“Gunkanjima” von Marchand/Meffre

Das Fotografenduo Yves Marchand und Romain Meffre hat wieder zugeschlagen: Nach ihrem umwerfenden Buch “The Ruins of Detroit” haben sie sich nun mit Ruinen ganz anderer Art auseinandergesetzt: Die japanische Insel Hashima wird ihrer Silhouette wegen auch Gunkanjima, also Kriegsschiff-Insel, genannt. Passender wäre jedoch Totenschiff-Insel, denn an dem skurrilen Ort lebt seit 40 Jahren kein Mensch mehr. Dabei gehörte Hashima wegen seiner Kohlemine einmal zu den dichtbesiedelsten Orten der Welt: In den 1950er Jahren lebten mehr als 5000 Menschen auf der nur sechs Hektar großen Fläche. Als die Mine schloss, verließen sie jedoch fluchtartig die Insel und ließen viele private Gegenstände zurück.

Die Bilder, die das Duo Marchand und Meffre von diesem düsteren, halb verfallenen Ort mitgebracht haben, sind eindrucksvoll und verstörend. Dabei wandern sie durchaus auf einem schmalen Grad – schließlich liegt das sogenannte “Urban Exploration” aktuell schwer im Trend. Ich kann mit diesem meist inspirationslosen Geknipse von verlassenen Orten wenig anfangen. Marchand und Meffre fotografieren jedoch mehr als bloß Staub und Dreck, sondern blicken auf einen völlig in Vergessenheit geratenen Ort, der bereits zu Lebzeiten skurril war und nun als Art begehbares Denkmal einer ganzen industriellen Epoche gesehen werden kann – und letztlich auch als Zeichen für den Umgang des Menschen mit seinen Ressourcen und seiner Geschichte. “Gunkanjima” ist im Steidl Verlag erschienen, hat 80 Seiten und kostet 65 Euro.

Und noch ein kleines Schmankerl zum Schluss: Googelt doch mal nach Gunkanjima – der Konzern hat nämlich jemanden von seiner StreetView-Mannschaft dort vorbei geschickt.

Links: Steidl

Amazon: Gunkanjima


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“Water” von Edward Burtynsky

Seit ich Edward Burtynsky das erste Mal in der Galerie Stefan Röpke gesehen habe, verfolge ich seine Projekte, die sich alle mehr oder weniger mit dem Raubbau des Menschen an der Natur beschäftigen, mit großem Interesse. Seine Serie “Oil” halte ich für ein absolut großartiges Werk, dass man kaum genug wertschätzen kann.

Nun hat der Kanadier mit “Water” erneut ein umfassendes Werk abgeschlossen. Das Buch dazu ist gerade im Steidl Verlag erschienen (228 Seiten, 98 Euro), einen kleinen Ausschnitt kann man noch bis zum 23. November in der Galerie von Stefan Röpke sehen.

Meine Ausstellungsbesprechung aus dem Ksta findet ihr hier.

Link: Stefan Röpke, Steidl

Amazon: Water, Burtynsky Oil

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“Birds of the West Indies” von Taryn Simon

Im Gespräch mit Markus Hartmann von Hatje Cantz hatte mir der Programmleiter von den besonderen “Bedingungen” beim Druck des neuen Buches von Taryn Simon berichtet. Mittlerweile habe ich “Birds of the West Indies” (440 Seiten, 68 Euro) vor mir liegen. Und ja, dass dieses Buch zu Problemen führt, kann ich mir gut denken – schließlich besteht es fast ausschließlich aus schwarzen Seiten, auf denen sich verhältnismäßig kleine Fotografien befinden – und die zeigen häufig Objekte vor einen tiefschwarzen Hintergrund.

Aber worum geht es in “Birds of the West Indies” überhaupt? Die James-Bond-Experten unter euch erahnen es bestimmt schon: Als Ian Fleming 1951 auf Jamaika saß und an “Casino Royale” schrieb, brauchte er einen Namen für seine Hauptfigur. Dabei fiel ihm das Buch “Birds of the West Indies” in die Hände, das bis heute gültige Standardwerk über die karibische Vogelwelt, geschrieben von dem Ornithologen James Bond. Diesen Namen fand Fleming so alltäglich und farblos, kurz und typisch britisch, dass er in für seinen neu geschaffenen Spion nutzte.

Taryn Simon ist mit ihrem aktuell Projekt dem Phänomen James Bond auf den Grund gegangen und hat, ausgehend von dem Vogelkundebuch, ebenfalls eine Art visuelle Datenbank des 007-Universums geschaffen. Darin zeigt sie uns die für Bond wichtigsten und in allen Filmen zwischen 1962 und 2012 auftauchenden Elemente: Frauen, Waffen und Fahrzeuge. Der Betrachter von James-Bond-Filmen verlangt jedes Mal nach etwas Neuem – aber nur, wenn die grundsätzlichen Dinge die gleichen bleiben.

So hat Simon die Autos und die Spezialwaffen wie das Gebiss des Beißers, den Hut von Oddjob und das Hasselblad Kamera-Gewehr genauso fotografiert wie die zahlreichen Frauen aus den Filmen. Bis auf zehn der 57 Angefragten haben auch alle mitgemacht – Sophie Marceau ist dabei, ebenfalls Grace Jones, Denise Richards oder Honor Blackman alias Pussy Galore aus Goldfinger.  Sie alle sind vor dem gleichen, langweiligen Hintergrund fotografiert – für Simon sind sie bloß eine austauschbare und zugleich unverzichtbare Requisite. Die Waffen und Fahrzeuge erscheinen vor dem schwarzen Hintergrund hingegen wie Fetisch-Objekte.

Das berühmteste aller Bond-Girls, Ursula Andress alias Honey Ryder, hat allerdings nicht mitgemacht – wahrscheinlich, um den Mythos ihrer Figur aufrecht zu erhalten, schließlich ist die Zeit seit ihrem legendären Auftritt 1962 auch an ihr nicht spurlos vorbei gegangen. Im Buch ist sie dennoch vertreten: Simon hat ihren Platz durch ein schwarzes Rechteck besetzt, genauso wie bei den neun anderen Schauspielerinnen, die nicht dabei sein wollten. Durch diese Nicht-Präzens erhalten sie dennoch einen Platz – und sind vielleicht sogar präsenter als die vorhandenen Frauen, weil wir unser eigenes Bild von ihnen vor Augen haben.

Interessant ist zudem, dass einige Frauen gleich mehrfach auftauchen – entweder, weil sie beispielsweise Miss Moneypenny gespielt haben, oder weil sie in verschiedenen Filmen verschiedene Rollen eingenommen haben. Durch die zufällige Anordnung der Fotos kommt es so häufig zu Aha-Effekten nach dem Motto: Hab ich die nicht eben schon gesehen, oder bilde ich mir das bloß ein? Das hat Simon clever gelöst.

Eine ganz besondere Rolle spielt übrigens Nikki van der Zyl – sie lieh zwischen 1962 und 1979 mehr als einem Dutzend Haupt- und Nebendarstellerinnen in insgesamt neun Filmen ihre Stimme, unter anderem eben auch Ursula Andress. Gleichzeitig blieb sie selbst aber immer unsichtbar – und wurde angeblich auch nicht im Abspann genannt. Simon widmet ihr ein eigenes Mini-Kapitel, das aus einer einzigen Seite besteht, auf der sie allerdings gleich mit zwei Fotos vertreten ist.

Diese extrem konzeptionelle Arbeit hat ihren inhaltlichen und visuellen Reiz, ist sehr verkopft und durchdacht, einfach und aufwändig zugleich, wirft aber auch Fragen auf. Wo sind beispielsweise die ganzen Bösewichte und Gegenspieler James Bonds, die genauso zum immer wiederkehrenden Repertoire gehören wie Frauen, Waffen und Fahrzeuge? Hat Simon auf sie verzichtet, weil sie in ihren Augen nicht “sexy” genug sind, weil sie nicht zu den ihrer Meinung nach männlichen Phantasiewelten passen? Oder machte es einfach zu viel Mühe, noch mehr Schauspieler von der Teilnahme an ihrem Projekt zu überzeugen? Wir erfahren es nicht. Das ist schade. Außergewöhnlich ist “Birds of the West Indies” aber auch so.

Link: Hatje Cantz

Amazon: Birds of the West Indies

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“Top Secret” von Simon Menner

Ehrlich gesagt habe ich mich gewundert, dass es das Buch noch nicht gibt: Die alten Fotos aus den Stasi-Archiven sind bereits vor einer ganzen Weile in den Online-Auftritten von Magazinen rumgeschwirrt und haben dort für Begeisterung und ungläubiges Kopfschütteln gesorgt.

Umso schöner also, dass Simon Menner mit Hatje Cantz nun einen Verlag gefunden hat, mit dem er dieses außergewöhnliche Projekt als Buch umsetzen konnte. Wie mir Programmleiter Markus Hartmann kürzlich in einem Interview gesagt hat: Das Buch hat das Zeug zum Kassentitel, also zum Titel, der in den Buchhandlungen neben den Kassen liegt und der auch gerne mal verschenkt wird – also wie beispielsweise “Findet mich das Glück” von Peter Fischli und David Weiss. Das sehe ich auch so, denn “Top Secret” bietet einen leichten Zugang für Jedermann, hat dennoch Tiefgang, ist lustig und böse und mit 16,80 Euro zudem auch noch sehr günstig.

Wer mehr erfahren will, kann sich meine Besprechung aus der Photographie durchlesen.

Link: Hatje Cantz

Amazon: Simon Menner. Top Secret Bilder aus den Archiven der Staatssicherheit

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#Taksim Calling von Frederic Lezmi

Mit großem Interesse und ebenso großer Sorge und Fassungslosigkeit habe ich im Juni die Proteste rund um den Gezi-Park und dem angrenzenden Taksim-Platz verfolgt – nicht zuletzt auch deshalb, weil ich Freunde habe, die in Istanbul leben.

Nun hat einer von ihnen die Auseinandersetzungen in einer besonderen Publikation verarbeitet: “#Taksim Calling” hat Frederic Lezmi dieses Fotobuch genannt,das er gemeinsam mit Markus Schaden und Wolfgang Zurborn editiert hat und das in seinem kleinen Eigenverlag Sunday Books erschienen ist. Eigentlich ist es gar kein richtiges Buch, sondern eher eine Art zusammengelegte Postersammlung: Groß wie eine Tageszeitung beinhaltet es Vergrößerungen von Postkarten mit alten Ansichten vom Taksim-Platz. Auf der Rückseite hat Lezmi dann seine persönlichen Grüße zu den idyllischen Ansichten verfasst – in Form von Fotos, die er vor Ort von den Demonstrationen, Tränengasangriffen, provisorischen Barrikaden und übermalten Parolen an Häuserwänden gemacht hat, aufgenommen mit seinem Handy und versehen mit dem für heute typischen digitalen Polaroid-Rand. “#Taksim Calling” wirkt dadurch leicht und verspielt, hat es mit seinen Andeutungen und Doppeldeutigkeiten aber in sich: Das Zeitungsformat als Kritik an den türkischen Medien, die nahezu nichts über die Proteste gebracht haben; die Postkarten-Idylle, die es längst nicht mehr gibt; und die eigentlichen Fotos im Look eines harmlosen Facebook-Urlaubsfoto-Albums vom letzten Istanbul-Trip.

Als zusätzliches Zeichen der Solidarität hat sich Lezmi außerdem dazu entschieden, sein Fotobuch jedem zu schenken, der einen türkischen Pass besitzt. Alle anderen müssen 15 Euro für dieses besondere Stück bezahlen.

Link: Frederic Lezmi

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“Concrete Poetry” im Kunstmuseum Bochum

Noch bis zum 27. Oktober ist im Kunstmuseum Bochum die Ausstellung “Concrete Poetry” zum sehr ehrgeizigen Bridges-Projekt der Emschergenossenschaft zu sehen: Der Abwasserentsorger hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Veränderungen in der Region durch ein auf 15 Jahre angelegtes Fotografie-Projekt festzuhalten und so eine eigenständige Sammlung aufzubauen, die einen hohen dokumentarischen sowie künstlerischen Wert besitzt. In der Ausstellung zieht das Projekt nun eine Art Halbzeitbilanz und zeigt unter anderem Arbeiten von Brigitte Kraemer, Daniel Hofer, Axel J. Scherer, Werner Köntopp, Benjamin Zibner, Stefan Bayer, Winfried Labus, Rosa Maria Rühling, Stefan Becker, Christine Steiner, Maurice Kohl, Gerald von Foris, Sarah Appel, Jérome Gerull, Mark Hermenau und Olaf  Unverzart.

Meinen ausführlichen Artikel aus der Photonews gibt es hier.

Link: Bridges

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“Our kids are going to hell” von Robin Maddock

Drei Jahre lang hat Robin Maddock regelmäßig die Einsatzkommandos der Londoner Polizei bei ihren nächtlichen Razzien in Hackney begleitet. Mitgebracht hat er aber keine Fotos voller Action und Dramatik, sondern zeigt meist die Routine nach den eigentlichen Eingriffen, wenn sich Polizisten und Verhaftete gegenüberstehen und die Wohnungen durchsucht werden.

Die Ausstellung “Our kids are going to hell” ist noch bis zum 3. November im Forum für Fotografie in Köln zu sehen. Meine Besprechung ist in der aktuellen Ausgabe der StadtRevue erschienen und gibt es hier.

Link: Forum für Fotografie

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