“Topos” von Tobias Mad√∂rin

Landschaftsfotografen gibt es viele, aber nicht alle schaffen es, mehr als nur die Oberfläche eines Ortes abzubilden.

Anders Tobias Mad√∂rin. Seit √ľber 20 Jahren arbeitet er f√ľr die Serie “Topos” in Barcelona, S√£o Paulo und Grindelwald, Uganda, Japan, Indonesien und vielen anderen Pl√§tzen dieser Welt. Fotografiert in der pr√§zisen Tradition des New Topographic zeigt er uns von Menschen gepr√§gte, ver√§nderte und genutzte Orte. Er schafft somit ein vielschichtiges Portr√§t √ľber die Lebensgewohnheiten und die Lebensr√§ume der Menschheit im 21. Jahrhundert. Es gibt sicherlich Parallelen zu anderen Fotografen wie beispielsweise den von mir sehr gesch√§tzten Georg Aerni, aber dennoch bleibt Mad√∂rins Position sehr eigenst√§ndig und f√ľr sich stimmig. Au√üerdem ist “Topos” definitiv kein 08/15-Fotobuch: Es ist wunderbar einfach und dennoch auf den Punkt gestaltet und hat ein sehr angenehmes und hochwertiges Papier.

“Topos” ist im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen, hat 224 Seiten und kostet 87 Euro.

Link: Scheidegger & Spiess

Amazon: Tobias Madörin. Topos: Contemporary Global Prospects: Fotografien 1991-2011

Geschrieben in Fotob√ľcher | Keine Kommentare

Fotobuchweihnachtsverlosung 5/6

Die f√ľnfte und vorletzte Runde meiner weihnachtlichen Fotobuchverlosungsaktion, bei der ich von den Verlagen Hatje Cantz, Kehrer, Peperoni Books, Phaidon, Prestel sowie Scheidegger & Spiess unterst√ľtzt werde, hat begonnen.

Heute m√ľsst ihr euch entscheiden, denn es gibt sogar zwei verschiedene B√ľcher zu gewinnen! Der Verlag Scheidegger & Spiess hat mir sowohl ein Exemplar von Ansichtssache als auch ein Exemplar von Concrete f√ľr die Aktion zur Verf√ľgung gestellt. In “Ansichtssache” von Stephan Kunz und K√∂bi Gantenbein geht es um den¬† Stellenwert, den die Architektur im schweizerischen Graub√ľnden seit dem 19. Jahrhundert hat. Das klingt SEHR speziell und ist es auch – und dennoch ein wundbares Lese-Foto-Buch, das ich allen Architekturfotografiefans ans Herz legen m√∂chte. ‚ÄúWeil aber in erster Linie Fotografien betrachtet werden, steht nicht die Geschichte der Architektur in diesem Kanton im Zentrum. Vielmehr geht es um die Sicht der Fotografen und um die Frage, wie sich diese im Laufe der Zeit ver√§ndert hat. Was steht wann, wie und warum im Fokus?‚ÄĚ, erkl√§ren die Herausgeber im Vorwort und unterstreichen diesen besonderen Aspekt direkt mit einer Reihe von Aufnahmen, die die Fotografen Katalin De√©r, Christian Kerez, Claudio Moser, Stephan Schenk und¬†Gaudenz Signorell von der St. Nepomuk-Kapelle in Oberrealta gemacht haben. “Ansichtssache” hat 384 Seiten mit 117 farbigen und 136 schwarzwei√üe Abbildungen und kostet 48 Euro.

Ganz √§hnlich, dabei jedoch nicht auf einen einzigen Ort konzentriert ist “Concrete”. Herausgegeben wurde es von Daniela Janser, Thomas Seelig und Urs Stahel und zeigt Fotografien unter anderem von William Henry Fox Talbot, Hiroshi Sugimoto, Tobias Zielony, Michael Wesely, Georg Aerni, Andreas Gursky, Walker Evans und Moriz N√§hr. Ausgangspunkt des Buches ist, dass Architektur das Motiv des ersten fotografischen Bildes √ľberhaupt war: Joseph Nic√©phore Ni√®pces Sicht aus seinem Arbeitszimmer auf die H√§user im franz√∂sischen Le Gras von 1826. In “Concrete”, das ich bereits als Standard-Werk f√ľr die Architekturfotografie ansehe, geht es um das Wechselspiel zweier Weltanschauungen, die miteinander kooperieren. Auf der einen Seite die Architektur als Spiegel der Zeit, auf der anderen Seite eben die Fotografie jener Zeit mit all ihren eigenen Einfl√ľssen, die auf die aktuelle oder bereits √§ltere Architektur schaut. “Concrete” hat 440 Seiten mit 156 farbigen und 157 schwarzwei√üen Abbildungen und kostet 87 Euro.

Wenn ihr ein Exemplar von ‚ÄúAnsichtssache‚ÄĚ oder “Concrete” gewinnen wollt, m√ľsst ihr unter diesem Beitrag nur einen Kommentar mit eurem vollst√§ndigen Namen und eurer E-Mail-Adresse bis heute um 23.59 Uhr hinterlassen. Bitte schreibt au√üerdem dazu, welches Buch ihr haben m√∂chtet! Unter allen Teilnehmern wird per Zufallsgenerator ein Exemplar verlost. Der Gewinner wird unter dem Beitrag genannt und erh√§lt das Buch direkt vom Verlag zugesendet ‚Äď allerdings nur an Postadressen in Deutschland, √Ėsterreich und der Schweiz. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Gewinne k√∂nnen nicht in bar ausgezahlt werden. Viel Gl√ľck und viel Spa√ü!

UPDATE: Der Zufallsgenerator hat entschieden. Gewinner von ‚ÄúAnsichtssache” ist Kommentar 10, Verena Loewenhaupt. Gewinner von “Concrete” ist Kommentar 7, Marcel Haag. Herzlichen Gl√ľckwunsch und viel Spa√ü mit den B√ľchern!

Amazon: Ansichtssache.150 Jahre Architekturfotografie in Graub√ľnden, Concrete – Architektur und Fotografie

Geschrieben in Fotob√ľcher, Verlosung | 26 Kommentare

“Out of Focus” von Peter Olpe

Das Design des Buches ist so schlicht wie das einer selbstgebauten Camera Obscura – der Buchblock ist nackt und zeigt die gebundenen Seiten, die graue Pappe des Covers k√∂nnte (sieht man einmal von der Pr√§gung des Titels ab) funktionaler kaum sein. Dennoch hat es ein Highlight versteckt – ein klitzekleines Highlight, m√∂chte ich sagen, denn der Titel hat in der Mitte eine zwei Zentimeter gro√üe, kreisrunde √Ėffnung, in der wiederum eine schwarze Lochblende eingelassen wurde – theoretisch k√∂nnte man dadurch also fotografieren. Das braucht man aber nicht, denn das haben schon drei Dutzend andere Fotografen f√ľr uns gemacht. Aber der Reihe nach.

25 Jahre lang hat der Schweizer Grafiker Peter Olpe Lochkameras entworfen, gebaut und zeitweise auch vertrieben. Bei den Renovierungsplanungen f√ľr sein Haus stellte er sich 2008 schlie√ülich die Frage, was mit den ganzen schwarzen K√§sten in seinen Schr√§nken geschehen soll. Auf der einen Seite nehmen sie nur Platz weg, auf der anderen Seite konnte er sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nach seinem Tod m√∂glicherweise einfach so in der “Kehrichtverbrennung” entsorgt werden w√ľrden (obwohl sie seiner Meinung nach bestimmt “hervorragend brennen” w√ľrden). Also fasste er sich ein Herz und fragte im Mus√©e suisse de l’appareil photographique in Vevey nach, ob sie vielleicht Interesse h√§tten, seine bescheidenen Kameras in ihrer Sammlung aufzunehmen. Und das hatten sie. Und sogar mehr, denn die Direktoren Pascale Bonnard und Jean-Marc Yersin boten Olpe sogar an, eine Ausstellung mit seinen Kameras zu machen. Und weil Olpe ja zus√§tzlich Grafiker ist, bot er an, den Katalog zur Ausstellung selbst zu gestalten.

Dies alles w√§re nun eine feine, aber nicht weiter aufregende Anekdote √ľber die Hintergr√ľnde einer Ausstellung. Doch Peter Olpe wollte noch mehr. “Geben bekannte Hersteller [...] nicht auch B√ľcher heraus, die dokumentieren, was bedeutende Fotografen mit ihren Produkten anstellen? Wenn ich schon einmal – wenn auch nur kurz – dazugeh√∂rt habe, m√∂chte ich auch so ein Buch mit Bildern, die Fotografen und K√ľnstler mit meinen Kameras realisiert haben”, sagt er in selbstironischer Bescheidenheit in seinem sehr lesenswerten Vorwort zum Buch “Out of Focus”.¬† Mit 36 Gestaltern, K√ľnstlern und Fotografen ging er deswegen einen Tauschhandel ein (√ľbrigens ganz √§hnlich wie es beispielsweise fr√ľher Polaroid gemacht hat): Jeder bekam eine von Olpe selbst hergestellte Lochkamera und konnte sie auch behalten, wenn er im Gegenzug mit dieser Kamera eine kleine Serie von mindestens drei Bildern aufnimmt, die Olpe f√ľr seinen Ausstellungskatalog verwenden darf. Die Teilnehmerliste ist dabei durchaus interessant und vor allem sehr gemischt. Mit dabei sind unter anderem Georg Aerni, Alec Soth (von dem nur ein einziges Bild zu sehen ist),Volkmar Herre, das Duo Taiyo Onorato/Nico Krebs, Marc R√§der, Jo√ęl Tettamanti,¬† Oliviero Toscani, Christian Vogt (der gleich drei Kameras erhalten hat) und Herlinde Koelbl.

Unter den Bildstrecken findet man jeweils eine Biografie, einen kurzen Text sowie ein Foto der Kamera, mit der die Bilder aufgenommen worden sind, samt “Datenblatt”. Das ist insofern interessant, weil Hobbyfotografen sich ja meistens nur √ľber genau diese Daten austauschen, selten aber √ľber Bildgestaltung und -konzeption. In diesem Fall macht es aber Sinn, weil die Kameras erstens sch√∂n und skurril und extrem zugleich sind (eine Blende von 1:190 kommt in der klassischen Fotografie ja eher selten vor) und sie zweitens nat√ľrlich gro√üen Einfluss auf das Bild selbst haben. Letztlich bleibt es aber beim Nutzer selbst, was er daraus macht – und da ist die Bandbreite auch in diesem Buch gewaltig.

Dar√ľber hinaus gibt es diverse Statements und zahlreiche Abbildungen der Kameras, die Olpe dem Museum vermacht hat. Allein die sind schon aufregend anzuschauen, weil sie so archaisch und individuell und vor allem extrem einfach sind.

Das Buch “Out of Focus” ist im Schweizer Niggli Verlag erschienen. Es zeigt rund 850 Fotografien auf 432 Seiten und kostet 62 Euro.

Link: Niggli, Cameramuseum Vevey

Geschrieben in Fotob√ľcher | Keine Kommentare

“Berlin, Fruchtstra√üe am 27. M√§rz 1952″

Was f√ľr ein Projekt! Am 27. M√§rz 1952 ist der Vermessungstechniker und Photogrammeter Fritz Tiedemann durch die Berliner Fruchtstra√üe gegangen, hat alle zw√∂lf bis 15 Meter sein Stativ mit der Kamera aufgestellt und hat insgesamt 32 Fotografien der H√§user angefertigt. Vor einigen Jahren entdeckte dann der Stadtfotograf Arwed Messmer die Aufnahmen in der Architektursammlung der Berlinischen Galerie ‚Äď und pl√∂tzlich wurde aus den Fotografien zu blo√üen Dokumentationszwecken ein St√ľck visualisierte Zeitgeschichte, die den gro√üen Stra√üenportr√§ts von Ed Ruscha und Georg Aerni in nicht nachstehen.

Meine ausf√ľhrliche Besprechung zu dem nun vorliegenden Buch “Berlin, Fruchtstra√üe am 27. M√§rz 1952″ ist in der aktuellen Photonews erschienen. Das PDF dazu gibt es hier.

Link: Hatje Cantz

Geschrieben in Fotob√ľcher | Keine Kommentare

“Sites & Signs” von Georg Aerni

Das Buch “Sites & Signs” von Georg Aerni habe ich bereits im Mai im Magazin des K√∂lner Stadt-Anzeiger vorgestellt. In der Juli/August-Ausgabe der Photonews ist nun aber eine ausf√ľhrlichere Rezension erschienen, in der ich auch erkl√§re, warum “Sites & Signs” f√ľr mich das “ergreifendste Buch der ersten Jahresh√§lfte” ist.

Den Artikel gibt es hier.

Link: Scheidegger & Spiess, Photonews

Geschrieben in Fotob√ľcher | 1 Kommentar

“Aftermath” von J√∂rn Vanh√∂fen

F√ľr sein Buch ‚ÄúAftermath‚ÄĚ (Hatje Cantz Verlag, 148 Seiten, 58 Euro) ist J√∂rn Vanh√∂fen um den gesamten Erdball gereist und hat Orte aufgesucht, die sich ver√§ndern oder an denen sich vorhergegangene Ver√§nderungen zeigen lassen ‚Äď wobei Ver√§nderungen hier immer eine negative Konnotation hat, schlie√ülich geht es in seinen h√§ufig verst√∂renden und be√§ngstigenden Bildern um menschliche Hinterlassenschaften. Es sind Orte, die einmal ein Symbol f√ľr Fortschritt und Entwicklung waren und heute leer stehen und verfallen wie der niederl√§ndische Pavillon auf dem Expo-Gel√§nde in Hannover oder das fensterlose Backsteingeb√§ude in der ehemaligen Autostadt Detroit, vor dem schwarze Limousinen wie Teilnehmer eines Trauerzuges stehen. Es sind aber auch Industriebrachen und M√ľllhalden, nuklear oder chemisch verseuchte Landschaften¬† oder menschenfeindliche, urbane Ballungsr√§ume.

Leider liegt genau da die Schw√§che von “Aftermath”. Vanh√∂fen sind zweifelsohne gro√üartige Fotografien ‚Äěvom Zustand unserer Welt‚Äú gelungen, aber er spannt den ganz gro√üen Bogen ‚Äď und will dadurch vielleicht ein bisschen zu viel. W√§hrend sich Edward Burtynsky mit “Oil” auf den Weg des Erd√∂ls von der F√∂rderung √ľber die Weiterverarbeitung und den Konsum bis zur Entsorgung konzentriert, Pieter Hugo mit ‚ÄěPermanent Error‚Äú den brutalen Alltag auf einer einzige M√ľllhalde f√ľr Elektroschrott in Agbogbloshie in Ghana zeigt und Georg Aerni in ‚ÄěSites & Signs‚Äú den Einfluss von Architektur auf unser Leben darstellt, sensibilisieren sie den Betrachter gleichzeitig f√ľr diese Themen. Der 1961 in Dinslaken geborene Vanh√∂fen greift hingegen zu viele komplexe Themen auf einmal auf und springt mit ihnen hin und her. Dadurch entstehen zwar gute Querverbindungen, sorgen aber auch f√ľr ein Gef√ľhl, dem Einzelnen nicht gerecht werden zu k√∂nnen. Im Grunde h√§tte er aus ‚ÄěAftermath‚Äú auch zwei oder drei B√ľcher machen k√∂nnen. Oder m√ľssen.

Hinzu kommt, dass mich einige Bilder stark an Arbeiten anderer erinnern. Das liegt meist nat√ľrlich am n√ľchternen New Topographics-Blick, der nun einmal weit verbreitet ist. Manchmal liegt es aber auch daran, dass ich manche Motive nahezu genauso schon woanders gesehen habe. So hat Vanh√∂fen ein Haus unter einer Br√ľcke in Z√ľrich abgelichtet, das Georg Aerni bereits sieben Jahre zuvor (besser) fotografiert hat. Ein sehr √§hnliches Foto, das ebenfalls im Buch vorkommt, hat Vanh√∂fen √ľbrigens bereits 2005 in Duisburg aufgenommen. Und sein Bild Asok #797 von 2010 erinnert gleich in mehreren Details an Thomas Struths “Samsung Apartments”, die er 2007 in Seoul fotografiert hat. Insofern ist meine anf√§ngliche Begeisterung f√ľr “Aftermath” dann leider doch einer gewissen Ern√ľchterung gewichen.

Links: Hatje Cantz

Geschrieben in Fotob√ľcher | 1 Kommentar

Vier neue Fotob√ľcher im Ksta

In der Wochenendausgabe vom Ksta-Magazin sind wieder vier Fotobuchbesprechungen von mir erschienen. Dabei dreht sich mehr oder weniger zuf√§llig alles irgendwie um das Thema Zuhause und Lebensumfeld. Beth Yarnelle Edwards hat f√ľr ihr Buch “Suburban Dreams” beispielsweise Mittelschichtsfamilien in ihren Wohnungen besucht und fotografiert, w√§hrend Iain McKell mit den “New Gypsies” moderne Nomaden in England begleitet hat. Wim Wenders hat in dem kleinen Buch “Places, strange and quiet” Aufnahmen von Orten zusammengefasst, die er auf der Suche nach Locations f√ľr seine Filme entdeckt hat, und der Schweizer Georg Aerni zeigt in seiner gewaltigen Monografie “Sites & Signs” die Folgen des menschlichen Gestaltungswillens – um es mal freundlich-neutral zu formalieren.

Meinen Artikel gibt es hier als PDF.

Links: Kehrer, Prestel, Hatje Cantz, Scheidegger & Spiess

Geschrieben in Fotob√ľcher | Keine Kommentare

Most Popular Tags