Zum Tod von Hilla Becher

Hilla Becher ist tot. Sie und ihr Mann Bernd Becher haben mit ihren Fotografien von FachwerkhĂ€usern, Bergwerken, HĂŒttenanlagen, WassertĂŒrmen und anderen Industrieanlagen und ihrer berĂŒhmten Klasse an der Kunstakademie DĂŒsseldorf die wohl einflussreichste Kunstrichtung aus Deutschland seit dem Bauhaus geprĂ€gt. Zu ihren Studenten gehörten unter anderem Stars wie Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth, Candida Höfer, Boris Becker, Axel HĂŒtte, Elger Esser, Jörg Sasse, Laurenz Berges, Simone Nieweg und Petra Wunderlich.

Ich persönlich habe mich sehr lange sehr schwer mit ihren Arbeiten getan, aber im Laufe der Zeit habe ich einen großen Respekt vor ihrem Lebenswerk, vor ihrem Ehrgeiz und vor ihrer Konzentration auf das eine Thema entwickelt. Außerdem hatte ich das GlĂŒck, Hilla Becher mehrfach persönlich bei Veranstaltungen und Ausstellungen zu treffen und habe sie als sehr intelligente und reflektierte GesprĂ€chspartnerin erlebt, die immer eine Bereicherung und Inspiration fĂŒr mich war. Sie wird zweifelsohne eine LĂŒcke hinterlassen.

Mein Nachruf auf Hilla Becher ist in Der Standard erschienen und gibt es hier als PDF.

Hilla Becher

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Hilla Becher zum 80. Geburtstag

Mit Hilla Becher ist heute eine der einflussreichsten Fotografinnen der Welt 80 Jahre alt geworden. Mit ihren Bildern von Industrieanlagen konnte ich mich lange Zeit nicht so richtig anfreunden, doch das Ă€ndert sich allmĂ€hlich. UnabhĂ€ngig davon habe ich jedoch den grĂ¶ĂŸten Respekt vor der Lebensleistung von Hilla Becher und ihrem bereits 2007 verstorbenen Mann Bernd Becher.

Im Kölner Stadt-Anzeiger widme ich ihr zu diesem JubilÀum ein kleines PortrÀt, das ihr hier nachlesen könnt.

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„Tƍhoku“ von Hans-Christian Schink

Wir alle haben die Schreckensbilder vor Augen, die nach dem Erdbeeben von Tƍhoku und dem dadurch ausgelösten Tsunami mit dem anschließenden Super-Gau von Fukushima um die Welt gingen. Der deutsche Fotograf Hans-Christian Schink ist ein Jahr spĂ€ter in die Region gereist und hat das zerstörte KĂŒstengebiet dokumentiert. Dass er sich dabei der Bildsprache des New Topographic bedient, unterscheidet ihn von anderen Fotografen wie beispielsweise Paolo Pellegrin, gegen dessen Schwarzweiß-TrĂŒmmer-Ästhetik sich kein Betrachter wehren kann. Schinks Aufnahmen wirken hingegen sehr prĂ€zise, aber unaufdringlich komponiert und zurĂŒckhaltend im Ausdruck. Es sind Landschaften, die erst vom Menschen „zerstört“ weil verĂ€ndert wurden, und die die Natur nun wiederum zerstört und sich somit zurĂŒckerobert hat.

Am ergreifendsten und vielschichtigsten ist dabei die Aufnahme, in der Schink von einem HĂŒgel aus auf die ƌtsuchi-Bucht herunter fotografiert hat: Im Hintergrnd sehen wir friedlich das Meer, in der Bildmitte das zerstörte Land mit wenigen restlichen HĂ€usern – und im Vordergrund den unberĂŒhrten Friedhof, auf dem sich die Bewohner wĂ€hrend des Tsunamis gerettet haben. Mich erinnert die Aufnahme auch an „Bethlehem, Pennsylvania“, das 1935 Walker Evans und 51 Jahre spĂ€ter Bernd und Hilla Becher als Hommage an Evans aufgenommen haben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April im Forum fĂŒr Fotografie, Schönhauser Straße 8, Köln zu sehen. Im Hatje Cantz Verlag ist zudem das Buch „Tƍhoku“ erschienen. Es hat 132 Seiten und kostet 39,80 Euro.

Link: Forum fĂŒr Fotografie

Amazon: Hans-Christian Schink: Tohoku


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Candida Höfer im Museum Kunstpalast

Im Museum Kunstpalast in DĂŒsseldorf ist noch bis zum 9. Februar 2014 eine umfangreiche Ausstellung von Candida Höfer zu sehen. Das Besondere: Es werden 70 Fotos aus den vergangenen 40 Jahren gezeigt, die auch alle in DĂŒsseldorf entstanden sind. Das macht ihre aktuellen Bilder fĂŒr mich zwar nicht interessanter, aber immerhin bekommt man auch ein paar frĂŒhe Aufnahmen von ihr zu sehen (leider auch mal wieder ihre in letzter Zeit gerne herausgekramte Serie „TĂŒrken in Deutschland“, mit der sie sich Mitte der 70er fĂŒr die Fotoklasse von Bernd Becher an der Kunstakademie DĂŒsseldorf beworben hat). Einzig die Projektion von elf frĂŒhen Fotografien, die DĂŒsseldorfer Schaufenster zeigen, in denen sich Höfer selbst spiegelt, bleibt mir sehr positiv in Erinnerung.

Meine vollstÀndige Besprechung ist heute im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen und gibt es hier.

Link: Museum Kunstpalast

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Die Dokumentarfilmreihe „Photo“ auf Arte

An dieser Stelle mal einen Fernseh-Tipp von mir: Arte zeigt unter dem Titel „Photo“ eine insgesamt zwölfteilige Serie zur Geschichte der Fotografie. Jede Folge dauert 25 Minuten und befasst sich mit einem bestimmten Aspekt der Entwicklung der Fotokunst. Und das so anschaulich und zugleich unterhaltend auf einem hohen Niveau, dass die Serie fĂŒr den interessierten Laien genauso zu empfehlen ist wie fĂŒr professionelle Fotografen und Kunsthistoriker.

Eine der StĂ€rken der Dokumentarfilmreihe von Stan Neumann und Alain Nahum liegt darin, dass sie Bilder aus der Fotografiegeschichte manipuliert, um die Auswirkungen von technischen oder gestalterischen VerĂ€nderungen darzustellen. Das passiert gleichzeitig so spielerisch (und manchmal auch absurd-respektlos), dass ich mich teilweise an das Intro von Monthy Python’s Flying Circus erinnert fĂŒhlte: StĂ€ndig werden Personen und GegenstĂ€nde ausgeschnitten und „fliegen“ durch das Bild, um an anderen Stellen wieder platziert zu werden. Großartig!

ZunĂ€chst werden immer sonntags um 12.30 Uhr fĂŒnf Folgen ausgestrahlt – die Erste lief bereits am 4. November und beschĂ€ftigte sich mit dem Thema „Fotografie als Kunst 1850-1860“. Am kommenden Sonntag geht es dann in „Die neue deutsche ObjektivitĂ€t“ um den Einfluss von Bernd und Hilla Becher auf die nachfolgenden Fotografengenerationen, am 18. November steht die „Inszenierte Fotografie“, am 25. November der „Pictorialismus“ und am 2. Dezember „Die experimentelle Fotografie der 20er Jahre“ im Mittelpunkt. Im nĂ€chsten Jahr sollen dann die restlichen sieben Folgen zu sehen sein. Außerdem wird es die Reihe auch in der Arte Edition auf DVD zu kaufen geben – jeweils vier Folgen kosten 14,90 Euro.

Link: Arte

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Karl Hugo Schmölz bei Van der Grinten Galerie

Nach der wunderbaren Retrospektive „Wie sich Deutschland neu erfand“ im LVR-Landesmuseum Bonn zeigt nun auch die Van der Grinten Galerie in Köln bis zum 15. Dezember eine Ausstellung mit Vintage-AbzĂŒgen von Karl Hugo Schmölz. Unter dem Titel „Die Stadt als BĂŒhne“ demonstriert die Schau, wie Schmölz seine Umgebung wahrnahm: Seine Ansichten wirken oft realer als real und bisweilen unwirklich schön – so wie auf seinen Fotos hat man die Architektur der Zeit jedenfalls selten erstrahlen sehen. Schmölz schien geradezu besessen von der Linie, von Proportion und dem Willen nach gestalterischer Perfektion: In seinen Aufnahmen von Theatern, KinosĂ€len, GeschĂ€ften und VerwaltungsgebĂ€uden gibt es keinen störenden Akzente, alles ist auf das Wesentliche reduziert. Dass Schmölz (natĂŒrlich) in Schwarzweiß gearbeitet hat, mag man manchmal bedauern – zu schön wĂ€re es, könnte man diese Zeitreise in Farbe erleben. Gleichzeitig ist gerade dieses Schwarzweiß ein Teil seines Geheimnisses, schließlich lĂ€sst es sich zum einen gestalterisch besser kontrollieren, zum anderen sind diese alten Vintages in ihrer technischen Brillanz unĂŒbertroffen.

Im Verlag Schirmer/Mosel ist zudem das sehr empfehlenswerte Buch „Köln – Architekturfotografien der fĂŒnfziger Jahre“ erschienen. Es versammelt Karl Hugo Schmölz‘ Fotografien und verdeutlicht zudem eindrĂŒcklich, wie er nun als fehlendes Bindeglied der neu-sachlichen Fotografie im Rheinland zwischen August Sander und Bernd und Hilla Becher neu entdeckt wird (176 Seiten, 49,80 Euro).

Links: Van der Grinten, Schirmer/Mosel


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Walker Evans in der SK Stiftung Kultur

Wer sich mit Fotografie beschĂ€ftigt, kommt ĂŒber kurz oder lang nicht an Walker Evans vorbei: Der 1975 verstorbene Amerikaner gehört zu den großen Fotografiepersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Er hat den sogenannten „dokumentarischen Stil“ entscheidend geprĂ€gt und zahlreiche Fotografen beziehen sich auf ihn. Zudem war Evans der erste Fotograf ĂŒberhaupt, dem das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung gewidmet hat. Das war 1938. Damals ist auch ein Katalog erschienen, den nun, 75 Jahre spĂ€ter, der Schirmer/Mosel Verlag erstmals auf deutsch veröffentlicht hat (208 Seiten, 39,80 Euro).

Umso erstaunlicher ist, dass noch nie eine Walker Evans-Retrospektive in Deutschland zu sehen war. Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur Ă€ndert dies gerade und zeigt in der Ausstellung „Decade by Decade“ ĂŒber 200 OriginalabzĂŒge aus den Jahren 1928 bis 1974, wodurch „alle Schaffensphasen von Evans beleuchtet, die KontinuitĂ€t seines Arbeitsansatzes verdeutlicht und ein neu reflektierter Rezeptionsweg beschritten wird“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Seine Ikonen der Dokumentarfotografie stehen wie selbstverstĂ€ndlich in einer Reihe von weitgehend unbekannten Aufnahmen wie Typologien und drittklassigen PortrĂ€ts und wir folgen Evans auf seinen wenigen Reisen außerhalb der USA – beispielsweise nach Tahiti und Kuba. Die Ausstellung endet schließlich mit seinen bemerkenswerten und extrem grafischen Farbpolaroids von Fahrbahnmarkierungen und Details aus Hausbeschilderungen und Werbeschildern.

Sehr spannend fand ich persönlich auch die Ausstellung in den beiden KabinettrĂ€umen, in denen Arbeiten von Fotografen gezeigt werden, die sich entweder auf Evans beziehen oder (im Fall von EugĂšne Atget) auf die sich Evans selbst bezieht – darunter sind beispielsweise William Christenberry, Jim Dine, Lee Friedlander, Candida Höfer, Wilhelm SchĂŒrmann, Stephen Shore und auch Bernd und Hilla Becher.

Von Letzteren gibt es eine Aufnahme zu sehen, die sie 1986 in Bethlehem/Pennsylvania gemacht haben. Es zeigt, fĂŒr die Bechers untypisch, ein in drei Ebenen aufgeteilten Bild: Im Hintergrund sieht man eine Industrienlage, im Mittelgrund eine Reihenhaussiedlung und im Vordergrund einen Friedhof. Interessanterweise haben die Kuratoren in einer Vitrine einen kleineren Abzug des Bilder neben einem Bild von Walker Evans platziert, der 50 Jahre zuvor den selben Ort fotografiert hat. Mal abgesehen davon, dass sich die Bechers mit dem Bild vor Walker Evans verneigen wollten, haben sie meiner Meinung nach auch noch das bessere weil subtilere Foto gemacht.

Die Ausstellung „Decade by Decade“ lĂ€uft noch bis zum 20. Januar 2013. Außerdem ist bei Hatje Cantz der Katalog zur Retrospektive erschienen. Er hat 256 Seiten und kostet 49,80 Euro.

Links: SK Stiftung, Hatje Cantz, Schirmer/Mosel

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August Sander und die SK Stiftung Kultur

Im Rahmen des TĂ€tigkeitsberichts 2011, den ich im Auftrag der SK Stiftung Kultur geschrieben habe, habe ich mich auch intensiv mit der grundlegenden Bedeutung von August Sander fĂŒr die Photographische Sammlung auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt meines Artikels steht dabei die Ausstellung Sardinien 1927, die im letzten Jahr gezeigt wurde. Aber auch die Rekonstruktion von New Topographics sowie das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher sind natĂŒrlich wichtige Referenzen darin.

Meinen ausfĂŒhrlichen Artikel gibt es hier.

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Thomas Wiegand: „Deutschland im Fotobuch“

Ganz schön schwergewichtig kommt es daher, das neue Fotobuch ĂŒber FotobĂŒcher. Zu Recht, denn nach Martin Parrs und Gerry Badgers zweibĂ€ndigen „The Photobook: A History“ könnte das von Thomas Wiegand verfasste und von Manfred Heiting herausgegebene „Deutschland im Fotobuch“ ebenfalls zum Klassiker unter den Nachschlagewerken und Bestellkatalogen fĂŒr Fotobuch-Sammler avancieren. Das Zeug dazu hat der 492 Seiten starke WĂ€lzer, der insgesamt 273 BĂŒcher auflistet, diese bespricht und Faksimiles der Originalseiten abbildet, jedenfalls schon jetzt.

Zwar beinhaltet „Deutschland im Fotobuch“ (erschienen bei Steidl, 75 Euro), wie der Name vermuten lĂ€sst, nur FotobĂŒcher, die sich in irgendeiner Weise mit dem Thema Deutschland beschĂ€ftigen – das macht es allerdings sehr umfassend, so dass das Buch in zahlreichen Kapiteln wie Landschaften, StĂ€dte, Menschen, Arbeit, Architektur, Zeitgeschehen und Grenzen aufgeteilt wurde. SelbstverstĂ€ndlich kommen viele bekannte Fotografen und BĂŒcher wie „CafĂ© Lehmitz“ von Anders Petersen, „Antlitz der Zeit“ von August Sander, „FachwerkhĂ€user des Siegener Industriegebietes“ von Bernd und Hilla Becher und „Agrarlandschaften“ von Heinrich Riebesehl darin vor.

Aber ich habe auch viel Spannendes und fĂŒr mich Neues entdeckt – beispielsweise „Der ’statistische‘ Mensch“ von Hubert Troost, „Reichsautobahn“ von Erna Lendvai-Dircksen und „Bundeskanzleramt“ von Charles Wilp. Sehr gut gefallen hat mir auch das Kapitel „Typisch deutsch“, in dem „Die Deutschen“ von RenĂ© Burri natĂŒrlich nicht fehlen darf, das aber auch Überraschungen wie „The German Soul“ von Enver Hirsch und „Schönes Wochenende“ von Hartmut Mirbach im New Topographic-Stil bereithĂ€lt. Ich persönlich habe mich natĂŒrlich am meisten darĂŒber gefreut, dass auch „Paare: Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der siebziger Jahre“ von Beate Rose vorgestellt wird – Nadine und mich motiviert das zusĂ€tzlich, unsere Hommage und FortfĂŒhrung des Projektes weiter voranzutreiben.

Bemerkenswert finde ich ĂŒbrigens, dass Wiegand und Heiting in ihrer Einleitung die Kriterien, nach denen sie FotobĂŒcher beurteilen, klar offengelegt haben. Dazu gehören Beispielsweise der innovative Charakter, die historische Bedeutung, der Stellenwert im Oeuvre des Fotografen sowie der Druck und die Ausstattung eines Buches. Dies ermöglicht auch den interessierten Laien Entscheidungen nachzuvollziehen – und in Zukunft selbst welche zu treffen.

Link: Steidl

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Das Museum Ludwig und die „Zwischenstadt“

Die Ausstellung „Nachrichten aus der Zwischenstadt“ im Museum Ludwig beschĂ€ftigt sich mit dem Begriff der Zwischenstadt, den der deutsche Architekt Thomas Sieverts 1995 geprĂ€gt hat. DafĂŒr versammelte Kuratorin Barbara Engelbach neben Videos und Skulpturen vor allem jedoch Fotografien von Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Ruff, William Eggleston, Joachim Brohm, Peter Piller und Chargesheimer.

Alle gezeigten Arbeiten stammen aus der museumseigenen Sammlung. Warum ich der Meinung bin, dass damit jedoch auch eine Chance vergeben wurde, könnt ihr in meinem Artikel nachlesen, der heute im Ksta erschienen ist.

Link: Museum Ludwig

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