Scott McFarland in der Galerie Choi & Lager

Die Arbeiten des Kanadiers Scott McFarland waren mir bislang völlig unbekannt – und ich muss sagen, dass sie mir auf den ersten Blick auch nicht wirklich zusagten: Sie erinnerten mich zu sehr an Jeff Wall (bei dem er auch studiert hat) und Gregory Crewdson – nur ohne das gewisse Etwas.

Doch das ist ein Irrtum: McFarlands Arbeiten sind deutlich komplexer und raffinierter als sie zunĂ€chst erscheinen – damit ist er fĂŒr mich ein typischer Vertreter der sehr konzeptionellen “Vancouver School”. Leider kommt das in der aktuellen Ausstellung in der Kölner Galerie Choi & Lager nicht so richtig rĂŒber, weil sie keine RĂŒcksicht auf seine Sequenzen nimmt und statt den GegenĂŒberstellungen nur Einzelbilder zeigt. Sein Buch “Snow Shacks Streets Shrubs” vermittelt da einen deutlich besseren Überblick.

Wer neugierig geworden ist, kann sich meine Kurzbesprechung aus dem heutigen Ksta durchlesen. Und sich natĂŒrlich die Ausstellung bei Choi & Lager anschauen, die noch bis zum 27. Februar 2014 lĂ€uft.

Link: Choi & Lager

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“Fotonovelas” von George Friedman

Ich erinnere mich noch gut an die Foto-Lovestories aus der Bravo, diese comicartigen Geschichten mit Fotografien statt Illustrationen. Die waren damals schon schlecht produziert, und gerade habe ich mich davon ĂŒberzeugt, dass sich daran bis heute nichts geĂ€ndert hat.

Mit dieser Billig-Variante des Fotoromans haben die Fotonovelas von George Friedman allerdings nichts gemein – seine Inszenierungen sind im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Der 1910 als György Friedmann geborene Ungar arbeitete als Kameramann bei Filmproduktionen in London und Hollywood sowie als Fotograf fĂŒr diverse Magazine wie Vu, Paris Match, Time und Life bevor er 1939 nach Buenos Aires zog. Dort grĂŒndete er in den 50er Jahren die lose Fotografengruppe “La Carpeta de los Diez” (”Die Gruppe der Zehn”) mit, die einen großen Ă€sthetischen Einfluss auf die argentinische Fotografie hatte. Friedman (der ĂŒbrigens seinen Landsmann AndrĂ© Friedman dazu gebracht haben soll, sich in Robert Capa umzubenennen, um nicht lĂ€nger mit ihm verwechselt zu werden) stand auf der einen Seite in der humanistischer Tradition, wurde von Edward Steichens “Family of Man”-Ausstellung geprĂ€gt und fotografierte das Leben einfacher Menschen wie Minenarbeiter und Gauchos. Auf der anderen Seite war er aber auch ein großartiger Inszenierer, Auftrags- und Publikumsfotograf, der seine Erfahrungen als Spielfilm-Kameramann nutzte, um Fotos auf hohem technischen und gestalterischen Niveau fĂŒr eben jene Fotonovelas zu produzieren.

Aber das Genre war fĂŒr ihn mehr als bloß ein Broterwerb – auch in seinem kĂŒnstlerischen Schaffen setzte sich Friedman mit dem Medium dieser Popkultur auseinander. Dabei schuf er Bilder, die nicht einfach bloß an Filme erinnern sollen wie es etwa Cindy Sherman mit ihren “Untitled Film Stills” tat (und die ich fĂŒr nicht einmal besonders gut gelungen halte), sondern die der Leinwand geradezu entsprungen zu sein scheinen – Filmstills im wörtlichen Sinne also.

Das Forum fĂŒr Fotografie in Köln zeigt noch bis zum 30. Juni eine Auswahl dieser Fotografien, und ich habe es sehr genossen, zwischen ihnen zu wandeln, sie zu betrachten und mich zu wundern. Zu wundern ĂŒber die Wirkung, die PrĂ€zision, die Technik. Was zeichnet die Fotografien aus, was ist ihr Geheimnis, warum funktionieren sie als Filmstills besser als die Fotos von eben Cindy Sherman oder auch Gregory Crewdson, der ja nicht nur Fotos macht, die wie Filmszenen aussehen, sondern der sie ja auch genauso aufwĂ€ndig inszeniert.

Zwei GrĂŒnde habe ich dafĂŒr gefunden. Zum einen ist es das Licht, dieses mondĂ€ne Filmlicht der frĂŒhen Hollywood-Jahre, das nicht gespenstisch wirkt wie bei Crewdson, sondern glamourös. Das von irgendwo her zu kommen scheint und das keinen zusĂ€tzlichen Aufheller benötigt, der alles weichspĂŒlt. Das deshalb auch tiefe Schatten verursacht, die man als heutiger Betrachter sofort mit den “guten alten Zeiten” von Hollywood verbinden, in denen MĂ€nner noch MĂ€nner und Frauen noch Frauen waren. Zumindest auf der Leinwand.

Der andere Grund, warum diese Bilder so gut funktionieren, ist schlicht die hervorragende Regie Friedmans. Er fotografiert die Fotos nicht wie Fotos, sondern wie Filme. Die Menschen scheinen tatsĂ€chlich zu agieren und nicht fĂŒr den Fotoapparat in einer plakativen SchlĂŒsselszene zu erstarren. Das klingt banal, macht aber den entscheidenen Unterschied. Diese Mischung aus der KĂŒnstlichkeit des Lichts und der AuthentizitĂ€t der Bewegung  und Handlung macht den Reiz aus, lĂ€sst die Bilder lebendig werden und sie Geschichten erzĂ€hlen. Diese Wirkung ist so stark, dass den meisten Betrachtern wahrscheinlich erst auf den zweiten Blick (oder auch gar nicht) auffĂ€llt, dass der Großteil der Fotos Hochformate sind, womit es ja schon per se kein Filmstill sein kann.

In der Ausstellung kann man ĂŒbrigens auch sehen, was passiert, wenn einer dieser beiden Aspekte fehlt. Dann wird das Bild entweder zum Modefoto oder zur Reportage. Die sind dann noch immer gut, aber es fehlt der Zauber, das gewisse Etwas. Und wer sehen will, was passiert, wenn man weder die eine noch die andere Zutat berĂŒcksichtigt, der kann sich ja die Foto-Lovestories in der Bravo anschauen.

Link: Forum fĂŒr Fotografie

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“Boy Stories” von Johan Willner

Ich liebe dieses Bild! Das erste Mal gesehen habe ich “Die Ordnung” von Johan Willner im Nachwuchsförderbereich „Descubrimientos“ auf dem Festival PhotoEspana in Madrid. Das war im Jahr 2009. Ein Junge mit sehr erwachsenem Blick und einer blutigen Augenbraue sitzt im Fond eines Autos. Sein mutmaßlicher Vater, dessen Gesicht nicht zu sehen ist, steht neben der FahrertĂŒr, hĂ€lt sich an ihr fest und spielt mit der anderen Hand nervös an den FingernĂ€geln, wĂ€hrend im Hintergrund eine Horde SchĂŒler steht, die alle in die gleiche Richtung zu schauen scheinen – auf eine Stelle direkt neben dem Betrachter. Nur nicht der Junge im Auto – der schaut mich direkt an. Die ungeklĂ€rte, latent bedrohliche Situation, in der auch der sich schĂŒtzend vor den Jungen stellende Vater hilflos wirkt, fesseln mich bis heute.

Nun ist das Buch “Boy Stories” erschienen, in dem sich der 1971 geborene Schwede Willner in gewisser Weise sich selbst stellt – “Die Ordnung” ziert dabei nicht nur das blaue Leinencover, sondern war fĂŒr ihn auch der Ausgangspunkt fĂŒr die gesamte Serie. Willner beschĂ€ftigt sich mit Erinnerungen, vor allem aber mit ihrer Re- und Dekonstruktion – fĂŒr ihn sind sie wie gepresste Blumen zwischen Buchseiten – irgendwann werden sie trocken, hart und brĂŒchig. Sein einleitender Text ist sehr aufschlussreich und spannend zu lesen, liegt allerdings nur auf schwedisch und englisch vor. Er berichtet von eigenen Erfahrungen, die ihn begleiten und die ihn geprĂ€gt haben – in der Kindheit, aber auch als Erwachsener. Willner schaut auf die Dinge, die sich verĂ€ndern und auf Dinge, die sich nicht verĂ€ndern – wie die Haken in der Umkleidekabine seiner alten Schulsporthalle, die fĂŒr ihn zum Sinnbild dafĂŒr werden, dass sich jeder aus seiner Klasse einen festen Platz (in der Gesellschaft) suchen musste und die nun von anderen belegt werden.

Diese Erinnerungen, Fiktionen, Gedanken hat Johan Willner sechs Jahre lang in Fotografien umgesetzt. Sie sind sehr fein und detailiert inszeniert und haben dennoch hĂ€ufig einen fast surrealistisch-dokumentarischen Charakter, falls es das ĂŒberhaupt gibt: Erinnerungen (und TrĂ€ume) sind in unseren Vorstellungen meist “bereinigt” von störenden Details und auf das Wesentliche fokussiert. TatsĂ€chlich wirken Willmers Bilder auf mich auch weniger wie Inszenierungen, sondern eher wie Stills – allerdings nicht aus Filmen, sondern aus TrĂ€umen oder Erinnerungen: Ein wenig hölzern und doch agil und mitunter furchtbar prĂ€sent, schließlich wird der Betrachter hĂ€ufig direkt angeschaut und so Teil des Geschehen.

NatĂŒrlich gibt es Parallelen zu den Inszenierungen von Jeff Wall und Gregory Crewdson – gerade Crewdson hat als Kind hĂ€ufig den PatientengesprĂ€chen seines Vaters, der Psychoanalytikerm war, gelauscht, was seine Fantasie enorm angeregt haben dĂŒrfte. Wirkt die Bedrohung und das Geschehene in seinen Bildern jedoch fast ĂŒbernatĂŒrlich, liegt der Schrecken bei Willner im Alltag – und hĂ€ufig weiß man auch nicht, ob man Angst oder Mitleid mit seinen Protagonisten haben muss. Die vier mit Spielzeugbogen “bewaffneten” Jungs, die auf einem Trampelpfad am Waldrand stehen, wirken selbst am meisten ĂŒberrascht darĂŒber, dass sie gerade aus Spaß einen Schwan erschossen haben, der nun tot vor ihren FĂŒĂŸen liegt. Und von dem Mann, der in einem surreal-anonymen Raum ein (eventuell totes?) Kleinkind auf den Armen wegtragen will – ist er der trauende Vater oder ein Mörder. Oder vielleicht sogar beides?

Das sind nun alles sehr krasse Beispiele, dabei hat Willners Serie auch andere, weniger dramatische Bilder wie beispielsweise den Tisch vor einem Fenster, auf dem ein gutes Dutzend Stapel alter Briefe liegt, oder der Patient, ein glatzköpfiger Herr, der langsam durch sein Krankenzimmer geht und sich dabei auf sein rotes Jojo-Spiel konzentriert. Durch die ErlĂ€uterungen in Willners Text verstehen wir, dass er einem solchen Mann tatsĂ€chlich begegnet ist, als er als Kind seinen Vater in einer Psychiatrie besucht hatte. Willners Bilder sind also meist voller Unsicherheiten, Verwunderungen, VerlustĂ€ngsten und natĂŒrlich Trauer. Aber (bis auf wenige Aufnahmen) so gut in Szene gesetzt, dass sie mich tatsĂ€chlich ein wenig verstören und lange in mir nachhallen – und so irgendwie auch zu einer Erinnerung von mir selbst werden, die ich schließlich mit eigenen Erfahrungen und Fragmenten auffĂŒlle.

“Boy Stories” ist bei Hatje Cantz erschienen. Das Buch hat 76 Seiten und kostet 35 Euro.

Link: Hatje Cantz

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Schulprojekt “Eine schrecklich nette Familie”

Nach meinem Lehrer-DebĂŒt vor zwei Jahren habe ich nun erneut im Rahmen des NRW-Landesprogramms Kultur & Schule gemeinsam mit der KunstpĂ€dagogin Anna-Maria Loffredo am Europagymnasium in Kerpen eine Unterrichtseinheit zum Thema “Individuum und Gruppe – Inszenierte Gruppenfotos” durchgefĂŒhrt. Allerdings mit einem Unterschied: Sollten sich die SchĂŒler damals als Berufsgruppe darstellen, galt es dieses Mal, eine fiktive Familie zu reprĂ€sentieren.

Als fotografische Referenzen habe ich den SchĂŒlern erneut Annie Leibovitz‘ bekanntes Bild von George W. Bush und seiner Crew sowie die Familienbilder von Thomas Struth und Katharina Mayer vorgestellt und diese mit ihnen intensiv besprochen. Wichtige andere Referenzen waren fĂŒr uns aber auch Richard Renaldi, Dita Pepe und Nicholas Nixon sowie Gregory Crewdson und Jeff Wall.

Nach zwei Zwischenbesprechungen vor der gesamten Gruppe mussten die fertigen Bilder in dieser Woche abgegeben werden. Da ich sowohl von den SchĂŒlern insgesamt als auch von den Ergebnissen der einzelnen Gruppen sehr angetan bin, möchte ich sie hier vorstellen. Zur ErklĂ€rung: Es war den SchĂŒlern freigestellt, ob sie alleine oder in Gruppen arbeiten und ob sie weitere externe Personen fĂŒr das Foto dazu holen. Dadurch entstanden insgesamt sieben Bilder, wobei zwei Gruppen zunĂ€chst Fotos anfertigten, die als Accessoires im Hintergrund der endgĂŒltigen Bilder zu sehen sind.

Auffallend fand ich das Interesse der insgesamt 19 SchĂŒler fĂŒr problemgeladene Inszenierungen, in denen sich die Familienmitglieder deutlich voneinander distanzieren und hĂ€ufig isoliert dargestellt und Konflikte non-verbal ausgetragen werden. Lediglich in einem Bild wird die Familie als harmonische und im wahrsten Sinne des Wortes miteinander verwobene Einheit dargestellt – ein sehr außergewöhnlicher Lösungsansatz fĂŒr das Thema, wie ich finde.

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“Sanctuary” von Gregory Crewdson

Der amerikanische Fotograf Gregory Crewdson ist bekannt fĂŒr seine keinen Aufwand scheuenden, fast mystischen Inszenierungen, die Dank ihrer Ästhetik und Lichtsetzung stark an Filme erinnern – an Filme, die es nie gegeben hat. Umso ĂŒberraschender ist es, dass ausgerechnet dieser Crewdson, der gerne mit mehreren Dutzend Mitarbeitern „on location“ auftaucht, im fĂŒr ihn fernen Rom eine stille, fast zĂ€rtliche Schwarzweiß-Serie zustandegebracht hat. „Sanctuary“, also KultstĂ€tte oder Heiligtum, heißt das dazu im Hatje Cantz Verlag erschienene Buch, und es zeigt Aufnahmen von CinecittĂ , dem berĂŒhmten Filmstudio-Komplex im SĂŒdosten Roms, in dem „La Dolce Vita“, aber auch amerikanische Produktionen wie „Ben Hur“ und „Quo Vadis“ entstanden.

Wirklich ĂŒberraschend ist jedoch, dass all das fehlt, was fĂŒr Crewdson typisch ist: Es gibt keine Farbe, es gibt (von wenigen Ausnahmen abgesehen) keine dramatische Lichtsetzung, es gibt keine Menschen und es gibt auch keinen narrativen Kern. Seine Bilder wirken auf den ersten Blick streng dokumentarisch-konservatorisch im Stil von Bernd und Hilla Becher – und auch ein wenig langweilig. Dabei ist „Sanctuary“ eine clevere Fortsetzung von Crewdsons Werk – nur mit anderen, umgekehrten Mitteln: Er, der große Inszenierer und Kulissenbauer, bedient sich an dem, was andere ĂŒbrig gelassen haben. Crewdson braucht keine Geschichten anzustoßen, weil die Kulissen genĂŒgend Geschichten bergen, die lĂ€ngst im kollektiven FilmgedĂ€chtnis manifestiert sind. Gleichzeitig verheimlicht er nie, dass es eben alles bloß Kulisse ist: Im Hintergrund stehen die Wohnblöcke des angrenzenden Stadtteils, und die GerĂŒste der Hausattrappen versucht er erst gar nicht zu verstecken.

Lediglich auf dem letzten Bild lĂ€ĂŸt Crewdson durchscheinen, dass er noch immer der Alte ist – und setzt vollkommen unverhofft eine Frau in die nĂŒchterne Pförtnerloge der Filmstudios, die von einem fast mystischen Licht angestrahlt wird. So, als wĂŒrde er sagen wollen, dass die Ruhe in den Bildern zuvor bloß eine Illusion war.

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Ted Partin im Haus Esters in Krefeld

Im Ksta ist meine Besprechung ĂŒber die Ausstellung von Ted Partin erschienen – da sie allerdings doch stark gekĂŒrzt und ohne Bild abgedruckt wurde, gibt es sie hier noch einmal in voller LĂ€nge:

Ted Partin ist im Rheinland zurzeit das, was gerne ein „Geheimtipp“ genannt wird. Kaum einer kennt den jungen Fotografen aus Brooklyn, aber wer seine Ausstellung im letzten Jahr in der DĂŒsseldorfer Galerie Thomas Flor oder aktuell im Museum Haus Esters in Krefeld (noch bis zum 19. September) gesehen hat, spricht meist voller Begeisterung und Bewunderung von den intensiven PortrĂ€ts des 33-JĂ€hrigen.

Ihre Wirkung entfalten die OriginalabzĂŒge sicherlich auch auf Grund der eingesetzten Technik – schließlich fotografiert Partin mit einer großen und schweren Fachkamera der Marke Deardorff, mit der auch schon Richard Avedon gearbeitet hat. Das Negativ, das dabei belichtet wird, ist mit 20 mal 25 Zentimetern etwa sechs mal so groß wie eine durchschnittliche, digitale Kompaktkamera – die Brillanz der AbzĂŒge lĂ€sst jeden neuen Megapixelrekord und jede Bildstabilisatoren-Neuheit wie einen Treppenwitz der Fotografiegeschichte dastehen.

Doch all diese technischen Feinheiten nutzen nur wenig, wĂŒrde es am entsprechenden Inhalt fehlen. Tut er bei Partin aber nicht. Denn der Amerikaner bewegt sich mit der Ausstellung „Eyes look through you“ souverĂ€n in der SphĂ€re zwischen Dokumentar- und Inszenierter Fotografie und zeigt junge Erwachsene zwischen Rebellion und Resignation, zwischen Selbstreflektion und Selbstaufgabe. Partin fotografiert sie durch Fenster und Spiegel, um rĂ€umliche Situationen zu verschachteln und neue Perspektiven zu kreieren – dadurch gewinnt er NĂ€he und Distanz zugleich. Aber auch ohne solche Hilfsmittel gibt es immer wieder Barrieren, die er zu ĂŒberwinden versucht – zum Beispiel der Hund mit dem Maulkorb auf dem Steg vor ihm, der Mann unter der WasseroberflĂ€che oder der frisch nach einer Operation verklammerte Hinterkopf eines anderen.

Faszinierend ist auch das PortrĂ€t einer Frau. Sie wirkt merkwĂŒrdig fremdartig, als wĂ€re sie eine Afroamerikanerin mit Albinismus. Doch als wĂŒrde dies alleine noch nicht ausreichen, lĂ€sst Partin sie wĂ€hrend der Langzeitbelichtung die Lieder schließen. Auf dem Abzug wirkt dies wie ein milchiger Schleier ĂŒber den Augen als wĂ€re sie blind. Direkt unter der OberflĂ€che seiner Bilder liegt hĂ€ufig etwas Dunkles, etwas Verborgenes – so auch wie bei der grandiosen Farbaufnahme einer anderen jungen Frau. MĂ€nnerhĂ€nde ziehen an ihrer Bluse, so dass eine große, sternförmige Narbe auf ihrem DekolletĂ© erscheint, die sie sich offensichtlich freiwillig zugezogen hat. Dass Partin dieses Bild direkt auf Cibachromepapier belichtet hat, kann auch als Respekt seinem Modell gegenĂŒber verstanden werden, denn bei dieser Technik existiert kein Negativ mehr, und der Abzug wird somit zum Unikat – in der Fotografie eigentlich ein Absurdum.

Der Vergleich mit anderen PortrĂ€tfotografen wie August Sander, Diana Arbus und Judith Joy Ross drĂ€ngt sich auf, schließlich fotografiert Partin ganz in ihrer Tradition. Aber auch Larry Clark, der Jugendliche im Drogen- und Sexrausch fotografierte, steht in gewisser Weise Pate – nur, dass Partins Bilder subtiler und weniger aggressiv, seine Modelle eher abgeklĂ€rt, einsam und melancholisch statt provokativ sind. Ihre Tattoos, Piercings und Narben sind ein Teils ihres Ichs – und nicht allein dafĂŒr da, um andere zu schockieren oder weil ihnen langweilig ist. Und anders als bei Clark, bei dem der Betrachter zum Voyeur wird, sind es bei Partin hĂ€ufig die Betrachter selbst, die angeschaut werden. Es sind ganz flĂŒchtige Augenblicke, und deshalb wirken Partins Fotografien auch so beilĂ€ufig, so schnappschussartig – obwohl sie in Wirklichkeit von langer Hand geplant und perfekt durchkomponiert sind. Da kommt dann Gregory Crewdson ins Spiel, bei dem er studiert hat – nur sind Partins Arbeiten deutlich leichter und viel weniger cineastisch, weil sein Licht natĂŒrlich und nicht dramatisch zugespitzt wirkt.

Trotz der zahlreichen Vergleiche und Parallelen hat sich Ted Partin also eine sehr eigenstĂ€ndige Handschrift erarbeitet und öffnet dem Betrachter somit eine fotografische Welt, die sich erfrischend von der des vorherrschenden Kunstmarktes abhebt. FĂŒr mich ist „Eyes look through you“ jedenfalls die bislang beste Fotoausstellung des Jahres.

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