Interview mit Rinko Kawauchi

Anfang Dezember habe ich ein kurzes Interview mit der japanischen Fotografin Rinko Kawauchi gefĂŒhrt. Naja, eigentlich war es kein richtiges Interview, eher ein GesprĂ€ch, ein Austausch, bei dem ich meine Gedanken zu ihren Fotografien loswerden und mit den ihrigen abgleichen konnte – schließlich bin ich ein Fan ihrer Arbeiten, seit ich sie 2006 das erste Mal in einer Ausstellung in der Galerie Priska Pasquer gesehen habe.

Ausgangspunkt ist ihre aktuelle Serie “Ametsuchi”, die noch bis zum 8. MĂ€rz ebenfalls in der Galerie Priska Pasquer zu sehen ist, und die vor einigen Monaten als Buch im Kehrer Verlag und bei Aperture erschienen ist (80 Seiten, 58 Euro). Wer Kawauchis ƒuvre kennt, wird ihre Handschrift wiedererkennen, gleichzeitig unterscheidet sich “Ametsuchi” doch sehr von ihren bisherigen Arbeiten. Zumindest auf den ersten Blick. Keine intimen Nahaufnahmen mehr von flĂŒchtigen Augenblicken, dafĂŒr viele Landschaften, in denen das Feuer wĂŒtet. Das Buch ist ebenfalls eine Überraschung, befinden sich hinter vielen Abbildungen noch weitere Fotografien, die man aber nur erahnen kann, weil sich die Seiten oben nicht öffnen lassen und der Betrachter somit quasi nur die HĂ€lfte sehen kann. Verborgen bleiben die ins Negativ gekehrte Ansichten der Fotos – in gewisser Weise sind es die “Originale”, schließlich ist es das, was auf einem Negativfilm tatsĂ€chlich festgehalten wird.

In der Ausstellung wird dieser Aspekt nur angedeutet: In einer Special Edition fĂŒr 49 Euro wird der Nachthimmel mit dem roten Laser-Pointer-Zickzack als Negativ-Version angeboten, ansonsten kommen diese Umkehrungen an der Wand nicht vor. Neu ist allerdings die stattliche GrĂ¶ĂŸe mancher AbzĂŒge (148 x 185 Zentimeter). Das kannte ich bislang nicht von Kawauchi, aber es tut den fast epischen Aufnahmen des brennenden HĂŒgels sehr gut. Ach, und fĂŒr alle, die sich genauso wie ich den Kopf darĂŒber zerbrechen sollten, wie zum Teufel der Laserpointerstrahl auf den Sternenhimmel kommt (weil es technisch doch gar nicht möglich ist): Kawauchi hat gar keinen echten, sondern bloß einen projizierten Himmel in einem Planetarium fotografiert. Manche Tricks sind wirklich so einfach, da hĂ€tte ich auch von alleine drauf kommen können.

Hier nun das GesprÀch mit ihr:

Alec Soth hat gesagt, dass deine bisherigen Arbeiten aussehen wie der Blick eines Neugeborenen auf seine direkte Umgebung. FĂŒr „Ametsuchi“ seist du nun einen Schritt zurĂŒckgegangen und hast deinen Blick verlangsamt. Dein Buch sei eine gelassene und lange gereifte Offenbarung. Gleichzeitig habe ich bereits von mehreren Leuten gehört, dass sie „Ametsuchi“ fĂŒr deine erste richtige konzeptionelle Arbeit halten.

Ach, wirklich?

Ja. Ich glaube, dass kommt daher, weil du dich hier streng an einem Thema abarbeitest. Und das wird in Europa und den USA gerne mit Konzeptfotografie in Zusammenhang gebracht.

Das sehe ich anders. Und es stimmt auch nicht, dass ich mich hier auf ein einziges Thema konzentriere.

Wir haben die Aufnahmen der Sternenhimmel und der Klagemauer in Jerusalem, dominiert wird die Serie aber von den Feldern und HĂŒgeln, die von ihren Besitzern gezielt in Brand gesetzt werden. Wie passt das fĂŒr dich zusammen?

Das sind unterschiedliche Themen, aber es gibt etwas, was sie miteinander verbindet. Es ist das Leben und der Tod, der Respekt und das Gebet und vieles mehr.

Du erwÀhnst das Gebet. Glaubst du an Gott?

Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an einen spirituellen Weg. Es interessiert mich nicht, ob es einen Gott gibt. Ich glaube an etwas (sie ĂŒberlegt) 
 an Etwas.

An Etwas.

(lacht) Ja, an etwa Großes. Denn wir können nicht erklĂ€ren, warum wir leben, warum wir existieren. Irgendetwas wird da vielleicht sein.

In fast allen deinen Bildern gibt es einen Kontrast zwischen Groß und Klein, Leben und Tod. Auf deiner Website zum Beispiel. Das erste Foto zeigt KinderhĂ€nde, die ein Feuerzeug entzĂŒnden. Sie schĂŒtzen die kleine zarte Flamme, aber sie könnten auch jederzeit ein großes Feuer entfachen.

In meinen Bildern verbinde ich immer zwei unterschiedliche Aspekte, denn es gibt so viele Dinge, die wir nicht erklÀren können. Ich sage damit nie, dass etwas richtig oder falsch ist. Die Möglichkeit dazu ist aber in allem vorhanden.

HĂ€ufig gibt es in deinen Fotografien Licht und Schatten. Es gibt beispielsweise deine beiden Aufnahme von der Sonnenfinsternis zu Beginn und zum Schluss von „Illuminance“. Außerdem gibt es hĂ€ufig Löcher im Boden, lebendige und tote Tiere, Kinder, Seifenblasen.

Ja. Bei mir ist alles fragil.

Und jedes Bild steht bei dir fĂŒr alles. In jedem Bild geht es um die Möglichkeit der Zerstörung und des Neuanfangs. Auch in deiner aktuellen Serie, in der du die traditionelle BranddĂŒngung dokumentierst. Die eine HĂ€lfte des HĂŒgels ist bereits schwarz, die andere HĂ€lfte wartet noch auf die Zerstörung.

Nach jeder BranddĂŒngung wird etwas Neues kommen. Das gilt fĂŒr alle meine Bilder, ich sehe den Kreislauf des Lebens. Jemand stirbt, jemand anderes wird geboren. Das alles sind Teile des Gleichen. Und das fasziniert mich.

In Japan sind FotobĂŒcher sehr wichtig fĂŒr KĂŒnstler. Wie wichtig ist fĂŒr dich heute der Abzug an der Wand?

FĂŒr mich sind BĂŒcher und Ausstellungen zwei komplett unterschiedliche Sachen. Im Buch zu “Ametsuchi” kann ich beispielsweise mit den Positiv- und Negativ-Bildern spielen, in der Ausstellung verzichte ich darauf.

Im Buch bekommt man die Negativ-Ansichten nur angedeutet zu sehen. Wenn man das Bild komplett sehen will, muss man die Seiten aufschneiden und damit das Buch zerstören.

Richtig.

Soll der Betrachter das Buch zerstören?

Er muss nicht. Aber er kann.

Mir ist beim Betrachten all deiner bisherigen BĂŒcher aufgefallen, dass fast alle ein blaues Cover haben.

Oh (erstaunt). DarĂŒber habe ich noch nicht nachgedacht.

Hat es vielleicht etwas mit der Farbe des Himmels und des Wassers zu tun?

(sie ĂŒberlegt und schaut sich die Cover ihrer BĂŒcher an) Dieses hier ist Pink (weist auf „Illuminance“)

Ja, aber der Leineneinband ist auch hier blau.

(lacht) Ja, das stimmt. Vielleicht bevorzuge ich Blau. Ich weiß es nicht.

Danke fĂŒr das GesprĂ€ch.

Link: Priska Pasquer, Kehrer

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“GrenzgĂ€nge. Magnum: Trans-Territories”

Noch bis zum 10. November lĂ€uft das 5. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg. Das grĂ¶ĂŸte kuratierte Fotografiefestival in Deutschland steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Fotografenagentur Magnum. Kuratorin AndrĂ©a Holzherr hat unter dem Titel “GrenzgĂ€nge. Magnum: Trans-Territories” ein sperrig klingendes, aber dennoch stimmiges Konzept entwickelt, mit dem sie alle acht Ausstellungsorte in den drei StĂ€dten einbeziehen konnte. Das Ergebnis hat mir jedenfalls nicht nur viel Freude bereitet, sondern es hat auch dafĂŒr gesorgt, dass ich ganz neue Facetten an Magnum kennengelernt habe.

Meinen ausfĂŒhrlichen Artikel, erschienen in Der Standard, gibt es hier.

Links: Fotofestival, Magnum

Amazon: 5. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg: GrenzgÀnge. Magnum Trans-Territories

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“Out of Focus” von Peter Olpe

Das Design des Buches ist so schlicht wie das einer selbstgebauten Camera Obscura – der Buchblock ist nackt und zeigt die gebundenen Seiten, die graue Pappe des Covers könnte (sieht man einmal von der PrĂ€gung des Titels ab) funktionaler kaum sein. Dennoch hat es ein Highlight versteckt – ein klitzekleines Highlight, möchte ich sagen, denn der Titel hat in der Mitte eine zwei Zentimeter große, kreisrunde Öffnung, in der wiederum eine schwarze Lochblende eingelassen wurde – theoretisch könnte man dadurch also fotografieren. Das braucht man aber nicht, denn das haben schon drei Dutzend andere Fotografen fĂŒr uns gemacht. Aber der Reihe nach.

25 Jahre lang hat der Schweizer Grafiker Peter Olpe Lochkameras entworfen, gebaut und zeitweise auch vertrieben. Bei den Renovierungsplanungen fĂŒr sein Haus stellte er sich 2008 schließlich die Frage, was mit den ganzen schwarzen KĂ€sten in seinen SchrĂ€nken geschehen soll. Auf der einen Seite nehmen sie nur Platz weg, auf der anderen Seite konnte er sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nach seinem Tod möglicherweise einfach so in der “Kehrichtverbrennung” entsorgt werden wĂŒrden (obwohl sie seiner Meinung nach bestimmt “hervorragend brennen” wĂŒrden). Also fasste er sich ein Herz und fragte im MusĂ©e suisse de l’appareil photographique in Vevey nach, ob sie vielleicht Interesse hĂ€tten, seine bescheidenen Kameras in ihrer Sammlung aufzunehmen. Und das hatten sie. Und sogar mehr, denn die Direktoren Pascale Bonnard und Jean-Marc Yersin boten Olpe sogar an, eine Ausstellung mit seinen Kameras zu machen. Und weil Olpe ja zusĂ€tzlich Grafiker ist, bot er an, den Katalog zur Ausstellung selbst zu gestalten.

Dies alles wĂ€re nun eine feine, aber nicht weiter aufregende Anekdote ĂŒber die HintergrĂŒnde einer Ausstellung. Doch Peter Olpe wollte noch mehr. “Geben bekannte Hersteller [...] nicht auch BĂŒcher heraus, die dokumentieren, was bedeutende Fotografen mit ihren Produkten anstellen? Wenn ich schon einmal – wenn auch nur kurz – dazugehört habe, möchte ich auch so ein Buch mit Bildern, die Fotografen und KĂŒnstler mit meinen Kameras realisiert haben”, sagt er in selbstironischer Bescheidenheit in seinem sehr lesenswerten Vorwort zum Buch “Out of Focus”.  Mit 36 Gestaltern, KĂŒnstlern und Fotografen ging er deswegen einen Tauschhandel ein (ĂŒbrigens ganz Ă€hnlich wie es beispielsweise frĂŒher Polaroid gemacht hat): Jeder bekam eine von Olpe selbst hergestellte Lochkamera und konnte sie auch behalten, wenn er im Gegenzug mit dieser Kamera eine kleine Serie von mindestens drei Bildern aufnimmt, die Olpe fĂŒr seinen Ausstellungskatalog verwenden darf. Die Teilnehmerliste ist dabei durchaus interessant und vor allem sehr gemischt. Mit dabei sind unter anderem Georg Aerni, Alec Soth (von dem nur ein einziges Bild zu sehen ist),Volkmar Herre, das Duo Taiyo Onorato/Nico Krebs, Marc RĂ€der, JoĂ«l Tettamanti,  Oliviero Toscani, Christian Vogt (der gleich drei Kameras erhalten hat) und Herlinde Koelbl.

Unter den Bildstrecken findet man jeweils eine Biografie, einen kurzen Text sowie ein Foto der Kamera, mit der die Bilder aufgenommen worden sind, samt “Datenblatt”. Das ist insofern interessant, weil Hobbyfotografen sich ja meistens nur ĂŒber genau diese Daten austauschen, selten aber ĂŒber Bildgestaltung und -konzeption. In diesem Fall macht es aber Sinn, weil die Kameras erstens schön und skurril und extrem zugleich sind (eine Blende von 1:190 kommt in der klassischen Fotografie ja eher selten vor) und sie zweitens natĂŒrlich großen Einfluss auf das Bild selbst haben. Letztlich bleibt es aber beim Nutzer selbst, was er daraus macht – und da ist die Bandbreite auch in diesem Buch gewaltig.

DarĂŒber hinaus gibt es diverse Statements und zahlreiche Abbildungen der Kameras, die Olpe dem Museum vermacht hat. Allein die sind schon aufregend anzuschauen, weil sie so archaisch und individuell und vor allem extrem einfach sind.

Das Buch “Out of Focus” ist im Schweizer Niggli Verlag erschienen. Es zeigt rund 850 Fotografien auf 432 Seiten und kostet 62 Euro.

Link: Niggli, Cameramuseum Vevey

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“The Americans List” von Jason Eskenazi

Vor ein paar Wochen hatte ich Besuch von Frederic Lezmi aus Istanbul. Im GepĂ€ck hatte er ein kleines, dĂŒnnes und dennoch ganz besonders BĂŒchlein, das er mir da ließ: “By the Glow of the Jukebox: The Americans List” vom ebenfalls in Istanbul lebenden Jason Eskenazi. Es ist kein Fotobuch im klassischen Sinn, denn es zeigt kein einziges Bild und sieht auch von außen eher wie ein Notizbuch aus. Dennoch behandelt es, wie der Titel bereits andeutet, eines der berĂŒhmtesten FotobĂŒcher ĂŒberhaupt: “The Americans” von Robert Frank.

“The Americans List” ist aber auch keine SekundĂ€rliteratur, obwohl es zahlreiche Texte enthĂ€lt, die sich mit “The Americans” beschĂ€ftigen. Vielmehr ist es eine Hommage an das großartige und die Fotografiegeschichte massiv beeinflussende Projekt, das Frank mit Hilfe eines Guggenheim-Stipendiums zwischen 1955 und 1957 auf Reisen durch die USA realisieren konnte: Das BĂŒchlein versammelt die Statements von 276 Fotografen, die Eskenazi nach ihrem Lieblingsbild aus “The Americans” befragt hatte – der Fotograf hatte fast zwei Jahre als WĂ€chter im Metropolitan Museum of Art gearbeitet und dabei auch auf die Ausstellung “The Americans” aufgepasst. Er nutzte die Gelegenheit, sich erstmals eingehend mit den Fotos auseinanderzusetzen. “‘The Americans’ ist wahrscheinlich das Buch, das die meisten Fotografen miteinander verbindet, und wĂ€hrend ich auf die Ausstellung aufgepasst habe, sah ich zahlreiche Fotografenkollegen, die sie besuchten.”

Diesen Umstand nutzte er fĂŒr seine Befragung und auf diese Weise gelang er an Statements von unter anderem Joel Meyerowitz, Ken Schles, Josef Koudelka, Gary Winogrand, Ralph Gibson, Alec Soth, Martin Parr, Mark Steinmetz, Paul Fusco, James Nachtwey, Alex Webb, Anders Petersen, Annie Leibovitz, Roger Ballen, Stephen Gill, Boris Mikhailov und Wolfgang Zurborn. Und er bekam auch eine Antwort von Robert Frank selbst – sein Lieblingsbild ist “San Francisco”, auf dem ein auf einer Wiese liegendes schwarzes Paar zu sehen ist, dass ihn gerade dabei ertappt, wie er sie fotografiert, was ihm offensichtlich schrecklich unangenehm war. Der Blick des Mannes auf dem Bild sieht jedenfalls auch nicht sonderlich freundlich aus. “Diesen Moment werde ich niemals vergessen”, sagt Frank.

Einen Nachteil gibt es allerdings: Weil “The Americans List” keine Fotos hat, muss man “The Americans” immer parallel aufgeschlagen haben. Das wĂ€re noch halb so wild, doch das Problem ist, dass die Seiten nicht nummeriert sind – zumindest nicht in der mir vorliegenden, aktuellen Ausgabe von Steidl. Ich habe mir deshalb erst einmal alle zehn Seiten kleine Post-Its hineingeklebt, um die entsprechenden Fotos schneller zu finden. Mit dieser KrĂŒcke geht es dann ganz gut und es macht Spaß, immer wieder in beiden BĂŒchern nachzuschlagen und zu lesen, was dieser oder jener Fotograf zu seinem Lieblingsbild ernannt hat.

“By the Glow of the Jukebox: The Americans List” ist bei Red Hook Editions erschienen und kostet 10 Euro. “The Americans” von Robert Frank gibt es bei Steidl und kostet 30 Euro.

Link: Jason Eskenazi

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Magnum-Projekt “Postcards from America”

Morgen beginnen die fĂŒnf Magnum-Fotografen Jim Goldberg, Susan Meiselas, Alec Soth, Mikhael Subotzky sowie Paolo Pellegrin mit dem neuen Projekt “Postcards From America”. UrsprĂŒnglich sollte auch Chris Anderson mit dabei sein, doch wegen des Todes seines engen Freundes Tim Hetherington, der am 20. April in Misrata in Libyen starb, sagte dieser die Teilnahme ab und Pellegrin sprang kurzfristig ein.

“Postcards From America” ist der erste von mehreren geplanten Kurztrips quer durch die Vereinigten Staaten getreu dem Slogan “FĂŒnf Fotografen, ein Schreiber, zwei Wochen, ein Bus”. Die Gruppe wird dabei von der New Yorker Schriftstellerin Ginger Strand begleitet. Die zweiwöchige Reise fĂŒhrt sie von San Antonio nach Oakland, und ich bin sehr gespannt, was dabei heraus kommen wird. Auf der Homepage können Fotofans das Projekt bereits jetzt finanziell unterstĂŒtzen, indem sie Postkarten, BĂŒcher oder AbzĂŒge kaufen.

Links: Postcards from America, Blog

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“One Day” vs. “Ein Tag Deutschland”

Bereits im Oktober hat mich das Buch “Ein Tag Deutschland”, herausgegeben von Freelens, erreicht. Mit großer Vorfreude habe ich mir einen freien Nachmittag Zeit genommen, um mich in Ruhe dem Buch zu widmen. Zuvor musste ich mich bereits ein wenig mit Nadine streiten, weil ich sie erst dazu genötigt habe, sich das Buch anzuschauen, und dann fand sie es auch noch furchtbar, was ich als pure Trotz-Reaktion verurteilte. Als ich mir das Buch dann endlich selbst anschauen konnte, musste ich ihr allerdings leider zustimmen.

Dabei finde ich die Intention, an einem festgelegten Tag (in diesem Fall der 7. Mai 2010) einen Haufen Fotografen loszuschicken und deren Bilder gemeinsam zu veröffentlichen, weiterhin sehr sympathisch, weil sie fĂŒr mich fĂŒr eine sehr neugierige und humanistische AttitĂŒde steht und mich beispielsweise an das “Bildersammeln” von Edward Steichens Family of Man-Idee erinnert. Leider hapert es bei der Umsetzung von “Ein Tag Deutschland” aber an allen Ecken, denn das Buch erweckt den Eindruck, lediglich ein ĂŒber 600 Seiten starker Übersichtskatalog der Freelens-Mitglieder sein zu wollen – immerhin haben 432 Fotografen teilgenommen! Eine Vorauswahl scheint nicht stattgefunden zu haben, und so wirkt ein Großteil der Arbeiten dann auch entsprechend beliebig und austauschbar. Gute Bilder stehen hingegen völlig isoliert da und werden ohne grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang prĂ€sentiert, da trotz der BuchstĂ€rke nicht genĂŒgend Platz vorhanden ist. Was bleibt, sind einige wenige gute Einzelaufnahmen in einem Haufen BanalitĂ€t, der zudem auch noch durch ein schwaches Layout weiter heruntergezogen wird (dpunkt.verlag, 49,90 Euro).

Ironischerweise hat ebenfalls ein Heidelberger Verlag keine zwei Monate spĂ€ter eine weitere Publikation veröffentlicht, die genau das gleiche Thema behandelt, es allerdings vollkommen anders angeht: “One Day” ist eine Sammlung von zehn kleinen BĂŒchern der bekannten Fotografen Alec Soth, Eva Maria Ocherbauer, Gerry Badger, Harvey Benge, Jessica Backhaus, John Gossage, Martin Parr, Rinko Kawauchi, Rob Hornstra und Todd Hido. Sie alle haben am 21. Juni und somit am Tag der Sonnenwende an unterschiedlichen Orten und ebenfalls ohne thematische Vorgabe fotografiert. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher EindrĂŒcke. Die zehn BĂŒcher sind nicht alle gleich stark, aber im Gesamtkontext ist “One Day” doch deutlich harmonischer, einfallsreicher und nachhaltiger als “Ein Tag Deutschland” – vom schlichten, aber edlen Design dieses SchmuckstĂŒcks mal ganz abgesehen, der sich allerdings auch im stolzen Preis von 148 Euro widerspiegelt.

Mitunter hat mich das Buch sogar ĂŒberrascht, denn sowohl mit Martin Parrs als auch Alex Soths Ergebnis habe ich nicht gerechnet: Parr hat seine alltĂ€glichen Rituale daheim festgehalten – vom ZĂ€hneputzen ĂŒbers Gassigehen mit Hundedame Ruby und dem Empfang neuer FotobĂŒcher bis zu seiner merkwĂŒrdigen Angewohnheit, Lachs in der SpĂŒlmaschine zu kochen. Soth hat hingegen am Vatertag, der nur einen Tag zuvor war, von seinem dreijĂ€hrigen Sohn Gus eine Polaroidkamera geschenkt bekommen (behauptet er zumindest) und hĂ€lt diesen nun in ebenfalls persönlichen Aufnahmen fest. Rob Hornstra hat mich mit einer sehr feinen Reihe ĂŒber zwei außergewöhnliche Charaktere in Utrecht begeistert, wĂ€hrend Todd Hido eine durchinszenierte und sexuell aufgeladene Geschichte erzĂ€hlt. Naja – “andeutet” wĂ€re vielleicht das bessere Wort.

Die Idee zu dem Buchprojekt kam ĂŒbrigens Harvey Benge und Gerry Badger wĂ€hrend der Paris Photo 2009, wo sie sich auch gleich einige WeggefĂ€hrten suchten – inklusive Klaus Kehrer als Verleger. Ein halbes Jahr spĂ€ter traf man sich auf dem Internationalen Fotobook Festival in Kassel erneut, holte noch schnell Soth, Kawauchi und Hido mit ins Boot und machte den Sack schließlich zu. Dort entstand auch die Namensliste, hingekritzelt auf einen Notizzettel des Schlosshotels Wilhelmshöhe. Mich wĂŒrde es nicht wundern, wenn die Liste in einigen Jahren auf irgendeiner Fotografie-Auktion auftaucht.

Unterm Strich halte ich “One Day” nicht nur fĂŒr das deutlich bessere Buch, sondern es ist auch ein Muss fĂŒr Sammler von FotobĂŒchern. Kritik hĂ€tte ich höchstens an der Zusammensetzung der KĂŒnstler, deren Arbeiten sich manchmal doch etwas zu stark Ă€hneln. Gerne hĂ€tte ich auch einen eindeutigen PortrĂ€tfotografen wie Pieter Hugo oder Ted Partin darin gesehen. Ein positives Beispiel ist fĂŒr mich hingegen Eva Maria Ocherbauer, mit deren Arbeit ich zwar nicht sonderlich viel anfangen kann, die aber mit ihren surrealen Collagen eine ganz eigene Note in das Projekt gebracht hat.

Links: dpunkt.verlag, Freelens, Kehrer

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Fotobook Festival Kassel

In Kassel hat von Donnerstag bis Sonntag das 3. Internationale Fotobook Festival stattgefunden. Ich habe mir gleich alle vier Tage gegeben und bin auch sehr froh darĂŒber, denn abgesehen von der etwas unvorbereitet wirkenden Organisation war die Veranstaltung ein Treffpunkt des “Who’s who” der internationalen Fotobuchszene: Martin Parr, Gerry Badger, Rinko Kawauchi, Alec Soth und Paul Graham gehören sicherlich zu den bekanntesten Vertretern (wobei mich der eitle Vortrag Grahams eher aggressiv gemacht hat). Sehr gut gefallen hat mir hingegen der informative und kurzweilige Beitrag des Kunsthistorikers und Experten fĂŒr japanische Fotografie, Ferdinand BrĂŒggemann, ĂŒber “Japanische Fotografinnen der Gegenwart” und Rob Hornstra, der nicht nur tolle Bilder und BĂŒcher macht, sondern der auch ein eigensinniges, aber ausgetĂŒfteltes Marketing- und Finanzierungssystem dafĂŒr entwickelt hat.

Sehr gefreut hat mich ebenfalls, dass neben Nollywood von Pieter Hugo auch Beyond Borders von Frederic Lezmi unter den 24 BĂŒchern des Photobook Awards waren, unter denen ansonsten vor allem “Black Passport” des Kriegsfotografen Stanley Greene hervorstach – ein verstörendes Buch in einer sehr eigenen, direkten Gestaltung.

Viel Zeit habe ich auch bei den BĂŒchern des Dummy-Preises verbracht, wobei die drei PreistrĂ€ger Werner Amann mit American. (hier als kleiner Auszug), Chad States mit “Cruisin’” und Axel Beyer mit  Bebra Curiosa nicht unbedingt meine Favoriten waren. Ziemlich gut fand ich Richard Kurc KonzeptportrĂ€ts mit Kinder, Eltern, Autos – Familienportraits in mobilen Rahmen und Alexander Labrentz mit seiner Dokumentation Arbeit und Leben ĂŒber Massentierhaltung. Über die Fotos aus dem Buch Wunschkinder von Ursula Becker habe ich gelacht wie selten bei einem Fotobuch, allerdings fand ich das Buch selbst ziemlich schwach gestaltet. Ähnlich erging es mir bei Arnd Weider und seinem theater – starke Fotos und ein angemessenes Layout, aber eine furchtbare Typo. Etwas zu lang, aber insgesamt dennoch ganz gut fand ich Florian Generotzky mit Risse im Beton (vor allem das Bild auf Seite 26 hat es mir angetan). Sehr schön fand ich auch “Rented Rooms” von Torben Höke ĂŒber die BilligunterkĂŒnfte der Individualreisenden in Indien – ein schlichtes, aber liebevoll gestaltetes Buch mit ruhigen, guten Einzelbildern. Insgesamt am auffĂ€lligsten war zudem sicherlich das Projekt “Erholungszone Deutschland” des Duos Valeska Achenbach/Isabela Pacini, das aus insgesamt fĂŒnf EinzelbĂŒchern besteht und mit deutschen Klischees spielt.

Wer mehr ĂŒber das Festival erfahren möchte, kann sich auch meinen Artikel aus der taz durchlesen.

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