“Life in Cities” von Michael Wolf

Letztes Jahr gab es die Ausstellung “Life in Cities” von Michael Wolf bereits beim Fotografiefestival Les Rencontres de la Photographie in Arles zu sehen, nun l├Ąuft sie im Fotomuseum Den Haag (noch bis zum 22. April) und im Herbst soll sie Station im Haus der Photographie in Hamburg machen. In der von Wim van Sinderen kuratierten Schau geht es vor allem um die Fragen, unter welchen Bedingungen wir leben und arbeiten, welchen Preis wir daf├╝r zahlen m├╝ssen und vor allem: wof├╝r eigentlich?

Michael Wolfs bekannte Serie “Tokyo Compression” mit in U-Bahn-Waggons eingepferchten Passagieren ist genauso dabei wie seine Hochhaus-Szenarien aus “Architecture of Density” und “Transparent City”, aber auch die riesige Wandinstallation “Toy Story” und seine Google-Street-View-Arbeiten.

Meine Besprechung der Ausstellung ist u.a. in der taz erschienen und gibt es hier als PDF.

Link: Fotomuseum Den Haag

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“The Mother Road” von Hans Gremmen

Katja Stuke hat mich beim D├╝sseldorfer Book Salon auf Hans Gremmen und sein Projekt “The Mother Road” gebracht. Das sei die beste Arbeit, die bislang mit Google Street View-Bildern gemacht wurde, meinte sie. Ob es tats├Ąchlich die Beste ist, wei├č ich nicht, aber ich finde sie ebenfalls gro├čartig, weil sie extrem konsequent weitergedacht ist. Und weil sie nicht auf das Au├čergew├Âhnliche in den Bildern setzt wie beispielsweise Michael Wolf oder Jon Rafman oder auf das Allt├Ągliche wie bei Doug Rickard, die daf├╝r tage-, wochen- und monatelang das Internet durchst├Âbert haben.

Hans Gremmen hat auch viel Zeit mit Google Street View verbracht. Vielleicht sogar mehr Zeit als die drei Obengenannten zusammen. Aber er war nicht auf der Suche – er hatte die Bilder bereits gefunden und musste sie nur noch abfotografieren beziehungsweise … ja, wie hei├čt das ├╝berhaupt? “Screenshotten”? Denn der Niederl├Ąnder ist die komplette Route 66 virtuell “nachgefahren” – St├╝ck f├╝r St├╝ck, Bild f├╝r Bild, Mausklick f├╝r Mausklick. Vier Monate lang jeden Abend f├╝r ein paar Stunden. 151.000 Mal hat er dabei den Bildschirm kopiert, die Bilder aneinander gereiht und zu einer Art Stop-Motion-Film verarbeitet. Was f├╝r eine Flei├čarbeit! Vor allem aber hat Gremmen das “Prinzip Street View” ins Gegenteil verkehrt: Aus Fotos, die beim Fahren entstanden sind, macht er eine Fahrt, die aus Fotos entsteht.

Dabei passiert etwas spannendes: Die wohl emotional und mythisch aufgeladenste Stra├čenverbindung in den USA wirkt in diesem virtuellen Roadmovie vollkommen trivial und beinahe erm├╝dent trist. Der Zauber von Freiheit und Pioniergeist, der der Route 66 bis heute innewohnt, ist l├Ąngst verflogen und wird bei Gremmen zus├Ątzlich entzaubert, indem man die Reise auf der auch als “Mother Road” oder “America’s Mainstreet” bezeichneten Strecke nun bequem vom Wohnzimmersessel aus machen kann – und die virtuelle Kompassnadel in der oberen Bildecke tanzt dazu. Die Freiheit besteht im Jahr 2013 also nicht darin, als einsamer Wolf auf einem Motorrad quer durch die USA zu reisen, sondern sich im Internet alle Informationen zu beschaffen, die einem zur Verf├╝gung gestellt werden. Aber auch das kann ein sehr einsames Unterfangen sein.

Ob man sich “The Mother Road” tats├Ąchlich komplett anschaut, ist bei einer Filml├Ąnge von ├╝ber f├╝nf Stunden fraglich. Aber man k├Ânnte es, denn Gremmen hat den Film auf zwei DVDs gebannt. Weil es zudem noch ein zw├Âlfseitiges Booklet gibt, gilt das fertige Produkt ├╝brigens als Buch und nicht als DVD, was den erm├Ą├čigten Steuersatz zur Folge hat. Aber auch mit dem vollen Satz w├Ąre “The Mother Road” noch erschwinglich – die beiden DVDs sind in einer 1000er Auflage erschienen und kosten gerade einmal 12 Euro.

Link: Hans Gremmen

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“A New American Picture” von Doug Rickard

Zugegeben: Ganz neu ist “A New American Picture” von Doug Rickard nicht mehr – bereits vor zwei Jahren ist es im kleinen Verlag White Press erschienen. Da die Auflage lediglich 250 Exemplare betrug und der Verkaufspreis bei 150 Euro lag, entzog es sich allerdings einem gr├Â├čeren Publikum.

Das soll sich nun ├Ąndern, denn Aperture und der Verlag der Buchhandlung Walther K├Ânig haben dieses Sch├Ątzchen nun noch einmal gemeinsam herausgebracht (144 Seiten, 45 Euro). Das Besondere: Doug Rickard ist ein Street-Photographer der virtuellen Welt. Zwei Jahre lang ist er auf den Stra├čen von Google Street View durch die USA “gereist” und hat Orte wie Detroit, Baltimore und New Orleans, die Bronx, Memphis und Dallas, aber auch weit weniger Bekanntes wie Okeechobee, Norfolk und North Tunica besucht. Die sich auf seinem Monitor ausbreitenden Landschaften hat er dann mit der Kamera abfotografiert.

Dabei ist er nicht der Einzige, der so seine Bilder findet: Auch Michael Wolf und Jon Rafman haben sich f├╝r ihre Serien bei Google Street View bedient – allerdings mit anderen Absichten: Interessieren sich Wolf und Rafman f├╝r mehr oder weniger absurde, bizarre, bedrohliche, lustige, ├╝berraschende, spektakul├Ąre, also “besondere” Situationen, durchforstet Rickard das Google-Archiv nach betont allt├Ąglichen Stra├čenszenen und zeigt das trostlose, heruntergekommene Amerika der weitl├Ąufigen Vorst├Ądte, in denen Menschen meist vereinzelt auftauchen. In gewisser Weise folgt Rickard der Tradition von Walker Evans und nat├╝rlich Robert Frank, William Eggleston und Stephen Shore – nur ist seine Vorgehensweise au├čergew├Âhnlich. Wenn man so will, definieren die Google-Aufnahmen den Begriff der “demokratischen Fotografie” neu.

Mich pers├Ânlich erinnert “A New American Picture” ├╝brigens auch vereinzelt an “RFK” von Paul Fusco, eines meiner Lieblingsb├╝cher. Nat├╝rlich gibt es massive Unterschiede – von Google werden die Menschen in ihrem Alltag ├╝berrascht, bei Fusco herrscht Ausnahmezustand und die Menschen stehen in Gruppen zusammen und warten trauernd auf den Zug, auf dem der Sarg von Robert F. Kennedy transportiert wird. Dennoch: Sowohl bei Fusco als auch nun bei Rickard werden Menschen in einer mehr oder weniger zuf├Ąlligen und doch festgelegten Landschaft und immer aus der gleichen, leicht erh├Âhten Perspektive von der Stra├če beziehungsweise von den Schienen aus fotografiert. Au├čerdem schauen sie h├Ąufig in Richtung der Kamera und werden somit in einer Situation aufgenommen, in denen sie nicht damit rechnen, fotografiert zu werden – und es m├Âglicherweise in beiden Situationen auch gar nicht mitbekommen.

Was mich an dem Buch leider st├Ârt, ist die langweilige und uninspirierte Gestaltung der Text-Passagen – da h├Ątte man noch viel mehr herausholen k├Ânnen, auch im Hinblick auf die grafischen Besonderheiten von Google Street View selbst. Ansonsten halte ich “A New American Picture” f├╝r ein unerl├Ąssliches Standardwerk, das die Fotografie unter neuen Vorzeichen unter die Lupe nimmt und dem New Topographic-Movement einen weiteren Aspekt hinzuf├╝gt.

Link: Aperture, Buchhandlung Walther K├Ânig, 9-Eyes, Paul Fusco

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Deutscher Fotobuchpreis 2011

W├Ąhrend ihrer Tour hat die Wanderausstellung Deutscher Fotobuchpreis 2011 im K├Âlner Forum f├╝r Fotografie einen Halt eingelegt. Zu sehen sind die 20 mit “Gold” und “Silber” ausgezeichneten B├╝cher sowie die zahlreichen Nominierungen aus den Kategorien “Fotobildb├Ąnde”, “Fototheorie” und “Fotolehrbuch” – darunter auch einige Fotob├╝cher, die ich bereits auf meinem Blog oder im K├Âlner Stadt-Anzeiger vorgestellt habe: “Gold” haben beispielsweise Black Passport – Journal eines Kriegsfotografen, Yangtze – The Long River und Tropical Gift: The Business of Oil and Gas in Nigeria erhalten, “Silber”┬á unter anderem Recollection und Tokyo Compression.

Aber nat├╝rlich sind noch zahlreiche weitere gro├čartige B├╝cher vertreten wie zum Beispiel “Latitude Zero” von Monique Stauder und “Oil” von Edward Burtynsky. Au├čerdem habe ich drei sehr sch├Âne Neuentdeckungen gemacht. Da w├Ąre zum einen das sehr sch├Ân gestaltete und mit sehr straighten Portr├Ąts und Landschaftsaufnahmen bebilderte “East of a New Eden” von Yann Mingard und Alban Kakulya ├╝ber die neue Ostgrenze der EU von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Sehr gut gefallen hat mir auch das ironische “Fluffy Clouds” von J├╝rgen Nefzger: Es zeigt mehr oder weniger idyllische Landschaften in Europa – allerdings mit eingebauten Bildst├Ârungen, denn im Hintergrund sind immer auch K├╝hlt├╝rme und Kernreaktoren zu sehen, die das romantische Bild zerst├Âren.

Meine pers├Ânliche Neuentdeckung Nummer Drei ist au├čerdem “Die letzten J├Ąger der Arktis” des isl├Ąndischen Fotografen Ragnar Axelsson. Bereits der Anfang mit den Farbfotos ist sehr gut, mir pers├Ânlich aber ein wenig zu bunt und glatt. Der zweite Teil mit den Schwarz-Wei├č-Aufnahmen hat mich dann aber fast von den Socken gehauen. Das hat nichts mehr von irgendeiner gef├Ąlligen Reportagefotografie f├╝r den Massengeschmack einer Geo-Leserschaft. Axelsson zeigt den Alltag der Inuit auf Gr├Ânland und ihre Jagd auf Wale, Seehunde und Robben bei minus 40 Grad – und das ist selten idyllisch. Auf YouTube gibt es dazu auch eine beeindruckende Diashow.

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. M├Ąrz in K├Âln und danach in Friedrichshafen, Br├╝ssel, Dornbirn, Karlsruhe, Hamburg, Frankfurt und sogar in Jakarta und in Manila zu sehen.

Links: Deutscher Fotobuchpreis, Forum f├╝r Fotografie

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“Tokyo Compression” im Forum f├╝r Fotografie

Das Buch “Tokyo Compression” von Michael Wolf habe ich bereits auf meinem Blog vorgestellt – nun kann man sich die Bilder auch in einer Ausstellung anschauen. Das K├Âlner Forum f├╝r Fotografie, Sch├Ânhauser Stra├če 8, zeigt ab heute, 16 Uhr, zahlreiche Arbeiten. Ich konnte die wunderbare Ausstellung mit den schrecklichen Bilderrahmen bereits am Donnerstag besichtigen – meine ausf├╝hrliche Besprechung aus dem K├Âlner Stadt-Anzeiger gibt es hier.

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“Tokyo Compression” von Michael Wolf

Bereits auf dem Cover der Oktober-Photonews hat mich die Serie “Tokyo Compression” von Michael Wolf sofort angesprochen. Nun ist bei Peperoni Books (28 Euro) das dazugeh├Ârige Buch erschienen – und ich finde es gro├čartig. Das liegt nat├╝rlich vor allem an den Bildern, denn das Buch selbst ist gestalterisch eher unauff├Ąllig: Meist auf Doppelseiten stehen sich die Bilder gegen├╝ber, und viel Platz drumherum gibt es auch nicht – aber warum sollten es die Bilder besser haben als die Menschen, die sie zeigen?

Denn der in Hongkong lebende laif-Fotograf Michael Wolf┬á hat Menschen in den Z├╝gen der Tokyoter U-Bahn fotografiert. Aber nicht im Stil von Bruce Davidson, Walker Evans, Loredana Nemes oder Bill Sullivan. Wolf hat sich auf den Bahnsteig gestellt und durch die Scheiben die eingepferchten, eingequetschten Menschen in den Waggons festgehalten. Entstanden sind dabei sehr nahe, pers├Ânliche und traurige Portr├Ąts von Fremden, die f├╝r wenige Augenblicke vor seiner Linse erschienen, bevor ihre Reise weiter ging und sie in den dunklen Tunnel der U-Bahn verschwanden. Es sind Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zur├╝ck nach Hause – im Anzug und mit Krawatte, das Mobiltelefon in der Hand und die Kopfh├Ârer im Ohr, w├Ąhrend das Gesicht m├╝de gegen die Scheibe gepresst wird. Viele scheinen im Stehen zu schlafen oder zu d├Âsen, als w├╝rden sie der unmenschlichen Enge dadurch zumindest mental entfliehen k├Ânnen.

Andere, wenn auch nur wenige, schauen direkt in das Objektiv – aber ihr Blick wirkt nicht ├╝berrascht oder gar ablehnend, sondern resigniert und gleichg├╝ltig wie der einer Hindu-Kuh: Sie sehen den Fotografen, den Voyeur, der sie in dieser unfreiwillig intimen Situation beobachtet, aber sie wehren sich nicht, weil sie es entweder nicht k├Ânnen, oder aber, weil es ihnen einfach egal ist. Gleichzeitig wird der Blick durch die h├Ąufig beschlagenen Scheiben und das herunterlaufende Kondenswasser getr├╝bt – die klaustrophobische Enge wird f├╝r den Betrachter fast k├Ârperlich sp├╝rbar. Doppelt zynisch klingt in diesem Zusammenhang der Warnhinweis auf den Scheiben: “Please take care when the doors open” – f├╝r mich m├╝sste es eigentlich “Please take care when the doors close” hei├čen.

Einziger Wehmutstropfen ist die teilweise schlechte technische Bildqualit├Ąt – einige Bilder wirken pixelig und verrauscht, was ich darauf zur├╝ckf├╝hre, dass Wolf manche Ausschnitte erst sp├Ąter festgelegt hat und deshalb mit starken Vergr├Â├čerungen arbeiten musste. Das ist ein wenig schade, ├Ąndert aber dennoch nichts daran, dass Wolf mit “Tokyo Compression” ein sehr eigenst├Ąndiger und vor allem emotionaler Zugang zu diesem Thema gelungen ist. F├╝r mich schlie├čt sich dieses Buch deshalb auch kongenial an das erst k├╝rzlich hier vorgestellte How Terry likes his coffee von Florian van Roekel an, das auf eine sehr geschickte Art und Weise den trostlosen Alltag vieler B├╝roangestellter dokumentiert.

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