“Water” von Edward Burtynsky

Seit ich Edward Burtynsky das erste Mal in der Galerie Stefan R√∂pke gesehen habe, verfolge ich seine Projekte, die sich alle mehr oder weniger mit dem Raubbau des Menschen an der Natur besch√§ftigen, mit gro√üem Interesse. Seine Serie “Oil” halte ich f√ľr ein absolut gro√üartiges Werk, dass man kaum genug wertsch√§tzen kann.

Nun hat der Kanadier mit “Water” erneut ein umfassendes Werk abgeschlossen. Das Buch dazu ist gerade im Steidl Verlag erschienen (228 Seiten, 98 Euro), einen kleinen Ausschnitt kann man noch bis zum 23. November in der Galerie von Stefan R√∂pke sehen.

Meine Ausstellungsbesprechung aus dem Ksta findet ihr hier.

Link: Stefan Röpke, Steidl

Amazon: Water, Burtynsky Oil

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“Hunters” von David Chancellor

Es war ja irgendwie abzusehen: Als ich mir im Dezember 2010 die Ausstellung zum Taylor Wessing Photographic Portrait Prize in der National Portrait Gallery in London angeschaut habe, blieb mir vor allem das Siegerbild ganz besonders in Erinnerung: “Huntress with Buck” aus der Serie “Hunters” von David Chancellor. Bei Schilt Publishing ist bereits im vergangenen Jahr das entsprechende Buch (212 Seiten, 102 Abbildungen, 49,90 Euro) erschienen – ich habe es allerdings erst jetzt in die Finger bekommen. Aber das Warten hat sich gelohnt: “Hunters” ist gro√üartig. Wundersch√∂n. Und furchtbar.

Vor allem aber ist “Hunters” auch ein Epos, eine durchdachte Flei√üarbeit. Chancellor erz√§hlt eine Geschichte von Anfang bis Ende und macht sie rund. Ein wenig erinnert mich das an Edward Burtynsky und seine Oil-Serie, vor der ich ja auch niederknien k√∂nnte. Nun ja, Chancellor ist nicht ganz so viel gereist wie Burtynsky, aber er macht aus dem Thema dennoch ein fotografisches Essay √ľber die Troph√§enjagd, ihre Rituale und die westliche Dekadenz.

Das Buch beginnt mit Ansichten von Dioramen, diesen k√ľnstlichen Welten, in denen Natur simuliert wird, meist mit ausgestopften Tieren und (realistisch) gemalten Landschaften. Aber da stimmt etwas nicht, ist das nicht ein Jaguar, der dort durchs Unterholz schleicht wie ein Gespenst? K√∂nnen wir unseren Augen trauen? K√∂nnen wir den Inszenierungen trauen? Der Mensch, der gr√∂√üte J√§ger unter allen, der aus Lust an der Troph√§e mordet, kommt in den Dioramen nat√ľrlich nicht vor.

Chancellor zeigt sie uns dennoch: Der √ľbergewichtige Vater und sein ebenfalls nicht gerade schlanker Sohn sitzen in voller Tarnflecken-Montur auf dem heimischen Sofa – ein fotografischer Trick, der immer funktioniert, weil es so sch√∂n unpassend-absurd aussieht. Chancellor l√§sst sich Zeit, gerade auch zu Beginn. Er f√ľhrt Figuren ein, zeigt uns ein weiteres Familienportr√§t, auf dem ein Mann stolz sein Gewehr in den H√§nden h√§lt, w√§hrend Frau und Tochter neben ihm stehen: Die Frau lehnt im T√ľrrahmen und wirkt, als habe sie sich mit dem Hobby ihres Mannes abgefunden; die Tochter lehnt in der Ecke des Raumes, versinkt in ihm genauso wie in der viel zu gro√üen Armee-Kleidung. Das alles findet in einem leerstehenden Haus statt, in dem der Putz von den W√§nden f√§llt. Wo sind wir hier eigentlich?

Es folgen weitere Portr√§ts von Menschen, mal gibt es ein wenig Action, dann rauchen die M√§nner wieder Zigaretten oder einer liegt auf dem sandigen Boden eines abgeernteten Feldes, das Gewehr neben ihm und die offene Wagent√ľr am Bildrand, als habe er sich, schwer angeschossen, noch aus dem Auto geschleppt und sei schlie√ülich zusammengebrochen – dabei wartet er nur auf einen Elefanten, den er erschie√üen kann.

Irgendwann dann das Foto einer Frau, die die H√§nde in die Luft streckt vor Freude. Sie hat wohl gerade etwas get√∂tet, der Mann neben ihr h√§lt sein Funkger√§t ans Ohr. Auf was sie geschossen haben, sehen wir nicht. Die toten Tiere kommen dann auf den folgenden Seiten. Das erste hat Chancellor dabei so dramatisch-romantisch in Szene gesetzt, als w√ľrden die J√§gerin und das tote Gnu, das neben ihr liegt, nur kurz rasten und gleich ihr Zelt f√ľr die Nacht aufschlagen.

Die M√§nnern fotografieren sich lieber gegenseitig mit ihren Troph√§en: Einer posiert neben einem toten L√∂wen, der andere liegt, damit er nicht dreckig wird, auf einer Plane und knipst, der dritte Mann steht im Hintergrund und trinkt ein Dosenbier oder ne Coke – so genau kann man das nicht sagen. Der Tod ist so beil√§ufig, dass es beim Betrachten schmerzt. Woanders hat ein schwarzer Junge das Gewehr l√§ssig √ľber der Schulter h√§ngen und schaut auf das Display seines Smartphones – die tote Antilope neben ihm w√ľrdigt er keines Blickes.

Es gibt nur wenige Ausnahmen und das sind meist Frauen. Eine √§ltere Dame, die zu Beginn des Buches mit ihrem umgeschnallten Fernglas in der Landschaft steht und sich durchs Haar geht, als w√ľrde sie sich zum Nachmittags-Tennismatsch aufmachen, kniet etwas sp√§ter neben einem toten Gnu und streichelt ihm fast f√ľrsorglich √ľber die H√∂rner. Und eine Seite weiter steht eine Frau vor einer Antilope und fasst sich mit beiden H√§nden an den Kopf, als k√∂nnte sie selbst nicht begreifen, was sie da getan hat.

Sp√§ter zeigt uns Chancellor zudem Stationen der Tierpr√§paration sowie die privaten Troph√§enr√§ume der J√§ger, an deren W√§nde und B√∂den sich die Tierleichen dr√§ngen. Und, als eine Art Epilog, folgt schlie√ülich eine kleine, achtteilige Bildstrecke, die von der Kurzgeschichte ‚ÄúShooting an Elephant‚ÄĚ von George Orwell begleitet wird. Auf den Fotos sieht man einen toten Elefanten, wie er von einer gro√üen Gruppe Afrikaner zerlegt wird, bis am Ende nur noch ein dunkler Fleck in der Landschaft √ľbrig bleibt.

Je mehr ich mich mit “Hunters” besch√§ftige, desto besser, vielschichtiger, cleverer finde ich das Buch. Aber auch verst√∂render, depremierender, aufw√ľhlender. Ich empfehle in diesem Zusammenhang, sich die Homepage von David Chancellor anzuschauen – auf ihr findet ihr nicht nur die Fotos aus dem Buch, sondern es wird zudem deutlich, dass “Hunters” ein Zusammenschluss diverser Serien ist. Zwei weitere B√ľcher, in denen er sich mit der Industrie hinter der afrikanischen Tier- und Pflanzenwelt besch√§ftigt, sollen noch folgen. Auf Kickstarter gibt es zudem einen kurzen Film, auf denen er sein Projekt vorstellt. Ich bin sehr gespannt auf weitere Arbeiten von ihm – auch, wenn sie einen traurig und w√ľtend machen.

Link: Schilt Publishing, David Chancellor

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Fotofestival “The eye is a lonely hunter”

Die St√§dte Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg laden noch bis zum 6. November zum 4. Fotofestival ein. Der Titel lautet in diesem Jahr “The eye is a lonely hunter – Images of Humankind”, und das von Katerina Gregos und Solvej Helweg Ovesen kuratierte Festival umfasst f√ľnf Gruppen- und zwei Einzelausstellungen sowie eine Au√üeninstallation mit insgesamt √ľber 1000 Arbeiten von 56 K√ľnstlern aus 32 L√§ndern – darunter auch bekannte Fotografen wie Beat Streuli, Rinko Kawauchi, Pieter Hugo, Tobias Zielony, Jacob Holdt, Roger Ballen, Boris Mikhailov, Taryn Simon, Otto Olaf Becker, Ryan McGinley und Edward Burtynsky.

Da das Festival quasi die Neuauflage und Fortf√ľhrung der legend√§ren “The Family of Man”-Ausstellung aus dem Jahr 1955 sein soll, ist die K√ľnsterauswahl und -zusammensetzung sehr interessant und spannend. Denn im Gegensatz zu Edward Steichen damals geht es Gregors und Ovesen nicht darum, mit den Bildern auf die Gemeinsamkeiten aller Menschen hinzuweisen, sondern m√∂glichst viele unterschiedliche Facetten des Menschseins zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufzuzeigen. Das haben sie insgesamt sehr sch√∂n gel√∂st. Dennoch gibt es auch Kritikpunkte am Festival als solches, das viel zu verstreut ist, als dass wirkliche Festivalstimmung aufkommen k√∂nnte.

Wer mag, kann sich meine ausf√ľhrliche Besprechung, die heute im Artnet Magazin erschienen ist, durchlesen.

P.S. Im Kölner Stadt-Anzeiger ist zudem eine Kurzversion meines Textes erschienen.

Link: 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg

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“Aftermath” von J√∂rn Vanh√∂fen

F√ľr sein Buch ‚ÄúAftermath‚ÄĚ (Hatje Cantz Verlag, 148 Seiten, 58 Euro) ist J√∂rn Vanh√∂fen um den gesamten Erdball gereist und hat Orte aufgesucht, die sich ver√§ndern oder an denen sich vorhergegangene Ver√§nderungen zeigen lassen ‚Äď wobei Ver√§nderungen hier immer eine negative Konnotation hat, schlie√ülich geht es in seinen h√§ufig verst√∂renden und be√§ngstigenden Bildern um menschliche Hinterlassenschaften. Es sind Orte, die einmal ein Symbol f√ľr Fortschritt und Entwicklung waren und heute leer stehen und verfallen wie der niederl√§ndische Pavillon auf dem Expo-Gel√§nde in Hannover oder das fensterlose Backsteingeb√§ude in der ehemaligen Autostadt Detroit, vor dem schwarze Limousinen wie Teilnehmer eines Trauerzuges stehen. Es sind aber auch Industriebrachen und M√ľllhalden, nuklear oder chemisch verseuchte Landschaften¬† oder menschenfeindliche, urbane Ballungsr√§ume.

Leider liegt genau da die Schw√§che von “Aftermath”. Vanh√∂fen sind zweifelsohne gro√üartige Fotografien ‚Äěvom Zustand unserer Welt‚Äú gelungen, aber er spannt den ganz gro√üen Bogen ‚Äď und will dadurch vielleicht ein bisschen zu viel. W√§hrend sich Edward Burtynsky mit “Oil” auf den Weg des Erd√∂ls von der F√∂rderung √ľber die Weiterverarbeitung und den Konsum bis zur Entsorgung konzentriert, Pieter Hugo mit ‚ÄěPermanent Error‚Äú den brutalen Alltag auf einer einzige M√ľllhalde f√ľr Elektroschrott in Agbogbloshie in Ghana zeigt und Georg Aerni in ‚ÄěSites & Signs‚Äú den Einfluss von Architektur auf unser Leben darstellt, sensibilisieren sie den Betrachter gleichzeitig f√ľr diese Themen. Der 1961 in Dinslaken geborene Vanh√∂fen greift hingegen zu viele komplexe Themen auf einmal auf und springt mit ihnen hin und her. Dadurch entstehen zwar gute Querverbindungen, sorgen aber auch f√ľr ein Gef√ľhl, dem Einzelnen nicht gerecht werden zu k√∂nnen. Im Grunde h√§tte er aus ‚ÄěAftermath‚Äú auch zwei oder drei B√ľcher machen k√∂nnen. Oder m√ľssen.

Hinzu kommt, dass mich einige Bilder stark an Arbeiten anderer erinnern. Das liegt meist nat√ľrlich am n√ľchternen New Topographics-Blick, der nun einmal weit verbreitet ist. Manchmal liegt es aber auch daran, dass ich manche Motive nahezu genauso schon woanders gesehen habe. So hat Vanh√∂fen ein Haus unter einer Br√ľcke in Z√ľrich abgelichtet, das Georg Aerni bereits sieben Jahre zuvor (besser) fotografiert hat. Ein sehr √§hnliches Foto, das ebenfalls im Buch vorkommt, hat Vanh√∂fen √ľbrigens bereits 2005 in Duisburg aufgenommen. Und sein Bild Asok #797 von 2010 erinnert gleich in mehreren Details an Thomas Struths “Samsung Apartments”, die er 2007 in Seoul fotografiert hat. Insofern ist meine anf√§ngliche Begeisterung f√ľr “Aftermath” dann leider doch einer gewissen Ern√ľchterung gewichen.

Links: Hatje Cantz

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Edward Burtynsky in der Galerie Stefan Röpke

Die erste museale Einzelausstellung von Edward Burtynsky in der Altona Kulturstiftung in Bad Homburg Anfang dieses Jahres habe ich leider verpasst. Gl√ľcklicherweise zeigt die Galerie Stefan R√∂pke noch bis zum 4. Juni einige Bilder aus seinen Serien, mit denen er eine Verbindung zwischen den beiden f√ľr ihn wichtigen Thema “√Ėl” und “Wasser” herstellt. Anlass dazu war die √Ėlkatastrophe im Golf von Mexiko vor einem Jahr, die er aus der Luft fotografiert hat. Auch hier schafft er es wieder, in h√∂chst √§sthetischen Bilder auf die dramatischen Umweltzerst√∂rungen aufmerksam zu machen.

Meine Besprechung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger gibt es hier.

Link: Galerie Stefan Röpke, Altana Kulturstiftung

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Deutscher Fotobuchpreis 2011

W√§hrend ihrer Tour hat die Wanderausstellung Deutscher Fotobuchpreis 2011 im K√∂lner Forum f√ľr Fotografie einen Halt eingelegt. Zu sehen sind die 20 mit “Gold” und “Silber” ausgezeichneten B√ľcher sowie die zahlreichen Nominierungen aus den Kategorien “Fotobildb√§nde”, “Fototheorie” und “Fotolehrbuch” – darunter auch einige Fotob√ľcher, die ich bereits auf meinem Blog oder im K√∂lner Stadt-Anzeiger vorgestellt habe: “Gold” haben beispielsweise Black Passport – Journal eines Kriegsfotografen, Yangtze – The Long River und Tropical Gift: The Business of Oil and Gas in Nigeria erhalten, “Silber”¬† unter anderem Recollection und Tokyo Compression.

Aber nat√ľrlich sind noch zahlreiche weitere gro√üartige B√ľcher vertreten wie zum Beispiel “Latitude Zero” von Monique Stauder und “Oil” von Edward Burtynsky. Au√üerdem habe ich drei sehr sch√∂ne Neuentdeckungen gemacht. Da w√§re zum einen das sehr sch√∂n gestaltete und mit sehr straighten Portr√§ts und Landschaftsaufnahmen bebilderte “East of a New Eden” von Yann Mingard und Alban Kakulya √ľber die neue Ostgrenze der EU von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Sehr gut gefallen hat mir auch das ironische “Fluffy Clouds” von J√ľrgen Nefzger: Es zeigt mehr oder weniger idyllische Landschaften in Europa – allerdings mit eingebauten Bildst√∂rungen, denn im Hintergrund sind immer auch K√ľhlt√ľrme und Kernreaktoren zu sehen, die das romantische Bild zerst√∂ren.

Meine pers√∂nliche Neuentdeckung Nummer Drei ist au√üerdem “Die letzten J√§ger der Arktis” des isl√§ndischen Fotografen Ragnar Axelsson. Bereits der Anfang mit den Farbfotos ist sehr gut, mir pers√∂nlich aber ein wenig zu bunt und glatt. Der zweite Teil mit den Schwarz-Wei√ü-Aufnahmen hat mich dann aber fast von den Socken gehauen. Das hat nichts mehr von irgendeiner gef√§lligen Reportagefotografie f√ľr den Massengeschmack einer Geo-Leserschaft. Axelsson zeigt den Alltag der Inuit auf Gr√∂nland und ihre Jagd auf Wale, Seehunde und Robben bei minus 40 Grad – und das ist selten idyllisch. Auf YouTube gibt es dazu auch eine beeindruckende Diashow.

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. M√§rz in K√∂ln und danach in Friedrichshafen, Br√ľssel, Dornbirn, Karlsruhe, Hamburg, Frankfurt und sogar in Jakarta und in Manila zu sehen.

Links: Deutscher Fotobuchpreis, Forum f√ľr Fotografie

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