Gestern war ich bei der Pressekonferenz zur großen Arno Fischer-Retrospektive in Bonn. Der gilt ja gemeinhin als wichtigster Fotograf der DDR und Klaus Honnef hat ihn sogar mal als einen der wichtigsten Fotografen Deutschlands überhaupt bezeichnet. Behauptet zumindest der Kurator der Ausstellung, Matthias Flügge. Ich kann es nicht ganz nachvollziehen, finde ich sein Werk insgesamt doch eher mittelprächtig. Viele Aufnahmen wirken unentschlossen, außerdem sind sie verwackelt, ohne dass ich dafür einen inhaltlichen Grund erkennen könnte. Viele sind auch einfach schlecht gestaltet und komponiert. Seine stärksten Aufnahmen sind die, in denen er unbeobachtet und in Ruhe Menschen fotografieren konnte – von hinten oder wenn sie gerade in einer Tätigkeit vertieft waren. Leider hat er es nicht dabei belassen.
Da ich mich aber gerne eines Besseren belehren lasse, hörte ich aufmerksam zu. Arno Fischer stand dann auch selbst für Fragen zur Verfügung, allerdings bestätigten seine Antworten, Erinnerungen, Schilderungen und Selbsteinschätzungen nur mein Bild anstatt es zu widerlegen. So sagt Fischer selbst, er habe “Hemmungen, die Menschen direkt zu fotografieren“. Also nahm er seine 35mm-Brennweite, einen hochempfindlichen Film, machte die Blende zu und stellte den Fokus auf 1,5 Meter bis unendlich und schoss „wie ein Cowboy aus der Hüfte“. So präpariert hätte er ja nun gut auf die “Jagd” gehen und ungemein progressiv fotografieren können, aber auch die so entstandenen Aufnahmen bleiben belanglos.
Sehr irritierend finde ich auch seine Einstellung zu Henri Cartier-Bressons “entscheidenden Augenblick”, der ihn offensichtlich gar nicht interessiert. Ihm gehe es vielmehr um den Moment davor und danach. Leider fotografieren 99 Prozent aller Menschen so – was soll jetzt also das Besondere daran sein? Und dass Arno Fischer das “Rennpferd der Modefotografie in der Deutschen Demokratischen“ gewesen sein soll, wie er sagt, ist mir ebenfalls ein Rätsel. Schließlich gibt er zu, dass er nur „wenige technische Kenntnisse“ gehabt habe und er erst im Laufe der Zeit “ein Gespür dafür entwickelt habe, was Mode sein könne.” Für mich klingt das nach einem Schlag ins Gesicht seiner Frau Sibylle Bergemann, die in meinen Augen die weitaus größere Mode-Fotografin war. Warum bekommt sie eigentlich keine Retrospektive?
Ironischerweise kleben an einer Ausstellungswand auch noch Arno Fischer-Zitate, bei denen ich mich wirklich fragen muss, ob sich die Organisatoren überhaupt einmal die dazugehörigen Bilder angeschaut haben. Da steht tatsächlich: „Man muss nicht komponieren, die Welt ist Komposition“ und „Wenn ich an einer Bushaltestelle einen Mann fotografiere, der auf den Bus wartet, muss auf dem Foto mehr zu sehen sein als ein Mann, der auf einen Bus wartet.“ Für mich ist Arno Fischer das Gegenteil von Henri Cartier-Bresson. Den halte ich auch nicht für so genial wie die Allgemeinheit immer schwärmt, aber im Vergleich zu Fischer ist er tatsächlich ein Gott. Ihm hätte ich diese beiden Sätze kommentarlos abgenommen – Arno Fischer hingegen nicht.
Toll finde ich allerdings seine Polaroids aus dem Garten. Die sind frisch, lebendig und gleichzeitig meditativ. Da muss er aber auch niemandem die Kamera ins Gesicht halten.
Wer mag, kann sich ja ein eigenes Bild von Arno Fischers Werk machen. Gelegenheit dazu gibt es bis zum 3. Januar 2010 in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn.