Vier neue Fotobücher im Ksta

Heute ist im Magazin des Kölner Stadt-Anzeiger wieder ein längerer Text von mir mit insgesamt vier Fotobuchbesprechungen erschienen. Dieses Mal dabei: die fast träumerischen Iran-Bilder von Walter Niedermayr in “Recollection”, das beim Deutschen Fotobuchpreis mit Gold ausgezeichnete Buch “Tropical Gift” über das Geschäft mit Öl und Gas in Nigeria des Schweizers Christian Lutz, “Desert Birds” mit einsamen, stillgelegten Flugzeugen in den Wüsten der USA von Werner Bartsch sowie “Spomenik” von Jan Kempenaers, das ich auf meinem Blog bereits vorgestellt habe.

Den doppelseitigen Artikel findet ihr hier.

Links: Hatje Cantz, Kehrer, Roma Publications, Lars Müller Publishers

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“New Topographics” in Köln

Als ich erfahren habe, dass die Rekonstruktion der Ausstellung “New Topographics”, die 1975 im International Museum of Photography im George Eastman House in Rochester/New York zu sehen war, während ihrer Tour auch in Köln Halt machen würde, habe ich mich gefreut wie ein Schneekönig. Rückblickend gilt sie zusammen mit “The New Color Photography” von 1981 wohl als die wichtigste Fotografieausstellung überhaupt und hat bis heute einen enormen Einfluss. Dabei hat Kurator William Jenkins die Ausstellung damals in nur wenigen Monaten auf die Beine gestellt.

Für die jetzige Rekonstruktion, die als Wanderausstellung durch die USA und Europa tourt, brauchte Kuratorin Britt Salvesen hingegen drei Jahre. Doch die Mühe hat sich gelohnt: “New Topographics”, zu sehen in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur, zeigt immerhin 140 der ehemals 168 Fotografien, und die meisten sind sogar Originalabzüge. Ausnahmen sind – mal wieder – Stephen Shore und Bernd und Hilla Becher, deren Bilder heute nicht mehr als Kontaktabzüge, sondern im größeren Format 50×60 Zentimeter beziehungsweise 30×40 Zentimeter präsentiert werden. 1975 fielen ihre Positionen ebenfalls ein wenig aus dem Rahmen: Shore war in der Ausstellung der einzige Farbfotograf und Bernd und Hilla Becher die einzigen Nicht-Amerikaner.

Die große gemeinsame Klammer aller Teilnehmer war hingegen das Interesse an einer neuartigen Form der Landschaftsfotografie, die mit den emotionalen Aufnahmen eines Ansel Adams höchstens die feine Gestaltung und die technisch Qualität gemein hatten. Inhaltlich ging es den versammelten Fotografen jedoch nicht um die Schönheit der unberührten Natur, sondern um die vom Menschen veränderte Landschaft – mit landwirtschaftlich genutzten Bereichen, Brachland und Randgebieten, Wegen, Straßen, Plätzen, Wohn- und Gewerbesiedlungen, historisch gewachsenen oder im Bau befindlichen Industrie- und Stadtarchitekturen. Vor allem aber nahmen sie sich als Urheber weitgehend zurück. Lewis Baltz hat es damals damit beschrieben, dass es die erste Aufgabe von Fotografien sei, “dem Betrachter zu verdeutlichen, dass sie wirklich Dokumente sind und der Photograph seine Fähigkeiten insbesondere zur Beobachtung und zur Beschreibung eingesetzt hat, während er seine Vorstellung und Vorurteile außen vorließ. Das ideale photographische Dokument würde ohne Autorenschaft oder Kunst erscheinen.”

Trotz aller Objektivität gibt es enorme formale Unterschiede zwischen den Fotografen: Während Henry Wessels Bilder auf den ersten Blick wie Schnappschüsse aussehen, entpuppen sie sich beim genauen Hinsehen als meisterhaft komponiert – hier wurde wie auch bei Stephen Shore nichts dem Zufall überlassen. Robert Adams’ Arbeiten wirken teilweise wie die bereits erwähnten Ideal-Landschaften Ansel Adams’ – nur mit den deutlichen Zeichen der Zivilisation im Vordergrund. Der bis heute wenig bekannte Joe Deal fotografierte hingegen einsame Einfamilienhäuser in der öden Landschaft meist von einem erhöhten Standpunkt aus. Er selbst meinte damals: “Der gewählte Ansatz entsprach meinem Wunsch nach geringer persönlicher Einflussnahme und größerer Einheitlichkeit.” Da auf seinen Bilder kein Horizont zu sehen ist, wechselte er so “von der Topografie zur Kartografie”, wie die Leiterin der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur, Gabriele Conrath-Scholl, erklärt.

Mir persönlich sehr gut gefallen hat auch die Serie von Frank Gohlke – und da besonders seine Arbeit “Irrigation Canal, Albuquerque, New Mexico” von 1974. Der schmutzige Kanal mit seinen glatten, steilen Wänden ist für mich eine wunderbare urbane Metapher auf die amerikanische Landschaftsfotografie – nur eben ohne Landschaft. Das einzig natürliche auf dem Bild sind die Wolken und das bisschen Unkraut an den ansonsten glatten Betonwänden.

“New Topographics” ist noch bis zum 27. März in Köln zu sehen. Danach macht sie Station in Horten, Rotterdam und Bilbao. Außerdem sind zur Ausstellung auch zwei empfehlenswerte Bücher erschienen. Der ausführliche und schlicht, aber sehr schön gestaltete Katalog (256 Seiten, 49,50 Euro, Steidl) enthält neben den Bildern auch Ansichten der 1975er-Ausstellung sowie eine Reproduktion des dazugehörigen, 48-seitigen Ausstellungskatalogs. Der hat damals übrigens sieben Dollar gekostet – heute zahlt man im Antiquariat wohl eher 1000 Euro und mehr. Das zweite Buch “New Topographics – Texte und Rezeption” (159 Seiten, 25 Euro, Fotohof Edition) enthält neben einem ausführlichen Text von Britt Salvesen vor allem auch die erstmals ins Deutsche übersetzte Einleitung William Jenkins’ aus dem Jahr 1975. Daraus möchte ich gerne seinen letzten Satz zitieren, der an bescheidener Weitsicht wohl kaum zu übertreffen ist: “Wenn New Topographics ein zentrales Ziel hat, so ist es – zumindest im Moment – einfach aufzuzeigen, welche Bedeutung es hat, eine dokumentarische Photographie zu machen.”

Links: SK Stiftung Kultur, Steidl

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“Männerhaus” für das Alexianer-Magazin

Das Alexianer-Magazin brauchte Fotos für eine Geschichte zum Thema Männerhäuser beziehungsweise Gewalt von Frauen gegen Männer. Ein heikles Thema, wie ich merkte, denn zum einen ist es weitgehend tabuisiert und wird auch einfach belächelt. Zum anderen gibt es in Deutschland (wahrscheinlich gerade deshalb) kaum Männerhäuser.

Eine Reportage mussten wir deshalb schnell ausschließen. Also entschieden wir uns für eine kleine inszenierte Fotostrecke, die dann auch sehr schön fürs Heft umgesetzt wurde. Den sehr interessanten Text mit meinen Bildern findet ihr hier.

Links: Alexianer

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Taylor Wessing Photographic Portrait Prize

Mit großem Interesse habe ich mir die Ausstellung “Taylor Wessing Photographic Portrait Prize” in der National Portrait Gallery in London angesehen – und war (zunächst) sehr enttäuscht. Obwohl die Jury 6000 Einsendungen von 2400 Fotografen aus der ganzen Welt zur Auswahl hatte, kann man die gezeigte Ausstellung insgesamt als sehr homogen bezeichnen. Homogen deshalb, weil viele Bilder in Aufbau und Konzeption, Körperhaltung und Mimik nahezu identisch sind: Eine Person steht mittig im Bild und schaut teilnahmslos in die Kamera. Dieses Prinzip mag ja eine Zeit lang erfrischend gewesen sein und funktioniert auch heute noch ganz gut in Magazinen wie brand eins – aber von einer Ausstellung in den ehrenwerten Räumen der National Portrait Gallery erwartete ich mehr – zumindest so lange, bis ich mir die Ölgemälde in dem viktorianischen Gebäude angeschaut habe. Offensichtlich herrscht in der (wechselnden) Jury ein Grundverständnis für Porträtfotografie vor, das sich an den alten Gemälden des 16. bis 20. Jahrhunderts orientiert.

Naja, es gab aber auch ein paar Lichtblicke wie die Jägerin auf dem Pferd von David Chancellor, die Gruppe Vietnamesinnen von David Graham, das verschachtelte Soldaten-Gruppenporträt von Andrea Stern, die Soldatinnen-Aufnahme von Anastasia Taylor-Lind, den Cowboy auf der Bettkante von Jane Hilton, die Zwillingsschwestern von Jeffrey Stockbridge, die Zwillingsbrüder von Kenneth O’Halloran und Amy Helene Johanssons Pilgerin aus Bangladesch, die auf den Kupplungen zwischen zwei Waggons reisen muss. Panayiotis Lamprous Aufnahme seiner halbnackten Frau fand ich hingegen eher peinlich – da es nach eigener Aussage ein privater Schnappschuss war, sollte es vielleicht auch im privaten Fotoalbum verweilen. Die Jury sah das jedoch anders – und das Schamlippenbild landete auf dem zweiten Platz.

Wer in den nächsten Wochen in London ist, kann sich aber auch selbst ein Bild von der Ausstellung machen – die läuft noch bis zum 20. Februar. Ansonsten empfehle ich den Katalog – der funktioniert merkwürdigerweise besser als die Ausstellung selbst und ist mit 15 Pfund auch noch erschwinglich.

Links: National Portrait Gallery, Interview mit Kurator Terence Pepper

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“Street Photography Now”-Ausstellung in Köln

Das im Herbst 2010 erschienene Buch “Street Photography Now” war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und avancierte zum Kultbuch und Standardwerk zugleich. In der Kölner Galerie Lichtblick, die von Wolfgang Zurborn mitbetrieben wird, ist noch bis zum 30. Januar die dazugehörige Wanderausstellung mit Arbeiten von 23 der insgesamt 46 im Buch vertretenen Fotografen zu sehen.

Meine Besprechung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger findet ihr hier.

Links: Galerie Lichtblick, Thames & Hudson

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“Tokyo Compression” im Forum für Fotografie

Das Buch “Tokyo Compression” von Michael Wolf habe ich bereits auf meinem Blog vorgestellt – nun kann man sich die Bilder auch in einer Ausstellung anschauen. Das Kölner Forum für Fotografie, Schönhauser Straße 8, zeigt ab heute, 16 Uhr, zahlreiche Arbeiten. Ich konnte die wunderbare Ausstellung mit den schrecklichen Bilderrahmen bereits am Donnerstag besichtigen – meine ausführliche Besprechung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger gibt es hier.

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Ken Kitano in der Galerie Priska Pasquer

In der Galerie Priska Pasquer bin ich auf einen mir völlig unbekannten Fotografen gestoßen, der mich sofort begeistert hat. Der 1968 geborene Japaner Ken Kitano zeigt dort seine Serie “Our Face”, für die er zwar einzelne Porträts fotografiert, die Negative aber anschließend übereinander belichtet, so dass auf dem Abzug extreme Mehrfachbelichtungen entstehen. Das Ergebnis fasziniert mich sehr – und auch, wenn Michael Wesely bereits fünf Jahre zuvor die selbe Technik und ein ähnliches Thema behandelt hat, verlieren Kitanos Arbeiten nichts von ihrer Magie.

Wer meine ausführliche Besprechung, die heute im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen ist, lesen möchte, findet sie hier. Die Ausstellung selbst ist noch bis zum 5. Februar zu sehen.

Links: Galerie Priska Pasquer, Ken Kitano

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Eadweard Muybridge in der Tate Britain

Wer in den nächsten zwei Wochen eine Reise nach London plant, dem möchte ich die sehr schön und liebevoll gestaltete Retrospektive Eadweard Muybridge in der Tate Britain ans Herz legen – leider endet sie bereits am 16. Januar.

Der 1830 geborene Brite Muybridge war Fotograf, Forscher und Tüftler, der mit seinen Bildern von Bewegungsabläufen unter anderem den Beweis lieferte, dass Pferde während des Galopps alle vier Hufe gleichzeitig in der Luft haben. Das klingt heute selbstverständlich und wurde damals auch vermutet – gesehen hatte dies aber noch niemand, da die Bewegung zu schnell für das menschliche Auge ist. Erst der Millionär und Rennstallbesitzer Leland Stanford beauftragte Muybridge, der eigentlich Edward James Muggeridge hieß, den fotografischen Beweis zu erbringen.

Der legte sich mächtig ins Zeug und drehte den Spieß quasi um, schließlich gab es noch keine Hochgeschwindigkeitskameras mit Serienbildfunktion – statt mit einer einzigen Kamera möglichst viele Bilder aufzunehmen, setzte er also zwölf (und später sogar bis zu 24 Kameras) ein, die er dicht hintereinander entlang der Strecke postierte. Die Kameras hatten Schlitzverschlüsse, die durch Fäden mit der Strecke verbunden waren. Trat jemand drauf, fiel der Verschluss herunter und belichtete das Negativ. Im Grunde machte das Pferd Selbstporträts.

Weil Muybridge mit den Ergebnissen nicht immer zufrieden war, setzte er später einen elektromagnetischen Schaltmechanismus ein, der die Verschlüsse auslöste, und danach sogar eine Schaltuhr, die die Verschlüsse automatisch nacheinander auslöste. Schließlich entstanden im kalifornischen Palo Alto des Jahres 1878 zwölf Reihenbilder des Rennpferdes Sallie Gardner in weniger als einer halben Sekunde und mit Belichtungszeiten von weniger als einer tausendstel Sekunde.

Es folgten Aufnahmen von anderen Tieren und vor allem auch von Menschen, die unterschiedlichste Bewegungen ausführten – vom Fechten übers Tanzen bis zum Wasser ausschütten. Mit seinem selbstentwickelten Projektor, dem Zoopraxiscope, hauchte Muybridge den ohnehin schon faszinierenden eingefrorenen Bildern wieder Leben ein und schuf damit gleichzeitig die Grundlage für den modernen Film. Außerdem hatte er großen Einfluss auf die Maler und Bildhauer seiner Zeit und darüber hinaus – selbst Francis Bacon ließ sich von ihm inspirieren, weil er Muybridges hohe Präzision schätzte: “He created a visual dictionary of movement, a living dictionary.”

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Muybridge lediglich auf seine bahnbrechenden Bewegungsstudien zu reduzieren. Bereits zu Lebzeiten war er ein bekannter Landschaftsfotograf, der berühmte Aufnahmen des Yosemite-Nationalparks machte und im Auftrag der US-Regierung das neu erworbene Territorium Alaska dokumentierte. Die Londoner Ausstellung zeigt vieler seiner beeindruckender Aufnahmen und Stereoskopien – und verschweigt nicht, zu welchen Mitteln er mitunter griff, um “sein” Bild zu bekommen: Für die richtige Perspektive nahm er lebensgefährliche Positionen ein und ließ auch schon mal einen Baum fällen, wenn er es für richtig hielt – mich erinnert das ein wenig an Bernd und Hilla Becher, die während der Arbeit ja auch nicht gerade zimperlich waren.

Ein ebenfalls schönes Detail: Den “Pigeon Point”-Leuchtturm hat er 1873 zwar zweimal und aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen, der Himmel ist in beiden Bildern aber exakt der gleiche und findet sich auch in der Aufnahme des sich im Bau befindlichen Rathauses von San Francisco wieder – aus technischen Gründen hat er ihn einfach in die anderen Aufnahmen eingefügt. Manipuliert wurden Fotografien also schon immer – und nicht erst seit der Erfindung von Photoshop.

Links: Tate Britain

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