Kleiner Kunstkauf am Rande II

Ein bisschen verwunderlich ist es ja schon, dass Nadine und ich von Uwe Müller ausgerechnet ein streng inszeniertes Porträt kaufen – denn eigentlich ist der Meisterschüler von Arno Fischer ein klassischer Reportagefotograf.  Aber seine Version des Jan Vermeer-Bildes “Das Mädchen mit dem Perlenohrring” hat uns sofort von den Socken gerissen, als wir es das erste Mal in der Ausstellung “First Class” in der Fotoakademie-Koeln gesehen haben. Mal abgesehen davon, dass Müller das Bild mit einfachsten Mitteln nachstellt, schafft es sein Modell (das er übrigens spontan in einer Konditorei angesprochen hat) dem Mädchen mit diesem ganz besonderen Blick zwischen Neugierde und Schüchternheit, Nähe und Distanz eine ganz neue, moderne Rolle zuzuschreiben, ohne das Original jedoch zu verraten.

Fasziniert bin ich außerdem, dass vor allem der Stoff so weich aussieht wie gemalt, während das Ölgemälde von 1665 fast wie fotografiert wirkt. Insofern finde ich Uwe Müllers Bild eine perfekte Mischung aus Nachinszenierung und Neuinterpretation. Die andere, sehr bekannte Version im Rahmen der Verfilmung mit Scarlett Johansson wirkt hingegen eher platt und banal, weil es das Original ja nur kopiert – und das ja noch nicht einmal besonders gut.

Links: Uwe Müller, Fotoakademie-Koeln

Uwe Müller: "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", 2009

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“Eros und Stasi” im Ludwig Forum Aachen

Viel nackte Haut sollte man sich von der Ausstellung “Eros und Stasi” im Ludwig Forum in Aachen nicht versprechen, denn der Bereich Akt-Fotografie nimmt nur einen kleinen Teil ein. Dafür bekommt man eine kleine Übersichtsausstellung über die ostdeutsche Fotografie aus der Sammlung Gabriele Koenig geboten – unter anderem mit Werken von Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Evelyn Richter, Ulrich Wüst, Ute Mahler, Will McBride, Helga Paris, Roger Melis, Gundula Schulze Eldowy, Tina Bara, Günter Rössler und Harald Hauswald. Lediglich Daniel und Geo Fuchs haben erst deutlich nach der Wende fotografiert – ihre Serie über verlassener Stasi-Räume in Berlin, Magdeburg und Potsdam ist auch die einzige in Farbe. Alle anderen Bilder sind auf Schwarzweiß-Film fotografiert – weil man den zu Hause entwickeln konnte. Ein Labor zu beauftragen hieß nämlich immer, dass auch Menschen die Bilder zu sehen bekamen, für die sie nicht bestimmt waren.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. November. Meine ausführliche Besprechung aus dem Ksta gibt es hier.

Links: Ludwig Forum

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Roger Melis & Giorgia Fiorio in der C/O Berlin

Zum Pflichtprogramm während einer Berlin-Reise gehört für mich immer auch ein Besuch der C/O Berlin im Kaiserlichen Postfuhramt an der Orangienburger Straße. Zurzeit kann man sich dort gleich drei empfehlenswerte Ausstellungen mit Schwarzweiß-Fotografien anschauen: Neben Andy Spyra, der im Rahmen des “Talents”-Wettbewerbes seine Bilder vom Konflikt in Kaschmir zeigt, haben mich vor allem die Roger Melis-Retrospektive und die Ausstellung “Ritus” von Giorgia Fiorio interessiert.

Der “Chronist und Flaneur” Roger Melis (1940 bis 2009) war zusammen mit Arno Fischer und Sibylle Bergemann Gründungsmitglied der ostdeutschen Fotogruppe “Direkt” und zählt zu den wichtigsten Fotografen der DDR. Neben seinen Porträts von Schriftstellern und Künstlern schuf er auch wunderbare Alltags-Aufnahmen im Sinne der Street-Photography und war auch viel im europäischen Ausland wie Paris, London, Warschau, Krakau und Moskau unterwegs. Interessant und bemüht zugleich finde ich allerdings seine Betonung, dass Melis “die Wahrheit des Unsensationellen spannend” finde und nicht das Besondere, sondern das Alltägliche suche. Das alarmierte mich sofort, denn einen ganz ähnlichen Satz musste ich in der Arno Fischer-Retrospektive in Bonn lesen und anschließend feststellen, dass das (leider) nicht als Koketterie gemeint war. Bei Melis sehe hingegen sehe ich diesen “belanglosen Augenblick” nicht – dafür sind seine Bilder viel zu gut komponiert und zielen eben doch auf einen ganz bestimmten Augenblick hin – auch, wenn dieser erst einmal unspektakulär wirken mag

Begeistert hat mich aber auch die Ausstellung der Italienerin Giorgia Fiorio. Seit 2001 reist sie auf der Suche nach Ritualen um die Welt – von den Ufern des Ganges, Klöstern in Polen, Tempelanlagen in Kambodscha bis hin zu Meditationszentren in Myanmar und Wasserfällen in Japan. Bereits der Eingang der sehr schön gestalteten Ausstellung, die übrigens unter der Unesco-Schirmherrschaft steht, hat fast etwas Spirituelles und erinnerte mich an das Gefühl, das ich (immer noch) beim Betreten von alten Kirchen und buddhistischen Tempeln habe. Die großformatigen Bilder zeigen Menschen, die ihren Glauben im wahrsten Sinne des Wortes leben. Fiorio macht diesen Glauben sicht- und spürbar, denn fast immer geht die spirituelle Verbindung mit schweren körperlichen Anstrengungen einher – ob sich Menschen kreuzigen lassen, durch Wasserfälle laufen, sich von Gerüsten stürzen, Yoga-Übungen machen oder sich in Trance und Ekstase versetzen. Dabei entdeckt man erstaunliche Parallelen zwischen den einzelnen Religionen, und ich als Agnostiker musste mir tatsächlich die profane Frage stellen, ob diese Massen an Gläubigen ganz unterschiedlicher Herkunft nicht vielleicht doch irgendwie Recht haben.

Die beiden Ausstellungen laufen noch bis zum 2. Mai 2010.

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Arno Fischer-Retrospektive in Bonn

Gestern war ich bei der Pressekonferenz zur großen Arno Fischer-Retrospektive in Bonn. Der gilt ja gemeinhin als wichtigster Fotograf der DDR und Klaus Honnef hat ihn sogar mal als einen der wichtigsten Fotografen Deutschlands überhaupt bezeichnet. Behauptet zumindest der Kurator der Ausstellung, Matthias Flügge. Ich kann es nicht ganz nachvollziehen, finde ich sein Werk insgesamt doch eher mittelprächtig. Viele Aufnahmen wirken unentschlossen, außerdem sind sie verwackelt, ohne dass ich dafür einen inhaltlichen Grund erkennen könnte. Viele sind auch einfach schlecht gestaltet und komponiert. Seine stärksten Aufnahmen sind die, in denen er unbeobachtet und in Ruhe Menschen fotografieren konnte – von hinten oder wenn sie gerade in einer Tätigkeit vertieft waren. Leider hat er es nicht dabei belassen.

Da ich mich aber gerne eines Besseren belehren lasse, hörte ich aufmerksam zu. Arno Fischer stand dann auch selbst für Fragen zur Verfügung, allerdings bestätigten seine Antworten, Erinnerungen, Schilderungen und Selbsteinschätzungen nur mein Bild anstatt es zu widerlegen. So sagt Fischer selbst, er habe  “Hemmungen, die Menschen direkt zu fotografieren“. Also nahm er seine 35mm-Brennweite, einen hochempfindlichen Film, machte die Blende zu und stellte den Fokus auf 1,5 Meter bis unendlich und schoss „wie ein Cowboy aus der Hüfte“. So präpariert hätte er ja nun gut auf die “Jagd” gehen und ungemein progressiv fotografieren können, aber auch die so entstandenen Aufnahmen bleiben belanglos.

Sehr irritierend finde ich auch seine Einstellung zu Henri Cartier-Bressons “entscheidenden Augenblick”, der ihn offensichtlich gar nicht interessiert. Ihm gehe es vielmehr um den Moment davor und danach. Leider fotografieren 99 Prozent aller Menschen so – was soll jetzt also das Besondere daran sein? Und dass Arno Fischer das “Rennpferd der Modefotografie in der Deutschen Demokratischen“ gewesen sein soll, wie er sagt, ist mir ebenfalls ein Rätsel. Schließlich gibt er zu, dass er nur „wenige technische Kenntnisse“ gehabt habe und er erst im Laufe der Zeit “ein Gespür dafür entwickelt habe, was Mode sein könne.”  Für mich klingt das nach einem Schlag ins Gesicht seiner Frau Sibylle Bergemann, die in meinen Augen die weitaus größere Mode-Fotografin war. Warum bekommt sie eigentlich keine Retrospektive?

Ironischerweise kleben an einer Ausstellungswand auch noch Arno Fischer-Zitate, bei denen ich mich wirklich fragen muss, ob sich die Organisatoren überhaupt einmal die dazugehörigen Bilder angeschaut haben. Da steht tatsächlich: „Man muss nicht komponieren, die Welt ist Komposition“ und „Wenn ich an einer Bushaltestelle einen Mann fotografiere, der auf den Bus wartet, muss auf dem Foto mehr zu sehen sein als ein Mann, der auf einen Bus wartet.“  Für mich ist Arno Fischer das Gegenteil von Henri Cartier-Bresson. Den halte ich auch nicht für so genial wie die Allgemeinheit immer schwärmt, aber im Vergleich zu Fischer ist er tatsächlich ein Gott. Ihm hätte ich diese beiden Sätze kommentarlos abgenommen – Arno Fischer hingegen nicht.

Toll finde ich allerdings seine Polaroids aus dem Garten. Die sind frisch, lebendig und gleichzeitig meditativ. Da muss er aber auch niemandem die Kamera ins Gesicht halten.

Wer mag, kann sich ja ein eigenes Bild von Arno Fischers Werk machen. Gelegenheit dazu gibt es bis zum 3. Januar 2010 in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn.

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