“One Day” vs. “Ein Tag Deutschland”

Bereits im Oktober hat mich das Buch “Ein Tag Deutschland”, herausgegeben von Freelens, erreicht. Mit großer Vorfreude habe ich mir einen freien Nachmittag Zeit genommen, um mich in Ruhe dem Buch zu widmen. Zuvor musste ich mich bereits ein wenig mit Nadine streiten, weil ich sie erst dazu genötigt habe, sich das Buch anzuschauen, und dann fand sie es auch noch furchtbar, was ich als pure Trotz-Reaktion verurteilte. Als ich mir das Buch dann endlich selbst anschauen konnte, musste ich ihr allerdings leider zustimmen.

Dabei finde ich die Intention, an einem festgelegten Tag (in diesem Fall der 7. Mai 2010) einen Haufen Fotografen loszuschicken und deren Bilder gemeinsam zu veröffentlichen, weiterhin sehr sympathisch, weil sie für mich für eine sehr neugierige und humanistische Attitüde steht und mich beispielsweise an das “Bildersammeln” von Edward Steichens Family of Man-Idee erinnert. Leider hapert es bei der Umsetzung von “Ein Tag Deutschland” aber an allen Ecken, denn das Buch erweckt den Eindruck, lediglich ein über 600 Seiten starker Übersichtskatalog der Freelens-Mitglieder sein zu wollen – immerhin haben 432 Fotografen teilgenommen! Eine Vorauswahl scheint nicht stattgefunden zu haben, und so wirkt ein Großteil der Arbeiten dann auch entsprechend beliebig und austauschbar. Gute Bilder stehen hingegen völlig isoliert da und werden ohne größeren Zusammenhang präsentiert, da trotz der Buchstärke nicht genügend Platz vorhanden ist. Was bleibt, sind einige wenige gute Einzelaufnahmen in einem Haufen Banalität, der zudem auch noch durch ein schwaches Layout weiter heruntergezogen wird (dpunkt.verlag, 49,90 Euro).

Ironischerweise hat ebenfalls ein Heidelberger Verlag keine zwei Monate später eine weitere Publikation veröffentlicht, die genau das gleiche Thema behandelt, es allerdings vollkommen anders angeht: “One Day” ist eine Sammlung von zehn kleinen Büchern der bekannten Fotografen Alec Soth, Eva Maria Ocherbauer, Gerry Badger, Harvey Benge, Jessica Backhaus, John Gossage, Martin Parr, Rinko Kawauchi, Rob Hornstra und Todd Hido. Sie alle haben am 21. Juni und somit am Tag der Sonnenwende an unterschiedlichen Orten und ebenfalls ohne thematische Vorgabe fotografiert. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Eindrücke. Die zehn Bücher sind nicht alle gleich stark, aber im Gesamtkontext ist “One Day” doch deutlich harmonischer, einfallsreicher und nachhaltiger als “Ein Tag Deutschland” – vom schlichten, aber edlen Design dieses Schmuckstücks mal ganz abgesehen, der sich allerdings auch im stolzen Preis von 148 Euro widerspiegelt.

Mitunter hat mich das Buch sogar überrascht, denn sowohl mit Martin Parrs als auch Alex Soths Ergebnis habe ich nicht gerechnet: Parr hat seine alltäglichen Rituale daheim festgehalten – vom Zähneputzen übers Gassigehen mit Hundedame Ruby und dem Empfang neuer Fotobücher bis zu seiner merkwürdigen Angewohnheit, Lachs in der Spülmaschine zu kochen. Soth hat hingegen am Vatertag, der nur einen Tag zuvor war, von seinem dreijährigen Sohn Gus eine Polaroidkamera geschenkt bekommen (behauptet er zumindest) und hält diesen nun in ebenfalls persönlichen Aufnahmen fest. Rob Hornstra hat mich mit einer sehr feinen Reihe über zwei außergewöhnliche Charaktere in Utrecht begeistert, während Todd Hido eine durchinszenierte und sexuell aufgeladene Geschichte erzählt. Naja – “andeutet” wäre vielleicht das bessere Wort.

Die Idee zu dem Buchprojekt kam übrigens Harvey Benge und Gerry Badger während der Paris Photo 2009, wo sie sich auch gleich einige Weggefährten suchten – inklusive Klaus Kehrer als Verleger. Ein halbes Jahr später traf man sich auf dem Internationalen Fotobook Festival in Kassel erneut, holte noch schnell Soth, Kawauchi und Hido mit ins Boot und machte den Sack schließlich zu. Dort entstand auch die Namensliste, hingekritzelt auf einen Notizzettel des Schlosshotels Wilhelmshöhe. Mich würde es nicht wundern, wenn die Liste in einigen Jahren auf irgendeiner Fotografie-Auktion auftaucht.

Unterm Strich halte ich “One Day” nicht nur für das deutlich bessere Buch, sondern es ist auch ein Muss für Sammler von Fotobüchern. Kritik hätte ich höchstens an der Zusammensetzung der Künstler, deren Arbeiten sich manchmal doch etwas zu stark ähneln. Gerne hätte ich auch einen eindeutigen Porträtfotografen wie Pieter Hugo oder Ted Partin darin gesehen. Ein positives Beispiel ist für mich hingegen Eva Maria Ocherbauer, mit deren Arbeit ich zwar nicht sonderlich viel anfangen kann, die aber mit ihren surrealen Collagen eine ganz eigene Note in das Projekt gebracht hat.

Links: dpunkt.verlag, Freelens, Kehrer

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Keisuke Shirota in der Galerie Stefan Röpke

Für Keisuke Shirota sind Fotografien nicht das Ziel, sondern bloß der Ausgangspunkt seiner Bilder. Denn der 1975 geborene Japaner nutzt eigene, urbane Schnappschüsse aus der Wiedervorlage, klebt sie auf die Leinwand und denkt sich, wie das Umfeld drumherum ausgesehen haben könnte – nicht, wie es tatsächlich aussah. Seine Erinnerungen sind trügerisch, seine Realität ausgedacht. Die Übergänge sind meist fließend und deutlich zugleich, denn während die Fotos farbenreich und geradezu malerisch sind, dominieren in seinem sehr präzisen Malstil die Farbe Schwarz sowie einige Grautöne.

Für mich sagt dieser Umweg über die Malerei viel über die Fotografie an sich aus, die auf der einen Seite für den vielzitierten Realitätsanspruch steht, auf der anderen Seite aber immer auch Dinge ausblenden muss: Was sich links und rechts, über und unter einem Foto befindet, weiß der Betrachter nicht. Und Shirota weiß es auch nicht. Aber zeigt für diesen diffusen Raum wenigstens einen adäquaten Lösungsvorschlag.

Zu sehen ist die Ausstellung mit seinen Arbeiten noch bis zum 8. Januar 2011 in der Galerie Stefan Röpke in Köln.

Links:  Keisuke Shirota, Galerie Stefan Röpke

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“Horizonville” von Yann Gross

Als ich Yann Gross‘ Abschlussarbeit “Horizonville” das erste Mal in der Sektion Nachwuchsförderung „Descubrimientos“ im Rahmen der PhotoEspana 2009 gesehen habe, brauchte ich einige Zeit, um zu verstehen, dass Gross gar keine Amerikaner fotografiert hat, sondern Schweizer, die so tun, als wären sie im Wilden Westen. Im Rhone-Tal am Fuße der Alpen hat er das Thema seiner Abschlussarbeit gefunden, für die er 2006 sogar den BFF-Förderpreis erhielt.  Im JRP Ringier Kunstverlag ist diese Serie nun (endlich) als Buch erschienen (74 Seiten, 30 Euro).

Halb dokumentarisch, halb inszeniert widmet sich Gross dem “American Dream” – komplett mit tätowierten Cowboys und bärtigen Trappern, PS-starken Trucks, Stripshows und Adler an der Saloonwand. Gerade auch durch seine immer wieder zwischendurch gestreuten, weiten Landschaftsaufnahmen im Stil der New Topographic erreicht er das Gefühl, tatsächlich in den USA zu sein, das dann aber doch durch kleine Details wie Schriftzüge im Hintergrund ins Wanken gerät: Alles ist Fassade und die Menschen darin sind Statisten, Avatare oder Cosplayer, denn sie schaffen sich in ihrer kleinen, engen schweizerischen Welt eine eigene Lebenswirklichkeit. Das wirkt genauso echt wie eine Karl-May-Verfilmung – die wurden ja bekanntlich auch nicht in den USA, sondern in Kroatien gedreht und Karl May schrieb über Indianer und Cowboys, ohne vorher die Staaten besucht zu haben. Gross spielt mit diesem ambivalenten Hin und Her, ohne sich jedoch darüber lustig zu machen. Das ist die große Stärke seiner Serie.

Leider finde ich aber auch hier, dass die Gestaltung des Buches zu wünschen übrig lässt. Die Karte am Anfang und der Prolog gefallen mir gut, aber schon die Gestaltung des Covers und des einleitenden Textes von Joël Vacheron sind wenig einladend und die Beschriftung unterhalb der Bilder sieht einfallslos und vor allem sehr störend aus – zumal am Ende des Buches alle Fotografien ausführlich beschrieben werden. Das ist mehr als schade, denn die Möglichkeiten des Mediums Fotobuch wurden hier bei weitem nicht ausgeschöpft.

Links: Yann Gross, JRP Ringier

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“Der Fotograf” von Didier Lefèvre

Heute stelle ich ein bereits zwei Jahre altes, aber erst jetzt von mir entdecktes, außergewöhnliches Buch vor – außergewöhnlich deshalb, weil es eigentlich ein Comic ist. Allerdings ganz besonders gestaltet, denn er erzählt nicht nur die Geschichte des Fotografen Didier Lefèvre, der 1986 ein Team von “Ärzte ohne Grenzen” nach Afghanistan begleitet, sondern es zeigt auch seine Fotografien, chronologisch eingebettet in die Handlung, so dass der Betrachter und Leser seine Fotos an der Stelle sieht, an der er sie auch gemacht hat. Alles, was er erlebt, aber nicht fotografiert hat, wurde von Emmanuel Guibert gezeichnet, was meine Meinung nach eine simple und doch geniale Art ist, Fotoreportagen zu präsentieren – besonders, wenn ich an die zahlreichen mit Musik und Kommentar unterlegten Slideshows denke, die sich Fotografen heutzutage ausdenken. Natürlich ist ein Comic ungleich aufwändiger, und es funktioniert auch nicht überall so gut wie in der Triologie “Der Fotograf” – aber es zeigt auf, was möglich ist, wenn man unorthodoxe Wege einschlägt.

Die Geschichte selbst ist eine Art Tagebuch – nicht von ungefähr hat es mich sogar ein wenig an Black Passport von Stanley Greene erinnert, wenngleich es vollkommen unterschiedlich ist. Gemein haben beide die visuelle Kraft und den sehr persönlichen, erzählerischen Eindruck, der vermittelt wird. Beides sind Tagebücher von Kriegs- und Krisenfotografen, die dem Betrachter an ihrem Erlebten Teil haben lassen. In weiten Teilen wird der Leser von der einfachen, aber spannenden Geschichten vereinahmt, die Fotografien selbst treten in den Hintergrund und sind meist auch gar nicht sonderlich aufregend oder außergewöhnlich. Durch die Kombination aus Zeichnung und Fotografie wird der Leser aber immer wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt: Das ist eine wahre Geschichte. Denn so, wie man sich heutzutage viele Fotografien anschaut und gleichzeitig weiß, dass sie niemals die ganze Wahrheit sagen, so wird dieses Phänomen hier quasi umgedreht: Die Bilder sind “echter” als die Wirklichkeit, weil die ja nur gezeichnet ist.

Wirklich gute Fotografien habe ich – zumindest in Band 1 – hingegen selten gesehen. Meistens sind sie auch sehr klein präsentiert, so dass sie sich der Größe der einzelnen Zeichnungen anpassen. Wirklich gute, ja: großartige Bilder bekommen dann hingegen ihren ganz speziellen Raum zugesprochen und werden dann sogar halbseitig präsentiert, wie ihr im unten gezeigten Beispiel der drei aufeinander folgenden Seiten sehen könnt. Das mag man bemängeln, aber unterm Strich ist es eben authentisch, da man tatsächlich eine autobiografische Geschichte erzählt bekommt – und im richtigen Leben ist nun einmal nicht jeder Schuss ein Treffer.

“Der Fotograf” ist als Trilogie bei Edition Moderne erschienen und kostet je Band 24 bzw 28 Euro.

Links: Edition Moderne

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Ein Jahr “gesehen mit” im Kölner Prinz – Teil II

Schon wieder ist ein Jahr herum, in dem ich für die Kölner Ausgabe des Prinz mit unbescholtenen Bürgern durch Kunstausstellungen zog, um anschließend ein paar Sätze darüber zu schreiben.  “Gesehen mit” heißt die Serie, für die ich meine Begleiter auch immer in den Galerien und Museen vor, neben, hinter oder in der Kunst fotografiere.  Anbei findet ihr meine zwölf Lieblingsbilder aus 2010. Gleichzeitig möchte ich mich nochmals bei Arnd, Jasmin, Philip, Beate, Stefan, Karin, Denis, Nina, Robert, Hazar, Babak und Lisa für ihre Teilnahme bedanken.

Außerdem möchte ich die Gelegenheit nutzen und die Leser meines Blogs ebenfalls zum Mitmachen aufrufen: Falls also auch ihr Interesse habt, in den nächsten Monaten bei “gesehen mit” mitzumachen und euch mit mir eine Ausstellung in Köln oder Umgebung anzuschauen, dann meldet euch doch bitte kurz bei mir.

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“Spomenik” von Jan Kempenaers

In der letzten Woche hat die Welt noch geglaubt, die Nasa würde uns die ersten Aliens präsentieren, nur weil sie arsenfressende Bakterien in Kalifornien gefunden hat. Dabei sind die Außerirdischen längst gelandet – und zwar im ehemaligen Jugoslawien. Zumindest scheint es so, wenn man sich die Bilder von Jan Kempenaers anschaut. Im neu erschienenen Band “Spomenik” (Roma Publications, 28 Euro) versammelt der Belgier im wahrsten Sinne des Wortes “monumentale Aufnahmen”, denn Spomeniks sind Monumente, die in den 1960er und 70er Jahren zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und seiner Opfer errichtet wurden.

Der nüchterne Stil Kempenaers unterstreicht die meist abstrakten Formen, die entfernt an Blumen, Kristalle oder Raumschiffe erinnern – vor allem auch deshalb, weil die Spomeniks nicht im urbanen Raum, sondern mitten in der Landschaft zu stehen scheinen. Ihre rätselhafte Ästhetik, ihre Funktionslosigkeit und letztlich auch der nagende Zerfall sorgen für eine ganz besondere, fast mystische Ausstrahlung, wie sie beispielsweise auch von den Moais auf der Osterinsel ausgeht.

Irritierend ist allerdings die Aufmachung des Buches: Hat es sich in den letzten Jahren etabliert, am Ende alle Bilder noch einmal im Thumbnail-Format und mit den dazugehörigen Informationen zu zeigen, präsentiert Kempenaers seine Zusammenfassung viel zu groß und gleich zu Beginn des Buches. Der Sinn hat sich mir leider nicht erschlossen, nimmt sie doch jegliche erzählerische Spannung vorweg. Überhaupt ist das Buch insgesamt recht langweilig gestaltet, weil es bloß eine einfallslose Aneinanderreihung der einzelnen Fotografien ist. Das bedaure ich ein wenig, denn die Bilder selbst finde ich meist großartig.

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Schaden.com zieht um – und wird “Factory”

Markus Schaden zieht mit seiner bekannten Buchhandlung Schaden.com erneut um. Zum Glück nicht nach Berlin, sondern in die Körnerstraße 6-8 nach Köln-Ehrenfeld, was aber mindestens genauso angesagt ist. “Die Körnerstraße ist das kreative Epizentrum”, meint Schaden selbst, schließlich haben sich dort in den vergangenen Jahren zahlreiche kleine Design-Läden angesiedelt.

Mit dem bisheriger Standort an der Albertusstraße konnte sich der Buchhändler hingegen nicht richtig anfreunden: Laufkundschaft kam trotz der scheinbar guten Lage zu wenig, für Stammkunden, die gerne auch mal zwei Stunden bleiben, ist der Laden jedoch viel zu klein. Das soll sich nun ändern, denn die Ladenfläche vergrößert sich von 60 auf 100 Quadratmeter, so dass es sowohl für Kunden als auch für die Mitarbeiter bequemer und angenehmer wird. Hinzu kommt ein separates Apartment, in dem Gast-Künstler untergebracht werden können. Außerdem stehen zwei Tiefgaragenstellplätze zur Verfügung.

Am Sonntag, 5. Dezember, öffnet die “Factory”, wie Schaden sie halb im Spaß und halb im Ernst nennt, weil auch verstärkt Events in ihr stattfinden sollen, erstmals von 11 bis 20 Uhr ihre Türen im Rahmen des Weihnachtsbasars in der Körnerstraße. Neben einer “Fine Selection” an Fotobüchern präsentiert und verkauft Schaden rund 150 Plakate (teilweise auf Dibond kaschiert) zu Fotografie-Ausstellungen der vergangenen Jahre – so zum Beispiel von Eggleston, Sugimoto, Tillmans, Winogrand, Clark, Bechers, Shore, Chargesheimer, Ruscha, Sieber, Gursky, van der Elsken, Struth, Moriyama, Gilden und Parr. Der Titel der Ausstellung lautet “Blow Up#” und schließt somit direkt an “Mashup!” aus dem Jahr 2007 an. Damals zeigte Schaden zusammen mit dem Kunstverein artrmx 300 Einladungskarten von Fotografieausstellungen. Das klang banal, war aber dennoch ein großartiges Event.

Wann Schaden das Geschäft in der Albertusstraße schließt, steht übrigens noch nicht fest – es wird wohl irgendwann in der ersten Jahreshälfte 2011 sein. Bis dahin geht der Betrieb weiter.

Links: Schaden.com

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