Eadweard Muybridge in der Tate Britain

Wer in den nächsten zwei Wochen eine Reise nach London plant, dem möchte ich die sehr schön und liebevoll gestaltete Retrospektive Eadweard Muybridge in der Tate Britain ans Herz legen – leider endet sie bereits am 16. Januar.

Der 1830 geborene Brite Muybridge war Fotograf, Forscher und Tüftler, der mit seinen Bildern von Bewegungsabläufen unter anderem den Beweis lieferte, dass Pferde während des Galopps alle vier Hufe gleichzeitig in der Luft haben. Das klingt heute selbstverständlich und wurde damals auch vermutet – gesehen hatte dies aber noch niemand, da die Bewegung zu schnell für das menschliche Auge ist. Erst der Millionär und Rennstallbesitzer Leland Stanford beauftragte Muybridge, der eigentlich Edward James Muggeridge hieß, den fotografischen Beweis zu erbringen.

Der legte sich mächtig ins Zeug und drehte den Spieß quasi um, schließlich gab es noch keine Hochgeschwindigkeitskameras mit Serienbildfunktion – statt mit einer einzigen Kamera möglichst viele Bilder aufzunehmen, setzte er also zwölf (und später sogar bis zu 24 Kameras) ein, die er dicht hintereinander entlang der Strecke postierte. Die Kameras hatten Schlitzverschlüsse, die durch Fäden mit der Strecke verbunden waren. Trat jemand drauf, fiel der Verschluss herunter und belichtete das Negativ. Im Grunde machte das Pferd Selbstporträts.

Weil Muybridge mit den Ergebnissen nicht immer zufrieden war, setzte er später einen elektromagnetischen Schaltmechanismus ein, der die Verschlüsse auslöste, und danach sogar eine Schaltuhr, die die Verschlüsse automatisch nacheinander auslöste. Schließlich entstanden im kalifornischen Palo Alto des Jahres 1878 zwölf Reihenbilder des Rennpferdes Sallie Gardner in weniger als einer halben Sekunde und mit Belichtungszeiten von weniger als einer tausendstel Sekunde.

Es folgten Aufnahmen von anderen Tieren und vor allem auch von Menschen, die unterschiedlichste Bewegungen ausführten – vom Fechten übers Tanzen bis zum Wasser ausschütten. Mit seinem selbstentwickelten Projektor, dem Zoopraxiscope, hauchte Muybridge den ohnehin schon faszinierenden eingefrorenen Bildern wieder Leben ein und schuf damit gleichzeitig die Grundlage für den modernen Film. Außerdem hatte er großen Einfluss auf die Maler und Bildhauer seiner Zeit und darüber hinaus – selbst Francis Bacon ließ sich von ihm inspirieren, weil er Muybridges hohe Präzision schätzte: „He created a visual dictionary of movement, a living dictionary.“

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Muybridge lediglich auf seine bahnbrechenden Bewegungsstudien zu reduzieren. Bereits zu Lebzeiten war er ein bekannter Landschaftsfotograf, der berühmte Aufnahmen des Yosemite-Nationalparks machte und im Auftrag der US-Regierung das neu erworbene Territorium Alaska dokumentierte. Die Londoner Ausstellung zeigt vieler seiner beeindruckender Aufnahmen und Stereoskopien – und verschweigt nicht, zu welchen Mitteln er mitunter griff, um „sein“ Bild zu bekommen: Für die richtige Perspektive nahm er lebensgefährliche Positionen ein und ließ auch schon mal einen Baum fällen, wenn er es für richtig hielt – mich erinnert das ein wenig an Bernd und Hilla Becher, die während der Arbeit ja auch nicht gerade zimperlich waren.

Ein ebenfalls schönes Detail: Den „Pigeon Point“-Leuchtturm hat er 1873 zwar zweimal und aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen, der Himmel ist in beiden Bildern aber exakt der gleiche und findet sich auch in der Aufnahme des sich im Bau befindlichen Rathauses von San Francisco wieder – aus technischen Gründen hat er ihn einfach in die anderen Aufnahmen eingefügt. Manipuliert wurden Fotografien also schon immer – und nicht erst seit der Erfindung von Photoshop.

Links: Tate Britain