Thomas Wiegand: „Deutschland im Fotobuch“

Ganz schön schwergewichtig kommt es daher, das neue Fotobuch über Fotobücher. Zu Recht, denn nach Martin Parrs und Gerry Badgers zweibändigen „The Photobook: A History“ könnte das von Thomas Wiegand verfasste und von Manfred Heiting herausgegebene „Deutschland im Fotobuch“ ebenfalls zum Klassiker unter den Nachschlagewerken und Bestellkatalogen für Fotobuch-Sammler avancieren. Das Zeug dazu hat der 492 Seiten starke Wälzer, der insgesamt 273 Bücher auflistet, diese bespricht und Faksimiles der Originalseiten abbildet, jedenfalls schon jetzt.

Zwar beinhaltet „Deutschland im Fotobuch“ (erschienen bei Steidl, 75 Euro), wie der Name vermuten lässt, nur Fotobücher, die sich in irgendeiner Weise mit dem Thema Deutschland beschäftigen – das macht es allerdings sehr umfassend, so dass das Buch in zahlreichen Kapiteln wie Landschaften, Städte, Menschen, Arbeit, Architektur, Zeitgeschehen und Grenzen aufgeteilt wurde. Selbstverständlich kommen viele bekannte Fotografen und Bücher wie „Café Lehmitz“ von Anders Petersen, „Antlitz der Zeit“ von August Sander, „Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes“ von Bernd und Hilla Becher und „Agrarlandschaften“ von Heinrich Riebesehl darin vor.

Aber ich habe auch viel Spannendes und für mich Neues entdeckt – beispielsweise „Der ’statistische‘ Mensch“ von Hubert Troost, „Reichsautobahn“ von Erna Lendvai-Dircksen und „Bundeskanzleramt“ von Charles Wilp. Sehr gut gefallen hat mir auch das Kapitel „Typisch deutsch“, in dem „Die Deutschen“ von René Burri natürlich nicht fehlen darf, das aber auch Überraschungen wie „The German Soul“ von Enver Hirsch und „Schönes Wochenende“ von Hartmut Mirbach im New Topographic-Stil bereithält. Ich persönlich habe mich natürlich am meisten darüber gefreut, dass auch „Paare: Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der siebziger Jahre“ von Beate Rose vorgestellt wird – Nadine und mich motiviert das zusätzlich, unsere Hommage und Fortführung des Projektes weiter voranzutreiben.

Bemerkenswert finde ich übrigens, dass Wiegand und Heiting in ihrer Einleitung die Kriterien, nach denen sie Fotobücher beurteilen, klar offengelegt haben. Dazu gehören Beispielsweise der innovative Charakter, die historische Bedeutung, der Stellenwert im Oeuvre des Fotografen sowie der Druck und die Ausstattung eines Buches. Dies ermöglicht auch den interessierten Laien Entscheidungen nachzuvollziehen – und in Zukunft selbst welche zu treffen.

Link: Steidl