„Horizonville“ von Yann Gross

Als ich Yann Gross‚ Abschlussarbeit „Horizonville“ das erste Mal in der Sektion Nachwuchsförderung „Descubrimientos“ im Rahmen der PhotoEspana 2009 gesehen habe, brauchte ich einige Zeit, um zu verstehen, dass Gross gar keine Amerikaner fotografiert hat, sondern Schweizer, die so tun, als wären sie im Wilden Westen. Im Rhone-Tal am Fuße der Alpen hat er das Thema seiner Abschlussarbeit gefunden, für die er 2006 sogar den BFF-Förderpreis erhielt.  Im JRP Ringier Kunstverlag ist diese Serie nun (endlich) als Buch erschienen (74 Seiten, 30 Euro).

Halb dokumentarisch, halb inszeniert widmet sich Gross dem „American Dream“ – komplett mit tätowierten Cowboys und bärtigen Trappern, PS-starken Trucks, Stripshows und Adler an der Saloonwand. Gerade auch durch seine immer wieder zwischendurch gestreuten, weiten Landschaftsaufnahmen im Stil der New Topographic erreicht er das Gefühl, tatsächlich in den USA zu sein, das dann aber doch durch kleine Details wie Schriftzüge im Hintergrund ins Wanken gerät: Alles ist Fassade und die Menschen darin sind Statisten, Avatare oder Cosplayer, denn sie schaffen sich in ihrer kleinen, engen schweizerischen Welt eine eigene Lebenswirklichkeit. Das wirkt genauso echt wie eine Karl-May-Verfilmung – die wurden ja bekanntlich auch nicht in den USA, sondern in Kroatien gedreht und Karl May schrieb über Indianer und Cowboys, ohne vorher die Staaten besucht zu haben. Gross spielt mit diesem ambivalenten Hin und Her, ohne sich jedoch darüber lustig zu machen. Das ist die große Stärke seiner Serie.

Leider finde ich aber auch hier, dass die Gestaltung des Buches zu wünschen übrig lässt. Die Karte am Anfang und der Prolog gefallen mir gut, aber schon die Gestaltung des Covers und des einleitenden Textes von Joël Vacheron sind wenig einladend und die Beschriftung unterhalb der Bilder sieht einfallslos und vor allem sehr störend aus – zumal am Ende des Buches alle Fotografien ausführlich beschrieben werden. Das ist mehr als schade, denn die Möglichkeiten des Mediums Fotobuch wurden hier bei weitem nicht ausgeschöpft.

Links: Yann Gross, JRP Ringier