändert hat.

Mit dieser Billig-Variante des Fotoromans haben die Fotonovelas von George Friedman allerdings nichts gemein – seine Inszenierungen sind im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Der 1910 als György Friedmann geborene Ungar arbeitete als Kameramann bei Filmproduktionen in London und Hollywood sowie als Fotograf für diverse Magazine wie Vu, Paris Match, Time und Life bevor er 1939 nach Buenos Aires zog. Dort gründete er in den 50er Jahren die lose Fotografengruppe “La Carpeta de los Diez” (”Die Gruppe der Zehn”) mit, die einen großen ästhetischen Einfluss auf die argentinische Fotografie hatte. Friedman (der übrigens seinen Landsmann André Friedman dazu gebracht haben soll, sich in Robert Capa umzubenennen, um nicht länger mit ihm verwechselt zu werden) stand auf der einen Seite in der humanistischer Tradition, wurde von Edward Steichens “Family of Man”-Ausstellung geprägt und fotografierte das Leben einfacher Menschen wie Minenarbeiter und Gauchos. Auf der anderen Seite war er aber auch ein großartiger Inszenierer, Auftrags- und Publikumsfotograf, der seine Erfahrungen als Spielfilm-Kameramann nutzte, um Fotos auf hohem technischen und gestalterischen Niveau für eben jene Fotonovelas zu produzieren.

Aber das Genre war für ihn mehr als bloß ein Broterwerb – auch in seinem künstlerischen Schaffen setzte sich Friedman mit dem Medium dieser Popkultur auseinander. Dabei schuf er Bilder, die nicht einfach bloß an Filme erinnern sollen wie es etwa Cindy Sherman mit ihren “Untitled Film Stills” tat (und die ich für nicht einmal besonders gut gelungen halte), sondern die der Leinwand geradezu entsprungen zu sein scheinen – Filmstills im wörtlichen Sinne also.

Das Forum für Fotografie in Köln zeigt noch bis zum 30. Juni eine Auswahl dieser Fotografien, und ich habe es sehr genossen, zwischen ihnen zu wandeln, sie zu betrachten und mich zu wundern. Zu wundern über die Wirkung, die Präzision, die Technik. Was zeichnet die Fotografien aus, was ist ihr Geheimnis, warum funktionieren sie als Filmstills besser als die Fotos von eben Cindy Sherman oder auch Gregory Crewdson, der ja nicht nur Fotos macht, die wie Filmszenen aussehen, sondern der sie ja auch genauso aufwändig inszeniert.

Zwei Gründe habe ich dafür gefunden. Zum einen ist es das Licht, dieses mondäne Filmlicht der frühen Hollywood-Jahre, das nicht gespenstisch wirkt wie bei Crewdson, sondern glamourös. Das von irgendwo her zu kommen scheint und das keinen zusätzlichen Aufheller benötigt, der alles weichspült. Das deshalb auch tiefe Schatten verursacht, die man als heutiger Betrachter sofort mit den “guten alten Zeiten” von Hollywood verbinden, in denen Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren. Zumindest auf der Leinwand.

Der andere Grund, warum diese Bilder so gut funktionieren, ist schlicht die hervorragende Regie Friedmans. Er fotografiert die Fotos nicht wie Fotos, sondern wie Filme. Die Menschen scheinen tatsächlich zu agieren und nicht für den Fotoapparat in einer plakativen Schlüsselszene zu erstarren. Das klingt banal, macht aber den entscheidenen Unterschied. Diese Mischung aus der Künstlichkeit des Lichts und der Authentizität der Bewegung  und Handlung macht den Reiz aus, lässt die Bilder lebendig werden und sie Geschichten erzählen. Diese Wirkung ist so stark, dass den meisten Betrachtern wahrscheinlich erst auf den zweiten Blick (oder auch gar nicht) auffällt, dass der Großteil der Fotos Hochformate sind, womit es ja schon per se kein Filmstill sein kann.

In der Ausstellung kann man übrigens auch sehen, was passiert, wenn einer dieser beiden Aspekte fehlt. Dann wird das Bild entweder zum Modefoto oder zur Reportage. Die sind dann noch immer gut, aber es fehlt der Zauber, das gewisse Etwas. Und wer sehen will, was passiert, wenn man weder die eine noch die andere Zutat berücksichtigt, der kann sich ja die Foto-Lovestories in der Bravo anschauen.

Link: Forum für Fotografie

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“Ninetynine Years Leica”

In diesem Jahr feiert die Leica-Kleinbildkamera ihren 100. Geburtstag. Doch bereits Ende 2012 ist ein Buch erschienen, das die Firmengeschichte des legendären Kameraherstellers aus Wetzlar in den Mittelpunkt stellt – getreu dem Motto: Auf ein Jubiläum warten kann jeder. Deshalb heißt das Buch auch schlicht “Ninetynine Years Leica”. Veröffentlicht wurde es im Verlag 99 Pages, versammelt 700 Fotos und Illustrationen auf 286 Seiten und kommt im schwarzen Schuber daher. Das sieht sehr schick aus, hat aber (typisch Leica) auch einen entsprechend stolzen Preis: 99 Euro kostet das Buch.

Dafür bekommt man eine Art Nachschlagewerk, das jedoch weder reine Unternehmensgeschichte noch Bildband ist und das keine technischen Beschreibungen, Zahlen oder Gebrauchsanweisungen liefert. “Ninetynine Years Leica” ist verspielt, edel und stilvoll. Oder, wie es im Vorwort heißt: “Normal ist anders. Aber Leica ist nicht normal. Und daher ist auch dieses Buch völlig anders als erwartet.” Gut, man kann sich fragen, ob diese drei Sätze inhaltlich so viel Sinn ergeben, aber das Buch will offensichtlich auch viel mehr das Herz als den Kopf des Lesers ansprechen.

Das macht es allerdings ganz gut – wenn man mal vom unglaublich schlechten Vorsatzpapier absieht, auf dem die Mitarbeiter in winzigen Porträts gezeigt werden. Ich verstehe nicht, wie ein so wichtiges Unternehmen aus der Fotoindustrie seine Mitarbeiter so furchtbar provinziell präsentieren kann.

Ansonsten kommt das Buch wie eine riesige Broschüre daher, die informieren, aber niemals überfordern will. Große Fotos, Illustrationen und grafische Spielereien lockern die meist kurzen, aber durchaus interessanten Texte von Rainer Schillings auf – er schlendert durch die Fotografiegeschichte, setzt den Krimkrieg 1855 als Beginn des Fotojournalismus, porträtiert Leica-Fotografen wie Henri Cartier-Bresson und Ilse Bing, nutzt Robert Capas “Falling Soldier” für eine kurze Reflexion über den Wahrheitsgehalt von Fotografie und ihren Missbrauch zur Propaganda und wirft vor allem Schlaglichter auf Höhepunkte und Wegmarken der Firmengeschichte. Und das kann auch mal sehr kritisch sein – beispielsweise bei den hochnäsigen Fehlentscheidungen, die sich Leica beim Autofokus geleistet hat. Ein Verantwortlicher soll jedenfalls in den 1970ern gesagt haben “Unsere Kunden können fokussieren”, womit Leica den Anschluss an den Markt vollends verpasste und nur noch als Kamera für die Elite angesehen wurde.

Leider wiederholte sich diese Arroganz 2004 bei der Frage nach der Zukunft der Digitalfotografie. Der damalige Leica-Chef Hanns-Peter Cohn (im Buch wird er zitiert, aber nicht namentlich genannt!) sagte im Spiegel-Interview: “Die Digitaltechnik ist nur ein Intermezzo. In spätestens 20 Jahren werden wir sicher mit anderen Technologien als heute fotografieren. Aber den Film wird es dann immer noch geben.” Dass Leica trotz dieser Kurzsichtigkeit noch heute exisitert und es der Firma offensichtlich wieder gut geht (der Messeauftritt auf der vergangenen Photokina war jedenfalls beeindruckend), sei laut Schillings “kaum mehr als einer glücklichen Fügung und einem unerwarteten Trend zu verdanken: Die Rettung gelang, weil ein potenter Investor im letzten Moment das Ruder herumriss und der Markt vor allem nur eines wollte: Vorsprung durch Technik. Und durch Qualität. Leica nutzte die Chance, Leica is back!”

Das klingt am Ende leider doch etwas dick aufgetragen. Aber vielleicht gehört das zur Marke Leica auch einfach dazu.

Link: 99pages

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Magnum Contact Sheets

Im Kölner Stadt-Anzeiger habe ich den viereinhalb Kilogramm schweren Wälzer, der Kontaktbögen zahlreicher berühmter Magnum-Fotografen wie Philippe Halsman, Herbert List, Robert Capa, Martin Parr, Thomas Hoepker und Henri Cartier-Bresson versammelt, bereits vorgestellt.

In der heute erschienenen Februar-Ausgabe der Photonews tue ich es noch einmal – dafür aber deutlich ausführlicher. Meinen Artikel findet ihr hier.

Link: Schirmer/Mosel

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Fotobuchrezensionen X

Kurz vor Weihnachten hat das Magazin des Kölner Stadt-Anzeiger wieder vier Fotobuchempfehlungen von mir veröffentlicht. Darin bespreche ich “At War” der deutschen Kriegs- und Krisenfotografin Anja Niedringhaus, “Ama” über die  japanischen “Meerfrauen” von Nina Poppe, den neu aufgelegten Klassiker “Subway” von Bruce Davidson sowie den viereinhalb Kilo schweren Wälzer “Magnum Contact Sheets”, das die Kontaktbögen bekannter Fotografen wie Philippe Halsman, Herbert List, Robert Capa und Henri Cartier-Bresson vorstellt, was mitunter zu ernüchternden Ergebnissen führt.

Den ausführlichen Text gibt es hier.

Links: Hatje Cantz, Kehrer, Steidl, Schirmer/Mosel

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“The Family of Man” in Clervaux

An meinem Geburtstag habe ich mir selbst ein Geschenk gemacht und bin in den kleinen Ort Clervaux nach Luxemburg gefahren. Im dortigen Schloss befindet sich seit 1994 die wohl legendärste und nach eigenen Angaben “größte Fotoausstellung der Welt”: The Family of Man.

Die Ausstellung wurde ursprünglich 1951 von niemand Geringerem als Edward Steichen für das MoMA in New York kuratiert, dessen Leiter er damals war. Die Zusammenstellung von ca. 500 Aufnahmen bekannter und vollkommen unbekannter Fotografen zeigt ein sehr umfassendes Porträt der Menschheit, unterteilt in insgesamt 37 Bereiche wie Geburt, Arbeit, Familie, Kinder, Glaube, Liebe, Krieg und Frieden. Nach dem enormen Erfolg der Ausstellung in New York gingen die Bilder auf Welttournee, bis sie schließlich als Geschenk nach Luxemburg kamen, wo sie nun permanent zu sehen sind.

Es mag aus heutiger Sicht arg naiv wirken, wenn ein Amerikaner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen dazu auffordert, ihre Bilder einzureichen, um durch diese Humanismus und Nächstenliebe zu verbreiten – und vielleicht sogar zukünftige Kriege zu verhindern. Vielleicht ist es sogar schon naiv zu glauben, durch eine Fotografieausstellung überhaupt ein umfassendes “Porträt der Menschheit” zu erhalten, bilden die Aufnahmen doch nur ein sehr enges historisches Zeitfenster ab und überwiegt doch das eindeutig westlich geprägte Menschenbild.

Auf der anderen Seite ist diese Ausstellung tatsächlich ein Geschenk für die Menschheit – das muss ich so pathetisch formulieren. Diese große Menge an Bildern unterschiedlicher Fotografen – von Berühmtheiten wie Henri Cartier-Bresson, Robert Capa und Robert Frank bis hin zu eher Vergessenen wie Howard Sochurek, Wayne Miller, Gjon Mili und Carl Perutz – findet man kein zweites Mal auf so engen Raum und für eine so lange Zeit. Nicht umsonst wurde „The Family of Man“ 2003 in das “Memory of the World Register” der Unesco aufgenommen.

Last not least ist es für jemanden, der regelmäßig in Galerien und Museen ist, extrem spannend zu sehen, wie Ausstellungskonzpte vor 50 Jahren entwickelt und umgesetzt wurden – schließlich ist “The Family of Man” in Clervaux nahezu so aufgebaut, wie sie auch ursprünglich in New York zu sehen war. Dieses Wirrwarr von dicht neben- und übereinander (und sogar an der Decke!) hängenden Bildern ist in einer Zeit des alles beherrschenden und häufig auch kritisierten “White Cubes” absolut beachtenswert. Insofern ist die Ausstellung auch eine kleine Zeitreise zurück in die 1950er Jahre.


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Meisterwerke, wohin das Auge schaut

Ab heute bietet das Museum Ludwig Fotofans einen ganz besonderen Leckerbissen: Sechs Monate lang zeigt es die Meisterwerke der Fotografischen Sammlung – darunter wunderbare und allseits bekannte Arbeiten von Henri Cartier-Bresson, Brassaï, Man Ray, Alfred Stieglitz, Alfred Eisenstaed, Dorothea Lange, George Hoyning-Huene, André Kertész, Philippe Halsman, Otto Steinert und natürlich auch Robert Capa.

Wer sich beim Durchlesen übrigens über den allerersten Satz wundert – der ist beim Redigieren leider verstümmelt worden. Das Sterne-Menü sollte eigentlich Alfons Schuhbeck und nicht Bodo von Dewitz selbst zubereiten.

Den Text, erschienen im Ksta, gibt es hier.

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