“Targets” von Herlinde Koelbl

Sechs Jahre lang hat Herlinde Koelbl die militärische Ausbildung in fast 30 Ländern beobachtet. Anhand der jeweiligen Schießziele zeigt sie uns die kulturellen Unterschiede. Wie sehen die Feindbilder in den USA und in Brasilien, wie die Trainingsbedingungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in der Ukraine aus? Die cartoon-artige Malerei in Südkorea und die detaillierte 70er-Jahre-Illustrationen mit attraktiven Blondinen als Geiseln und grimmigen Afrikanern als Bösewichte in Deutschland sind so voller Klischees als wären sie direkt einem Groschenroman entsprungen.

Zusammen mit den Architekturaufnahmen der nüchternen Übungsorte wäre das Material für ein sehr gutes Buch. Doch Koelbl will zu viel erklären und streut deshalb lieb- und belanglose Soldatenporträts und -zitate auf tarngrünem (!) Hintergrund hinein. Damit opfert sie ihr subtiles Thema zugunsten einer scheinbar nötigen Erklärung. Das finde ich sehr schade – zumal ja erst jüngst KesselsKramer Publishing mit Useful Photography #11 gezeigt hat, dass das Thema den ganzen Schnickschnack nicht braucht.

Das Buch “Targets” ist im Prestel Verlag erschienen, hat 240 Seiten und kostet 49,95 Euro.

Link: Prestel

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“Touching Strangers” von Richard Renaldi

Als ich die ersten Fotos aus der Serie “Touching Strangers” von Richard Renaldi (erschienen bei Aperture, 120 Seiten, ca 30 Euro) sah, war ich geradezu überwältigt, denn so einfach die Idee dahinter war, so eindringlich wirkten die Bilder: Zwei sich völlig fremde Menschen werden aufgefordert, gemeinsam vor der Kamera zu posieren und sich dabei zu berühren. Auf den ersten Blick wirken diese Menschen sehr vertraut, wie Paare oder Freunde, die sich umarmen. Doch auf den zweiten Blick entdeckt man feine, irritierende Details. Warum sind die Hüften des vermeintlichen Liebespaares am Strand so weit voneinander entfernt? Und warum legt Alex seinen Arm um die Schulter von Carlos und formt dabei eine Faust? So richtig wohl scheinen sich die Freiwilligen jedenfalls nicht in ihren Rollen gefühlt zu haben.

Mein Problem mit dem Projekt ist allerdings, dass Renaldi für viele Bilder vom Dokumentaristen zum Regisseur geworden ist und extrem eingegriffen hat. Die Berührungen der Personen geraten zu übertriebenen Posen: Da geht der schwarze Baskelball-Hüne vor der alten weißen Lady auf die Knie, und zwei schwarze Frauen legen ihre Hände einem rotbärtigen Hipster auf die Brust. Sorry, aber das ist Kitsch pur. Es scheint, als traut Renaldi der subtilen Körpersprache seiner Protagonisten nicht. Renaldi will eine Aussage auf Teufel komm raus erzwingen. Das finde ich extrem bedauerlich, denn die stärksten Fotos sind eindeutig die, die am wenigsten gestellt wirken, in denen sich die Fremden selbst überlassen scheinen und in denen sie eine Rollen einnehmen, die sie glauben, einnehmen zu müssen, in der sie sich aber nicht wohl fühlen.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass sich Renaldi vor einem Jahr sehr darüber aufgeregt hat, dass der Fotograf Kurt Tong sein Konzept für eine bescheuerte Coca-Cola-Werbung missbraucht hatte (was ich auch sehr “schwierig” fand). Letztlich hat sich “Touching Strangers” jedoch selbst zu einer gefälligen Mainstream-Pop-Kampagne mit einer pseudo-tiefgründigen Botschaft entwickelt, die das inhaltliche Potential weitgehend verschenkt. Und das finde ich extrem schade.

Link: Aperture

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“Eleven Years” von Jen Davis

Seit 2002 fotografiert sich die Amerikanerin Jen Davis selbst. Es war ein Experiment, eine Art Selbstüberprüfung ohne narzisstischen Hintergrund. Im Gegenteil, denn Jen Davis ist stark übergewichtig. Damit entspricht sie nicht nur nicht unseren gängigen Schönheitsvorstellungen – sie ist das Gegenteil davon.

Bei Kehrer ist nun ihr Buch “Eleven Years” erschienen, das 55 Fotos aus eben diesen elf Jahren versammelt – und das mich auch nachträglich stark beeindruckt. Meine Besprechung ist in der aktuellen Photonews erschienen und gibt es hier.

Link: Kehrer

Amazon: Jen Davis: Eleven Years

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