„Hunters“ von David Chancellor

Es war ja irgendwie abzusehen: Als ich mir im Dezember 2010 die Ausstellung zum Taylor Wessing Photographic Portrait Prize in der National Portrait Gallery in London angeschaut habe, blieb mir vor allem das Siegerbild ganz besonders in Erinnerung: „Huntress with Buck“ aus der Serie „Hunters“ von David Chancellor. Bei Schilt Publishing ist bereits im vergangenen Jahr das entsprechende Buch (212 Seiten, 102 Abbildungen, 49,90 Euro) erschienen – ich habe es allerdings erst jetzt in die Finger bekommen. Aber das Warten hat sich gelohnt: „Hunters“ ist großartig. Wunderschön. Und furchtbar.

Vor allem aber ist „Hunters“ auch ein Epos, eine durchdachte Fleißarbeit. Chancellor erzählt eine Geschichte von Anfang bis Ende und macht sie rund. Ein wenig erinnert mich das an Edward Burtynsky und seine Oil-Serie, vor der ich ja auch niederknien könnte. Nun ja, Chancellor ist nicht ganz so viel gereist wie Burtynsky, aber er macht aus dem Thema dennoch ein fotografisches Essay über die Trophäenjagd, ihre Rituale und die westliche Dekadenz.

Das Buch beginnt mit Ansichten von Dioramen, diesen künstlichen Welten, in denen Natur simuliert wird, meist mit ausgestopften Tieren und (realistisch) gemalten Landschaften. Aber da stimmt etwas nicht, ist das nicht ein Jaguar, der dort durchs Unterholz schleicht wie ein Gespenst? Können wir unseren Augen trauen? Können wir den Inszenierungen trauen? Der Mensch, der größte Jäger unter allen, der aus Lust an der Trophäe mordet, kommt in den Dioramen natürlich nicht vor.

Chancellor zeigt sie uns dennoch: Der übergewichtige Vater und sein ebenfalls nicht gerade schlanker Sohn sitzen in voller Tarnflecken-Montur auf dem heimischen Sofa – ein fotografischer Trick, der immer funktioniert, weil es so schön unpassend-absurd aussieht. Chancellor lässt sich Zeit, gerade auch zu Beginn. Er führt Figuren ein, zeigt uns ein weiteres Familienporträt, auf dem ein Mann stolz sein Gewehr in den Händen hält, während Frau und Tochter neben ihm stehen: Die Frau lehnt im Türrahmen und wirkt, als habe sie sich mit dem Hobby ihres Mannes abgefunden; die Tochter lehnt in der Ecke des Raumes, versinkt in ihm genauso wie in der viel zu großen Armee-Kleidung. Das alles findet in einem leerstehenden Haus statt, in dem der Putz von den Wänden fällt. Wo sind wir hier eigentlich?

Es folgen weitere Porträts von Menschen, mal gibt es ein wenig Action, dann rauchen die Männer wieder Zigaretten oder einer liegt auf dem sandigen Boden eines abgeernteten Feldes, das Gewehr neben ihm und die offene Wagentür am Bildrand, als habe er sich, schwer angeschossen, noch aus dem Auto geschleppt und sei schließlich zusammengebrochen – dabei wartet er nur auf einen Elefanten, den er erschießen kann.

Irgendwann dann das Foto einer Frau, die die Hände in die Luft streckt vor Freude. Sie hat wohl gerade etwas getötet, der Mann neben ihr hält sein Funkgerät ans Ohr. Auf was sie geschossen haben, sehen wir nicht. Die toten Tiere kommen dann auf den folgenden Seiten. Das erste hat Chancellor dabei so dramatisch-romantisch in Szene gesetzt, als würden die Jägerin und das tote Gnu, das neben ihr liegt, nur kurz rasten und gleich ihr Zelt für die Nacht aufschlagen.

Die Männern fotografieren sich lieber gegenseitig mit ihren Trophäen: Einer posiert neben einem toten Löwen, der andere liegt, damit er nicht dreckig wird, auf einer Plane und knipst, der dritte Mann steht im Hintergrund und trinkt ein Dosenbier oder ne Coke – so genau kann man das nicht sagen. Der Tod ist so beiläufig, dass es beim Betrachten schmerzt. Woanders hat ein schwarzer Junge das Gewehr lässig über der Schulter hängen und schaut auf das Display seines Smartphones – die tote Antilope neben ihm würdigt er keines Blickes.

Es gibt nur wenige Ausnahmen und das sind meist Frauen. Eine ältere Dame, die zu Beginn des Buches mit ihrem umgeschnallten Fernglas in der Landschaft steht und sich durchs Haar geht, als würde sie sich zum Nachmittags-Tennismatsch aufmachen, kniet etwas später neben einem toten Gnu und streichelt ihm fast fürsorglich über die Hörner. Und eine Seite weiter steht eine Frau vor einer Antilope und fasst sich mit beiden Händen an den Kopf, als könnte sie selbst nicht begreifen, was sie da getan hat.

Später zeigt uns Chancellor zudem Stationen der Tierpräparation sowie die privaten Trophäenräume der Jäger, an deren Wände und Böden sich die Tierleichen drängen. Und, als eine Art Epilog, folgt schließlich eine kleine, achtteilige Bildstrecke, die von der Kurzgeschichte “Shooting an Elephant” von George Orwell begleitet wird. Auf den Fotos sieht man einen toten Elefanten, wie er von einer großen Gruppe Afrikaner zerlegt wird, bis am Ende nur noch ein dunkler Fleck in der Landschaft übrig bleibt.

Je mehr ich mich mit „Hunters“ beschäftige, desto besser, vielschichtiger, cleverer finde ich das Buch. Aber auch verstörender, depremierender, aufwühlender. Ich empfehle in diesem Zusammenhang, sich die Homepage von David Chancellor anzuschauen – auf ihr findet ihr nicht nur die Fotos aus dem Buch, sondern es wird zudem deutlich, dass „Hunters“ ein Zusammenschluss diverser Serien ist. Zwei weitere Bücher, in denen er sich mit der Industrie hinter der afrikanischen Tier- und Pflanzenwelt beschäftigt, sollen noch folgen. Auf Kickstarter gibt es zudem einen kurzen Film, auf denen er sein Projekt vorstellt. Ich bin sehr gespannt auf weitere Arbeiten von ihm – auch, wenn sie einen traurig und wütend machen.

Link: Schilt Publishing, David Chancellor