“The Americans List” von Jason Eskenazi

Vor ein paar Wochen hatte ich Besuch von Frederic Lezmi aus Istanbul. Im Gepäck hatte er ein kleines, dünnes und dennoch ganz besonders Büchlein, das er mir da ließ: “By the Glow of the Jukebox: The Americans List” vom ebenfalls in Istanbul lebenden Jason Eskenazi. Es ist kein Fotobuch im klassischen Sinn, denn es zeigt kein einziges Bild und sieht auch von außen eher wie ein Notizbuch aus. Dennoch behandelt es, wie der Titel bereits andeutet, eines der berühmtesten Fotobücher überhaupt: “The Americans” von Robert Frank.

“The Americans List” ist aber auch keine Sekundärliteratur, obwohl es zahlreiche Texte enthält, die sich mit “The Americans” beschäftigen. Vielmehr ist es eine Hommage an das großartige und die Fotografiegeschichte massiv beeinflussende Projekt, das Frank mit Hilfe eines Guggenheim-Stipendiums zwischen 1955 und 1957 auf Reisen durch die USA realisieren konnte: Das Büchlein versammelt die Statements von 276 Fotografen, die Eskenazi nach ihrem Lieblingsbild aus “The Americans” befragt hatte – der Fotograf hatte fast zwei Jahre als Wächter im Metropolitan Museum of Art gearbeitet und dabei auch auf die Ausstellung “The Americans” aufgepasst. Er nutzte die Gelegenheit, sich erstmals eingehend mit den Fotos auseinanderzusetzen. “‘The Americans’ ist wahrscheinlich das Buch, das die meisten Fotografen miteinander verbindet, und während ich auf die Ausstellung aufgepasst habe, sah ich zahlreiche Fotografenkollegen, die sie besuchten.”

Diesen Umstand nutzte er für seine Befragung und auf diese Weise gelang er an Statements von unter anderem Joel Meyerowitz, Ken Schles, Josef Koudelka, Gary Winogrand, Ralph Gibson, Alec Soth, Martin Parr, Mark Steinmetz, Paul Fusco, James Nachtwey, Alex Webb, Anders Petersen, Annie Leibovitz, Roger Ballen, Stephen Gill, Boris Mikhailov und Wolfgang Zurborn. Und er bekam auch eine Antwort von Robert Frank selbst – sein Lieblingsbild ist “San Francisco”, auf dem ein auf einer Wiese liegendes schwarzes Paar zu sehen ist, dass ihn gerade dabei ertappt, wie er sie fotografiert, was ihm offensichtlich schrecklich unangenehm war. Der Blick des Mannes auf dem Bild sieht jedenfalls auch nicht sonderlich freundlich aus. “Diesen Moment werde ich niemals vergessen”, sagt Frank.

Einen Nachteil gibt es allerdings: Weil “The Americans List” keine Fotos hat, muss man “The Americans” immer parallel aufgeschlagen haben. Das wäre noch halb so wild, doch das Problem ist, dass die Seiten nicht nummeriert sind – zumindest nicht in der mir vorliegenden, aktuellen Ausgabe von Steidl. Ich habe mir deshalb erst einmal alle zehn Seiten kleine Post-Its hineingeklebt, um die entsprechenden Fotos schneller zu finden. Mit dieser Krücke geht es dann ganz gut und es macht Spaß, immer wieder in beiden Büchern nachzuschlagen und zu lesen, was dieser oder jener Fotograf zu seinem Lieblingsbild ernannt hat.

“By the Glow of the Jukebox: The Americans List” ist bei Red Hook Editions erschienen und kostet 10 Euro. “The Americans” von Robert Frank gibt es bei Steidl und kostet 30 Euro.

Link: Jason Eskenazi

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

London Festival of Photography

Fotografie-Festivals schießen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Dass es darunter auch weniger schmackhafte gibt, musste ich im Juli leider und ausgerechnet beim London Festival of Photography erleben.

Warum ich so unzufrieden damit bin, könnt ihr in meiner Review in der aktuellen Photonews nachlesen. Oder hier.

Link: London Festival of Photography

Geschrieben in Ausstellungen, Fotofestivals | Keine Kommentare

Magnum Contact Sheets

Im Kölner Stadt-Anzeiger habe ich den viereinhalb Kilogramm schweren Wälzer, der Kontaktbögen zahlreicher berühmter Magnum-Fotografen wie Philippe Halsman, Herbert List, Robert Capa, Martin Parr, Thomas Hoepker und Henri Cartier-Bresson versammelt, bereits vorgestellt.

In der heute erschienenen Februar-Ausgabe der Photonews tue ich es noch einmal – dafür aber deutlich ausführlicher. Meinen Artikel findet ihr hier.

Link: Schirmer/Mosel

Geschrieben in Fotobücher | 2 Kommentare

Aus für die Visual Gallery auf der Photokina

Die Photokina hat bekannt gegeben, dass es ab der kommenden Messe im September keine “Visual Gallery” mehr mit Ausstellungen zur künstlerischen Fotografie geben wird. Zwar soll mit dem “Boulevard of Competition” Ersatz geschaffen werden – allerdings nur für die Profi-Fotowettbewerbe, die in der Regel weichgespülte Einheitsfotografie präsentieren. Die Zusammenarbeit mit dem Bund Freischaffender Foto-Designer (BFF) und der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh), die seit 2002 vielbeachtete Ausstellungen unter anderem mit Martin Parr, Anton Corbijn, Michael von Graffenried und Thomas Hoepker auf die Beine gestellt haben, wird jedenfalls nicht länger benötigt.

Warum dies ein großer Verlust für den Standort Köln ist und die Messe enorme Kurzsichtigkeit beweist, könnt ihr in meinem ausführlichen Artikel auf Artnet oder kommentiert im Kölner Stadt-Anzeiger nachlesen.

Geschrieben in Allgemein, Ausstellungen | 2 Kommentare

Thomas Wiegand: “Deutschland im Fotobuch”

Ganz schön schwergewichtig kommt es daher, das neue Fotobuch über Fotobücher. Zu Recht, denn nach Martin Parrs und Gerry Badgers zweibändigen “The Photobook: A History” könnte das von Thomas Wiegand verfasste und von Manfred Heiting herausgegebene “Deutschland im Fotobuch” ebenfalls zum Klassiker unter den Nachschlagewerken und Bestellkatalogen für Fotobuch-Sammler avancieren. Das Zeug dazu hat der 492 Seiten starke Wälzer, der insgesamt 273 Bücher auflistet, diese bespricht und Faksimiles der Originalseiten abbildet, jedenfalls schon jetzt.

Zwar beinhaltet “Deutschland im Fotobuch” (erschienen bei Steidl, 75 Euro), wie der Name vermuten lässt, nur Fotobücher, die sich in irgendeiner Weise mit dem Thema Deutschland beschäftigen – das macht es allerdings sehr umfassend, so dass das Buch in zahlreichen Kapiteln wie Landschaften, Städte, Menschen, Arbeit, Architektur, Zeitgeschehen und Grenzen aufgeteilt wurde. Selbstverständlich kommen viele bekannte Fotografen und Bücher wie “Café Lehmitz” von Anders Petersen, “Antlitz der Zeit” von August Sander, “Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes” von Bernd und Hilla Becher und “Agrarlandschaften” von Heinrich Riebesehl darin vor.

Aber ich habe auch viel Spannendes und für mich Neues entdeckt – beispielsweise “Der ’statistische’ Mensch” von Hubert Troost, “Reichsautobahn” von Erna Lendvai-Dircksen und “Bundeskanzleramt” von Charles Wilp. Sehr gut gefallen hat mir auch das Kapitel “Typisch deutsch”, in dem “Die Deutschen” von René Burri natürlich nicht fehlen darf, das aber auch Überraschungen wie “The German Soul” von Enver Hirsch und “Schönes Wochenende” von Hartmut Mirbach im New Topographic-Stil bereithält. Ich persönlich habe mich natürlich am meisten darüber gefreut, dass auch “Paare: Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der siebziger Jahre” von Beate Rose vorgestellt wird – Nadine und mich motiviert das zusätzlich, unsere Hommage und Fortführung des Projektes weiter voranzutreiben.

Bemerkenswert finde ich übrigens, dass Wiegand und Heiting in ihrer Einleitung die Kriterien, nach denen sie Fotobücher beurteilen, klar offengelegt haben. Dazu gehören Beispielsweise der innovative Charakter, die historische Bedeutung, der Stellenwert im Oeuvre des Fotografen sowie der Druck und die Ausstattung eines Buches. Dies ermöglicht auch den interessierten Laien Entscheidungen nachzuvollziehen – und in Zukunft selbst welche zu treffen.

Link: Steidl

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

“Fotografen A-Z” von Hans-Michael Koetzle

Das Fotobuch lebt. Das merke ich nicht nur daran, dass die Zahl der Publikationen, speziellen Buchläden, Internetblogs, Festivals und nicht zuletzt auch die Preise für vergriffene Exemplare ständig steigen. Ich merke es auch, weil der Kölner Taschen Verlag, der ja eher für Mainstream-Ware bekannt ist, nun einen dicken Wälzer (444 Seiten, 49,99 Euro) zu diesem Thema herausgebracht hat. Der Titel “Fotografen A-Z” suggeriert eher ein Fotografen-Lexikon wie die ebenfalls bei Taschen erschienene Foto:Box, doch es geht in dem Buch von Autor Hans-Michael Koetzle tatsächlich weniger um die Fotografen, sondern vielmehr um ihre “schönsten Monografien”, wie es in der Pressemitteilung heißt.

So ist das Buch nun auch eine Art Enzyklopädie geworden, streng alphabetisch (und nicht etwa chronologisch) geordnet, die kompetent Auskunft geben will, die aber nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Wie soll sie auch? Dafür lädt sie ein zum ziellosen Blättern, Stöbern, Surfen – kurz: zum Entdecken. Und zu entdecken gibt es viel, denn das Buch geizt nicht mit großen, populären Namen wie Nobuyoshi Araki, Diane Arbus, Richard Avedon, Anton Corbijn, Peter Lindbergh, Man Ray, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Leni Riefenstahl, Cindy Sherman, Wolfgang Tillmans, Ellen von Unwerth und Weegee, stellt aber auch weniger bekannte vor.

Das ist zwar alles schön und gut und lockt sicherlich auch Kunden an, die sich sonst eher nicht mit dem Thema Fotobuch auseinandersetzen würden. Wahrscheinlich aber auch nur die. Denn die Texte, die Koetzle dem interessierten “Leser” liefert, sind wenig aufschlussreich: Ein als Fließtext getarnter Lebenslauf wird durch die Auflistung von Ausstellungen und weiteren Büchern des Fotografen angereichert. Auf die Bilder geht Koetzle kaum, auf die vorgestellten Monografien gar nicht ein. Dafür werden Journalisten, Kuratoren, Sammler, Fotografen und weitere “Foto-Prominente” kurz zitiert und beziehen so wenigstens ein wenig Stellung.

Natürlich ist es nicht einfach, ein gescheites Buch über Fotobücher herauszubringen, schließlich haben Martin Parr und Gerry Badger mit “The Photobook: A History” die Messlatte sehr hoch gelegt: Die zweibändige Publikation gilt heute als Kanon, Standardwerk und Bestellkatalog für Sammler zugleich. Der Taschen Verlag tut gut daran, sie nicht einfach zu kopieren. Gleichzeitig muss er dem Leser, der immerhin 50 Euro für “Fotografen A-Z” hinblättern soll, inhaltlich mehr liefern als bloße Faksimiles aus Büchern und Zeitschriften. In der jetzigen Form wirkt es jedenfalls wie ein Schnellschuss aus der Hüfte und verkommt zum bloßen Coffee Table Book. Und genau das sollen gute Fotobücher ja eben nicht sein.

Links: Taschen Verlag

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

“Tokyo Tokyo” von WassinkLundgren

Eigentlich wollte ich schon vor einer Woche das Buch “Tokyo Tokyo” von WassinkLundgren alias Thijs groot Wassink und Ruben Lundgren vorstellen, doch als die schrecklichen und unfassbaren Ereignisse in Japan geschahen, war mir eine Zeit lang nicht so nach japanischen Fotobüchern – selbst, wenn sie so außergewöhnlich sind wie dieses. Da ich aber auch nicht aufgrund einer Naturkatastrophe ein Buch nicht vorstellen will, hole ich dies hiermit nach.

Das Duo WassinkLundgren kenne ich seit ihrer Serie “Empty Bottles”, die ich im Rahmen der Martin Parr-Ausstellung “Paarworld” im Haus der Kunst in München 2008 gesehen habe. Lustigerweise besuchten Nadine und ich ein halbes Jahr später Barbara J. Scheuermann in Berlin – und schliefen in ihrem Ausstellungsraum Babusch, in dem gerade genau diese Serie gezeigt wurde. Es war sehr schön und eindrucksvoll, in der Wandinstallation von “Empty Bottles” einzuschlafen und wieder aufzuwachen.

Nun haben die beiden Niederländer, die in London und Peking leben, ihr neues Buch “Tokyo Tokyo” (Kodoji Press, 192 Seiten, 32 Euro) vorgestellt, für das sie die Fotos vollkommen “paritätisch” gemacht haben, denn sie fotografierten die selbe Person im selben Moment – aber aus zwei verschiedenen Perspektiven. Technisch betrachtet gehe ich mal davon aus, das mit dem Auslösen der einen Kamera auch die andere ausgelöst wurde, aber das ist zweitrangig. Ihre Diptychen zeigen jedenfalls Menschen auf der Straße: Geschäftsleute und Bauarbeiter, Verkehrspolizisten und Jogger, Rentner und Schüler. Ganz normale Menschen eben, nur immer zweimal zur gleichen Zeit fotografiert – meist einmal von links und einmal von rechts, aber auch mal von vorne oder von hinten.

Manchmal ist die Person auf dem einen Foto im Bildmittelpunkt während sie im anderen an den Rand gedrückt und angeschnitten wurde oder überhaupt nicht zu sehen ist. Entsprechend verändert sich damit auch das Umfeld: Wirkt es hier ruhig und geordnet, ist es dort chaotisch und laut. Objekte und Motive ragen in das Bild hinein, die in dem anderen nicht vorhanden waren, und geben zusätzliche Informationen. Zu meinen Lieblings-Gegenüberstellungen gehört das Bild vom ergrauten Arbeiter im Blaumann, der an einem Laternenpfahl lehnt. Auf dem rechten Bild schaut er direkt in die Kamera, die Komposition ist klassisch und das Bild wirkt fast wie inszeniert. Im linken Foto ist er im Profil zu sehen. Er lehnt quasi gegen den Bildrand, die Klappe seines Autos steht offen und er merkt gar nicht, dass er auch von dieser Seite fotografiert wird. Häufig fragt sich der Betrachter, wo genau der andere gerade stand, um diese Aufnahme zu machen. Hin und wieder verraten die Schatten auf dem Boden die Position, und einmal ragt sogar das Objektiv des anderen ins Bild hinein, doch meist bleibt es der Fantasie des Betrachters überlassen.

Andrew Phelps hat die Fotos auf seinem Blog “Buffet” als “Street Photography in 3D” bezeichnet, was ich einen schönen Vergleich finde. Gleichzeitig geht es in den Bildern aber weniger um außergewöhnliche Situationen, die man normalerweise mit der Street Photography verbindet, und schon gar nicht um den überstrapazierten “entscheidenenden Augenblick” eines Henri Cartier-Bresson. Im Gegenteil – der wird hier eher ein wenig auf den Arm genommen und entmystifiziert, denn der “entscheidende” ist immer auch ein “streng subjektiver Augenblick” – ein anderer Fotograf würde die gleiche Situation anders wahrnehmen, zumindest aber garantiert ein anderes Bild abliefern. Das ist mir persönlich schon häufig passiert, und jedes Mal war das Erstaunnen (und manchmal auch der Frust) auf beiden Seiten groß.

Diese Erkenntnis vom “subjektiven Sehen” in der Fotografie mag vielleicht banal klingen – aber WassinkLundgren haben dieses Thema sehr konsequent visualisiert. Und dazu auch noch auf eine sehr unterhaltsame und humorvolle Art und Weise.

Links: WassinkLundgren, Kodoji Press, Babusch, Buffet

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

“One Day” vs. “Ein Tag Deutschland”

Bereits im Oktober hat mich das Buch “Ein Tag Deutschland”, herausgegeben von Freelens, erreicht. Mit großer Vorfreude habe ich mir einen freien Nachmittag Zeit genommen, um mich in Ruhe dem Buch zu widmen. Zuvor musste ich mich bereits ein wenig mit Nadine streiten, weil ich sie erst dazu genötigt habe, sich das Buch anzuschauen, und dann fand sie es auch noch furchtbar, was ich als pure Trotz-Reaktion verurteilte. Als ich mir das Buch dann endlich selbst anschauen konnte, musste ich ihr allerdings leider zustimmen.

Dabei finde ich die Intention, an einem festgelegten Tag (in diesem Fall der 7. Mai 2010) einen Haufen Fotografen loszuschicken und deren Bilder gemeinsam zu veröffentlichen, weiterhin sehr sympathisch, weil sie für mich für eine sehr neugierige und humanistische Attitüde steht und mich beispielsweise an das “Bildersammeln” von Edward Steichens Family of Man-Idee erinnert. Leider hapert es bei der Umsetzung von “Ein Tag Deutschland” aber an allen Ecken, denn das Buch erweckt den Eindruck, lediglich ein über 600 Seiten starker Übersichtskatalog der Freelens-Mitglieder sein zu wollen – immerhin haben 432 Fotografen teilgenommen! Eine Vorauswahl scheint nicht stattgefunden zu haben, und so wirkt ein Großteil der Arbeiten dann auch entsprechend beliebig und austauschbar. Gute Bilder stehen hingegen völlig isoliert da und werden ohne größeren Zusammenhang präsentiert, da trotz der Buchstärke nicht genügend Platz vorhanden ist. Was bleibt, sind einige wenige gute Einzelaufnahmen in einem Haufen Banalität, der zudem auch noch durch ein schwaches Layout weiter heruntergezogen wird (dpunkt.verlag, 49,90 Euro).

Ironischerweise hat ebenfalls ein Heidelberger Verlag keine zwei Monate später eine weitere Publikation veröffentlicht, die genau das gleiche Thema behandelt, es allerdings vollkommen anders angeht: “One Day” ist eine Sammlung von zehn kleinen Büchern der bekannten Fotografen Alec Soth, Eva Maria Ocherbauer, Gerry Badger, Harvey Benge, Jessica Backhaus, John Gossage, Martin Parr, Rinko Kawauchi, Rob Hornstra und Todd Hido. Sie alle haben am 21. Juni und somit am Tag der Sonnenwende an unterschiedlichen Orten und ebenfalls ohne thematische Vorgabe fotografiert. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Eindrücke. Die zehn Bücher sind nicht alle gleich stark, aber im Gesamtkontext ist “One Day” doch deutlich harmonischer, einfallsreicher und nachhaltiger als “Ein Tag Deutschland” – vom schlichten, aber edlen Design dieses Schmuckstücks mal ganz abgesehen, der sich allerdings auch im stolzen Preis von 148 Euro widerspiegelt.

Mitunter hat mich das Buch sogar überrascht, denn sowohl mit Martin Parrs als auch Alex Soths Ergebnis habe ich nicht gerechnet: Parr hat seine alltäglichen Rituale daheim festgehalten – vom Zähneputzen übers Gassigehen mit Hundedame Ruby und dem Empfang neuer Fotobücher bis zu seiner merkwürdigen Angewohnheit, Lachs in der Spülmaschine zu kochen. Soth hat hingegen am Vatertag, der nur einen Tag zuvor war, von seinem dreijährigen Sohn Gus eine Polaroidkamera geschenkt bekommen (behauptet er zumindest) und hält diesen nun in ebenfalls persönlichen Aufnahmen fest. Rob Hornstra hat mich mit einer sehr feinen Reihe über zwei außergewöhnliche Charaktere in Utrecht begeistert, während Todd Hido eine durchinszenierte und sexuell aufgeladene Geschichte erzählt. Naja – “andeutet” wäre vielleicht das bessere Wort.

Die Idee zu dem Buchprojekt kam übrigens Harvey Benge und Gerry Badger während der Paris Photo 2009, wo sie sich auch gleich einige Weggefährten suchten – inklusive Klaus Kehrer als Verleger. Ein halbes Jahr später traf man sich auf dem Internationalen Fotobook Festival in Kassel erneut, holte noch schnell Soth, Kawauchi und Hido mit ins Boot und machte den Sack schließlich zu. Dort entstand auch die Namensliste, hingekritzelt auf einen Notizzettel des Schlosshotels Wilhelmshöhe. Mich würde es nicht wundern, wenn die Liste in einigen Jahren auf irgendeiner Fotografie-Auktion auftaucht.

Unterm Strich halte ich “One Day” nicht nur für das deutlich bessere Buch, sondern es ist auch ein Muss für Sammler von Fotobüchern. Kritik hätte ich höchstens an der Zusammensetzung der Künstler, deren Arbeiten sich manchmal doch etwas zu stark ähneln. Gerne hätte ich auch einen eindeutigen Porträtfotografen wie Pieter Hugo oder Ted Partin darin gesehen. Ein positives Beispiel ist für mich hingegen Eva Maria Ocherbauer, mit deren Arbeit ich zwar nicht sonderlich viel anfangen kann, die aber mit ihren surrealen Collagen eine ganz eigene Note in das Projekt gebracht hat.

Links: dpunkt.verlag, Freelens, Kehrer

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

Neu erschienen: frame #3

Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) hat mit frame #3 ihr neues Jahrbuch veröffentlicht.  Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe sind die vier Dr.-Erich-Salomon-Preisträger Horst Faas (2005), Martin Parr (2006), Letizia Battaglia (2007) und Anders Petersen (2008) sowie die beständig wachsende Popularität des Mediums Fotobuch.

Letzterer beginnt mit der Laudatio, die F.C. Grundlach 2008 anlässlich der Kulturpreisverleihung an Sarah Moon und Robert Delpire gehalten hat, und geht weiter mit einem kurzweiligen Text von Andrea Holzherr über “Mr. Ordinary” alias Martin Parr und seine zahlreichen Fotobücher, die mit Ausnahme seiner Künstlerbücher auch alle einzeln vorgestellt werden.

Das Jahrbuch “Frame #3″ ist im Steidl-Verlag erschienen, hat 224 Seiten und kostet 18 Euro.

Links: Deutsche Gesellschaft für Photographie

Geschrieben in Fotobücher | Keine Kommentare

Parrworld in München

Der Brite Martin Parr ist bekannt für seine ironischen und manchmal auch etwas zynischen Farbfotos, mit denen er die Absurditäten des Alltags im Allgemeinen und die seiner eigenen Landsleute im Speziellen festhält. Auch weiß man spätestens seit der Veröffentlichung von “The Photobook: A History”, dass Martin Parr ein Sammler von und ein Experte für Fotobücher ist.

Weit weniger bekannt ist hingegen, dass der Magnum-Fotograf auch ein unermüdlicher Sammler von merkwürdigen Alltagsgegenständen aus aller Welt ist. Ich selbst habe es erfahren, als ich Nadine während ihres Praktikums bei Martin Parr im Londoner Studio besucht habe: Neben dem Bett auf der Empore lag ein afghanischer Teppich mit Kriegssymbolen, ein sogenannter War Rug. Das Motiv: Zwei Flugzeuge, die gerade in die Twin Towers fliegen und explodieren. Er selbst sagt, er habe ein sehr ausgeprägtes Sammler-Gen. Die Ausstellung Parrworld im Münchener Haus der Kunst, kuratiert von Thomas Weski, bestätigte dies und zeigte neben eigenen Fotografien auch Arbeiten von anderen Fotografen, die er unterstützt, sowie ganz viel Nippes aus der ganzen Welt: Der Adolf-Hitler-Christbaumschmuck ist für Parr genauso absonderlich wie die Riesentüte Kartoffelchips und alte Ansichtskarten von Autobahnkarten und -raststätten.

Meinen ausführlichen Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger findet ihr hier.

Link: Haus der Kunst

Geschrieben in Ausstellungen | Keine Kommentare

Most Popular Tags