“Purity” von David Magnusson

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich schon einmal mit einer Fotoprojekt-Rezension Leser so dermaßen verärgert habe wie ich es nun mit “Purity” von David Magnusson getan habe. Dabei geht es bei den Reaktionen gar nicht darum, dass ich das Buch zu Unrecht gelobt oder zerrissen hätte (tatsächlich finde ich das Buch großartig!). Nein, es geht darum, dass sich die beiden Leserbriefschreiber massiv darüber beschweren, dass ich die Bilder nicht vorurteilsfrei betrachten und den Leser durch meine Meinung zu sehr beeinflussen würde. Einer der beiden Leser hat dann auch direkt sein Photonews-Abo gekündigt, was ich schon eine arg heftige Reaktion finde – als wenn die Photonews nur aus meinen Texten bestünde.

Naja, urteilt selbst, ob ich hier über die Stränge geschlagen habe. Meine Titelgeschichte zu “Purity” (das Buch ist im schwedischen Verlag Max Ström erschienen und kostet etwa 34 Euro) könnt ihr hier als PDF nachlesen. Außerdem haben wir “Purity” auch beim Fotobuch-Salon im Rahmen des Photoszene-Festivals besprochen. Das Video dazu findet ihr bei FotoTV und auf Vimeo.

Link: Max Ström

Amazon: David Magnusson: Purity

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“Face to Face” von Bettina Flitner

Eigentlich bin ich kein Freund von Bild-Text-Kombinationen – viel zu oft verlassen sich Fotografen bei diesem Prinzip auf die Bedeutung des Wortes während die Fotos quasi austauschbar sind.

Diese Gefahr besteht natürlich grundsätzlich auch bei Bettina Flitner, aber ich finde, dass sie in den meisten Fällen sehr geschickt mit ihren Inszenierungen umgeht und die Bilder durch die Zitate der Abgebildeten bekräftigt, nicht aber komplett getragen werden. Und das ist ein großer Unterschied: Bekommt das Bild eine Zusatzinformation oder wird das Bild durch die Information eigentlich komplett überflüssig?

Die Retrospektive “Face to Face” in den Kunsträumen der Michael-Horbach-Stiftung versammelt nun erstmals ihre politischen Serien aus den vergangenen 25 Jahren – darunter ihre “Freier” genauso wie “Ich bin stolz, ein Rechter zu sein”, “Mein Feind” und “Reportage aus dem Niemandsland”. Sehr beachtlich finde ich übrigens  auch “Sextouristen” – sie ist die einzige Serie in der Ausstellung, die ohne Texte auskommt und an ihr ist sehr schön zu sehen, wie Flitner dafür eine komplett andere Bildsprache gewählt hat, weil das einzige Foto viel mehr transportieren muss als wenn noch Text daneben stünde.

Mein Artikel ist im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen und gibt es hier. Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. April.

Link: Michael-Horbach-Stiftung, Bettina Flitner

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“Sitting” von John K. bei Susanne Zander

Das Foto irritiert. Wir sehen einen Frauenakt von hinten und gleichzeitig ein Stillleben. Denn die nackte Frau sitzt auf einem Tisch. Genauer: Auf einem großen Laib Brot, der auf einer silbernen Platte auf einem mit einer Decke geschmückten Tisch liegt. Die Dame greift nach einem gläsernen Krug, der nur halb ins Bild ragt. Teller gibt es keine, dafür einen Salatkopf (?) sowie einige Gabeln und Löffel. Auf der Wand im Hintergrund zeichnet sich der doppelte Schatten der Nackten ab und verrät, dass der Fotograf John K. mit zwei Lampen gearbeitet hat. Aus heutiger Sicht wirken die Schatten eher amateurhaft, doch sind sie wohl dem Zeitgeist geschuldet: Das Foto wurde wahrscheinlich zwischen 1959 und 1976 aufgenommen und erinnert an die dramatische Ästhetik von alten Hollywood-Fotos.

Das Bild stammt aus einer ganzen Reihe sehr ähnlicher Aufnahmen, die noch bis zum 13. Februar in der Ausstellung “Sitting” in der Galerie Susanne Zander zu sehen ist. Wie der Name verrät, sehen wir dabei größtenteils nackte Frauen, die auf irgendetwas sitzen: Mal sind es Nahrungsmittel wie eben Brot, ein Kürbis oder eine Wassermelone, oder es sind Einrichtungsgegenstände wie ein Kissen, eine Stuhllehne oder ein Nachttopf. Aber es gibt auch Fotos von liegenden oder stehenden Frauen, z.B. vor einem (erbärmlich geschmückten) Weihnachtsbaum.

Verwendet hat John K. die Fotos teilweise als Vorlagen für Gemälde, womit sie beispielsweise an die Fotografien von Robert Longo, die 2009 in dem Buch Men in the Cities erschienen sind, oder Andy Warhols Polaroids erinnern. Dennoch haben sie einen ganz eigenen sprichwörtlichen Reiz: John K.s Umgang mit diesem Fetisch, der zweifelsohne erotisch ist und dennoch gleichzeitig ein absurdes Kopfkino auslöst, sowie die Inszenierungen, die zwischen präzise-liebevoll und nachlässig-schlampig pendelt, verleihen ihnen etwas sehr ambivalentes: Für Amateurfotografien sind sie zu gut und für professionelle Fotos zu schlecht. Das Spiel mit den Genres und der eindeutigen und dennoch fast beiläufigen Erotik machen die Aufnahmen für mich jedenfalls viel viel interessanter als 95 Prozent der üblichen langweiligen Aktfotografie. Und das ist doch schon mal was.

Link: Susanne Zander

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