Karl Hugo Schmölz bei Van der Grinten Galerie

Nach der wunderbaren Retrospektive “Wie sich Deutschland neu erfand” im LVR-Landesmuseum Bonn zeigt nun auch die Van der Grinten Galerie in Köln bis zum 15. Dezember eine Ausstellung mit Vintage-Abzügen von Karl Hugo Schmölz. Unter dem Titel „Die Stadt als Bühne“ demonstriert die Schau, wie Schmölz seine Umgebung wahrnahm: Seine Ansichten wirken oft realer als real und bisweilen unwirklich schön – so wie auf seinen Fotos hat man die Architektur der Zeit jedenfalls selten erstrahlen sehen. Schmölz schien geradezu besessen von der Linie, von Proportion und dem Willen nach gestalterischer Perfektion: In seinen Aufnahmen von Theatern, Kinosälen, Geschäften und Verwaltungsgebäuden gibt es keinen störenden Akzente, alles ist auf das Wesentliche reduziert. Dass Schmölz (natürlich) in Schwarzweiß gearbeitet hat, mag man manchmal bedauern – zu schön wäre es, könnte man diese Zeitreise in Farbe erleben. Gleichzeitig ist gerade dieses Schwarzweiß ein Teil seines Geheimnisses, schließlich lässt es sich zum einen gestalterisch besser kontrollieren, zum anderen sind diese alten Vintages in ihrer technischen Brillanz unübertroffen.

Im Verlag Schirmer/Mosel ist zudem das sehr empfehlenswerte Buch “Köln – Architekturfotografien der fünfziger Jahre” erschienen. Es versammelt Karl Hugo Schmölz’ Fotografien und verdeutlicht zudem eindrücklich, wie er nun als fehlendes Bindeglied der neu-sachlichen Fotografie im Rheinland zwischen August Sander und Bernd und Hilla Becher neu entdeckt wird (176 Seiten, 49,80 Euro).

Links: Van der Grinten, Schirmer/Mosel


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“A New American Picture” von Doug Rickard

Zugegeben: Ganz neu ist “A New American Picture” von Doug Rickard nicht mehr – bereits vor zwei Jahren ist es im kleinen Verlag White Press erschienen. Da die Auflage lediglich 250 Exemplare betrug und der Verkaufspreis bei 150 Euro lag, entzog es sich allerdings einem größeren Publikum.

Das soll sich nun ändern, denn Aperture und der Verlag der Buchhandlung Walther König haben dieses Schätzchen nun noch einmal gemeinsam herausgebracht (144 Seiten, 45 Euro). Das Besondere: Doug Rickard ist ein Street-Photographer der virtuellen Welt. Zwei Jahre lang ist er auf den Straßen von Google Street View durch die USA “gereist” und hat Orte wie Detroit, Baltimore und New Orleans, die Bronx, Memphis und Dallas, aber auch weit weniger Bekanntes wie Okeechobee, Norfolk und North Tunica besucht. Die sich auf seinem Monitor ausbreitenden Landschaften hat er dann mit der Kamera abfotografiert.

Dabei ist er nicht der Einzige, der so seine Bilder findet: Auch Michael Wolf und Jon Rafman haben sich für ihre Serien bei Google Street View bedient – allerdings mit anderen Absichten: Interessieren sich Wolf und Rafman für mehr oder weniger absurde, bizarre, bedrohliche, lustige, überraschende, spektakuläre, also “besondere” Situationen, durchforstet Rickard das Google-Archiv nach betont alltäglichen Straßenszenen und zeigt das trostlose, heruntergekommene Amerika der weitläufigen Vorstädte, in denen Menschen meist vereinzelt auftauchen. In gewisser Weise folgt Rickard der Tradition von Walker Evans und natürlich Robert Frank, William Eggleston und Stephen Shore – nur ist seine Vorgehensweise außergewöhnlich. Wenn man so will, definieren die Google-Aufnahmen den Begriff der “demokratischen Fotografie” neu.

Mich persönlich erinnert “A New American Picture” übrigens auch vereinzelt an “RFK” von Paul Fusco, eines meiner Lieblingsbücher. Natürlich gibt es massive Unterschiede – von Google werden die Menschen in ihrem Alltag überrascht, bei Fusco herrscht Ausnahmezustand und die Menschen stehen in Gruppen zusammen und warten trauernd auf den Zug, auf dem der Sarg von Robert F. Kennedy transportiert wird. Dennoch: Sowohl bei Fusco als auch nun bei Rickard werden Menschen in einer mehr oder weniger zufälligen und doch festgelegten Landschaft und immer aus der gleichen, leicht erhöhten Perspektive von der Straße beziehungsweise von den Schienen aus fotografiert. Außerdem schauen sie häufig in Richtung der Kamera und werden somit in einer Situation aufgenommen, in denen sie nicht damit rechnen, fotografiert zu werden – und es möglicherweise in beiden Situationen auch gar nicht mitbekommen.

Was mich an dem Buch leider stört, ist die langweilige und uninspirierte Gestaltung der Text-Passagen – da hätte man noch viel mehr herausholen können, auch im Hinblick auf die grafischen Besonderheiten von Google Street View selbst. Ansonsten halte ich “A New American Picture” für ein unerlässliches Standardwerk, das die Fotografie unter neuen Vorzeichen unter die Lupe nimmt und dem New Topographic-Movement einen weiteren Aspekt hinzufügt.

Link: Aperture, Buchhandlung Walther König, 9-Eyes, Paul Fusco

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Walker Evans in der SK Stiftung Kultur

Wer sich mit Fotografie beschäftigt, kommt über kurz oder lang nicht an Walker Evans vorbei: Der 1975 verstorbene Amerikaner gehört zu den großen Fotografiepersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Er hat den sogenannten “dokumentarischen Stil” entscheidend geprägt und zahlreiche Fotografen beziehen sich auf ihn. Zudem war Evans der erste Fotograf überhaupt, dem das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung gewidmet hat. Das war 1938. Damals ist auch ein Katalog erschienen, den nun, 75 Jahre später, der Schirmer/Mosel Verlag erstmals auf deutsch veröffentlicht hat (208 Seiten, 39,80 Euro).

Umso erstaunlicher ist, dass noch nie eine Walker Evans-Retrospektive in Deutschland zu sehen war. Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur ändert dies gerade und zeigt in der Ausstellung “Decade by Decade” über 200 Originalabzüge aus den Jahren 1928 bis 1974, wodurch “alle Schaffensphasen von Evans beleuchtet, die Kontinuität seines Arbeitsansatzes verdeutlicht und ein neu reflektierter Rezeptionsweg beschritten wird”, wie es in der Pressemitteilung heißt. Seine Ikonen der Dokumentarfotografie stehen wie selbstverständlich in einer Reihe von weitgehend unbekannten Aufnahmen wie Typologien und drittklassigen Porträts und wir folgen Evans auf seinen wenigen Reisen außerhalb der USA – beispielsweise nach Tahiti und Kuba. Die Ausstellung endet schließlich mit seinen bemerkenswerten und extrem grafischen Farbpolaroids von Fahrbahnmarkierungen und Details aus Hausbeschilderungen und Werbeschildern.

Sehr spannend fand ich persönlich auch die Ausstellung in den beiden Kabinetträumen, in denen Arbeiten von Fotografen gezeigt werden, die sich entweder auf Evans beziehen oder (im Fall von Eugène Atget) auf die sich Evans selbst bezieht – darunter sind beispielsweise William Christenberry, Jim Dine, Lee Friedlander, Candida Höfer, Wilhelm Schürmann, Stephen Shore und auch Bernd und Hilla Becher.

Von Letzteren gibt es eine Aufnahme zu sehen, die sie 1986 in Bethlehem/Pennsylvania gemacht haben. Es zeigt, für die Bechers untypisch, ein in drei Ebenen aufgeteilten Bild: Im Hintergrund sieht man eine Industrienlage, im Mittelgrund eine Reihenhaussiedlung und im Vordergrund einen Friedhof. Interessanterweise haben die Kuratoren in einer Vitrine einen kleineren Abzug des Bilder neben einem Bild von Walker Evans platziert, der 50 Jahre zuvor den selben Ort fotografiert hat. Mal abgesehen davon, dass sich die Bechers mit dem Bild vor Walker Evans verneigen wollten, haben sie meiner Meinung nach auch noch das bessere weil subtilere Foto gemacht.

Die Ausstellung “Decade by Decade” läuft noch bis zum 20. Januar 2013. Außerdem ist bei Hatje Cantz der Katalog zur Retrospektive erschienen. Er hat 256 Seiten und kostet 49,80 Euro.

Links: SK Stiftung, Hatje Cantz, Schirmer/Mosel

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“Japanese Dream”

In der Oktober-Ausgabe der Photonews ist nun auch meine ausführliche Besprechung von “Japanese Dream” erschienen – das Buch hat mit 98 Euro einen stolzen Preis, kommt aber auch im XXL-Format daher und lässt die alten, handkolorierten Fotografien aus dem Japan des späten 19. Jahrhunderts in voller Pracht erscheinen. Ich persönlich war etwas enttäuscht darüber, dass die Fotografie vom Mädchen mit dem Regenschirm von Kusakabe Kimbei nicht dabei ist – die hätte ich sehr gerne in diesem Riesenformat erlebt! Aber dafür gibt es natürlich zahlreiche andere großartige Bilder zu entdecken.

Außerdem ein Tipp: Bei ebay werden zahlreiche dieser alten Aufnahmen angeboten – manchmal sogar für unter 100 Euro. Ich habe mir jedenfalls endlich ein Bild gekauft, das auch im Buch zu sehen ist: Es zeigt einen Mann, der über eine Notbrücke über den Miyanoshita-Fluss läuft.

Link: Hatje Cantz

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