“Tōhoku” von Hans-Christian Schink

Wir alle haben die Schreckensbilder vor Augen, die nach dem Erdbeeben von Tōhoku und dem dadurch ausgelösten Tsunami mit dem anschließenden Super-Gau von Fukushima um die Welt gingen. Der deutsche Fotograf Hans-Christian Schink ist ein Jahr später in die Region gereist und hat das zerstörte Küstengebiet dokumentiert. Dass er sich dabei der Bildsprache des New Topographic bedient, unterscheidet ihn von anderen Fotografen wie beispielsweise Paolo Pellegrin, gegen dessen Schwarzweiß-Trümmer-Ästhetik sich kein Betrachter wehren kann. Schinks Aufnahmen wirken hingegen sehr präzise, aber unaufdringlich komponiert und zurückhaltend im Ausdruck. Es sind Landschaften, die erst vom Menschen „zerstört“ weil verändert wurden, und die die Natur nun wiederum zerstört und sich somit zurückerobert hat.

Am ergreifendsten und vielschichtigsten ist dabei die Aufnahme, in der Schink von einem Hügel aus auf die Ōtsuchi-Bucht herunter fotografiert hat: Im Hintergrnd sehen wir friedlich das Meer, in der Bildmitte das zerstörte Land mit wenigen restlichen Häusern – und im Vordergrund den unberührten Friedhof, auf dem sich die Bewohner während des Tsunamis gerettet haben. Mich erinnert die Aufnahme auch an “Bethlehem, Pennsylvania”, das 1935 Walker Evans und 51 Jahre später Bernd und Hilla Becher als Hommage an Evans aufgenommen haben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April im Forum für Fotografie, Schönhauser Straße 8, Köln zu sehen. Im Hatje Cantz Verlag ist zudem das Buch “Tōhoku” erschienen. Es hat 132 Seiten und kostet 39,80 Euro.

Link: Forum für Fotografie

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“Hustlers” von Philip-Lorca diCorcia

Für dieses Buch benötigt man beinahe einen Beistelltisch – immerhin misst es stolze 44 mal 34 Zentimeter. In ein mehr oder weniger normales Bücherregal passt es somit auch nicht ohne Weiteres hinein.

Ich halte das für ziemlich übertrieben (vor allem deshalb, weil die Bilder lediglich die Hälfte der Seiten einnehmen), dennoch ist „Hustlers“ (erschienen bei Steidl, 98 Euro) ein wunderbares Buch geworden. Es zeigt nicht nur die „pikanteste“, sondern auch eine der stärksten Serien des US-Fotografen Philip-Lorca diCorcia, für die er zwischen 1990 und 1992 (überwiegend) männliche Prostituierte in Los Angeles fotografiert hat. Allerdings nicht in seiner für ihn typischen Technik, mit der er Passanten auf der Straße völlig überrascht, sondern als aufwendige Inszenierungen, für die er seine Stricher in vorher arrangierten Locations wie auf Bühnen platziert hat, wo sie in hopperesker Einsamkeit erstarren. Die Bildtitel verraten nicht nur Name und Alter, sondern auch, wieviel Geld die Modelle für das Foto erhalten haben.

Sehr gut gefällt mir übrigens der zweite Teil, der uns Blicke in diCorcias Shooting-Notizen mit persönlichen Anmerkungen zu seinen Models gewährt sowie uns Alternativ-Bilder der jeweiligen Shootings zeigt.

Link: Steidl

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“Fotografie” von Thomas Billhardt

Ich habe bis vor kurzem noch nie etwas von dem DDR-Fotografen Thomas Billhardt (Jahrgang 1937) gehört. Das hat sich nun zum Glück geändert, denn die Edition Braus hat eine Monographie herausgebracht, die mir die Bilder dieses Fotojournalisten etwas näher gebracht hat.

Am stärksten beeindruckt bin ich natürlich von seinen Gegensätzen, die er oft in einem einzigen Bild vereint. Das Liebespaar mit den umgeschnallten Gewehren zum Beispiel. Honecker und Breschnew, die beim sozialistischen Bruderkuss beobachtet werden. Oder der abgeschossene US-Bomberpilot, der von einer zierlichen Vietnamesin abgeführt wird.

Meine Besprechung ist in der neuen Ausgabe der Photographie erschienen und gibt es hier als PDF.

Link: Edition Braus

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“Montags geschlossen” von Julia Reschucha

Leider habe ich beim diesjährigen Duesseldorf Photo Weekend nur sehr wenige Ausstellungen gesehen. Irgendwie hing ich viel zu lange im NRW-Forum fest, das extrem gut besucht war: Neben den Ausstellungen zu Duane Michals und zum Thema “Heimat” mit Arbeiten aus der DZ Bank Kunstsammlung (leider eher enttäuschend) fand im Obergeschoss noch das von Sinaida Michalskaja, Thomas Artur Spallek und Shahin Zarinbal veranstaltete öffentliche Portfolio Review statt. Außerdem wurde der Fotobuch-Salon des letzten Jahres durch ein Magazin-Salon ersetzt. Der bestand zwar nur aus ein paar Tischen, auf dem Fotomagazine zur Ansicht auslagen, aber die Idee ist dennoch sehr schön: Der Greif, dienacht und Kraut legen gerade ein Archiv internationaler Fotomagazine an, das sie auf diversen Festivals präsentieren wollen.

Außerhalb des NRW-Forums ist mir vor allem eine kleine Serie in Erinnerung geblieben: In “Montags geschlossen” beschäftigt sich Julia Reschucha mit Ausstellungsräumen in Museen, das Nebeneinander von Profanem und Besonderem, Poetischem und Nüchternem, bei dem man nicht immer weiß, was nun Teil der (inszenierten) Ausstellungen und was bloß Entdeckungen im Museumsalltag sind. Der Zauber vieler Bilder entsteht durch Reschuchas geschicktes Spiel mit den Ebenen und Flächen, die mich sofort an das geordnete Chaos in den Fotografien von Wolfgang Zurborn erinnert haben. Andere Bilder folgen wiederum eher der Spannung, die sich zwischen der Museumsarchitektur und den Besuchern in ihr entwickelt und hin und wieder tanzt auch mal ein Bild gestalterisch völlig aus der Reihe. Dennoch finde ich “Montags geschlossen” eine sehr schöne Arbeit und auch die Präsentation im Walzwerk Null (bis 15. Februar) hat mir sehr gut gefallen, so dass ich nur hoffen kann, dass Julia Reschucha ihre Arbeit an der Serie fortsetzen wird.

Links: Julia Reschucha, Duesseldorf Photo Weekend, Walzwerk Null

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