“Kosovo” von Bertrand Cottet

“Kosovo” lautet der einfache Titel dieses schmalen und unscheinbaren Büchleins. Oder sollte ich besser

KO

SO

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schreiben, denn so, in seine einzelnen Silben zerhackstückelt, steht der Name in großen, gelben Buchstaben auf dem grauen Cover und deutet die Uneinigkeit dieses kleinen, uns unbekannten Landes bereits an.

Sechs Mal ist der französische Fotograf, Journalist und Ethnologe Bertrand Cottet, der auf dem Gebiet der Menschen- und Asylrechte arbeitet, in den Kosovo gereist und hat dort, bei allen Konflikten zwischen Albanern und Serben, die gleichen Werte entdeckt: “Ein ausgeprägter Sinn für Gastfreundschaft, eine selbstlose Großzügigkeit, ein tief verankerter Ehrenkodex und der Wille, Teil des modernen und demokratischen Europas zu sein”, schreibt Cottet zu Beginn. Und zwar als eigene, unabhängige Republik, die der Kosovo seit dem 17. Februar 2008 ist.

Das Buch öffnet dann auch mit einem Foto, das verdeutlicht, dass es ein weiter Weg gewesen sein muss bis dahin: Es zeigt den Schriftzug “Kosovo Pavarsi”, was so viel wie “unabhängiges Kosovo” bedeutet, als Graffito auf einer verrosteten Leitplanke auf einer scheinbar einsamen, auf jeden Fall eher ländlich gelegenen Straße irgendwo imNirgendwo. Die folgenden Aufnahmen aus Pristina sind nicht minder pessimistisch: Schnee auf einem Pickup, das mit einem Airbrush eines Surfers im Sonnenuntergang verschönert wurde; Kinder beim Schlittenfahren in einer Wohnsiedlung, wobei der Schnee bereits zu einer dunkelbraunen Matsche zerfahren wurde; zerfetzte Wahlplakate auf einem Zaun, der wie Gitterstäbe wirkt. Es folgen Porträts und Landschaften, mal eher nüchtern, dann wieder doppeldeutig, poetisch, absurd fotografiert. Der Viehmarkt in Lipjan mit seinen Pferdegespannen lässt einem an der Zukunftsfähigkeit dieses arg gebeutelten Landes zweifeln, direkt danach folgen Bilder von neugebauten Industriezonen und das tiefe Loch eines Fundaments, auf dem ein Einkaufszentrum entstehen soll.

Cottets Bilder sind oft geprägt von Gegensätzen, Anspielungen und einer poetischen Melancholie. Der Roma-Junge, der in einem uralten, verrosteten Kettenkarussell steht, während im Hintergrund die offene Tür eines Wohnanhängers zu sehen ist. Die Telefonzelle im Stadtzentrum von Gjilan, über der zahlreiche Werbeschilder auf die Dienste von Dolmetschern und Rechtsanwälten aufmerksam machen: Ein Foto, das man schnell übersehen kann, und das doch sinnbildlich für die nicht vorhandene Kommunikation zwischen Albanern und Serben steht.

Nicht ganz zufrieden bin ich allerdings mit der Gestaltung des Buches. Da es ausschließlich Querformate zeigt, verstehe ich nicht ganz, warum für das Buch ein Hochformat gewählt wurde, so dass die Bilder lediglich mit 11 mal 14 Zentimeter und sehr viel Weiß drumherum abgebildet werden.

Erschienen ist “Kosovo” im Benteli Verlag. Es zeigt 91 Farbfotografien auf 128 Seiten und kostet 29,80 Euro.

Link: Benteli

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150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden

Und noch ein Buch über Fotografie und die Berge. Naja, zumindest könnte man das beim Anblick vieler Bilder aus “Ansichtssachen” meinen. Doch bereits der Untertitel verrät, dass es eigentlich um etwas anderes geht: “150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden”.

Herausgegeben wurde das Buch (384 Seiten, 117 farbige und 136 schwarzweiße Abbildungen, 48 Euro) von Stephan Kunz und Köbi Gantenbein, und es ist zur gleichnamigen Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen. Darin gehen sie dem Stellenwert nach, den die Architektur im schweizerischen Graubünden seit dem 19. Jahrhundert hat. “Weil aber in erster Linie Fotografien betrachtet werden, steht nicht die Geschichte der Architektur in diesem Kanton im Zentrum. Vielmehr geht es um die Sicht der Fotografen und um die Frage, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert hat. Was steht wann, wie und warum im Fokus?”, erklären die Herausgeber im Vorwort und unterstreichen diesen besonderen Aspekt direkt mit einer Reihe von Aufnahmen, die die Fotografen Katalin Deér, Christian Kerez, Claudio Moser, Stephan Schenk, Gaudenz Signorell von der St. Nepomuk-Kapelle in Oberrealta gemacht haben.

Dennoch ist es kein klassisches Fotobuch, sondern eher ein reich bebildertes Lesebuch, das in Aufsätzen die je spezifische Sicht von Architekten, Ingenieuren und Fotografen aufzeigt. So lernen wir unter anderem den Fotografen Christian Ferdinand Meisner (1863-1929) kennen, der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hatte, die Bündner Täler und Ortschaften zu dokumentieren, dabei aber auch die Landschaft auf sehr eigenwillige Art interpretiert. Oder wir entdecken Albert Steiner (1877-1965), der die Natur liebt und dem Architektur darin wie Fremdkörper vorkommt – auf mich wirkt er wie eine Art schweizerischer Ansel Adams. Die Spannweite erstreckt sich schließlich bis zu kritischen Fotografen der Jetztzeit, in denen die Postkartenidylle von Fotografen wie Hans Steiner, Paolo Rosselli, Marcel Hoffmann und Jules Spinatsch hinterfragt und auch zerstört wird.

Diese Mischung macht den Reiz und den Wert von “Ansichtssache” aus. Zugleich kann man anhand dieses überschaubaren Gebietes die Entwicklung der Architekturfotografiegeschichte im Allgemeinen verdeutlichen.

Link: Scheidegger & Spiess

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Rineke Dijkstra im MMK Frankfurt

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, kurz MMK, zeigt in der großangelegten Ausstellung “The Krazy House” erstmals alle Videoarbeiten der vor allem als Fotografin bekannten Niederländerin Rineke Dijkstra. Es ist gleichzeitig ihre umfangreichste Ausstellung in Deutschland überhaupt. Eine Retrospektive ist es dennoch nicht geworden, da von ihren Fotoserien lediglich eine vollständig präsentiert wird. Dafür hat sich Dijkstra in der Sammlung des MMK umgeschaut und Kunstwerke anderer ihren eigenen Arbeiten mehr oder weniger gegenübergestellt – unter anderem von Jeff Wall, Andy Warhol, Isa Gensken, Tobias Rehberger, On Kawara und Bruce Nauman.

Die Ausstellung hat ihren Reiz und ihre Höhepunkt, wirkt auf der anderen Seite aber auch überladen und unübersichtlich und vergibt zugleich eine große Chance. Warum, erfahrt ihr in meinem Artikel in der Photonews.

Link: MMK

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