Wiedereröffnung von „The Family of Man“

Sie ist legendĂ€r. Sie wurde in 150 Museen auf der ganzen Welt gezeigt. Zehn Millionen Menschen haben sie bereits gesehen. Und trotzdem gilt The Family of Man vielen noch immer als Geheimtipp. Nun ist die von Edward Steichen konzipierte Ausstellung nach einer dreijĂ€hrigen Pause wieder dauerhaft im Schloss des luxemburgischen StĂ€dtchens Clervaux zu sehen – und dabei so nah am Ursprungskonzept wie seit 1955 nicht mehr.

Meine ausfĂŒhrliche Besprechung ist in der September-Ausgabe der Photographie erschienen. Hier gibt es den Text als PDF.

Link: Steichen Collections

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„The Bitter Years“ in Dudelange

Im Centre national de l’audiovisuel (CNA) im kleinen Örtchen Dudelange in Luxemburg ist seit Ende September die Ausstellung „The Bitter Years“ von Kurator Edward Steichen zu sehen. „Edward Steichen?“, werden nun sicher einige denken. „Der ist doch lĂ€ngst tot!“ Richtig. Aber seine Ausstellung, die 1962 im MoMa gezeigt wurde, war ihm so wichtig, dass er sie danach seinem Heimatland schenkte – natĂŒrlich verbunden mit der Hoffnung, dass sie dort dauerhaft zu sehen sein wird. Damit ist „The Bitter Years“ bereits die zweite Steichen-Dauerausstellung in dem Großherzogtum – The Family of Man ist bereits seit 1994 in Clervaux zu sehen.

Zu sehen sind etwas mehr als 80 der insgesamt 202 Bilder umfassenden Originalausstellung. Steichen hatte damals die Ergebnisse des Fotografieprojektes der Farm Security Administration (FSA) zusammenfasst, die zwischen von 1935 und bis 1944 immer wieder Fotografen losgeschickt hat, um die Auswirkungen der „Great Depression“ zu dokumentieren und ihre „Opfer“, die verarmte Landbevölkerung, zu begleiten. Einige Aufnahmen, besonders die von Walker Evans und Dorothea Lange, gehören heute zu den Ikonen der Fotografiegeschichte, andere sind hingegen nahezu unbekannt.

Parallel dazu eröffnete ĂŒbrigens auch die Ausstellung „Coexistence“ von Stephen Gill. Der Brite wurde beauftragt, das industrielle Erbe der Stadt mit der Thematik der Steichen-Ausstellung zu verbinden und verbrachte sechs Wochen vor Ort. Seinem Ruf als experimenteller FotobuchkĂŒnstler wurde er dabei wieder mehr als gerecht.

Meine ausfĂŒhrliche Besprechung ist in der Photonews erschienen.

Link: Steichen Collections

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Fotofestival „The eye is a lonely hunter“

Die StĂ€dte Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg laden noch bis zum 6. November zum 4. Fotofestival ein. Der Titel lautet in diesem Jahr „The eye is a lonely hunter – Images of Humankind“, und das von Katerina Gregos und Solvej Helweg Ovesen kuratierte Festival umfasst fĂŒnf Gruppen- und zwei Einzelausstellungen sowie eine Außeninstallation mit insgesamt ĂŒber 1000 Arbeiten von 56 KĂŒnstlern aus 32 LĂ€ndern – darunter auch bekannte Fotografen wie Beat Streuli, Rinko Kawauchi, Pieter Hugo, Tobias Zielony, Jacob Holdt, Roger Ballen, Boris Mikhailov, Taryn Simon, Otto Olaf Becker, Ryan McGinley und Edward Burtynsky.

Da das Festival quasi die Neuauflage und FortfĂŒhrung der legendĂ€ren „The Family of Man“-Ausstellung aus dem Jahr 1955 sein soll, ist die KĂŒnsterauswahl und -zusammensetzung sehr interessant und spannend. Denn im Gegensatz zu Edward Steichen damals geht es Gregors und Ovesen nicht darum, mit den Bildern auf die Gemeinsamkeiten aller Menschen hinzuweisen, sondern möglichst viele unterschiedliche Facetten des Menschseins zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufzuzeigen. Das haben sie insgesamt sehr schön gelöst. Dennoch gibt es auch Kritikpunkte am Festival als solches, das viel zu verstreut ist, als dass wirkliche Festivalstimmung aufkommen könnte.

Wer mag, kann sich meine ausfĂŒhrliche Besprechung, die heute im Artnet Magazin erschienen ist, durchlesen.

P.S. Im Kölner Stadt-Anzeiger ist zudem eine Kurzversion meines Textes erschienen.

Link: 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg

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„Sternstunden des Glamour“ in Köln

Nach „Meisterwerke aus der Fotografischen Sammlung“ und „Fotografien des 19. Jahrhunderts aus Japan und China“ zeigt das Museum Ludwig in Köln erneut eine kleine, aber Ă€ußerst feine Auswahl aus seinem riesigen fotografischen Archiv. Thematisch geht es um die „Sternstunden des Glamour – Gesellschaftsbilder, KĂŒnstlerportrĂ€ts und Modefotografien des 20. Jahrhunderts“, wobei die Fotos ĂŒberwiegend aus der Sammlung L. Fritz Gruber stammen.

Der Fokus liegt auf der ersten Generation der fĂŒhrenden Mode- und Werbefotografen des 20. Jahrhunderts: Cecil Beaton, George Hoyningen-Huene und vor allem Horst P. Horst, von dem fast die HĂ€lfte der 56 gezeigten Arbeiten stammen. Sie profitierten von der allgemeinen Medieneuphorie der 1920er Jahre mit der expandierenden illustrierten Presse und der Filmindustrie sowie von der Entwicklung der Modewelten, die nach dem Ersten Weltkrieg auch ein völlig neues LebensgefĂŒhl entstehen ließ. Dass sie sich selbst mehr als KĂŒnstler denn als einfache Fotografen sahen, erklĂ€rt auch die suggestive und die Aufmerksamkeit auf sich ziehende Wirkung ihrer Bilder. AuffĂ€llig ist vor allem die dramatische Lichtsetzung und die meisterhafte Inszenierung: „Bei Horst P. Horst sieht alles nach Marmor aus – obwohl alles Pappe war“, sagt der Kurator der Ausstellung, Bodo von Dewitz.

Mit ihren Bildern haben Horst, Hoyningen-Huene und Beaton, der sich selbst als „fanatischen Ästheten“ bezeichnete, Stars wie Marlene Dietrich, Audrey Hepburn oder die Jet-Set-Ikone Barbara Hutton weiter popularisiert – und das teilweise mit absurden Mitteln und surrealen Effekten wie die in Cellophanfolie eingewickelte Nancy Beaton, die auch das Ausstellungsplakat ziert. Entsprechend groß war ihr Einfluss auf die nĂ€chste Generation der Modefotografen wie Richard Avedon, Irving Penn und Angus McBean, von denen ebenfalls Arbeiten zu sehen sind – unter anderem Avedons ikonenhafte „Dovima mit Elefanten“, das erst im November fĂŒr ĂŒber eine Million Dollar versteigert wurde (allerding als deutlich grĂ¶ĂŸerer Abzug).

Die Ausstellung ist bis zum 4. September im Museum Ludwig zu sehen.

Links: Museum Ludwig

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„One Day“ vs. „Ein Tag Deutschland“

Bereits im Oktober hat mich das Buch „Ein Tag Deutschland“, herausgegeben von Freelens, erreicht. Mit großer Vorfreude habe ich mir einen freien Nachmittag Zeit genommen, um mich in Ruhe dem Buch zu widmen. Zuvor musste ich mich bereits ein wenig mit Nadine streiten, weil ich sie erst dazu genötigt habe, sich das Buch anzuschauen, und dann fand sie es auch noch furchtbar, was ich als pure Trotz-Reaktion verurteilte. Als ich mir das Buch dann endlich selbst anschauen konnte, musste ich ihr allerdings leider zustimmen.

Dabei finde ich die Intention, an einem festgelegten Tag (in diesem Fall der 7. Mai 2010) einen Haufen Fotografen loszuschicken und deren Bilder gemeinsam zu veröffentlichen, weiterhin sehr sympathisch, weil sie fĂŒr mich fĂŒr eine sehr neugierige und humanistische AttitĂŒde steht und mich beispielsweise an das „Bildersammeln“ von Edward Steichens Family of Man-Idee erinnert. Leider hapert es bei der Umsetzung von „Ein Tag Deutschland“ aber an allen Ecken, denn das Buch erweckt den Eindruck, lediglich ein ĂŒber 600 Seiten starker Übersichtskatalog der Freelens-Mitglieder sein zu wollen – immerhin haben 432 Fotografen teilgenommen! Eine Vorauswahl scheint nicht stattgefunden zu haben, und so wirkt ein Großteil der Arbeiten dann auch entsprechend beliebig und austauschbar. Gute Bilder stehen hingegen völlig isoliert da und werden ohne grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang prĂ€sentiert, da trotz der BuchstĂ€rke nicht genĂŒgend Platz vorhanden ist. Was bleibt, sind einige wenige gute Einzelaufnahmen in einem Haufen BanalitĂ€t, der zudem auch noch durch ein schwaches Layout weiter heruntergezogen wird (dpunkt.verlag, 49,90 Euro).

Ironischerweise hat ebenfalls ein Heidelberger Verlag keine zwei Monate spĂ€ter eine weitere Publikation veröffentlicht, die genau das gleiche Thema behandelt, es allerdings vollkommen anders angeht: „One Day“ ist eine Sammlung von zehn kleinen BĂŒchern der bekannten Fotografen Alec Soth, Eva Maria Ocherbauer, Gerry Badger, Harvey Benge, Jessica Backhaus, John Gossage, Martin Parr, Rinko Kawauchi, Rob Hornstra und Todd Hido. Sie alle haben am 21. Juni und somit am Tag der Sonnenwende an unterschiedlichen Orten und ebenfalls ohne thematische Vorgabe fotografiert. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher EindrĂŒcke. Die zehn BĂŒcher sind nicht alle gleich stark, aber im Gesamtkontext ist „One Day“ doch deutlich harmonischer, einfallsreicher und nachhaltiger als „Ein Tag Deutschland“ – vom schlichten, aber edlen Design dieses SchmuckstĂŒcks mal ganz abgesehen, der sich allerdings auch im stolzen Preis von 148 Euro widerspiegelt.

Mitunter hat mich das Buch sogar ĂŒberrascht, denn sowohl mit Martin Parrs als auch Alex Soths Ergebnis habe ich nicht gerechnet: Parr hat seine alltĂ€glichen Rituale daheim festgehalten – vom ZĂ€hneputzen ĂŒbers Gassigehen mit Hundedame Ruby und dem Empfang neuer FotobĂŒcher bis zu seiner merkwĂŒrdigen Angewohnheit, Lachs in der SpĂŒlmaschine zu kochen. Soth hat hingegen am Vatertag, der nur einen Tag zuvor war, von seinem dreijĂ€hrigen Sohn Gus eine Polaroidkamera geschenkt bekommen (behauptet er zumindest) und hĂ€lt diesen nun in ebenfalls persönlichen Aufnahmen fest. Rob Hornstra hat mich mit einer sehr feinen Reihe ĂŒber zwei außergewöhnliche Charaktere in Utrecht begeistert, wĂ€hrend Todd Hido eine durchinszenierte und sexuell aufgeladene Geschichte erzĂ€hlt. Naja – „andeutet“ wĂ€re vielleicht das bessere Wort.

Die Idee zu dem Buchprojekt kam ĂŒbrigens Harvey Benge und Gerry Badger wĂ€hrend der Paris Photo 2009, wo sie sich auch gleich einige WeggefĂ€hrten suchten – inklusive Klaus Kehrer als Verleger. Ein halbes Jahr spĂ€ter traf man sich auf dem Internationalen Fotobook Festival in Kassel erneut, holte noch schnell Soth, Kawauchi und Hido mit ins Boot und machte den Sack schließlich zu. Dort entstand auch die Namensliste, hingekritzelt auf einen Notizzettel des Schlosshotels Wilhelmshöhe. Mich wĂŒrde es nicht wundern, wenn die Liste in einigen Jahren auf irgendeiner Fotografie-Auktion auftaucht.

Unterm Strich halte ich „One Day“ nicht nur fĂŒr das deutlich bessere Buch, sondern es ist auch ein Muss fĂŒr Sammler von FotobĂŒchern. Kritik hĂ€tte ich höchstens an der Zusammensetzung der KĂŒnstler, deren Arbeiten sich manchmal doch etwas zu stark Ă€hneln. Gerne hĂ€tte ich auch einen eindeutigen PortrĂ€tfotografen wie Pieter Hugo oder Ted Partin darin gesehen. Ein positives Beispiel ist fĂŒr mich hingegen Eva Maria Ocherbauer, mit deren Arbeit ich zwar nicht sonderlich viel anfangen kann, die aber mit ihren surrealen Collagen eine ganz eigene Note in das Projekt gebracht hat.

Links: dpunkt.verlag, Freelens, Kehrer

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„The Family of Man“ in Clervaux

An meinem Geburtstag habe ich mir selbst ein Geschenk gemacht und bin in den kleinen Ort Clervaux nach Luxemburg gefahren. Im dortigen Schloss befindet sich seit 1994 die wohl legendĂ€rste und nach eigenen Angaben „grĂ¶ĂŸte Fotoausstellung der Welt“: The Family of Man.

Die Ausstellung wurde ursprĂŒnglich 1951 von niemand Geringerem als Edward Steichen fĂŒr das MoMA in New York kuratiert, dessen Leiter er damals war. Die Zusammenstellung von ca. 500 Aufnahmen bekannter und vollkommen unbekannter Fotografen zeigt ein sehr umfassendes PortrĂ€t der Menschheit, unterteilt in insgesamt 37 Bereiche wie Geburt, Arbeit, Familie, Kinder, Glaube, Liebe, Krieg und Frieden. Nach dem enormen Erfolg der Ausstellung in New York gingen die Bilder auf Welttournee, bis sie schließlich als Geschenk nach Luxemburg kamen, wo sie nun permanent zu sehen sind.

Es mag aus heutiger Sicht arg naiv wirken, wenn ein Amerikaner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen dazu auffordert, ihre Bilder einzureichen, um durch diese Humanismus und NĂ€chstenliebe zu verbreiten – und vielleicht sogar zukĂŒnftige Kriege zu verhindern. Vielleicht ist es sogar schon naiv zu glauben, durch eine Fotografieausstellung ĂŒberhaupt ein umfassendes „PortrĂ€t der Menschheit“ zu erhalten, bilden die Aufnahmen doch nur ein sehr enges historisches Zeitfenster ab und ĂŒberwiegt doch das eindeutig westlich geprĂ€gte Menschenbild.

Auf der anderen Seite ist diese Ausstellung tatsĂ€chlich ein Geschenk fĂŒr die Menschheit – das muss ich so pathetisch formulieren. Diese große Menge an Bildern unterschiedlicher Fotografen – von BerĂŒhmtheiten wie Henri Cartier-Bresson, Robert Capa und Robert Frank bis hin zu eher Vergessenen wie Howard Sochurek, Wayne Miller, Gjon Mili und Carl Perutz – findet man kein zweites Mal auf so engen Raum und fĂŒr eine so lange Zeit. Nicht umsonst wurde „The Family of Man“ 2003 in das „Memory of the World Register“ der Unesco aufgenommen.

Last not least ist es fĂŒr jemanden, der regelmĂ€ĂŸig in Galerien und Museen ist, extrem spannend zu sehen, wie Ausstellungskonzpte vor 50 Jahren entwickelt und umgesetzt wurden – schließlich ist „The Family of Man“ in Clervaux nahezu so aufgebaut, wie sie auch ursprĂŒnglich in New York zu sehen war. Dieses Wirrwarr von dicht neben- und ĂŒbereinander (und sogar an der Decke!) hĂ€ngenden Bildern ist in einer Zeit des alles beherrschenden und hĂ€ufig auch kritisierten „White Cubes“ absolut beachtenswert. Insofern ist die Ausstellung auch eine kleine Zeitreise zurĂŒck in die 1950er Jahre.


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