Das Fotobuch als Sammelobjekt

Im Artnet-Magazin ist heute mein umfangreicher Artikel „Zwischen Boom und Krise – Das Fotobuch als Sammelobjekt“ erschienen. Darin geht es um eine kleine Bestandsaufnahme, die Entwicklung in den vergangenen Jahren und eine Aussicht auf die nahe Zukunft. Dafür habe ich verschiedene Verleger wie Klaus Kehrer, Gerhard Steidl und Lothar Schirmer sowie Hatje Cantz-Programmleiter Markus Hartmann nach ihren Erfahrungen befragt. Anlass für diesen Artikel war allerdings ein ausführliches Interview, das ich mit Markus Schaden geführt habe und das in zwei Tagen in der neuen Ausgabe der Photonews erscheinen wird.

„Zwischen Boom und Krise“ wird wohl übrigens mein letzter Beitrag sein, der im Artnet-Magazin veröffentlicht wurde – ich habe gestern erfahren, dass das Magazin noch diesen Monat komplett eingestellt werden soll. Diese plötzliche Entscheidung überrascht mich sehr und macht mich fassungslos. Alles weitere werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Nachtrag: Weil das Artnet-Magazin leider nicht mehr existiert, gibt es meinen Artikel nun hier. Viel Vergnügen.

Fotobücher, wohin das Auge schaut

Zwischen Boom und Krise

Das Fotobuch als Sammlerobjekt

Das Fotobuch boomt. Am deutlichsten lässt sich das wohl an der enorm gestiegenen Anzahl der Neuerscheinungen ablesen. Hat beispielsweise der Kehrer-Verlag Ende der 1990er Jahre höchstens zehn Titel im Jahr veröffentlicht, sind es heute 50. Ähnliche Zahlen nennt auch Programmleiter Markus Hartmann vom Hatje Cantz Verlag. Und Gerhard Steidl, der 1995 mit vier Fotobüchern angefangen hat, ist heute mit 200 Neuerscheinungen im Jahr längst zum internationalen Branchenprimus angewachsen.

Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit der gesteigerten öffentlichen Aufmerksamkeit des Mediums: Wurden Fotobücher in den vergangenen Jahrzehnten genauso wie andere Formen des Kunstbuches meist als Coffee Table Books zur Dekoration der edlen Hotel-Lounge oder des Zahnarzt-Wartezimmers eingesetzt, über die zu sprechen sich meist jedoch nicht lohnte, gelten sie heute als eigenständiges Werk eines Fotografen, das dem einzelnen Abzug oder der gehängten Museumsausstellung eine wahrlich gewichtige Position gegenüberstellt – schließlich sind gerade Fotobücher mit ihre Möglichkeit, komplexe Geschichten zu erzählen und Zusammenhänge herzustellen, für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie nicht nur prädestiniert, sondern geradezu unersetzbar.

Ein weiterer, wenn nicht sogar der wichtigste Vorteil: Im Gegensatz zum Abzug sind Fotobücher meistens für 30 bis 60 Euro zu haben. Wobei die Betonung auf „meistens“ liegt, denn das gesteigerte Interesse an dem Medium hat auch dazu geführt, dass sich das Fotobuch zum beliebten Objekt bei Sammlern entwickelt hat – nicht selten werden Bücher heute für mehrere Hundert Euro und manchmal sogar für vierstellige Summen angeboten.

Verantwortlich für diese Entwicklung werden meist die Bücher gemacht, die die Geschichte der Fotobücher auf ganz spezielle Art reflektiert und zusammengetragen haben. Allen voran natürlich Martin Parrs und Gerry Badgers zweibändiges „The Photobook: A History“. Die beiden Wälzer aus den Jahren 2004 und 2006 sollen eine Gesamtauflage von 60.000 Exemplare bereits überschritten haben und gelten heute als Standardwerk zum Thema Fotobuch – und manchmal eben auch als Kanon und Bestellkatalog für neue Sammler. Denn ein häufig zu beobachtendes Phänomen war und ist, dass Bücher, die in „The Photobook: A History“ erwähnt werden, plötzlich stark nachgefragt werden und die Preise im Antiquariat in die Höhe schossen.

Überhaupt scheint sich besonders Martin Parr zu einem herbeigesehnten Guru der internationalen Fotobuchszene entwickelt zu haben: Wenn der bekannte Magnum-Fotograf und Fotobuchsammler ein Buch bespricht oder es in irgendwelche Bestenlisten aufnimmt, spielt der Markt verrückt. Populäres Beispiel ist Dirk Alvermanns in Kupferstich hergestelltes Erstlingswerk „Algerien“ aus dem Jahr 1960. Der Sammler und Autor des Buches „Deutschland im Fotobuch“, Thomas Wiegand, hat beobachtet, dass das Buch bis vor wenigen Jahren noch für zehn Euro angeboten wurde. Nachdem Martin Parr in einem Zeitschriftenbeitrag öffentlich darüber nachdachte, „Algerien“ in einem geplanten dritten Band von „The Photobook: A History“ aufzunehmen, kostete es plötzlich 700 Euro. „Und das bei einer Erstauflage von angeblich 30.000 Stück!“, wie Wiegand in einem Interview mit der Zeitschrift European Photography kommentierte.

Der Erfolg der Fotobücher über Fotobücher und der enorme Einfluss von Multiplikatoren wie Martin Parr verdeutlicht zwei Dinge ganz besonders: Zum einen besteht ein großes Interesse am Medium Fotobuch, zum anderen herrscht aber auch eine sehr große Verunsicherung darüber, welche Bücher denn nun gut und wichtig und somit sammelnswert sind – und welche eben nicht. Dem noch jungen Fotobuchmarkt fehlt es offensichtlich an geeigneten Kriterien, die sich erst langsam herauszukristallisieren scheinen. Als Hilfsmittel dienen beispielsweise auch Messen, Festivals und natürlich Auszeichnungen wie der Deutsche Fotobuchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels oder der International Photobook Award des Fotobuch-Festivals in Kassel. Solche Kriterien werden in der Kunstwelt ja ebenfalls gerne bei der Entscheidung von Käufern und Sammlern bemüht – in der Fotobuchszene scheint sich diese Entwicklung jedoch auf wenige Jahre und wenige „Entscheidungsträger“ zu konzentrieren.

Erschwert wird das Ganze zudem durch die bereits erwähnte, ungeheure Anzahl an Neuerscheinungen der Verlage, die zudem ergänzt wird durch zahlreiche Fotobücher, die Fotografen in Eigenregie veröffentlichen. Denn dass es noch nie so viele Fotobücher wie heute gab, liegt auch daran, dass es noch nie so einfach war, sie herzustellen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie immer gut sind. Der Digitaldruck hat die Produktion vereinfacht und verbilligt und somit kleine Auflagen von 30 bis 300 Exemplaren überhaupt erst ermöglicht, er hat aber auch zu einem Einheitslook des Mediums geführt.

Deswegen sind zurzeit zwei entgegengesetzte Trends zu beobachten: Während etablierte Verlage wie Kehrer und Steidl sowie engagierte Fotografen bemüht sind, ihre Bücher noch individueller zu gestalten, indem sie besondere Papiere auswählen, mit den Formaten und Größen spielen und viel Wert auf Layout und Typographie legen, wird der Markt gleichzeitig von bestenfalls mittelmäßigen Büchern geradezu überschwemmt – einfach nur deshalb, weil es heute möglich ist. Inhaltlich haben sie hingegen nicht immer viel zu bieten: Es reicht eben nicht, Fotos in ein Layoutprogramm zu laden und es anschließend in die Online-Druckerei zu schicken wie es auch Eheleute mit ihren Hochzeitsfotos tun.

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele wie Rob Hornstra. Der 37-jährige Niederländer hat bereits mehrere Bücher in Eigenregie veröffentlicht – von der eigenen, längst vergriffenen Abschlussarbeit „Communism & Cowgirls“ bis zu den zahlreichen Büchern, die im Rahmen des fünfjährigen „The Sochi Project“ erschienen sind und auch noch erscheinen werden. Hornstra spielt dabei mit den Möglichkeiten des Mediums, ohne dass es wie eine Spielerei aussieht – jedes Buch wird individuell gestaltet und hochwertig produziert. Finanziert wird das Projekt zudem über ein eigenes Crowdfunding-Modell.

Dass Hornstra auch gleich den Vertrieb übernommen hat, ist eine weitere Entwicklung der vergangenen Jahre. Anstatt Absage um Absage zu kassieren und dem Verlag am Ende doch einen Druckkostenzuschuss in Höhe von 10.000 bis 20.000 Euro beizusteuern, produzieren viele Fotografen ihre Bücher direkt selbst und vertreiben sie über ihre eigene Homepage. Einfache Zahlungsmodelle wie Paypal unterstützen diese Entwicklung, und wer gut vernetzt ist, kann mit einem gewissen Mindestabsatz seines Buches rechnen. Würde man dieses Modell auf den Kunstmarkt übertragen, würde das bedeuten, dass Künstler zukünftig ohne Galeristen auskämen.

Zusammen mit dem Trend, dass Verlage verstärkt ihre eigenen Stände auf Messen aufbauen, und der weiter wachsenden Bedeutung des Online-Riesen Amazon hat dies natürlich massive Folgen für den Buchhandel. Erst vor wenigen Wochen hat Markus Schaden bekannt gegeben, dass er sein Ladengeschäft schließt – dabei zählt der Kölner zu den wichtigsten Fotobuchhändlern und -experten weltweit. Doch die massiven Veränderungen im Vertrieb haben ihm ein wirtschaftliches Arbeiten unmöglich gemacht – was absurd ist, denn das Medium Fotobuch selbst hat nie besser dagestanden als heute. Deshalb spricht Schaden auch aktuell von „der hybriden Phase zwischen Boom und Krise“.

Der entscheidende Punkt für ihn sei die Frage, wie man mehr Menschen für das Fotobuch begeistern könne – denn es werden heute zwar deutlich mehr Bücher verlegt als noch vor 15 Jahren, die Zahl der Fotobuchkäufer sei jedoch längst nicht im gleichen Maße gestiegen. „Man redet in der Branche von weltweit rund 20.000 Menschen, die regelmäßig Fotobücher kaufen“, erklärt Schaden. Die finanzstarken Sammler, die 5.000 oder 10.000 Bücher ihr eigen nenne, bilden dabei natürlich eher die Minderheit. Das Gros dürfte wohl eher über ein monatliches Budget von 50 oder 100 Euro verfügen. Diese Zahl müsse dringend gesteigert werden, so Schaden, doch das Problem sei, dass viele gute Fotobücher viel zu schnell ausverkauft seien und Verlage sich scheuen, diese nachzudrucken. Das führe dann zu der absurden Situation, dass der 46-Jährige Neukunden, die sich für das Medium interessieren und die die besten zehn Bücher der letzten fünf Jahre kaufen wollen, meist sagen muss: „Sorry, aber ich habe sie nicht mehr. Die sind vergriffen. Und wenn ich Ihnen eine Liste mache, dann müssten Sie für die Bücher mindestens 1500 Euro hinlegen.“

Die nächste Generation werde also nicht mehr bedient, so Schaden. „Aber das ist absurd. Stell dir mal vor, alle Platten von Miles Davis wären ausverkauft und nur, wer die Vinyl hat, kann sie hören. Die anderen müssen warten, dass es vielleicht mal im Radio läuft. Das hätte dann den gleichen Effekt, als wenn man bei einem Freund im Bücherregal ‚Sleeping by the Mississippi‘ von Alec Soth entdeckt.“ Das Buch ist erstmals 2004 bei Steidl erschienen und gilt bereits heute als Klassiker, der zweimal nachgedruckt wurde. Auch die dritte Auflage ist mittlerweile nicht unter 300 Euro zu haben, und Alec Soths Blog „Little Brown Mushroom“ entwickelt sich gerade selbst zu einem wichtigen Multiplikator in der Fotobuchszene.

Als Lösung für dieses Problem dränge sich laut Schaden eine digitale Variante des Fotobuches, also das eBook, geradezu auf. Nicht als Ersatz für ein richtiges Fotobuch, das sei klar. Aber als Möglichkeit, vergriffene Klassiker überhaupt wieder „sichtbar“ zu machen – schließlich rede man in der Branche oftmals über Bücher, die man niemals zuvor gesehen habe, weil es sie schlichtweg nicht mehr gibt. Diese Form würde sich für alle anbieten, die mit dem Medium arbeiten, das gedruckte Buch aber nicht zwangsläufig besitzen müssen – also Journalisten, Professoren, Studenten und Einsteiger mit geringem Budget, die sich das Buch erst einmal anschauen wollen, bevor sie viel Geld für die gedruckte Version ausgeben. Dieses Produkt hätte auch Vorteile für den heute schwierigen Vertrieb, da es keine Lagerkosten verursache und überall hin versendet werden könne – schließlich sei der Fotobuchmarkt zunehmend international und Bücher müssten in der Regel nicht übersetzt werden. Das bestätigt auch Gerhard Steidl. „Der Vertrieb hat sich drastisch verändert. Früher haben wir hauptsächlich in Deutschland, England und Frankreich verkauft, heute geht je ein Drittel der Auflage nach Europa, Amerika und Asien.

Ganz so optimistisch wie Markus Schaden sehen die Verleger die Zukunft des eBooks jedoch noch nicht. Zwar habe man sich sowohl bei Hatje Cantz als auch bei Kehrer erste Gedanken zu dem Thema gemacht und man wolle das eBook auch bald angehen, Lothar Schirmer von Schirmer/Mosel und Gerhard Steidl schließen eBook-Versionen ihrer Bücher jedoch kategorisch aus. „Es gibt schließlich Menschen, die mit ihren Büchern leben wollen“, sagt Steidl.