Geschichte der zeitgenössischen Photographie

Ich werde immer skeptisch, wenn ein Buch einem die Geschichte der Fotografie erkl√§ren will – weil es meistens sehr oberfl√§chig ist und nur die ohnehin schon bekannten Positionen zeigt oder weil es, meist aus rechtlichen Gr√ľnden, nur ein sehr eingeschr√§nktes Bildmaterial zur Verf√ľgung hat und die Auswahl entsprechend reduziert und unter Umst√§nden auch subjektiv gef√§rbt ist.

Das nun erschienene Buch ‚ÄěDie gro√üe Geschichte der zeitgen√∂ssischen Photographie ‚Äď 1960 bis heute‚Äú ist da allerdings etwas anders. Herausgegeben von Quentin Bajac, Lucy Gallun, Roxana Marcoci und Sarah Hermanson Meister wirft es unaufgeregt einen Blick auf die vergangenen Jahrzehnte und bedient sich dabei aus der fotografischen Sammlung des Museum of Modern Art in New York, die zu den gr√∂√üten der Welt z√§hlt. Zwei weitere, sich noch in Planung befindliche B√§nde sollen den √úberblick abschlie√üen – und die Reihe vielleicht zum neuen Standardwerk machen. Ich bin gespannt.

Anbei meine Kurzvorstellung aus der aktuellen Photographie als PDF.

Amazon: Die große Geschichte der zeitgenössischen Photographie: Von 1960 bis heute

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Scott McFarland in der Galerie Choi & Lager

Die Arbeiten des Kanadiers Scott McFarland waren mir bislang völlig unbekannt Рund ich muss sagen, dass sie mir auf den ersten Blick auch nicht wirklich zusagten: Sie erinnerten mich zu sehr an Jeff Wall (bei dem er auch studiert hat) und Gregory Crewdson Рnur ohne das gewisse Etwas.

Doch das ist ein Irrtum: McFarlands Arbeiten sind deutlich komplexer und raffinierter als sie zun√§chst erscheinen – damit ist er f√ľr mich ein typischer Vertreter der sehr konzeptionellen “Vancouver School”. Leider kommt das in der aktuellen Ausstellung in der K√∂lner Galerie Choi & Lager nicht so richtig r√ľber, weil sie keine R√ľcksicht auf seine Sequenzen nimmt und statt den Gegen√ľberstellungen nur Einzelbilder zeigt. Sein Buch “Snow Shacks Streets Shrubs” vermittelt da einen deutlich besseren √úberblick.

Wer neugierig geworden ist, kann sich meine¬†Kurzbesprechung aus dem heutigen Ksta durchlesen. Und sich nat√ľrlich die Ausstellung bei Choi & Lager anschauen, die noch bis zum 27. Februar 2014 l√§uft.

Link: Choi & Lager

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“Foto A-Z” im NRW-Forum

Das war’s also. Nach 15 Jahren schlie√üt das D√ľsseldorfer Ausstellungshaus NRW-Forum zum Jahreswechsel seine T√ľren. Die beiden Initiatoren und Ausstellungsmanager Werner Lippert und Petra Wenzel haben nach der vierten Vertragsverl√§ngerung entschieden, dass sie definitiv aufh√∂ren wollen. Zum Abschluss zeigen sie nun noch einmal ‚ÄěFotografen, die wir gezeigt haben, und die, die wir immer schon gerne gezeigt h√§tten‚Äú. Der Titel der Ausstellung lautet schlicht ‚ÄěFoto A-Z‚Äú und pr√§sentiert unter anderem Arbeiten von Nobuyoshi Araki, Guy Bourdin, Anton Corbijn, Philip-Lorca diCorcia, William Eggleston, Nan Goldin, Joel Sternfeld, Wolfgang Tillmans, David LaChapelle, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Paul Outerbridge,¬† Thomas Ruff, Cindy Sherman und Jeff Wall.

Und auch Candida H√∂fer ist dabei mit ihrer “On Kawara”-Serie, die hier sehr sch√∂n in Vitrinen ausgelegt ist – es bleibt eine der wenigen Serien, die ich von ihr mag. √Ąhnliches gilt f√ľr Richard Prince, dessen Marlboro-Cowboys ich noch nie so √ľberzeugend gesehen habe wie hier. Die Ausstellung l√§uft noch bis zum 5. Januar 2014.

In der aktuellen Photonews ist ein l√§ngerer Artikel erschienen, indem ich auch ausf√ľhrlich auf die Geschichte und die Zukunft des NRW-Forums eingehe. Den Text gibt es hier.

Link: NRW-Forum

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Rineke Dijkstra im MMK Frankfurt

Das Museum f√ľr Moderne Kunst in Frankfurt, kurz MMK, zeigt in der gro√üangelegten Ausstellung “The Krazy House” erstmals alle Videoarbeiten der vor allem als Fotografin bekannten Niederl√§nderin Rineke Dijkstra. Es ist gleichzeitig ihre umfangreichste Ausstellung in Deutschland √ľberhaupt. Eine Retrospektive ist es dennoch nicht geworden, da von ihren Fotoserien lediglich eine vollst√§ndig pr√§sentiert wird. Daf√ľr hat sich Dijkstra in der Sammlung des MMK umgeschaut und Kunstwerke anderer ihren eigenen Arbeiten mehr oder weniger gegen√ľbergestellt – unter anderem von Jeff Wall, Andy Warhol, Isa Gensken, Tobias Rehberger, On Kawara und Bruce Nauman.

Die Ausstellung hat ihren Reiz und ihre H√∂hepunkt, wirkt auf der anderen Seite aber auch √ľberladen und un√ľbersichtlich und vergibt zugleich eine gro√üe Chance. Warum, erfahrt ihr in meinem Artikel in der¬†Photonews.

Link: MMK

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“Boy Stories” von Johan Willner

Ich liebe dieses Bild! Das erste Mal gesehen habe ich “Die Ordnung” von Johan Willner im Nachwuchsf√∂rderbereich ‚ÄěDescubrimientos‚Äú auf dem Festival PhotoEspana in Madrid. Das war im Jahr 2009. Ein Junge mit sehr erwachsenem Blick und einer blutigen Augenbraue sitzt im Fond eines Autos. Sein mutma√ülicher Vater, dessen Gesicht nicht zu sehen ist, steht neben der Fahrert√ľr, h√§lt sich an ihr fest und spielt mit der anderen Hand nerv√∂s an den Fingern√§geln, w√§hrend im Hintergrund eine Horde Sch√ľler steht, die alle in die gleiche Richtung zu schauen scheinen – auf eine Stelle direkt neben dem Betrachter. Nur nicht der Junge im Auto – der schaut mich direkt an. Die ungekl√§rte, latent bedrohliche Situation, in der auch der sich sch√ľtzend vor den Jungen stellende Vater hilflos wirkt, fesseln mich bis heute.

Nun ist das Buch “Boy Stories” erschienen, in dem sich der 1971 geborene Schwede Willner in gewisser Weise sich selbst stellt – “Die Ordnung” ziert dabei nicht nur das blaue Leinencover, sondern war f√ľr ihn auch der Ausgangspunkt f√ľr die gesamte Serie. Willner besch√§ftigt sich mit Erinnerungen, vor allem aber mit ihrer Re- und Dekonstruktion – f√ľr ihn sind sie wie gepresste Blumen zwischen Buchseiten – irgendwann werden sie trocken, hart und br√ľchig. Sein einleitender Text ist sehr aufschlussreich und spannend zu lesen, liegt allerdings nur auf schwedisch und englisch vor. Er berichtet von eigenen Erfahrungen, die ihn begleiten und die ihn gepr√§gt haben – in der Kindheit, aber auch als Erwachsener. Willner schaut auf die Dinge, die sich ver√§ndern und auf Dinge, die sich nicht ver√§ndern – wie die Haken in der Umkleidekabine seiner alten Schulsporthalle, die f√ľr ihn zum Sinnbild daf√ľr werden, dass sich jeder aus seiner Klasse einen festen Platz (in der Gesellschaft) suchen musste und die nun von anderen belegt werden.

Diese Erinnerungen, Fiktionen, Gedanken hat Johan Willner sechs Jahre lang in Fotografien umgesetzt. Sie sind sehr fein und detailiert inszeniert und haben dennoch h√§ufig einen fast surrealistisch-dokumentarischen Charakter, falls es das √ľberhaupt gibt: Erinnerungen (und Tr√§ume) sind in unseren Vorstellungen meist “bereinigt” von st√∂renden Details und auf das Wesentliche fokussiert. Tats√§chlich wirken Willmers Bilder auf mich auch weniger wie Inszenierungen, sondern eher wie Stills – allerdings nicht aus Filmen, sondern aus Tr√§umen oder Erinnerungen: Ein wenig h√∂lzern und doch agil und mitunter furchtbar pr√§sent, schlie√ülich wird der Betrachter h√§ufig direkt angeschaut und so Teil des Geschehen.

Nat√ľrlich gibt es Parallelen zu den Inszenierungen von Jeff Wall und Gregory Crewdson – gerade Crewdson hat als Kind h√§ufig den Patientengespr√§chen seines Vaters, der Psychoanalytikerm war, gelauscht, was seine Fantasie enorm angeregt haben d√ľrfte. Wirkt die Bedrohung und das Geschehene in seinen Bildern jedoch fast √ľbernat√ľrlich, liegt der Schrecken bei Willner im Alltag – und h√§ufig wei√ü man auch nicht, ob man Angst oder Mitleid mit seinen Protagonisten haben muss. Die vier mit Spielzeugbogen “bewaffneten” Jungs, die auf einem Trampelpfad am Waldrand stehen, wirken selbst am meisten √ľberrascht dar√ľber, dass sie gerade aus Spa√ü einen Schwan erschossen haben, der nun tot vor ihren F√ľ√üen liegt. Und von dem Mann, der in einem surreal-anonymen Raum ein (eventuell totes?) Kleinkind auf den Armen wegtragen will – ist er der trauende Vater oder ein M√∂rder. Oder vielleicht sogar beides?

Das sind nun alles sehr krasse Beispiele, dabei hat Willners Serie auch andere, weniger dramatische Bilder wie beispielsweise den Tisch vor einem Fenster, auf dem ein gutes Dutzend Stapel alter Briefe liegt, oder der Patient, ein glatzk√∂pfiger Herr, der langsam durch sein Krankenzimmer geht und sich dabei auf sein rotes Jojo-Spiel konzentriert. Durch die Erl√§uterungen in Willners Text verstehen wir, dass er einem solchen Mann tats√§chlich begegnet ist, als er als Kind seinen Vater in einer Psychiatrie besucht hatte. Willners Bilder sind also meist voller Unsicherheiten, Verwunderungen, Verlust√§ngsten und nat√ľrlich Trauer. Aber (bis auf wenige Aufnahmen) so gut in Szene gesetzt, dass sie mich tats√§chlich ein wenig verst√∂ren und lange in mir nachhallen – und so irgendwie auch zu einer Erinnerung von mir selbst werden, die ich schlie√ülich mit eigenen Erfahrungen und Fragmenten auff√ľlle.

“Boy Stories” ist bei Hatje Cantz erschienen. Das Buch hat 76 Seiten und kostet 35 Euro.

Link: Hatje Cantz

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Andreas Gursky im Museum Kunstpalast

Die gro√üe Andreas Gursky-Retrospektive im Museum Kunstpalast in D√ľsseldorf l√§uft ja schon eine ganze Weile, allerdings ist meine ausf√ľhrliche Besprechung erst jetzt in der taz erschienen.

Inhaltlich bin ich weniger auf die Ausstellung selbst eingegangen – die meisten Arbeiten kennt man ohnehin. Mich hat vielmehr die Person Gursky und ihre Inszenierung und Mythisierung interessiert: Auch w√§hrend der Pressekonferenz mit Kunstpalast-Generaldirektor Beat Wismer (ich war noch nie auf einer Fotografie-Pressekonferenz, an der so viele Journalisten teilgenommen haben!) wurde wieder viel von Intuition gesprochen, obwohl sie Genie meinten, was sicherlich auf viele Fotografen zutrifft – nur nicht auf einen alles bis ins Detail planenden, kontrollierenden und manipulierenden Andreas Gursky. Auf die sch√∂ne Frage eines Kollegen, wie Gursky damit umgehe, dass er als gr√∂√üter lebender Fotograf gehandelt werde, sagte er zudem, dass er Jeff Wall und Wolfgang Tillmans “als gleichwertig ansehe”. Wenn das als Ausdruck seiner Bescheidenheit gemeint war, d√ľrfte das eher nach hinten losgegangen sein.

Wer mag, kann sich meinen Artikel hier durchlesen.

Link: Museum Kunstpalast

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Albrecht Fuchs in der Temporary Gallery

Vom Fotografen Albrecht Fuchs kannte ich bislang nur den Namen. Oder dachte es zumindest, denn nat√ľrlich habe ich auch schon das ein oder andere Portr√§t von ihm gesehen – sei es irgendwo im Internet oder in einer Zeitschrift, f√ľr die er fotografiert. Die Temporary Gallery widmet mit dem K√∂lner Fotografen nun eine Einzelausstellung, in der er √ľberwiegend K√ľnstlerportr√§ts zeigt – von Jeff Wall √ľber Cosima von Bonin bis Marcel Odenbach. Am meisten beeindruckt hat mich allerdings die Aufnahme von Hans-J√ľrgen Wischnewski aus dem Jahr 2003: Der schaut m√ľde aus dem Fenster seiner Wohnung und scheint dabei sowohl in den Sessel als auch in sich selbst versunken zu sein.

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. März zu sehen, und meine Kurzbesprechung dazu ist heute im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen.

Link: Temporary Gallery Cologne

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Schulprojekt “Eine schrecklich nette Familie”

Nach meinem Lehrer-Deb√ľt vor zwei Jahren habe ich nun erneut im Rahmen des NRW-Landesprogramms Kultur & Schule gemeinsam mit der Kunstp√§dagogin Anna-Maria Loffredo am Europagymnasium in Kerpen eine Unterrichtseinheit zum Thema ‚ÄúIndividuum und Gruppe ‚Äď Inszenierte Gruppenfotos‚ÄĚ durchgef√ľhrt. Allerdings mit einem Unterschied: Sollten sich die Sch√ľler damals als Berufsgruppe darstellen, galt es dieses Mal, eine fiktive Familie zu repr√§sentieren.

Als fotografische Referenzen habe ich den Sch√ľlern erneut Annie Leibovitz‚Äė bekanntes Bild von George W. Bush und seiner Crew sowie die Familienbilder von Thomas Struth und Katharina Mayer vorgestellt und diese mit ihnen intensiv besprochen. Wichtige andere Referenzen waren f√ľr uns aber auch Richard Renaldi, Dita Pepe und Nicholas Nixon sowie Gregory Crewdson und Jeff Wall.

Nach zwei Zwischenbesprechungen vor der gesamten Gruppe mussten die fertigen Bilder in dieser Woche abgegeben werden. Da ich sowohl von den Sch√ľlern insgesamt als auch von den Ergebnissen der einzelnen Gruppen sehr angetan bin, m√∂chte ich sie hier vorstellen. Zur Erkl√§rung: Es war den Sch√ľlern freigestellt, ob sie alleine oder in Gruppen arbeiten und ob sie weitere externe Personen f√ľr das Foto dazu holen. Dadurch entstanden insgesamt sieben Bilder, wobei zwei Gruppen zun√§chst Fotos anfertigten, die als Accessoires im Hintergrund der endg√ľltigen Bilder zu sehen sind.

Auffallend fand ich das Interesse der insgesamt 19 Sch√ľler f√ľr problemgeladene Inszenierungen, in denen sich die Familienmitglieder deutlich voneinander distanzieren und h√§ufig isoliert dargestellt und Konflikte non-verbal ausgetragen werden. Lediglich in einem Bild wird die Familie als harmonische und im wahrsten Sinne des Wortes miteinander verwobene Einheit dargestellt – ein sehr au√üergew√∂hnlicher L√∂sungsansatz f√ľr das Thema, wie ich finde.

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Jeff Wall im Bozar in Br√ľssel

Der Kanadier Jeff Wall geh√∂rt zu den wichtigsten Fotografen der Gegenwart. In seinen Bildern zitiert er h√§ufig die Kunstgeschichte, ohne dass sie deshalb n√ľchtern oder akademisch wirken. Vor allem gelingt es ihm meist, dass seine Bilder wie Dokumentationen wirken, tats√§chlich aber bis ins kleinste Detail inszeniert sind.

In der gro√üen Ausstellung “The Crooked Path” zeigt der Palast der Sch√∂nen K√ľnste – Bozar in Br√ľssel nun 25 Arbeiten von Jeff Wall und stellt sie 130 Arbeiten anderer K√ľnstler gegen√ľber, die Wall inspirieren und begleiten – darunter nat√ľrlich auch zahlreiche Fotografen wie August Sander, Bernd und Hilla Becher, Hans-Peter Feldmann, Andreas Gursky, Thomas Struth, Stephen Shore, Walker Evans und Robert Frank.

Meine ausf√ľhrliche Besprechung √ľber diese besondere Ausstellung ist heute im K√∂lner Stadt-Anzeiger erschienen und gibt es hier.

Link: Bozar

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“Sight-_Seeing” in Tirol

Mit dem Projekt “Sight-_Seeing” ist dem Philosophen und Bildtheoretiker Wolfgang Scheppe ein gro√üer Wurf gelungen. Auf seine Initiative und unter dem Patronat der Tirol Werbung wurden sieben erfahrene Reisefotografen eingeladen, die Klischees der √ľblichen Touristik-Werbekampagnen mit den Mitteln der zeitgen√∂ssischen Fotografie zu hinterfragen. Das ist gewagt – und geht oftmals leider auch in die Hose, weil die beauftragten “Autoren”-Fotografen entweder Bilder abliefern, die dem Auftraggeber zu “real” sind, oder aber, weil die Bilder in aller Regel doch noch weichgesp√ľlt werden, um die Stereotypen zu erf√ľllen und so den angeblichen Massengeschmack zu treffen.

Hier ist dies ausnahmsweise nicht der Fall. Ein halbes Jahr lang hatten die Fotografen Zeit, um sich im drittgr√∂√üten Bundesland √Ėsterreichs umzuschauen – wobei sie mindestens acht Tage in Tirol arbeiten sollten. Nun war der Sommer 2010 ziemlich verregnet – doch was Reisefotografen normalerweise in die Verzweiflung treibt, entpuppte sich hier als ideale Voraussetzung, schlie√ülich konnten sie so schon einmal das Klischee vom immerblauen Himmel vermeiden. Was nicht vermieden werden konnte, war die Landschaft – die ist auch bei schlechtem Wetter einfach unglaublich.

Um den Rest mussten sich die Fotografen¬† hingegen selbst k√ľmmern – und haben mitunter sehr unterschiedliche Ans√§tze gew√§hlt: J√∂rg Koopmann hat sich einerseits auf Dinge konzentriert, “die sich verbieten” und gleichzeitig Landschaftsaufnahmen par excellence abgeliefert, w√§hrend Monika H√∂fler verst√§rkt Jugendliche und deren Alltag mit ihrer “optimierten Dokumentarfotografie” festgehalten hat – ihr Bild der Kindergruppe, die zur√ľck auf die Berglandschaft schaut, erinnert mich in seiner fast bedrohlichen Sch√∂nheit sehr an Jeff Wall. Andrew Phelps hat sich mit Orten des Massentourismus besch√§ftigt – und man merkt seinen meist n√ľchtern-√§sthetischen Bestandsaufnahmen an, dass er bei William Jenkins, dem Kurator der New Topographics-Ausstellung, studiert hat. √Ąhnliches gilt f√ľr Matthias Ziegler – allerdings hat er seine Menschenmassen an Touristenhotspots um stille Portr√§ts der Einwohner erweitert.

Dominik Gigler hat aus dem Auftrag hingegen eine ganz pers√∂nliche Reise gemacht und sich bewusst gegen Architektur, Werbung und Portr√§ts entschieden – was dazu f√ľhrte, dass er zum stillen Beobachter wurde, der aus der Distanz fotografierte. Gleichzeitig spielte er mit Perspektiven und machte Fotos auch zweimal: einmal die idyllische Landschaft und dann, zehn Meter zur√ľckgehend, noch einmal – allerdings mit der Stra√üe und seinem Auto im Vordergrund. Offene Bilder hat hingegen Michael Danner gemacht – und zeigt ein offenes Holztor auf einer Hochweide, zu dem es aber gar kein Gatter mehr gibt, oder das extrem aufgetunte Auto eines Landjugendlichen. Sehr still und auch d√ľster hat hingegen Verena Kathrein fotografiert – als geb√ľrtige Tirolerin hat sie die Touristenrouten gemieden und stattdessen ihre Erinnerungs- und Sehnsuchtsorte aufgesucht. Eine Ausnahme sind die Bilder der Jugendgruppe an einer Bushaltestelle – f√ľrs Foto haben sich vier Jungs sogar auf das Dach gesetzt.

Ach – “Sight-_Seeing” k√∂nnte so ein sch√∂nes Buch sein, w√§ren da nicht diese grafischen Spielereien, mit denen es mich bel√§stigt. Vielleicht sollen sie ja zum Nachdenken anregen, aber bei mir sorgen sie eher f√ľr Verwirrung. Das f√§ngt schon beim Titel an: Was soll eigentlich dieser bl√∂de Unter- nach dem Bindestrich? Au√üerdem gibt es keine Seitenzahlen, sondern die Druckb√∂gen sind durchnummeriert, um “die physische Natur eines Buches” zu reflektieren, was zu Seiten- und Kapitelbezeichnungen wie “_02_11″ und “04_01″ f√ľhrt. Dass Teile von Fotografien angedeutet und auf anderen, teilweise sehr viel sp√§ter folgenden Seiten, fortgef√ľhrt werden, kann im Einzelfall gut sein, meist irritiert es jedoch – und zerst√∂rt schlichtweg die Bilder. Auf der Homepage wird das Konzept ebenfalls aufgegriffen. Schaut es euch einfach mal an, vielleicht m√∂gt ihr es ja – mir hat sich der Sinn leider nicht erschlossen.

Das Buch “Sight-_Seeing” ist bei Hatje Cantz erschienen. Es hat 192 Seiten mit 188 Abbildungen und kostet 35 Euro.

Links: Sight-_Seeing, Hatje Cantz

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