„Ninetynine Years Leica“

In diesem Jahr feiert die Leica-Kleinbildkamera ihren 100. Geburtstag. Doch bereits Ende 2012 ist ein Buch erschienen, das die Firmengeschichte des legendären Kameraherstellers aus Wetzlar in den Mittelpunkt stellt – getreu dem Motto: Auf ein Jubiläum warten kann jeder. Deshalb heißt das Buch auch schlicht „Ninetynine Years Leica“. Veröffentlicht wurde es im Verlag 99 Pages, versammelt 700 Fotos und Illustrationen auf 286 Seiten und kommt im schwarzen Schuber daher. Das sieht sehr schick aus, hat aber (typisch Leica) auch einen entsprechend stolzen Preis: 99 Euro kostet das Buch.

Dafür bekommt man eine Art Nachschlagewerk, das jedoch weder reine Unternehmensgeschichte noch Bildband ist und das keine technischen Beschreibungen, Zahlen oder Gebrauchsanweisungen liefert. „Ninetynine Years Leica“ ist verspielt, edel und stilvoll. Oder, wie es im Vorwort heißt: „Normal ist anders. Aber Leica ist nicht normal. Und daher ist auch dieses Buch völlig anders als erwartet.“ Gut, man kann sich fragen, ob diese drei Sätze inhaltlich so viel Sinn ergeben, aber das Buch will offensichtlich auch viel mehr das Herz als den Kopf des Lesers ansprechen.

Das macht es allerdings ganz gut – wenn man mal vom unglaublich schlechten Vorsatzpapier absieht, auf dem die Mitarbeiter in winzigen Porträts gezeigt werden. Ich verstehe nicht, wie ein so wichtiges Unternehmen aus der Fotoindustrie seine Mitarbeiter so furchtbar provinziell präsentieren kann.

Ansonsten kommt das Buch wie eine riesige Broschüre daher, die informieren, aber niemals überfordern will. Große Fotos, Illustrationen und grafische Spielereien lockern die meist kurzen, aber durchaus interessanten Texte von Rainer Schillings auf – er schlendert durch die Fotografiegeschichte, setzt den Krimkrieg 1855 als Beginn des Fotojournalismus, porträtiert Leica-Fotografen wie Henri Cartier-Bresson und Ilse Bing, nutzt Robert Capas „Falling Soldier“ für eine kurze Reflexion über den Wahrheitsgehalt von Fotografie und ihren Missbrauch zur Propaganda und wirft vor allem Schlaglichter auf Höhepunkte und Wegmarken der Firmengeschichte. Und das kann auch mal sehr kritisch sein – beispielsweise bei den hochnäsigen Fehlentscheidungen, die sich Leica beim Autofokus geleistet hat. Ein Verantwortlicher soll jedenfalls in den 1970ern gesagt haben „Unsere Kunden können fokussieren“, womit Leica den Anschluss an den Markt vollends verpasste und nur noch als Kamera für die Elite angesehen wurde.

Leider wiederholte sich diese Arroganz 2004 bei der Frage nach der Zukunft der Digitalfotografie. Der damalige Leica-Chef Hanns-Peter Cohn (im Buch wird er zitiert, aber nicht namentlich genannt!) sagte im Spiegel-Interview: „Die Digitaltechnik ist nur ein Intermezzo. In spätestens 20 Jahren werden wir sicher mit anderen Technologien als heute fotografieren. Aber den Film wird es dann immer noch geben.“ Dass Leica trotz dieser Kurzsichtigkeit noch heute exisitert und es der Firma offensichtlich wieder gut geht (der Messeauftritt auf der vergangenen Photokina war jedenfalls beeindruckend), sei laut Schillings „kaum mehr als einer glücklichen Fügung und einem unerwarteten Trend zu verdanken: Die Rettung gelang, weil ein potenter Investor im letzten Moment das Ruder herumriss und der Markt vor allem nur eines wollte: Vorsprung durch Technik. Und durch Qualität. Leica nutzte die Chance, Leica is back!“

Das klingt am Ende leider doch etwas dick aufgetragen. Aber vielleicht gehört das zur Marke Leica auch einfach dazu.

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