„Untitled Horrors“ von Cindy Sherman

Zu Cindy Sherman ist eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Die 1954 geborene Amerikanerin gehört mit ihren Selbstinszenierungen zu den wichtigsten und erfolgreichsten Fotografinnen der Gegenwart überhaupt: Im Kunstkompass hat sie nicht nur seit Jahren einen sicheren Platz unter den Top 10, sondern ist dort überhaupt die einzige Vertreterin aus dem Bereich Fotografie. Für mich persönlich sind ihre Arbeiten eher uninteressant – ich habe mich an ihnen satt gesehen und zudem lassen mich ihre Gender-Themen kalt.

Dennoch ist nun ein Buch auf den Markt gekommen, dass meiner Meinung nach besondere Beachtung verdient, weil es sich auf den Aspekt des Gruselns und des Horrors in Cindy Shermans Werk konzentriert. Bereits die Aufmachung gefällt mir sehr gut – anstatt den Umschlag klassisch nach innen zu klappen, sind die Seiten nach außen geklappt und verdecken das Titelmotiv zu zwei Drittel: Man sieht lediglich Finger und ein Ohr, die aus einem Haufen feuchter Erde ragen. Klappt man das Cover aus, finden sich noch eine Nase, Lippen, zwei weitere Finger und – weiter unten – sogar Zähne in der von konspirativem Seitenlicht erhellten Szenerie. Außerdem liegt auf der Erde ein aufgeklappter Schminkspiegel, in dem das Gesicht einer Person zu sehen ist, die sich das ganze Gemetzel offensichtlich regungslos anschaut. Der Täter ist also anwesend, wir können ihn allerdings nicht genau verorten – und das Gruseln im Kopf nimmt seinen Lauf.

Das Buch “Untitled Horrors” ist im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm und im Astrup Fearnley Museet in Oslo im Hatje Cantz Verlag erschienen (232 Seiten, 135 Abbildungen, 39,80 Euro), wurde aber um Texte von Autoren wie Kathy Acker, Miranda JulyKarl Ove Knausgård und Sibylle Berg ergänzt, die das Buch wiederum in Kapitel unterteilen. Und die haben es mitunter ganz schön in sich und zeigen Frauenporträts und Frauenleichen, fickende Puppen und künstliche Geschlechtsteile, verschimmeltes Essen und Selbstporträts als Clowns und mit Schweinsnase. Kurzum: Es sind mitunter wirklich ekelhafte Bilder. Und das sage ich selten.

Doch gerade deshalb ist “Untitled Horrors” ein starkes Buch. Nicht “schön” im konventionellen Sinne, aber konzentriert. Und so, wie Sherman ihre Bilder nicht benennt, so ist das Grauen hier ebenfalls selten konkret festzuhalten. Natürlich liegt vieles an ihrer Art der Präsentation: Die unnatürlichen Farben von Grün bis Lila, die harten, nicht aufgehellten Schatten, die eher an Inszenierungen von Hobbyfotografen und an private Dokumentationen erinnern und dadurch besonders künstlich und authentisch zugleich wirken. Paradox, ich weiß. Aber vielleicht macht ja genau dieses Paradoxon die Faszination ihrer Bilder in dieser Zusammenstellung aus: Wir wissen sofort, dass das alles inszeniert ist, dass das alles Puppen und Plastikkörperteile sind – und dennoch sind wir davon abgestoßen, weil hier zusammenkommt, was nicht zusammenkommen darf.

Link: Hatje Cantz