Neue Fotobuch-Tipps im Ksta

Eigentlich sollte an dieser Stelle mein Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger stehen, doch leider wurde meine Text, in dem ich wieder vier aktuelle Fotobücher vorstelle, zehn Wochen lang geschoben und nun endgültig gecancelt. Aber was soll’s – dann gibt es drei Bücher-Tipps schon einmal an dieser Stelle hier, das vierte Buch wird eventuell doch noch gesondert im Ksta vorgestellt.

Zugegeben: Unter einem Garten stellt man sich gemeinhin etwas anderes vor. Dennoch hat der Italiener Alessandro Imbriaco den richtigen Titel für sein mit dem European Publisher Award for Photography geadelten und vom Kehrer Verlag in Deutschland veröffentlichten Buch „Der Garten“ gewählt (72 Seiten, 32 Fotografien, 35 Euro). Der Betrachter läuft darin durch ein undurchdringlich scheinendes, waldiges Sumpfgebiet, auf dem zweiten Bild ist schemenhaft eine Person zu sehen, dann folgen wieder Bäume und Gestrüpp, die den „Paradies“-Bildern eines Thomas Struth nicht unähnlich sind – nur deutlich dunkler, fast düster, denn Imbriaco fotografiert offensichtlich immer erst spät am Abend und belichtet seine Fotos mindestens zwei Blenden unter. Wer ganz genau hinschaut, entdeckt in den nur scheinbar chaotischen Kompositionen aber auch Anzeichen von Zivilisation – ein Straßenschild etwa oder ein Häuserblock. Und dann taucht plötzlich ein Mädchen auf, das geborgen an einem Baumstamm lehnt und schläft. Später ist noch eine Hütte im Wald zu sehen, woanders eine provisorische Küche, noch später eine Art Notunterkunft unter einer Schnellstraßenbrücke mitten in Rom. Sie ist das Zuhause der sechsjährigen Angela und ihrer Eltern Piero und Lupa. Imbriaco hat sie entdeckt und ihren harten Alltag unter der Brücke ohne fließend Wasser und Strom in stillen, etwas verträumten, aber dennoch nicht beschönigenden Bildern festgehalten. Im Anschluss gibt es zudem einen exzellenten und kurzweiligen Text von Bill Kouwenhoven, der nicht nur Informationen zu den Bildern, sondern zur Fotografiegeschichte allgemein liefert.

Von einem harten Leben und vor allem von der dazugehörigen harten Arbeit berichtet auch Tomasz Gudzowaty in seinem Fotoessay „Keiko“ (Hatje Cantz Verlag, 148 Seiten, 66 Fotografien, 45 Euro). Bereits das Cover ist überwältigend und fast grausam – es zeigt einen riesigen Schiffsspropeller, unter dem zwei Männer stehen beziehungsweise vor dem sie sich ducken müssen. „Keiko“ ist der Name dieses Schiffes und das Buch handelt davon, wie es Stück für Stück auseinandergenommen und verschrottet wird. Es ist gleichzeitig das Porträt der zweitgrößten Stadt Bangladeschs, Chittagong, in der etwa ein Drittel der jährlich 700 außer Dienst gestellten Hochseeschiffe ausgeschlachtet werden. Und Gudzowaty lässt keinen Zweifel daran aufkommen, was er davon hält, denn seine Schwarzweiß-Bilder sind vor allem von harten Hell-Dunkel-Kontrasten und einem außergewöhnlich groben Korn geprägt. Gestalterisch dominiert fast immer das Schiff, dieses stählerne Monstrum, das wie der Kadaver eines gestrandeten Wales am Strand liegt, verfaulend, und in das die Arbeiter hinein klettern wie kleine, hungrige Tiere, wie Ameisen, die ihn zersägen und auf ihn einhämmern, an ihm ziehen und seine Einzelteile wegtragen. „Keiko“ ist kein Buch, das Mitleid weckt. Es zeigt vielmehr den Wahnsinn dieser Arbeit, die keinen Platz für Träume und Zukunftspläne der Einzelnen lässt.

Wem das alles zu schwer verdaulich ist, dem sei „World without men“ des 2004 verstorbenen Helmut Newton empfohlen. Der gilt als einer der einflussreichsten Fotografen überhaupt und ist für seine erotischen Fotografien bekannt, auf denen – stark vereinfacht gesagt – meist nackte Frauen in Stöckelschuhen zu sehen sind. Im Taschen Verlag ist nun eine Auswahl seiner Bilder erschienen, die die Entwicklung seines Stils als Modefotograf zwischen Mitte der 1960er und den 1980er Jahren dokumentiert („World without Men“, 188 Seiten, 39,99 Euro ). Hin und wieder sind tagebuchartige Notizen eingestreut, die durchaus interessante Einblicke in Newtons Arbeitsalltag zulassen. Da sie allerdings fast nie zu den dazugehörigen Fotos, sondern quer durch das ganze Buch verteilt abgedruckt sind, ist die Zuordnung leider mit viel Blätterei verbunden.

Links: Kehrer, Hatje Cantz, Taschen