„Das Paradies ist hier“ von Frank Darius

Gerade noch geschafft: Eine halbe Stunde vor dem Ende der Ausstellung „Das Paradies ist hier“ von Frank Darius bin ich in die Alfred-Ehrhardt-Stiftung in Berlin gehuscht, um mir die Fotos im Original anzuschauen. Das gleichnamige Buch (erschienen im Kehrer Verlag, 88 Seiten, 47 Fotos, 39,90 Euro) hatte ich bereits gesehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich auch nach Jahren noch immer von der unterschiedlichen Wirkung von Fotos überrascht werden kann – je nachdem, ob ich sie auf dem Bildschirm, in einem Buch oder eben an einer Wand hängen sehe. Natürlich spielen viele Faktoren eine Rolle und kein Medium ist per se besser oder schlechter. In diesem konkreten Fall bin ich allerdings eindeutig ein Fan des Buches.

Denn im Vergleich zu seiner sinnlichen Haptik mit dem groben und zugleich feinen Papier, dem Umschlag wie aus einem Guss und dem Rhythmus der Bilder berührten mich die Abzüge in der Ausstellung nicht wirklich. Es war mir ein Zuviel des Immergleichen – zu viel Weiß, zu viel Minimalismus (ein hübsches Paradoxon), zu viel das gleiche Motiv. Ich war jedenfalls dankbar, als ich den „Teufelsberg“ und „Wall“ entdeckte, weil diese Landschaften Abwechslung in die Ausstellung brachten.

Aber um was geht es in „Das Paradies ist hier“ überhaupt? Wie bereits erwähnt, sind Darius‘ Fotografien vollgestopft mit Leere. Meist zeigt er Pflanzen wie Schilf, Gras oder hängende Birkenzweige, die im Nichts zu schweben scheinen. Tatsächlich spiegeln sie sich im Wasser oder befinden sich in einer verschneiten oder vernebelten Landschaft, in der nichts weiter außer sie selbst zu existieren scheinen. Es ist, als hätte Darius die Natur in ein Studio geholt und sie vor einer Hohlkehle fotografiert. In dem Foto „Landschaft I“ geht er sogar soweit, ein komplett weißes Bild auszustellen. Nein, entschuldigung – wer ganz genau hinschaut, entdeckt eine zarte Horizontlinie und einen winzigen Helligkeitsunterschied. Hiroshi Sugimotos Meeresbilder sind dagegen pures Geschwätz! Ästhetische und gestalterische Abwechslung bringen nur die bereits erwähnten, wenigen Aufnahmen von Alleen, Bächen, Seen und Feldern, deren Grundstimmung sich jedoch kaum von den melancholisch-minimalistischen Schnee- und Nebellandschaften unterscheiden.

Hatte sich Darius in seinen bisherigen Veröffentlichungen wie „Tunichtgut“ und „Willkommen im Garten“ (beide erschienen bei Hatje Cantz) meist mit den Absurditäten des Alltags beschäftigt, ist sein neues Buch eine stille, fast andächtige Meditation über den Zustand der Welt und zugleich eine Flucht vor ihrem Trubel. Und eine Selbstreflexion, wie das Cover verrät. Dort ist der titelgebende Schriftzug grob und hart in einen Spiegel gekratzt, in dem sich der wolkenverhangene Himmel zeigt. Oder in dem man sich selbst widerspiegeln könnte. In der Ausstellung hing dieser Spiegel, der von seinem Künstlerfreund Felix Höfner angefertigt wurde, direkt am Eingang, so dass man an einer direkten Auseinandersetzung mit dem Ich, dem Paradies und dem Hier nicht vorbei kam. Dies war dann wiederum der Vorteil der Ausstellung gegenüber dem Buch.

Link: Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Kehrer