Interview mit Alec Soth

Auf das Interview mit Alec Soth habe ich mich sehr gefreut – als wir uns dann auf der Paris Photo trafen, war es allerdings etwas … ungew├Âhnlich. Alec hatte zwar eine halbe Stunde Zeit, doch die verbrachten wir nicht irgendwo in einer ruhigen Ecke, sondern am Messestand seines Verlegers, wo er ununterbrochen Berge seines wiederaufgelegten Buches „Sleeping by the Mississippi“ signierte, w├Ąhrend ich etwas eingeengt neben ihm sa├č. St├Ąndig kamen Leute vorbei und unterbrachen uns, weil sie mit ihm reden, ihn fotografieren oder Komplimente loswerden wollten. Naja, dem Interview merkt man es hoffentlich nicht an.

Alec sprach mit mir ├╝ber seine Mitgliedschaft bei Magnum, den gro├čen Erfolg von eben „Sleeping by the Mississippi“, Roadtrips, seine Sch├╝chternheit und seinen (vielleicht nicht immer nur guten) Einfluss auf die j├╝ngere Fotografengeneration.

Das Interview ist in der ProfiFoto erschienen und gibt es hier als PDF.

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Interview mit Rinko Kawauchi

Anfang Dezember habe ich ein kurzes Interview mit der japanischen Fotografin Rinko Kawauchi gef├╝hrt. Naja, eigentlich war es kein richtiges Interview, eher ein Gespr├Ąch, ein Austausch, bei dem ich meine Gedanken zu ihren Fotografien loswerden und mit den ihrigen abgleichen konnte – schlie├člich bin ich ein Fan ihrer Arbeiten, seit ich sie 2006 das erste Mal in einer Ausstellung in der Galerie Priska Pasquer gesehen habe.

Ausgangspunkt ist ihre aktuelle Serie „Ametsuchi“, die noch bis zum 8. M├Ąrz ebenfalls in der Galerie Priska Pasquer zu sehen ist, und die vor einigen Monaten als Buch im Kehrer Verlag und bei Aperture erschienen ist (80 Seiten, 58 Euro). Wer Kawauchis ┼ĺuvre kennt, wird ihre Handschrift wiedererkennen, gleichzeitig unterscheidet sich „Ametsuchi“ doch sehr von ihren bisherigen Arbeiten. Zumindest auf den ersten Blick. Keine intimen Nahaufnahmen mehr von fl├╝chtigen Augenblicken, daf├╝r viele Landschaften, in denen das Feuer w├╝tet. Das Buch ist ebenfalls eine ├ťberraschung, befinden sich hinter vielen Abbildungen noch weitere Fotografien, die man aber nur erahnen kann, weil sich die Seiten oben nicht ├Âffnen lassen und der Betrachter somit quasi nur die H├Ąlfte sehen kann. Verborgen bleiben die ins Negativ gekehrte Ansichten der Fotos – in gewisser Weise sind es die „Originale“, schlie├člich ist es das, was auf einem Negativfilm tats├Ąchlich festgehalten wird.

In der Ausstellung wird dieser Aspekt nur angedeutet: In einer Special Edition f├╝r 49 Euro wird der Nachthimmel mit dem roten Laser-Pointer-Zickzack als Negativ-Version angeboten, ansonsten kommen diese Umkehrungen an der Wand nicht vor. Neu ist allerdings die stattliche Gr├Â├če mancher Abz├╝ge (148 x 185 Zentimeter). Das kannte ich bislang nicht von Kawauchi, aber es tut den fast epischen Aufnahmen des brennenden H├╝gels sehr gut. Ach, und f├╝r alle, die sich genauso wie ich den Kopf dar├╝ber zerbrechen sollten, wie zum Teufel der Laserpointerstrahl auf den Sternenhimmel kommt (weil es technisch doch gar nicht m├Âglich ist): Kawauchi hat gar keinen echten, sondern blo├č einen projizierten Himmel in einem Planetarium fotografiert. Manche Tricks sind wirklich so einfach, da h├Ątte ich auch von alleine drauf kommen k├Ânnen.

Hier nun das Gespr├Ąch mit ihr:

Alec Soth hat gesagt, dass deine bisherigen Arbeiten aussehen wie der Blick eines Neugeborenen auf seine direkte Umgebung. F├╝r ÔÇ×AmetsuchiÔÇť seist du nun einen Schritt zur├╝ckgegangen und hast deinen Blick verlangsamt. Dein Buch sei eine gelassene und lange gereifte Offenbarung. Gleichzeitig habe ich bereits von mehreren Leuten geh├Ârt, dass sie ÔÇ×AmetsuchiÔÇť f├╝r deine erste richtige konzeptionelle Arbeit halten.

Ach, wirklich?

Ja. Ich glaube, dass kommt daher, weil du dich hier streng an einem Thema abarbeitest. Und das wird in Europa und den USA gerne mit Konzeptfotografie in Zusammenhang gebracht.

Das sehe ich anders. Und es stimmt auch nicht, dass ich mich hier auf ein einziges Thema konzentriere.

Wir haben die Aufnahmen der Sternenhimmel und der Klagemauer in Jerusalem, dominiert wird die Serie aber von den Feldern und H├╝geln, die von ihren Besitzern gezielt in Brand gesetzt werden. Wie passt das f├╝r dich zusammen?

Das sind unterschiedliche Themen, aber es gibt etwas, was sie miteinander verbindet. Es ist das Leben und der Tod, der Respekt und das Gebet und vieles mehr.

Du erw├Ąhnst das Gebet. Glaubst du an Gott?

Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an einen spirituellen Weg. Es interessiert mich nicht, ob es einen Gott gibt. Ich glaube an etwas (sie ├╝berlegt) ÔÇŽ an Etwas.

An Etwas.

(lacht) Ja, an etwa Gro├čes. Denn wir k├Ânnen nicht erkl├Ąren, warum wir leben, warum wir existieren. Irgendetwas wird da vielleicht sein.

In fast allen deinen Bildern gibt es einen Kontrast zwischen Gro├č und Klein, Leben und Tod. Auf deiner Website zum Beispiel. Das erste Foto zeigt Kinderh├Ąnde, die ein Feuerzeug entz├╝nden. Sie sch├╝tzen die kleine zarte Flamme, aber sie k├Ânnten auch jederzeit ein gro├čes Feuer entfachen.

In meinen Bildern verbinde ich immer zwei unterschiedliche Aspekte, denn es gibt so viele Dinge, die wir nicht erkl├Ąren k├Ânnen. Ich sage damit nie, dass etwas richtig oder falsch ist. Die M├Âglichkeit dazu ist aber in allem vorhanden.

H├Ąufig gibt es in deinen Fotografien Licht und Schatten. Es gibt beispielsweise deine beiden Aufnahme von der Sonnenfinsternis zu Beginn und zum Schluss von ÔÇ×IlluminanceÔÇť. Au├čerdem gibt es h├Ąufig L├Âcher im Boden, lebendige und tote Tiere, Kinder, Seifenblasen.

Ja. Bei mir ist alles fragil.

Und jedes Bild steht bei dir f├╝r alles. In jedem Bild geht es um die M├Âglichkeit der Zerst├Ârung und des Neuanfangs. Auch in deiner aktuellen Serie, in der du die traditionelle Brandd├╝ngung dokumentierst. Die eine H├Ąlfte des H├╝gels ist bereits schwarz, die andere H├Ąlfte wartet noch auf die Zerst├Ârung.

Nach jeder Brandd├╝ngung wird etwas Neues kommen. Das gilt f├╝r alle meine Bilder, ich sehe den Kreislauf des Lebens. Jemand stirbt, jemand anderes wird geboren. Das alles sind Teile des Gleichen. Und das fasziniert mich.

In Japan sind Fotob├╝cher sehr wichtig f├╝r K├╝nstler. Wie wichtig ist f├╝r dich heute der Abzug an der Wand?

F├╝r mich sind B├╝cher und Ausstellungen zwei komplett unterschiedliche Sachen. Im Buch zu „Ametsuchi“ kann ich beispielsweise mit den Positiv- und Negativ-Bildern spielen, in der Ausstellung verzichte ich darauf.

Im Buch bekommt man die Negativ-Ansichten nur angedeutet zu sehen. Wenn man das Bild komplett sehen will, muss man die Seiten aufschneiden und damit das Buch zerst├Âren.

Richtig.

Soll der Betrachter das Buch zerst├Âren?

Er muss nicht. Aber er kann.

Mir ist beim Betrachten all deiner bisherigen B├╝cher aufgefallen, dass fast alle ein blaues Cover haben.

Oh (erstaunt). Dar├╝ber habe ich noch nicht nachgedacht.

Hat es vielleicht etwas mit der Farbe des Himmels und des Wassers zu tun?

(sie ├╝berlegt und schaut sich die Cover ihrer B├╝cher an) Dieses hier ist Pink (weist auf ÔÇ×IlluminanceÔÇť)

Ja, aber der Leineneinband ist auch hier blau.

(lacht) Ja, das stimmt. Vielleicht bevorzuge ich Blau. Ich wei├č es nicht.

Danke f├╝r das Gespr├Ąch.

Link: Priska Pasquer, Kehrer

Amazon: Rinko Kawauchi: AMETSUCHI

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„Grenzg├Ąnge. Magnum: Trans-Territories“

Noch bis zum 10. November l├Ąuft das 5. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg. Das gr├Â├čte kuratierte Fotografiefestival in Deutschland steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Fotografenagentur Magnum. Kuratorin Andr├ęa Holzherr hat unter dem Titel „Grenzg├Ąnge. Magnum: Trans-Territories“ ein sperrig klingendes, aber dennoch stimmiges Konzept entwickelt, mit dem sie alle acht Ausstellungsorte in den drei St├Ądten einbeziehen konnte. Das Ergebnis hat mir jedenfalls nicht nur viel Freude bereitet, sondern es hat auch daf├╝r gesorgt, dass ich ganz neue Facetten an Magnum kennengelernt habe.

Meinen ausf├╝hrlichen Artikel, erschienen in Der Standard, gibt es hier.

Links: Fotofestival, Magnum

Amazon: 5. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg: Grenzg├Ąnge. Magnum Trans-Territories

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„Out of Focus“ von Peter Olpe

Das Design des Buches ist so schlicht wie das einer selbstgebauten Camera Obscura – der Buchblock ist nackt und zeigt die gebundenen Seiten, die graue Pappe des Covers k├Ânnte (sieht man einmal von der Pr├Ągung des Titels ab) funktionaler kaum sein. Dennoch hat es ein Highlight versteckt – ein klitzekleines Highlight, m├Âchte ich sagen, denn der Titel hat in der Mitte eine zwei Zentimeter gro├če, kreisrunde ├ľffnung, in der wiederum eine schwarze Lochblende eingelassen wurde – theoretisch k├Ânnte man dadurch also fotografieren. Das braucht man aber nicht, denn das haben schon drei Dutzend andere Fotografen f├╝r uns gemacht. Aber der Reihe nach.

25 Jahre lang hat der Schweizer Grafiker Peter Olpe Lochkameras entworfen, gebaut und zeitweise auch vertrieben. Bei den Renovierungsplanungen f├╝r sein Haus stellte er sich 2008 schlie├člich die Frage, was mit den ganzen schwarzen K├Ąsten in seinen Schr├Ąnken geschehen soll. Auf der einen Seite nehmen sie nur Platz weg, auf der anderen Seite konnte er sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nach seinem Tod m├Âglicherweise einfach so in der „Kehrichtverbrennung“ entsorgt werden w├╝rden (obwohl sie seiner Meinung nach bestimmt „hervorragend brennen“ w├╝rden). Also fasste er sich ein Herz und fragte im Mus├ęe suisse de l’appareil photographique in Vevey nach, ob sie vielleicht Interesse h├Ątten, seine bescheidenen Kameras in ihrer Sammlung aufzunehmen. Und das hatten sie. Und sogar mehr, denn die Direktoren Pascale Bonnard und Jean-Marc Yersin boten Olpe sogar an, eine Ausstellung mit seinen Kameras zu machen. Und weil Olpe ja zus├Ątzlich Grafiker ist, bot er an, den Katalog zur Ausstellung selbst zu gestalten.

Dies alles w├Ąre nun eine feine, aber nicht weiter aufregende Anekdote ├╝ber die Hintergr├╝nde einer Ausstellung. Doch Peter Olpe wollte noch mehr. „Geben bekannte Hersteller […] nicht auch B├╝cher heraus, die dokumentieren, was bedeutende Fotografen mit ihren Produkten anstellen? Wenn ich schon einmal – wenn auch nur kurz – dazugeh├Ârt habe, m├Âchte ich auch so ein Buch mit Bildern, die Fotografen und K├╝nstler mit meinen Kameras realisiert haben“, sagt er in selbstironischer Bescheidenheit in seinem sehr lesenswerten Vorwort zum Buch „Out of Focus“.┬á Mit 36 Gestaltern, K├╝nstlern und Fotografen ging er deswegen einen Tauschhandel ein (├╝brigens ganz ├Ąhnlich wie es beispielsweise fr├╝her Polaroid gemacht hat): Jeder bekam eine von Olpe selbst hergestellte Lochkamera und konnte sie auch behalten, wenn er im Gegenzug mit dieser Kamera eine kleine Serie von mindestens drei Bildern aufnimmt, die Olpe f├╝r seinen Ausstellungskatalog verwenden darf. Die Teilnehmerliste ist dabei durchaus interessant und vor allem sehr gemischt. Mit dabei sind unter anderem Georg Aerni, Alec Soth (von dem nur ein einziges Bild zu sehen ist),Volkmar Herre, das Duo Taiyo Onorato/Nico Krebs, Marc R├Ąder, Jo├źl Tettamanti,┬á Oliviero Toscani, Christian Vogt (der gleich drei Kameras erhalten hat) und Herlinde Koelbl.

Unter den Bildstrecken findet man jeweils eine Biografie, einen kurzen Text sowie ein Foto der Kamera, mit der die Bilder aufgenommen worden sind, samt „Datenblatt“. Das ist insofern interessant, weil Hobbyfotografen sich ja meistens nur ├╝ber genau diese Daten austauschen, selten aber ├╝ber Bildgestaltung und -konzeption. In diesem Fall macht es aber Sinn, weil die Kameras erstens sch├Ân und skurril und extrem zugleich sind (eine Blende von 1:190 kommt in der klassischen Fotografie ja eher selten vor) und sie zweitens nat├╝rlich gro├čen Einfluss auf das Bild selbst haben. Letztlich bleibt es aber beim Nutzer selbst, was er daraus macht – und da ist die Bandbreite auch in diesem Buch gewaltig.

Dar├╝ber hinaus gibt es diverse Statements und zahlreiche Abbildungen der Kameras, die Olpe dem Museum vermacht hat. Allein die sind schon aufregend anzuschauen, weil sie so archaisch und individuell und vor allem extrem einfach sind.

Das Buch „Out of Focus“ ist im Schweizer Niggli Verlag erschienen. Es zeigt rund 850 Fotografien auf 432 Seiten und kostet 62 Euro.

Link: Niggli, Cameramuseum Vevey

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„The Americans List“ von Jason Eskenazi

Vor ein paar Wochen hatte ich Besuch von Frederic Lezmi aus Istanbul. Im Gep├Ąck hatte er ein kleines, d├╝nnes und dennoch ganz besonders B├╝chlein, das er mir da lie├č: „By the Glow of the Jukebox: The Americans List“ vom ebenfalls in Istanbul lebenden Jason Eskenazi. Es ist kein Fotobuch im klassischen Sinn, denn es zeigt kein einziges Bild und sieht auch von au├čen eher wie ein Notizbuch aus. Dennoch behandelt es, wie der Titel bereits andeutet, eines der ber├╝hmtesten Fotob├╝cher ├╝berhaupt: „The Americans“ von Robert Frank.

„The Americans List“ ist aber auch keine Sekund├Ąrliteratur, obwohl es zahlreiche Texte enth├Ąlt, die sich mit „The Americans“ besch├Ąftigen. Vielmehr ist es eine Hommage an das gro├čartige und die Fotografiegeschichte massiv beeinflussende Projekt, das Frank mit Hilfe eines Guggenheim-Stipendiums zwischen 1955 und 1957 auf Reisen durch die USA realisieren konnte: Das B├╝chlein versammelt die Statements von 276 Fotografen, die Eskenazi nach ihrem Lieblingsbild aus „The Americans“ befragt hatte – der Fotograf hatte fast zwei Jahre als W├Ąchter im Metropolitan Museum of Art gearbeitet und dabei auch auf die Ausstellung „The Americans“ aufgepasst. Er nutzte die Gelegenheit, sich erstmals eingehend mit den Fotos auseinanderzusetzen. „‚The Americans‘ ist wahrscheinlich das Buch, das die meisten Fotografen miteinander verbindet, und w├Ąhrend ich auf die Ausstellung aufgepasst habe, sah ich zahlreiche Fotografenkollegen, die sie besuchten.“

Diesen Umstand nutzte er f├╝r seine Befragung und auf diese Weise gelang er an Statements von unter anderem Joel Meyerowitz, Ken Schles, Josef Koudelka, Gary Winogrand, Ralph Gibson, Alec Soth, Martin Parr, Mark Steinmetz, Paul Fusco, James Nachtwey, Alex Webb, Anders Petersen, Annie Leibovitz, Roger Ballen, Stephen Gill, Boris Mikhailov und Wolfgang Zurborn. Und er bekam auch eine Antwort von Robert Frank selbst – sein Lieblingsbild ist „San Francisco“, auf dem ein auf einer Wiese liegendes schwarzes Paar zu sehen ist, dass ihn gerade dabei ertappt, wie er sie fotografiert, was ihm offensichtlich schrecklich unangenehm war. Der Blick des Mannes auf dem Bild sieht jedenfalls auch nicht sonderlich freundlich aus. „Diesen Moment werde ich niemals vergessen“, sagt Frank.

Einen Nachteil gibt es allerdings: Weil „The Americans List“ keine Fotos hat, muss man „The Americans“ immer parallel aufgeschlagen haben. Das w├Ąre noch halb so wild, doch das Problem ist, dass die Seiten nicht nummeriert sind – zumindest nicht in der mir vorliegenden, aktuellen Ausgabe von Steidl. Ich habe mir deshalb erst einmal alle zehn Seiten kleine Post-Its hineingeklebt, um die entsprechenden Fotos schneller zu finden. Mit dieser Kr├╝cke geht es dann ganz gut und es macht Spa├č, immer wieder in beiden B├╝chern nachzuschlagen und zu lesen, was dieser oder jener Fotograf zu seinem Lieblingsbild ernannt hat.

„By the Glow of the Jukebox: The Americans List“ ist bei Red Hook Editions erschienen und kostet 10 Euro. „The Americans“ von Robert Frank gibt es bei Steidl und kostet 30 Euro.

Link: Jason Eskenazi

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Magnum-Projekt „Postcards from America“

Morgen beginnen die f├╝nf Magnum-Fotografen Jim Goldberg, Susan Meiselas, Alec Soth, Mikhael Subotzky sowie Paolo Pellegrin mit dem neuen Projekt „Postcards From America“. Urspr├╝nglich sollte auch Chris Anderson mit dabei sein, doch wegen des Todes seines engen Freundes Tim Hetherington, der am 20. April in Misrata in Libyen starb, sagte dieser die Teilnahme ab und Pellegrin sprang kurzfristig ein.

„Postcards From America“ ist der erste von mehreren geplanten Kurztrips quer durch die Vereinigten Staaten getreu dem Slogan „F├╝nf Fotografen, ein Schreiber, zwei Wochen, ein Bus“. Die Gruppe wird dabei von der New Yorker Schriftstellerin Ginger Strand begleitet. Die zweiw├Âchige Reise f├╝hrt sie von San Antonio nach Oakland, und ich bin sehr gespannt, was dabei heraus kommen wird. Auf der Homepage k├Ânnen Fotofans das Projekt bereits jetzt finanziell unterst├╝tzen, indem sie Postkarten, B├╝cher oder Abz├╝ge kaufen.

Links: Postcards from America, Blog

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„One Day“ vs. „Ein Tag Deutschland“

Bereits im Oktober hat mich das Buch „Ein Tag Deutschland“, herausgegeben von Freelens, erreicht. Mit gro├čer Vorfreude habe ich mir einen freien Nachmittag Zeit genommen, um mich in Ruhe dem Buch zu widmen. Zuvor musste ich mich bereits ein wenig mit Nadine streiten, weil ich sie erst dazu gen├Âtigt habe, sich das Buch anzuschauen, und dann fand sie es auch noch furchtbar, was ich als pure Trotz-Reaktion verurteilte. Als ich mir das Buch dann endlich selbst anschauen konnte, musste ich ihr allerdings leider zustimmen.

Dabei finde ich die Intention, an einem festgelegten Tag (in diesem Fall der 7. Mai 2010) einen Haufen Fotografen loszuschicken und deren Bilder gemeinsam zu ver├Âffentlichen, weiterhin sehr sympathisch, weil sie f├╝r mich f├╝r eine sehr neugierige und humanistische Attit├╝de steht und mich beispielsweise an das „Bildersammeln“ von Edward Steichens Family of Man-Idee erinnert. Leider hapert es bei der Umsetzung von „Ein Tag Deutschland“ aber an allen Ecken, denn das Buch erweckt den Eindruck, lediglich ein ├╝ber 600 Seiten starker ├ťbersichtskatalog der Freelens-Mitglieder sein zu wollen – immerhin haben 432 Fotografen teilgenommen! Eine Vorauswahl scheint nicht stattgefunden zu haben, und so wirkt ein Gro├čteil der Arbeiten dann auch entsprechend beliebig und austauschbar. Gute Bilder stehen hingegen v├Âllig isoliert da und werden ohne gr├Â├čeren Zusammenhang pr├Ąsentiert, da trotz der Buchst├Ąrke nicht gen├╝gend Platz vorhanden ist. Was bleibt, sind einige wenige gute Einzelaufnahmen in einem Haufen Banalit├Ąt, der zudem auch noch durch ein schwaches Layout weiter heruntergezogen wird (dpunkt.verlag, 49,90 Euro).

Ironischerweise hat ebenfalls ein Heidelberger Verlag keine zwei Monate sp├Ąter eine weitere Publikation ver├Âffentlicht, die genau das gleiche Thema behandelt, es allerdings vollkommen anders angeht: „One Day“ ist eine Sammlung von zehn kleinen B├╝chern der bekannten Fotografen Alec Soth, Eva Maria Ocherbauer, Gerry Badger, Harvey Benge, Jessica Backhaus, John Gossage, Martin Parr, Rinko Kawauchi, Rob Hornstra und Todd Hido. Sie alle haben am 21. Juni und somit am Tag der Sonnenwende an unterschiedlichen Orten und ebenfalls ohne thematische Vorgabe fotografiert. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Eindr├╝cke. Die zehn B├╝cher sind nicht alle gleich stark, aber im Gesamtkontext ist „One Day“ doch deutlich harmonischer, einfallsreicher und nachhaltiger als „Ein Tag Deutschland“ – vom schlichten, aber edlen Design dieses Schmuckst├╝cks mal ganz abgesehen, der sich allerdings auch im stolzen Preis von 148 Euro widerspiegelt.

Mitunter hat mich das Buch sogar ├╝berrascht, denn sowohl mit Martin Parrs als auch Alex Soths Ergebnis habe ich nicht gerechnet: Parr hat seine allt├Ąglichen Rituale daheim festgehalten – vom Z├Ąhneputzen ├╝bers Gassigehen mit Hundedame Ruby und dem Empfang neuer Fotob├╝cher bis zu seiner merkw├╝rdigen Angewohnheit, Lachs in der Sp├╝lmaschine zu kochen. Soth hat hingegen am Vatertag, der nur einen Tag zuvor war, von seinem dreij├Ąhrigen Sohn Gus eine Polaroidkamera geschenkt bekommen (behauptet er zumindest) und h├Ąlt diesen nun in ebenfalls pers├Ânlichen Aufnahmen fest. Rob Hornstra hat mich mit einer sehr feinen Reihe ├╝ber zwei au├čergew├Âhnliche Charaktere in Utrecht begeistert, w├Ąhrend Todd Hido eine durchinszenierte und sexuell aufgeladene Geschichte erz├Ąhlt. Naja – „andeutet“ w├Ąre vielleicht das bessere Wort.

Die Idee zu dem Buchprojekt kam ├╝brigens Harvey Benge und Gerry Badger w├Ąhrend der Paris Photo 2009, wo sie sich auch gleich einige Weggef├Ąhrten suchten – inklusive Klaus Kehrer als Verleger. Ein halbes Jahr sp├Ąter traf man sich auf dem Internationalen Fotobook Festival in Kassel erneut, holte noch schnell Soth, Kawauchi und Hido mit ins Boot und machte den Sack schlie├člich zu. Dort entstand auch die Namensliste, hingekritzelt auf einen Notizzettel des Schlosshotels Wilhelmsh├Âhe. Mich w├╝rde es nicht wundern, wenn die Liste in einigen Jahren auf irgendeiner Fotografie-Auktion auftaucht.

Unterm Strich halte ich „One Day“ nicht nur f├╝r das deutlich bessere Buch, sondern es ist auch ein Muss f├╝r Sammler von Fotob├╝chern. Kritik h├Ątte ich h├Âchstens an der Zusammensetzung der K├╝nstler, deren Arbeiten sich manchmal doch etwas zu stark ├Ąhneln. Gerne h├Ątte ich auch einen eindeutigen Portr├Ątfotografen wie Pieter Hugo oder Ted Partin darin gesehen. Ein positives Beispiel ist f├╝r mich hingegen Eva Maria Ocherbauer, mit deren Arbeit ich zwar nicht sonderlich viel anfangen kann, die aber mit ihren surrealen Collagen eine ganz eigene Note in das Projekt gebracht hat.

Links: dpunkt.verlag, Freelens, Kehrer

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Fotobook Festival Kassel

In Kassel hat von Donnerstag bis Sonntag das 3. Internationale Fotobook Festival stattgefunden. Ich habe mir gleich alle vier Tage gegeben und bin auch sehr froh dar├╝ber, denn abgesehen von der etwas unvorbereitet wirkenden Organisation war die Veranstaltung ein Treffpunkt des „Who’s who“ der internationalen Fotobuchszene: Martin Parr, Gerry Badger, Rinko Kawauchi, Alec Soth und Paul Graham geh├Âren sicherlich zu den bekanntesten Vertretern (wobei mich der eitle Vortrag Grahams eher aggressiv gemacht hat). Sehr gut gefallen hat mir hingegen der informative und kurzweilige Beitrag des Kunsthistorikers und Experten f├╝r japanische Fotografie, Ferdinand Br├╝ggemann, ├╝ber „Japanische Fotografinnen der Gegenwart“ und Rob Hornstra, der nicht nur tolle Bilder und B├╝cher macht, sondern der auch ein eigensinniges, aber ausget├╝fteltes Marketing- und Finanzierungssystem daf├╝r entwickelt hat.

Sehr gefreut hat mich ebenfalls, dass neben Nollywood von Pieter Hugo auch Beyond Borders von Frederic Lezmi unter den 24 B├╝chern des Photobook Awards waren, unter denen ansonsten vor allem „Black Passport“ des Kriegsfotografen Stanley Greene hervorstach – ein verst├Ârendes Buch in einer sehr eigenen, direkten Gestaltung.

Viel Zeit habe ich auch bei den B├╝chern des Dummy-Preises verbracht, wobei die drei Preistr├Ąger Werner Amann mit┬áAmerican. (hier als kleiner Auszug), Chad States mit „Cruisin'“ und Axel Beyer mit┬á Bebra Curiosa nicht unbedingt meine Favoriten waren. Ziemlich gut fand ich Richard Kurc Konzeptportr├Ąts mit┬áKinder, Eltern, Autos – Familienportraits in mobilen Rahmen und Alexander Labrentz mit seiner Dokumentation Arbeit und Leben ├╝ber Massentierhaltung. ├ťber die Fotos aus dem Buch Wunschkinder von Ursula Becker habe ich gelacht wie selten bei einem Fotobuch, allerdings fand ich das Buch selbst ziemlich schwach gestaltet. ├ähnlich erging es mir bei Arnd Weider und seinem theater – starke Fotos und ein angemessenes Layout, aber eine furchtbare Typo. Etwas zu lang, aber insgesamt dennoch ganz gut fand ich Florian Generotzky mit Risse im Beton (vor allem das Bild auf Seite 26 hat es mir angetan). Sehr sch├Ân fand ich auch „Rented Rooms“ von Torben H├Âke ├╝ber die Billigunterk├╝nfte der Individualreisenden in Indien – ein schlichtes, aber liebevoll gestaltetes Buch mit ruhigen, guten Einzelbildern. Insgesamt am auff├Ąlligsten war zudem sicherlich das Projekt „Erholungszone Deutschland“ des Duos Valeska Achenbach/Isabela Pacini, das aus insgesamt f├╝nf Einzelb├╝chern besteht und mit deutschen Klischees spielt.

Wer mehr ├╝ber das Festival erfahren m├Âchte, kann sich auch meinen┬áArtikel aus der taz durchlesen.

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