„Brasilia“ von René Burri

Das Buch beginnt mit dem Blick durch die Windschutzscheibe auf eine wolkenverhangene Straße in einer kargen Landschaft. Ein Auto und ein Lkw fahren vorweg, gleichzeitig kommt dem Betrachter ein Flugzeug im Tiefflug entgegen, als wolle es auf der Straße landen. Es könnte aber auch gerade erst starten, also den Ort verlassen, dem der Fotograf gerade entgegenfährt. Es steckt viel Aufbruchsstimmung in diesem Bild. Aber auch Größenwahn, denn es macht deutlich, wo man sich gerade befindet: Mitten im Nirgendwo.

Das letzte Bild im Buch ist von ähnlichem Symbolcharakter: Es zeigt wieder eine Straße in einer kargen Landschaft, allerdings stehen links und rechts bereits große Häuserblöcke in Reih und Glied. Im Vordergrund hockt ein Mann, vermutlich ein Arbeiter, ungeschützt in der prallen Sonne auf einem erhöht liegenden Betonfußboden. Ob er arbeitet oder eine Pause macht, weiß man nicht so recht, aber es wirkt, als throne er über der Stadt, die er gerade mit seinen eigenen Händen baut.

Zwischen diesen beiden Aufnahmen wird nichts Geringeres als die Entstehungsgeschichte einer ganzen Stadt erzählt: Der Schweizer Magnum-Fotograf René Burri dokumentierte die aus dem Boden gestampfte Hauptstadt Brasiliens von 1958 bis 1997. Immer wieder ist er zurückgekehrt, hat erst ihren Aufbau und ihre Einweihung am 21. April 1960, später dann das Alltagsleben festgehalten. In dem Buch „Brasilia“, das im Verlag Scheidegger & Spiess (224 Seiten, 77 Euro) erschienen ist, sind nun 104 Farb- sowie 118 Schwarzweißaufnahmen zusammengefasst. Es zeigt die ungeheuren Anstrengungen und die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit sowie die visionären Dimensionen Brasilias: Der Betrachter sieht, wie eine Utopie verwirklicht wird, er sieht die Stadt fernab jeglicher Zivilisation wachsen, Architekten und Arbeiter, Schlamm und Beton, öde Landschaft und visionäre Gebäude. Burri richtet den Blick genauso auf die Architektur wie auf den Menschen, er zeigt Arbeiter, die wie geplättet im Schatten eines Baggerauslegers liegen, und das berühmte Kongressgebäude mit seiner Kuppel und zahlreichen Menschen davor – allerdings so schräg fotografiert, als würde das Haus gleich umkippen und die Passanten rechts aus dem Bild purzeln.

Vor allem zeigt Burri den Wahnsinn und die Ambivalenz, die hinter diesem Bauprojekt stecken und die ihresgleichen suchen. Zu meinen Lieblingsbildern gehört dann auch die Aufnahme eines am Bau beteiligten Arbeiters mit seiner Frau und den vier Kindern, die unter den eleganten Bögen des Palácio do Planalto stehen: Sie haben sich schick gemacht, sind alle im festlichen Weiß erschienen, denn der Ehemann und Vater präsentiert seiner Familie das Resultat seiner jahrelangen, harten Arbeit. Die sechs Personen fügen sich in das Bild ein und sind gleichzeitig Fremdkörper, wirken erhaben und winzig klein, deplatziert und zugehörig zugleich. Vor allem wirken sie wie Menschen, die stolz sind auf das, was sie geleistet haben, und die zugleich vom Ergebnis vollkommen fasziniert sind. Kein Wunder, denn wer kann schon von sich behaupten, eine ganze Hauptstadt mit aufgebaut zu haben?

Links: Scheidegger & Spiess