„Tƍhoku“ von Hans-Christian Schink

Wir alle haben die Schreckensbilder vor Augen, die nach dem Erdbeeben von Tƍhoku und dem dadurch ausgelösten Tsunami mit dem anschließenden Super-Gau von Fukushima um die Welt gingen. Der deutsche Fotograf Hans-Christian Schink ist ein Jahr spĂ€ter in die Region gereist und hat das zerstörte KĂŒstengebiet dokumentiert. Dass er sich dabei der Bildsprache des New Topographic bedient, unterscheidet ihn von anderen Fotografen wie beispielsweise Paolo Pellegrin, gegen dessen Schwarzweiß-TrĂŒmmer-Ästhetik sich kein Betrachter wehren kann. Schinks Aufnahmen wirken hingegen sehr prĂ€zise, aber unaufdringlich komponiert und zurĂŒckhaltend im Ausdruck. Es sind Landschaften, die erst vom Menschen „zerstört“ weil verĂ€ndert wurden, und die die Natur nun wiederum zerstört und sich somit zurĂŒckerobert hat.

Am ergreifendsten und vielschichtigsten ist dabei die Aufnahme, in der Schink von einem HĂŒgel aus auf die ƌtsuchi-Bucht herunter fotografiert hat: Im Hintergrnd sehen wir friedlich das Meer, in der Bildmitte das zerstörte Land mit wenigen restlichen HĂ€usern – und im Vordergrund den unberĂŒhrten Friedhof, auf dem sich die Bewohner wĂ€hrend des Tsunamis gerettet haben. Mich erinnert die Aufnahme auch an „Bethlehem, Pennsylvania“, das 1935 Walker Evans und 51 Jahre spĂ€ter Bernd und Hilla Becher als Hommage an Evans aufgenommen haben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April im Forum fĂŒr Fotografie, Schönhauser Straße 8, Köln zu sehen. Im Hatje Cantz Verlag ist zudem das Buch „Tƍhoku“ erschienen. Es hat 132 Seiten und kostet 39,80 Euro.

Link: Forum fĂŒr Fotografie

Amazon: Hans-Christian Schink: Tohoku


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Fotobuchweihnachtsverlosung 5/6

Die fĂŒnfte und vorletzte Runde meiner weihnachtlichen Fotobuchverlosungsaktion, bei der ich von den Verlagen Hatje Cantz, Kehrer, Peperoni Books, Phaidon, Prestel sowie Scheidegger & Spiess unterstĂŒtzt werde, hat begonnen.

Heute mĂŒsst ihr euch entscheiden, denn es gibt sogar zwei verschiedene BĂŒcher zu gewinnen! Der Verlag Scheidegger & Spiess hat mir sowohl ein Exemplar von Ansichtssache als auch ein Exemplar von Concrete fĂŒr die Aktion zur VerfĂŒgung gestellt. In „Ansichtssache“ von Stephan Kunz und Köbi Gantenbein geht es um den  Stellenwert, den die Architektur im schweizerischen GraubĂŒnden seit dem 19. Jahrhundert hat. Das klingt SEHR speziell und ist es auch – und dennoch ein wundbares Lese-Foto-Buch, das ich allen Architekturfotografiefans ans Herz legen möchte. “Weil aber in erster Linie Fotografien betrachtet werden, steht nicht die Geschichte der Architektur in diesem Kanton im Zentrum. Vielmehr geht es um die Sicht der Fotografen und um die Frage, wie sich diese im Laufe der Zeit verĂ€ndert hat. Was steht wann, wie und warum im Fokus?”, erklĂ€ren die Herausgeber im Vorwort und unterstreichen diesen besonderen Aspekt direkt mit einer Reihe von Aufnahmen, die die Fotografen Katalin DeĂ©r, Christian Kerez, Claudio Moser, Stephan Schenk und Gaudenz Signorell von der St. Nepomuk-Kapelle in Oberrealta gemacht haben. „Ansichtssache“ hat 384 Seiten mit 117 farbigen und 136 schwarzweiße Abbildungen und kostet 48 Euro.

Ganz Ă€hnlich, dabei jedoch nicht auf einen einzigen Ort konzentriert ist „Concrete“. Herausgegeben wurde es von Daniela Janser, Thomas Seelig und Urs Stahel und zeigt Fotografien unter anderem von William Henry Fox Talbot, Hiroshi Sugimoto, Tobias Zielony, Michael Wesely, Georg Aerni, Andreas Gursky, Walker Evans und Moriz NĂ€hr. Ausgangspunkt des Buches ist, dass Architektur das Motiv des ersten fotografischen Bildes ĂŒberhaupt war: Joseph NicĂ©phore NiĂšpces Sicht aus seinem Arbeitszimmer auf die HĂ€user im französischen Le Gras von 1826. In „Concrete“, das ich bereits als Standard-Werk fĂŒr die Architekturfotografie ansehe, geht es um das Wechselspiel zweier Weltanschauungen, die miteinander kooperieren. Auf der einen Seite die Architektur als Spiegel der Zeit, auf der anderen Seite eben die Fotografie jener Zeit mit all ihren eigenen EinflĂŒssen, die auf die aktuelle oder bereits Ă€ltere Architektur schaut. „Concrete“ hat 440 Seiten mit 156 farbigen und 157 schwarzweißen Abbildungen und kostet 87 Euro.

Wenn ihr ein Exemplar von “Ansichtssache” oder „Concrete“ gewinnen wollt, mĂŒsst ihr unter diesem Beitrag nur einen Kommentar mit eurem vollstĂ€ndigen Namen und eurer E-Mail-Adresse bis heute um 23.59 Uhr hinterlassen. Bitte schreibt außerdem dazu, welches Buch ihr haben möchtet! Unter allen Teilnehmern wird per Zufallsgenerator ein Exemplar verlost. Der Gewinner wird unter dem Beitrag genannt und erhĂ€lt das Buch direkt vom Verlag zugesendet – allerdings nur an Postadressen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Gewinne können nicht in bar ausgezahlt werden. Viel GlĂŒck und viel Spaß!

UPDATE: Der Zufallsgenerator hat entschieden. Gewinner von “Ansichtssache“ ist Kommentar 10, Verena Loewenhaupt. Gewinner von „Concrete“ ist Kommentar 7, Marcel Haag. Herzlichen GlĂŒckwunsch und viel Spaß mit den BĂŒchern!

Amazon: Ansichtssache.150 Jahre Architekturfotografie in GraubĂŒnden, Concrete – Architektur und Fotografie

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Robert Adams im Josef Albers Museum Quadrat

Eigentlich ist es schon ein bisschen spĂ€t fĂŒr eine Besprechung der Robert Adams-Retrospektive im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop, schließlich lĂ€uft sie ja schon eine ganze Weile. Aber erstens habe ich sie jetzt erst gesehen, zweitens wurde sie bis zum 10. November verlĂ€ngert und drittens ist sie auch einfach sehr interessant.

Ich kannte Robert Adams bislang nur von seinen Meeres-Fotos, die ich 2009 mal in der Galerie Thomas Zander gesehen habe, und natĂŒrlich seinen Beitrag zur New Topographics-Ausstellung im Jahr 1975, dessen Rekonstruktion ja 2011 in der Kölner SK Stiftung gezeigt wurde. Adams ist einer der großen US-Fotografen und dennoch nur wenig bekannt – was zum einen daran liegen mag, dass er ungern im Rampenlicht steht und beispielsweise schon lĂ€nger eigentlich nicht mehr verreist. Sicherlich liegt es aber vor allem an seinen zurĂŒckhaltenden, eher subtilen Bildern. Dennoch haben sie eine sehr eigene Kraft und auch eine klare Aussage – etwas, was ich leider bei vielen anderen Fotografen vermisse.

Denn Robert Adams, geboren 1937, beschĂ€ftigt sich seit 40 Jahren mit der Landschaft des amerikanischen Westens – und vor allem mit den VerĂ€nderungen durch eine stetig zunehmende Besiedelung, aber auch mit den Erscheinungen und Folgen von Konsum und Kapitalismus. Seine Bilder sind dabei selten spektakulĂ€r und auch nie ironisch-böse wie man es bisweilen bei seinen Landsleuten Mitch Epstein oder Joel Sternfeld sieht. Letztere fotografieren zudem auch in Farbe, wĂ€hrend Adams bis heute in Schwarzweiß fotografiert und seine AbzĂŒge auch selbst in seiner kleinen Dunkelkammer zu Hause produziert. Die AbzĂŒge sind dementsprechend auch Old School-mĂ€ĂŸig kleinformatig.

Die Ausstellung hat – wie so oft bei Retrospektiven, schließlich will man eine GesamtĂŒbersicht bieten – natĂŒrlich auch ihre weniger aufregende Passagen. Vier Serien Adams‘ finde ich aber besonders hervorstechend. Da ist zum einen „The New West“, mit der er 1974 auch bekannt geworden ist und die gemeinsam mit Walker Evans‘ „American Photographs“, Robert Franks „The Americans“ und Stephen Shores „Uncommon Places“ in einem Atemzug genannt werden kann und muss. Ebenfalls sehr bewegt hat mich zudem „Los Angeles Spring“ als zĂ€rtlich-intime Beobachtungen der Natur in der Großstadt, „Turning Back“ ĂŒber zerstörte WĂ€lder und „Summer Nights“, wo ich plötzlich einen Ursprung fĂŒr Todd Hidos Fotografie gesehen haben will. Es gibt also viel zu entdecken!

Walker Evans’s American Photographs, Robert Frank’s The Americans, and Stephen Shore’s Uncommon Places – See more at: http://www.aperture.org/shop/the-new-west#sthash.tNg6hkCd.dpuf
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Link: Josef Albers Museum Quadrat

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„The Bitter Years“ in Dudelange

Im Centre national de l’audiovisuel (CNA) im kleinen Örtchen Dudelange in Luxemburg ist seit Ende September die Ausstellung „The Bitter Years“ von Kurator Edward Steichen zu sehen. „Edward Steichen?“, werden nun sicher einige denken. „Der ist doch lĂ€ngst tot!“ Richtig. Aber seine Ausstellung, die 1962 im MoMa gezeigt wurde, war ihm so wichtig, dass er sie danach seinem Heimatland schenkte – natĂŒrlich verbunden mit der Hoffnung, dass sie dort dauerhaft zu sehen sein wird. Damit ist „The Bitter Years“ bereits die zweite Steichen-Dauerausstellung in dem Großherzogtum – The Family of Man ist bereits seit 1994 in Clervaux zu sehen.

Zu sehen sind etwas mehr als 80 der insgesamt 202 Bilder umfassenden Originalausstellung. Steichen hatte damals die Ergebnisse des Fotografieprojektes der Farm Security Administration (FSA) zusammenfasst, die zwischen von 1935 und bis 1944 immer wieder Fotografen losgeschickt hat, um die Auswirkungen der „Great Depression“ zu dokumentieren und ihre „Opfer“, die verarmte Landbevölkerung, zu begleiten. Einige Aufnahmen, besonders die von Walker Evans und Dorothea Lange, gehören heute zu den Ikonen der Fotografiegeschichte, andere sind hingegen nahezu unbekannt.

Parallel dazu eröffnete ĂŒbrigens auch die Ausstellung „Coexistence“ von Stephen Gill. Der Brite wurde beauftragt, das industrielle Erbe der Stadt mit der Thematik der Steichen-Ausstellung zu verbinden und verbrachte sechs Wochen vor Ort. Seinem Ruf als experimenteller FotobuchkĂŒnstler wurde er dabei wieder mehr als gerecht.

Meine ausfĂŒhrliche Besprechung ist in der Photonews erschienen.

Link: Steichen Collections

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„A New American Picture“ von Doug Rickard

Zugegeben: Ganz neu ist „A New American Picture“ von Doug Rickard nicht mehr – bereits vor zwei Jahren ist es im kleinen Verlag White Press erschienen. Da die Auflage lediglich 250 Exemplare betrug und der Verkaufspreis bei 150 Euro lag, entzog es sich allerdings einem grĂ¶ĂŸeren Publikum.

Das soll sich nun Ă€ndern, denn Aperture und der Verlag der Buchhandlung Walther König haben dieses SchĂ€tzchen nun noch einmal gemeinsam herausgebracht (144 Seiten, 45 Euro). Das Besondere: Doug Rickard ist ein Street-Photographer der virtuellen Welt. Zwei Jahre lang ist er auf den Straßen von Google Street View durch die USA „gereist“ und hat Orte wie Detroit, Baltimore und New Orleans, die Bronx, Memphis und Dallas, aber auch weit weniger Bekanntes wie Okeechobee, Norfolk und North Tunica besucht. Die sich auf seinem Monitor ausbreitenden Landschaften hat er dann mit der Kamera abfotografiert.

Dabei ist er nicht der Einzige, der so seine Bilder findet: Auch Michael Wolf und Jon Rafman haben sich fĂŒr ihre Serien bei Google Street View bedient – allerdings mit anderen Absichten: Interessieren sich Wolf und Rafman fĂŒr mehr oder weniger absurde, bizarre, bedrohliche, lustige, ĂŒberraschende, spektakulĂ€re, also „besondere“ Situationen, durchforstet Rickard das Google-Archiv nach betont alltĂ€glichen Straßenszenen und zeigt das trostlose, heruntergekommene Amerika der weitlĂ€ufigen VorstĂ€dte, in denen Menschen meist vereinzelt auftauchen. In gewisser Weise folgt Rickard der Tradition von Walker Evans und natĂŒrlich Robert Frank, William Eggleston und Stephen Shore – nur ist seine Vorgehensweise außergewöhnlich. Wenn man so will, definieren die Google-Aufnahmen den Begriff der „demokratischen Fotografie“ neu.

Mich persönlich erinnert „A New American Picture“ ĂŒbrigens auch vereinzelt an „RFK“ von Paul Fusco, eines meiner LieblingsbĂŒcher. NatĂŒrlich gibt es massive Unterschiede – von Google werden die Menschen in ihrem Alltag ĂŒberrascht, bei Fusco herrscht Ausnahmezustand und die Menschen stehen in Gruppen zusammen und warten trauernd auf den Zug, auf dem der Sarg von Robert F. Kennedy transportiert wird. Dennoch: Sowohl bei Fusco als auch nun bei Rickard werden Menschen in einer mehr oder weniger zufĂ€lligen und doch festgelegten Landschaft und immer aus der gleichen, leicht erhöhten Perspektive von der Straße beziehungsweise von den Schienen aus fotografiert. Außerdem schauen sie hĂ€ufig in Richtung der Kamera und werden somit in einer Situation aufgenommen, in denen sie nicht damit rechnen, fotografiert zu werden – und es möglicherweise in beiden Situationen auch gar nicht mitbekommen.

Was mich an dem Buch leider stört, ist die langweilige und uninspirierte Gestaltung der Text-Passagen – da hĂ€tte man noch viel mehr herausholen können, auch im Hinblick auf die grafischen Besonderheiten von Google Street View selbst. Ansonsten halte ich „A New American Picture“ fĂŒr ein unerlĂ€ssliches Standardwerk, das die Fotografie unter neuen Vorzeichen unter die Lupe nimmt und dem New Topographic-Movement einen weiteren Aspekt hinzufĂŒgt.

Link: Aperture, Buchhandlung Walther König, 9-Eyes, Paul Fusco

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Walker Evans in der SK Stiftung Kultur

Wer sich mit Fotografie beschĂ€ftigt, kommt ĂŒber kurz oder lang nicht an Walker Evans vorbei: Der 1975 verstorbene Amerikaner gehört zu den großen Fotografiepersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Er hat den sogenannten „dokumentarischen Stil“ entscheidend geprĂ€gt und zahlreiche Fotografen beziehen sich auf ihn. Zudem war Evans der erste Fotograf ĂŒberhaupt, dem das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung gewidmet hat. Das war 1938. Damals ist auch ein Katalog erschienen, den nun, 75 Jahre spĂ€ter, der Schirmer/Mosel Verlag erstmals auf deutsch veröffentlicht hat (208 Seiten, 39,80 Euro).

Umso erstaunlicher ist, dass noch nie eine Walker Evans-Retrospektive in Deutschland zu sehen war. Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur Ă€ndert dies gerade und zeigt in der Ausstellung „Decade by Decade“ ĂŒber 200 OriginalabzĂŒge aus den Jahren 1928 bis 1974, wodurch „alle Schaffensphasen von Evans beleuchtet, die KontinuitĂ€t seines Arbeitsansatzes verdeutlicht und ein neu reflektierter Rezeptionsweg beschritten wird“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Seine Ikonen der Dokumentarfotografie stehen wie selbstverstĂ€ndlich in einer Reihe von weitgehend unbekannten Aufnahmen wie Typologien und drittklassigen PortrĂ€ts und wir folgen Evans auf seinen wenigen Reisen außerhalb der USA – beispielsweise nach Tahiti und Kuba. Die Ausstellung endet schließlich mit seinen bemerkenswerten und extrem grafischen Farbpolaroids von Fahrbahnmarkierungen und Details aus Hausbeschilderungen und Werbeschildern.

Sehr spannend fand ich persönlich auch die Ausstellung in den beiden KabinettrĂ€umen, in denen Arbeiten von Fotografen gezeigt werden, die sich entweder auf Evans beziehen oder (im Fall von EugĂšne Atget) auf die sich Evans selbst bezieht – darunter sind beispielsweise William Christenberry, Jim Dine, Lee Friedlander, Candida Höfer, Wilhelm SchĂŒrmann, Stephen Shore und auch Bernd und Hilla Becher.

Von Letzteren gibt es eine Aufnahme zu sehen, die sie 1986 in Bethlehem/Pennsylvania gemacht haben. Es zeigt, fĂŒr die Bechers untypisch, ein in drei Ebenen aufgeteilten Bild: Im Hintergrund sieht man eine Industrienlage, im Mittelgrund eine Reihenhaussiedlung und im Vordergrund einen Friedhof. Interessanterweise haben die Kuratoren in einer Vitrine einen kleineren Abzug des Bilder neben einem Bild von Walker Evans platziert, der 50 Jahre zuvor den selben Ort fotografiert hat. Mal abgesehen davon, dass sich die Bechers mit dem Bild vor Walker Evans verneigen wollten, haben sie meiner Meinung nach auch noch das bessere weil subtilere Foto gemacht.

Die Ausstellung „Decade by Decade“ lĂ€uft noch bis zum 20. Januar 2013. Außerdem ist bei Hatje Cantz der Katalog zur Retrospektive erschienen. Er hat 256 Seiten und kostet 49,80 Euro.

Links: SK Stiftung, Hatje Cantz, Schirmer/Mosel

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Eröffnungen der Photoszene VI

Hier kommen meine letzten Eröffnungstipps zur 21. Internationalen Photoszene Köln, die heute im Ksta erschienen sind. Darunter sind Ausstellungen von Jörg GlĂ€scher, HĂ©lĂšne Binet, Peter H. FĂŒrst und Walker Evans.

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Sherrie Levine bei Jablonka Pasquer Projects

Es ist schon starker Tobak, was Sherrie Levine da macht: 1981 hat sie ihren Werkzyklus „After Walker Evans“ vorgestellt, fĂŒr den sie die bekannten Fotografien von eben Walker Evans, die er in der Zeit der Großen Depression in den USA aufgenommen hatte, aus einem Katalog abfotografiert und anschließend ausgestellt hat. Das war damals provokativ und in gewisser Weise auch „richtig“, denn es geht bei der so genannten Appropriation Art und besonders bei der Fotografie immer auch um die Frage nach dem Original und der Kopie. 30 Jahre spĂ€ter macht Levine das allerdings immer noch – und hat fĂŒr die Ausstellung bei Jablonka Pasquer Projects Arbeiten von August Sander abfotografiert.

Auf mich wirkt diese Vorgehensweise wie eine moderne Variante des Hans Christian Andersen-MĂ€rchens „Des Kaisers neue Kleider“ – und ich fĂŒhle mich ein wenig wie das Kind, das schreit „Aber er hat ja gar nichts an!“. Man kann sich zu jedem Thema einen fantastisch-theoretischen Überbau konstruieren – man sollte allerdings darauf achten, dass am Ende keine Kopfgeburt herauskommt. Und vor allem sollte man den Betrachter nicht fĂŒr dĂŒmmer verkaufen als er ist.

Meine Besprechung, die heute im Ksta erschienen ist, findet ihr hier.

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Jeff Wall im Bozar in BrĂŒssel

Der Kanadier Jeff Wall gehört zu den wichtigsten Fotografen der Gegenwart. In seinen Bildern zitiert er hĂ€ufig die Kunstgeschichte, ohne dass sie deshalb nĂŒchtern oder akademisch wirken. Vor allem gelingt es ihm meist, dass seine Bilder wie Dokumentationen wirken, tatsĂ€chlich aber bis ins kleinste Detail inszeniert sind.

In der großen Ausstellung „The Crooked Path“ zeigt der Palast der Schönen KĂŒnste – Bozar in BrĂŒssel nun 25 Arbeiten von Jeff Wall und stellt sie 130 Arbeiten anderer KĂŒnstler gegenĂŒber, die Wall inspirieren und begleiten – darunter natĂŒrlich auch zahlreiche Fotografen wie August Sander, Bernd und Hilla Becher, Hans-Peter Feldmann, Andreas Gursky, Thomas Struth, Stephen Shore, Walker Evans und Robert Frank.

Meine ausfĂŒhrliche Besprechung ĂŒber diese besondere Ausstellung ist heute im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen und gibt es hier.

Link: Bozar

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„Tokyo Compression“ von Michael Wolf

Bereits auf dem Cover der Oktober-Photonews hat mich die Serie „Tokyo Compression“ von Michael Wolf sofort angesprochen. Nun ist bei Peperoni Books (28 Euro) das dazugehörige Buch erschienen – und ich finde es großartig. Das liegt natĂŒrlich vor allem an den Bildern, denn das Buch selbst ist gestalterisch eher unauffĂ€llig: Meist auf Doppelseiten stehen sich die Bilder gegenĂŒber, und viel Platz drumherum gibt es auch nicht – aber warum sollten es die Bilder besser haben als die Menschen, die sie zeigen?

Denn der in Hongkong lebende laif-Fotograf Michael Wolf  hat Menschen in den ZĂŒgen der Tokyoter U-Bahn fotografiert. Aber nicht im Stil von Bruce Davidson, Walker Evans, Loredana Nemes oder Bill Sullivan. Wolf hat sich auf den Bahnsteig gestellt und durch die Scheiben die eingepferchten, eingequetschten Menschen in den Waggons festgehalten. Entstanden sind dabei sehr nahe, persönliche und traurige PortrĂ€ts von Fremden, die fĂŒr wenige Augenblicke vor seiner Linse erschienen, bevor ihre Reise weiter ging und sie in den dunklen Tunnel der U-Bahn verschwanden. Es sind Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zurĂŒck nach Hause – im Anzug und mit Krawatte, das Mobiltelefon in der Hand und die Kopfhörer im Ohr, wĂ€hrend das Gesicht mĂŒde gegen die Scheibe gepresst wird. Viele scheinen im Stehen zu schlafen oder zu dösen, als wĂŒrden sie der unmenschlichen Enge dadurch zumindest mental entfliehen können.

Andere, wenn auch nur wenige, schauen direkt in das Objektiv – aber ihr Blick wirkt nicht ĂŒberrascht oder gar ablehnend, sondern resigniert und gleichgĂŒltig wie der einer Hindu-Kuh: Sie sehen den Fotografen, den Voyeur, der sie in dieser unfreiwillig intimen Situation beobachtet, aber sie wehren sich nicht, weil sie es entweder nicht können, oder aber, weil es ihnen einfach egal ist. Gleichzeitig wird der Blick durch die hĂ€ufig beschlagenen Scheiben und das herunterlaufende Kondenswasser getrĂŒbt – die klaustrophobische Enge wird fĂŒr den Betrachter fast körperlich spĂŒrbar. Doppelt zynisch klingt in diesem Zusammenhang der Warnhinweis auf den Scheiben: „Please take care when the doors open“ – fĂŒr mich mĂŒsste es eigentlich „Please take care when the doors close“ heißen.

Einziger Wehmutstropfen ist die teilweise schlechte technische BildqualitĂ€t – einige Bilder wirken pixelig und verrauscht, was ich darauf zurĂŒckfĂŒhre, dass Wolf manche Ausschnitte erst spĂ€ter festgelegt hat und deshalb mit starken VergrĂ¶ĂŸerungen arbeiten musste. Das ist ein wenig schade, Ă€ndert aber dennoch nichts daran, dass Wolf mit „Tokyo Compression“ ein sehr eigenstĂ€ndiger und vor allem emotionaler Zugang zu diesem Thema gelungen ist. FĂŒr mich schließt sich dieses Buch deshalb auch kongenial an das erst kĂŒrzlich hier vorgestellte How Terry likes his coffee von Florian van Roekel an, das auf eine sehr geschickte Art und Weise den trostlosen Alltag vieler BĂŒroangestellter dokumentiert.

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