Die Paris Photo im Grand Palais

Die Paris Photo war bislang die wichtigste Messe f√ľr Fotografie. Doch unter der Leitung von Direktor Julien Frydman entwickelt sie sich immer weiter und steht heute als Synonym f√ľr die wohl wichtigste Plattform f√ľr Fotografie √ľberhaupt. Denn das umfangreiche Angebot vereint neben den 136 Galerien auch ganz selbstverst√§ndlich 28 Fotobuchverlage und -h√§ndler sowie mehrere Ausstellungen und √ľber 200 Signierstunden unter der wunderbaren Kuppel des Grand Palais. Nat√ľrlich geht es hier ums Verkaufen von Bildern – aber der Ansatz, dass Fotografien zwischen zwei Buchdeckeln mindestens die gleiche Berechtigung haben wie an der Wand, ist durchaus beachtlich und wird meiner Meinung nach in der √ľblichen Messeberichterstattung viel zu wenig bis gar nicht ber√ľcksichtigt.

In meiner Besprechung im Standard wollte ich das ein wenig ändern.

Link: Paris Photo

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“Life’s a beach” von Martin Parr

Passend zur Urlaubszeit nun ein Buch, das sich mit dem Leben am Strand auseinandersetzt. Ach was, f√ľr Martin Parr ist das ganze Leben ein Strand – entsprechend hei√üt das neue Buch auch “Life’s a beach”.

Eigentlich ist es ein l√§ngt √ľberf√§lliges Buch, schlie√ülich treibt sich Parr schon sein Leben lang an touristischen Promenaden und Str√§nden herum, was ihm 1986 mit “Last Resort” ja auch internationale Anerkennung gebracht hat. Sein New Brighton-Klassiker mit der Frau, die direkt unter einem riesigen Bagger auf dem Beton-Boden liegt, um sich zu sonnen, darf in seinem neuen Buch deshalb nat√ľrlich nicht fehlen. Allerdings sind in “Life’s a beach” so viele komische bis absurde Allt√§glichkeiten dabei, dass man sie hier kaum aufz√§hlen kann. Unterm Strich kann man aber sagen, dass der Parr’sche Mensch mit dem Betreten der Naherholungszone Strand auch seine W√ľrde ablegt und sich merkw√ľrdig bis grotesk verh√§lt z.B. um halbwegs bequem lesen zu k√∂nnen und gleichzeitig nahtlos gebr√§unt zu werden. Eine Beobachtung, die sicherlich nicht neu ist, die aber selten so konzentriert und komisch aufgearbeitet und zusammengefasst wurde wie hier.

Der einzige Wermutstropfen des Buches ist, dass es sich nun um die g√ľnstige Volksausgabe handelt. Sie ist f√ľr 19,90 Euro bei Schirmer/Mosel erschienen. Die ist zugegeben sehr erschwinglich und in sich auch wirklich sch√∂n aufbereitet: Mit dem kleinen Fotoalbum-Format, dem Haiwaii-Hemd-Look auf dem Cover und der Gesamtanmutung hat “Life’s a beach” das Zeug zum Klassiker, den man auch gerne mal verschenkt. Dennoch: Vor einem halben Jahr habe ich die Limited Edition des Buches (erschienen bei Aperture f√ľr 150 Euro oder so, kostet jetzt aber schon eher 300 Euro und mehr, sic!) gesehen. Es ist aufbereitet wie ein gro√ües, schweres Familienalbum mit schweren Seiten und Transparentpapier dazwischen, in dem jedes Foto einzeln gedruckt und mit Fotoecken eingeklebt wurde und wo der Titel handschriftlich daneben steht. Gleichzeitig wird durch diese enorm aufwendige Aufmachung deutlich, wie absurd doch eigentlich die Fotos sind, die die meisten Menschen in Fotoalben kleben (oder fr√ľher geklebt haben), weil dort h√§ufig bereits der gesamte Parr’sche Kosmos verankert ist – nur ohne, dass man es wei√ü oder bemerkt.

Link: Schirmer/Mosel

Amazon: Life’s a Beach

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ViennaPhotoBookFestival

Und noch ein neues Festival am kommenden Wochende: In Wien findet das ViennaPhotoBookFestival statt – inklusive 600 Quadratmeter gro√üen Buchmarkt mit internationalen Verlagen und H√§ndlern sowie Vortr√§ge und Diskussionen rund um das Thema Fotobuch – unter anderem mit Martin Parr und Garry Badger, die den dritten Teil ihrer Anthologie ‚ÄúThe Photobook: A History‚ÄĚ pr√§sentieren, und Markus Schaden, der √ľber die ver√§nderten Vertriebsstrukturen der letzten zwei Jahrzehnte berichten und m√∂gliche Zukunftsszenarien aufzeigen wird.

Mehr Infos gibt es auf dem Hatje Cantz Fotoblog.

Link: ViennaPhotoBookFestival

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“The Americans List” von Jason Eskenazi

Vor ein paar Wochen hatte ich Besuch von Frederic Lezmi aus Istanbul. Im Gep√§ck hatte er ein kleines, d√ľnnes und dennoch ganz besonders B√ľchlein, das er mir da lie√ü: “By the Glow of the Jukebox: The Americans List” vom ebenfalls in Istanbul lebenden Jason Eskenazi. Es ist kein Fotobuch im klassischen Sinn, denn es zeigt kein einziges Bild und sieht auch von au√üen eher wie ein Notizbuch aus. Dennoch behandelt es, wie der Titel bereits andeutet, eines der ber√ľhmtesten Fotob√ľcher √ľberhaupt: “The Americans” von Robert Frank.

“The Americans List” ist aber auch keine Sekund√§rliteratur, obwohl es zahlreiche Texte enth√§lt, die sich mit “The Americans” besch√§ftigen. Vielmehr ist es eine Hommage an das gro√üartige und die Fotografiegeschichte massiv beeinflussende Projekt, das Frank mit Hilfe eines Guggenheim-Stipendiums zwischen 1955 und 1957 auf Reisen durch die USA realisieren konnte: Das B√ľchlein versammelt die Statements von 276 Fotografen, die Eskenazi nach ihrem Lieblingsbild aus “The Americans” befragt hatte – der Fotograf hatte fast zwei Jahre als W√§chter im Metropolitan Museum of Art gearbeitet und dabei auch auf die Ausstellung “The Americans” aufgepasst. Er nutzte die Gelegenheit, sich erstmals eingehend mit den Fotos auseinanderzusetzen. “‘The Americans’ ist wahrscheinlich das Buch, das die meisten Fotografen miteinander verbindet, und w√§hrend ich auf die Ausstellung aufgepasst habe, sah ich zahlreiche Fotografenkollegen, die sie besuchten.”

Diesen Umstand nutzte er f√ľr seine Befragung und auf diese Weise gelang er an Statements von unter anderem Joel Meyerowitz, Ken Schles, Josef Koudelka, Gary Winogrand, Ralph Gibson, Alec Soth, Martin Parr, Mark Steinmetz, Paul Fusco, James Nachtwey, Alex Webb, Anders Petersen, Annie Leibovitz, Roger Ballen, Stephen Gill, Boris Mikhailov und Wolfgang Zurborn. Und er bekam auch eine Antwort von Robert Frank selbst – sein Lieblingsbild ist “San Francisco”, auf dem ein auf einer Wiese liegendes schwarzes Paar zu sehen ist, dass ihn gerade dabei ertappt, wie er sie fotografiert, was ihm offensichtlich schrecklich unangenehm war. Der Blick des Mannes auf dem Bild sieht jedenfalls auch nicht sonderlich freundlich aus. “Diesen Moment werde ich niemals vergessen”, sagt Frank.

Einen Nachteil gibt es allerdings: Weil “The Americans List” keine Fotos hat, muss man “The Americans” immer parallel aufgeschlagen haben. Das w√§re noch halb so wild, doch das Problem ist, dass die Seiten nicht nummeriert sind – zumindest nicht in der mir vorliegenden, aktuellen Ausgabe von Steidl. Ich habe mir deshalb erst einmal alle zehn Seiten kleine Post-Its hineingeklebt, um die entsprechenden Fotos schneller zu finden. Mit dieser Kr√ľcke geht es dann ganz gut und es macht Spa√ü, immer wieder in beiden B√ľchern nachzuschlagen und zu lesen, was dieser oder jener Fotograf zu seinem Lieblingsbild ernannt hat.

“By the Glow of the Jukebox: The Americans List” ist bei Red Hook Editions erschienen und kostet 10 Euro. “The Americans” von Robert Frank gibt es bei Steidl und kostet 30 Euro.

Link: Jason Eskenazi

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London Festival of Photography

Fotografie-Festivals schießen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Dass es darunter auch weniger schmackhafte gibt, musste ich im Juli leider und ausgerechnet beim London Festival of Photography erleben.

Warum ich so unzufrieden damit bin, könnt ihr in meiner Review in der aktuellen Photonews nachlesen. Oder hier.

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Magnum Contact Sheets

Im K√∂lner Stadt-Anzeiger habe ich den viereinhalb Kilogramm schweren W√§lzer, der Kontaktb√∂gen zahlreicher ber√ľhmter Magnum-Fotografen wie Philippe Halsman, Herbert List, Robert Capa, Martin Parr, Thomas Hoepker und Henri Cartier-Bresson versammelt, bereits vorgestellt.

In der heute erschienenen Februar-Ausgabe der Photonews tue ich es noch einmal – daf√ľr aber deutlich ausf√ľhrlicher. Meinen Artikel findet ihr hier.

Link: Schirmer/Mosel

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Aus f√ľr die Visual Gallery auf der Photokina

Die Photokina hat bekannt gegeben, dass es ab der kommenden Messe im September keine “Visual Gallery” mehr mit Ausstellungen zur k√ľnstlerischen Fotografie geben wird. Zwar soll mit dem “Boulevard of Competition” Ersatz geschaffen werden – allerdings nur f√ľr die Profi-Fotowettbewerbe, die in der Regel weichgesp√ľlte Einheitsfotografie pr√§sentieren. Die Zusammenarbeit mit dem Bund Freischaffender Foto-Designer (BFF) und der Deutschen Gesellschaft f√ľr Photographie (DGPh), die seit 2002 vielbeachtete Ausstellungen unter anderem mit Martin Parr, Anton Corbijn, Michael von Graffenried und Thomas Hoepker auf die Beine gestellt haben, wird jedenfalls nicht l√§nger ben√∂tigt.

Warum dies ein gro√üer Verlust f√ľr den Standort K√∂ln ist und die Messe enorme Kurzsichtigkeit beweist, k√∂nnt ihr in meinem ausf√ľhrlichen Artikel auf Artnet oder kommentiert im¬†K√∂lner Stadt-Anzeiger nachlesen.

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Thomas Wiegand: “Deutschland im Fotobuch”

Ganz sch√∂n schwergewichtig kommt es daher, das neue Fotobuch √ľber Fotob√ľcher. Zu Recht, denn nach Martin Parrs und Gerry Badgers zweib√§ndigen “The Photobook: A History” k√∂nnte das von Thomas Wiegand verfasste und von Manfred Heiting herausgegebene “Deutschland im Fotobuch” ebenfalls zum Klassiker unter den Nachschlagewerken und Bestellkatalogen f√ľr Fotobuch-Sammler avancieren. Das Zeug dazu hat der 492 Seiten starke W√§lzer, der insgesamt 273 B√ľcher auflistet, diese bespricht und Faksimiles der Originalseiten abbildet, jedenfalls schon jetzt.

Zwar beinhaltet “Deutschland im Fotobuch” (erschienen bei Steidl, 75 Euro), wie der Name vermuten l√§sst, nur Fotob√ľcher, die sich in irgendeiner Weise mit dem Thema Deutschland besch√§ftigen – das macht es allerdings sehr umfassend, so dass das Buch in zahlreichen Kapiteln wie Landschaften, St√§dte, Menschen, Arbeit, Architektur, Zeitgeschehen und Grenzen aufgeteilt wurde. Selbstverst√§ndlich kommen viele bekannte Fotografen und B√ľcher wie “Caf√© Lehmitz” von Anders Petersen, “Antlitz der Zeit” von August Sander, “Fachwerkh√§user des Siegener Industriegebietes” von Bernd und Hilla Becher und “Agrarlandschaften” von Heinrich Riebesehl darin vor.

Aber ich habe auch viel Spannendes und f√ľr mich Neues entdeckt – beispielsweise “Der ’statistische’ Mensch” von Hubert Troost, “Reichsautobahn” von Erna Lendvai-Dircksen und “Bundeskanzleramt” von Charles Wilp. Sehr gut gefallen hat mir auch das Kapitel “Typisch deutsch”, in dem “Die Deutschen” von Ren√© Burri nat√ľrlich nicht fehlen darf, das aber auch √úberraschungen wie “The German Soul” von Enver Hirsch und “Sch√∂nes Wochenende” von Hartmut Mirbach im New Topographic-Stil bereith√§lt. Ich pers√∂nlich habe mich nat√ľrlich am meisten dar√ľber gefreut, dass auch “Paare: Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der siebziger Jahre” von Beate Rose vorgestellt wird – Nadine und mich motiviert das zus√§tzlich, unsere Hommage und Fortf√ľhrung des Projektes weiter voranzutreiben.

Bemerkenswert finde ich √ľbrigens, dass Wiegand und Heiting in ihrer Einleitung die Kriterien, nach denen sie Fotob√ľcher beurteilen, klar offengelegt haben. Dazu geh√∂ren Beispielsweise der innovative Charakter, die historische Bedeutung, der Stellenwert im Oeuvre des Fotografen sowie der Druck und die Ausstattung eines Buches. Dies erm√∂glicht auch den interessierten Laien Entscheidungen nachzuvollziehen – und in Zukunft selbst welche zu treffen.

Link: Steidl

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“Fotografen A-Z” von Hans-Michael Koetzle

Das Fotobuch lebt. Das merke ich nicht nur daran, dass die Zahl der Publikationen, speziellen Buchl√§den, Internetblogs, Festivals und nicht zuletzt auch die Preise f√ľr vergriffene Exemplare st√§ndig steigen. Ich merke es auch, weil der K√∂lner Taschen Verlag, der ja eher f√ľr Mainstream-Ware bekannt ist, nun einen dicken W√§lzer (444 Seiten, 49,99 Euro) zu diesem Thema herausgebracht hat. Der Titel “Fotografen A-Z” suggeriert eher ein Fotografen-Lexikon wie die ebenfalls bei Taschen erschienene Foto:Box, doch es geht in dem Buch von Autor Hans-Michael Koetzle tats√§chlich weniger um die Fotografen, sondern vielmehr um ihre “sch√∂nsten Monografien”, wie es in der Pressemitteilung hei√üt.

So ist das Buch nun auch eine Art Enzyklop√§die geworden, streng alphabetisch (und nicht etwa chronologisch) geordnet, die kompetent Auskunft geben will, die aber nicht den Anspruch auf Vollst√§ndigkeit erhebt. Wie soll sie auch? Daf√ľr l√§dt sie ein zum ziellosen Bl√§ttern, St√∂bern, Surfen – kurz: zum Entdecken. Und zu entdecken gibt es viel, denn das Buch geizt nicht mit gro√üen, popul√§ren Namen wie Nobuyoshi Araki, Diane Arbus, Richard Avedon, Anton Corbijn, Peter Lindbergh, Man Ray, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Leni Riefenstahl, Cindy Sherman, Wolfgang Tillmans, Ellen von Unwerth und Weegee, stellt aber auch weniger bekannte vor.

Das ist zwar alles sch√∂n und gut und lockt sicherlich auch Kunden an, die sich sonst eher nicht mit dem Thema Fotobuch auseinandersetzen w√ľrden. Wahrscheinlich aber auch nur die. Denn die Texte, die Koetzle dem interessierten “Leser” liefert, sind wenig aufschlussreich: Ein als Flie√ütext getarnter Lebenslauf wird durch die Auflistung von Ausstellungen und weiteren B√ľchern des Fotografen angereichert. Auf die Bilder geht Koetzle kaum, auf die vorgestellten Monografien gar nicht ein. Daf√ľr werden Journalisten, Kuratoren, Sammler, Fotografen und weitere “Foto-Prominente” kurz zitiert und beziehen so wenigstens ein wenig Stellung.

Nat√ľrlich ist es nicht einfach, ein gescheites Buch √ľber Fotob√ľcher herauszubringen, schlie√ülich haben Martin Parr und Gerry Badger mit “The Photobook: A History” die Messlatte sehr hoch gelegt: Die zweib√§ndige Publikation gilt heute als Kanon, Standardwerk und Bestellkatalog f√ľr Sammler zugleich. Der Taschen Verlag tut gut daran, sie nicht einfach zu kopieren. Gleichzeitig muss er dem Leser, der immerhin 50 Euro f√ľr “Fotografen A-Z” hinbl√§ttern soll, inhaltlich mehr liefern als blo√üe Faksimiles aus B√ľchern und Zeitschriften. In der jetzigen Form wirkt es jedenfalls wie ein Schnellschuss aus der H√ľfte und verkommt zum blo√üen Coffee Table Book. Und genau das sollen gute Fotob√ľcher ja eben nicht sein.

Links: Taschen Verlag

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“Tokyo Tokyo” von WassinkLundgren

Eigentlich wollte ich schon vor einer Woche das Buch “Tokyo Tokyo” von WassinkLundgren alias Thijs groot Wassink und Ruben Lundgren vorstellen, doch als die schrecklichen und unfassbaren Ereignisse in Japan geschahen, war mir eine Zeit lang nicht so nach japanischen Fotob√ľchern – selbst, wenn sie so au√üergew√∂hnlich sind wie dieses. Da ich aber auch nicht aufgrund einer Naturkatastrophe ein Buch nicht vorstellen will, hole ich dies hiermit nach.

Das Duo WassinkLundgren kenne ich seit ihrer Serie “Empty Bottles”, die ich im Rahmen der Martin Parr-Ausstellung “Paarworld” im Haus der Kunst in M√ľnchen 2008 gesehen habe. Lustigerweise besuchten Nadine und ich ein halbes Jahr sp√§ter Barbara J. Scheuermann in Berlin – und schliefen in ihrem Ausstellungsraum Babusch, in dem gerade genau diese Serie gezeigt wurde. Es war sehr sch√∂n und eindrucksvoll, in der Wandinstallation von “Empty Bottles” einzuschlafen und wieder aufzuwachen.

Nun haben die beiden Niederl√§nder, die in London und Peking leben, ihr neues Buch “Tokyo Tokyo” (Kodoji Press, 192 Seiten, 32 Euro) vorgestellt, f√ľr das sie die Fotos vollkommen “parit√§tisch” gemacht haben, denn sie fotografierten die selbe Person im selben Moment – aber aus zwei verschiedenen Perspektiven. Technisch betrachtet gehe ich mal davon aus, das mit dem Ausl√∂sen der einen Kamera auch die andere ausgel√∂st wurde, aber das ist zweitrangig. Ihre Diptychen zeigen jedenfalls Menschen auf der Stra√üe: Gesch√§ftsleute und Bauarbeiter, Verkehrspolizisten und Jogger, Rentner und Sch√ľler. Ganz normale Menschen eben, nur immer zweimal zur gleichen Zeit fotografiert – meist einmal von links und einmal von rechts, aber auch mal von vorne oder von hinten.

Manchmal ist die Person auf dem einen Foto im Bildmittelpunkt w√§hrend sie im anderen an den Rand gedr√ľckt und angeschnitten wurde oder √ľberhaupt nicht zu sehen ist. Entsprechend ver√§ndert sich damit auch das Umfeld: Wirkt es hier ruhig und geordnet, ist es dort chaotisch und laut. Objekte und Motive ragen in das Bild hinein, die in dem anderen nicht vorhanden waren, und geben zus√§tzliche Informationen. Zu meinen Lieblings-Gegen√ľberstellungen geh√∂rt das Bild vom ergrauten Arbeiter im Blaumann, der an einem Laternenpfahl lehnt. Auf dem rechten Bild schaut er direkt in die Kamera, die Komposition ist klassisch und das Bild wirkt fast wie inszeniert. Im linken Foto ist er im Profil zu sehen. Er lehnt quasi gegen den Bildrand, die Klappe seines Autos steht offen und er merkt gar nicht, dass er auch von dieser Seite fotografiert wird. H√§ufig fragt sich der Betrachter, wo genau der andere gerade stand, um diese Aufnahme zu machen. Hin und wieder verraten die Schatten auf dem Boden die Position, und einmal ragt sogar das Objektiv des anderen ins Bild hinein, doch meist bleibt es der Fantasie des Betrachters √ľberlassen.

Andrew Phelps hat die Fotos auf seinem Blog “Buffet” als “Street Photography in 3D” bezeichnet, was ich einen sch√∂nen Vergleich finde. Gleichzeitig geht es in den Bildern aber weniger um au√üergew√∂hnliche Situationen, die man normalerweise mit der Street Photography verbindet, und schon gar nicht um den √ľberstrapazierten “entscheidenenden Augenblick” eines Henri Cartier-Bresson. Im Gegenteil – der wird hier eher ein wenig auf den Arm genommen und entmystifiziert, denn der “entscheidende” ist immer auch ein “streng subjektiver Augenblick” – ein anderer Fotograf w√ľrde die gleiche Situation anders wahrnehmen, zumindest aber garantiert ein anderes Bild abliefern. Das ist mir pers√∂nlich schon h√§ufig passiert, und jedes Mal war das Erstaunnen (und manchmal auch der Frust) auf beiden Seiten gro√ü.

Diese Erkenntnis vom “subjektiven Sehen” in der Fotografie mag vielleicht banal klingen – aber WassinkLundgren haben dieses Thema sehr konsequent visualisiert. Und dazu auch noch auf eine sehr unterhaltsame und humorvolle Art und Weise.

Links: WassinkLundgren, Kodoji Press, Babusch, Buffet

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