Fotobuchrezensionen XV

Eigentlich sollte an dieser Stelle mein Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger stehen, doch leider wurde meine Text, in dem ich wieder vier aktuelle Fotobücher vorstelle, zehn Wochen lang geschoben und nun endgültig gecancelt. Aber was soll’s – dann gibt es drei Bücher-Tipps schon einmal an dieser Stelle hier, das vierte Buch wird eventuell doch noch gesondert im Ksta vorgestellt.

Zugegeben: Unter einem Garten stellt man sich gemeinhin etwas anderes vor. Dennoch hat der Italiener Alessandro Imbriaco den richtigen Titel für sein mit dem European Publisher Award for Photography geadelten und vom Kehrer Verlag in Deutschland veröffentlichten Buch „Der Garten“ gewählt (72 Seiten, 32 Fotografien, 35 Euro). Der Betrachter läuft darin durch ein undurchdringlich scheinendes, waldiges Sumpfgebiet, auf dem zweiten Bild ist schemenhaft eine Person zu sehen, dann folgen wieder Bäume und Gestrüpp, die den „Paradies“-Bildern eines Thomas Struth nicht unähnlich sind – nur deutlich dunkler, fast düster, denn Imbriaco fotografiert offensichtlich immer erst spät am Abend und belichtet seine Fotos mindestens zwei Blenden unter. Wer ganz genau hinschaut, entdeckt in den nur scheinbar chaotischen Kompositionen aber auch Anzeichen von Zivilisation – ein Straßenschild etwa oder ein Häuserblock. Und dann taucht plötzlich ein Mädchen auf, das geborgen an einem Baumstamm lehnt und schläft. Später ist noch eine Hütte im Wald zu sehen, woanders eine provisorische Küche, noch später eine Art Notunterkunft unter einer Schnellstraßenbrücke mitten in Rom. Sie ist das Zuhause der sechsjährigen Angela und ihrer Eltern Piero und Lupa. Imbriaco hat sie entdeckt und ihren harten Alltag unter der Brücke ohne fließend Wasser und Strom in stillen, etwas verträumten, aber dennoch nicht beschönigenden Bildern festgehalten. Im Anschluss gibt es zudem einen exzellenten und kurzweiligen Text von Bill Kouwenhoven, der nicht nur Informationen zu den Bildern, sondern zur Fotografiegeschichte allgemein liefert.

Von einem harten Leben und vor allem von der dazugehörigen harten Arbeit berichtet auch Tomasz Gudzowaty in seinem Fotoessay „Keiko“ (Hatje Cantz Verlag, 148 Seiten, 66 Fotografien, 45 Euro). Bereits das Cover ist überwältigend und fast grausam – es zeigt einen riesigen Schiffsspropeller, unter dem zwei Männer stehen beziehungsweise vor dem sie sich ducken müssen. „Keiko“ ist der Name dieses Schiffes und das Buch handelt davon, wie es Stück für Stück auseinandergenommen und verschrottet wird. Es ist gleichzeitig das Porträt der zweitgrößten Stadt Bangladeschs, Chittagong, in der etwa ein Drittel der jährlich 700 außer Dienst gestellten Hochseeschiffe ausgeschlachtet werden. Und Gudzowaty lässt keinen Zweifel daran aufkommen, was er davon hält, denn seine Schwarzweiß-Bilder sind vor allem von harten Hell-Dunkel-Kontrasten und einem außergewöhnlich groben Korn geprägt. Gestalterisch dominiert fast immer das Schiff, dieses stählerne Monstrum, das wie der Kadaver eines gestrandeten Wales am Strand liegt, verfaulend, und in das die Arbeiter hinein klettern wie kleine, hungrige Tiere, wie Ameisen, die ihn zersägen und auf ihn einhämmern, an ihm ziehen und seine Einzelteile wegtragen. „Keiko“ ist kein Buch, das Mitleid weckt. Es zeigt vielmehr den Wahnsinn dieser Arbeit, die keinen Platz für Träume und Zukunftspläne der Einzelnen lässt.

Wem das alles zu schwer verdaulich ist, dem sei „World without men“ des 2004 verstorbenen Helmut Newton empfohlen. Der gilt als einer der einflussreichsten Fotografen überhaupt und ist für seine erotischen Fotografien bekannt, auf denen – stark vereinfacht gesagt – meist nackte Frauen in Stöckelschuhen zu sehen sind. Im Taschen Verlag ist nun eine Auswahl seiner Bilder erschienen, die die Entwicklung seines Stils als Modefotograf zwischen Mitte der 1960er und den 1980er Jahren dokumentiert („World without Men“, 188 Seiten, 39,99 Euro ). Hin und wieder sind tagebuchartige Notizen eingestreut, die durchaus interessante Einblicke in Newtons Arbeitsalltag zulassen. Da sie allerdings fast nie zu den dazugehörigen Fotos, sondern quer durch das ganze Buch verteilt abgedruckt sind, ist die Zuordnung leider mit viel Blätterei verbunden.

Links: Kehrer, Hatje Cantz, Taschen

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“Breathing the Same Air” von Nelli Palomäki

Als weitere Vertreterin der seit einigen Jahren vielbeachteten Helsinki-School hat die 1981 geborene Porträtfotografin Nelli Palomäki nun ihr Buch “Breathing the Same Air” im Hatje Cantz-Verlag veröffentlicht. Für sie ist jedes Porträt auch eine Art Selbstporträt. Gleichzeitig interessiert sie sich für die unterschiedlichen Rollen, die Männer und vor allem Frauen einnehmen.

Meine ausführliche Besprechung ist in der aktuellen Photonews erschienen.

Link: Hatje Cantz

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“Kosovo” von Bertrand Cottet

“Kosovo” lautet der einfache Titel dieses schmalen und unscheinbaren Büchleins. Oder sollte ich besser

KO

SO

VO

schreiben, denn so, in seine einzelnen Silben zerhackstückelt, steht der Name in großen, gelben Buchstaben auf dem grauen Cover und deutet die Uneinigkeit dieses kleinen, uns unbekannten Landes bereits an.

Sechs Mal ist der französische Fotograf, Journalist und Ethnologe Bertrand Cottet, der auf dem Gebiet der Menschen- und Asylrechte arbeitet, in den Kosovo gereist und hat dort, bei allen Konflikten zwischen Albanern und Serben, die gleichen Werte entdeckt: “Ein ausgeprägter Sinn für Gastfreundschaft, eine selbstlose Großzügigkeit, ein tief verankerter Ehrenkodex und der Wille, Teil des modernen und demokratischen Europas zu sein”, schreibt Cottet zu Beginn. Und zwar als eigene, unabhängige Republik, die der Kosovo seit dem 17. Februar 2008 ist.

Das Buch öffnet dann auch mit einem Foto, das verdeutlicht, dass es ein weiter Weg gewesen sein muss bis dahin: Es zeigt den Schriftzug “Kosovo Pavarsi”, was so viel wie “unabhängiges Kosovo” bedeutet, als Graffito auf einer verrosteten Leitplanke auf einer scheinbar einsamen, auf jeden Fall eher ländlich gelegenen Straße irgendwo imNirgendwo. Die folgenden Aufnahmen aus Pristina sind nicht minder pessimistisch: Schnee auf einem Pickup, das mit einem Airbrush eines Surfers im Sonnenuntergang verschönert wurde; Kinder beim Schlittenfahren in einer Wohnsiedlung, wobei der Schnee bereits zu einer dunkelbraunen Matsche zerfahren wurde; zerfetzte Wahlplakate auf einem Zaun, der wie Gitterstäbe wirkt. Es folgen Porträts und Landschaften, mal eher nüchtern, dann wieder doppeldeutig, poetisch, absurd fotografiert. Der Viehmarkt in Lipjan mit seinen Pferdegespannen lässt einem an der Zukunftsfähigkeit dieses arg gebeutelten Landes zweifeln, direkt danach folgen Bilder von neugebauten Industriezonen und das tiefe Loch eines Fundaments, auf dem ein Einkaufszentrum entstehen soll.

Cottets Bilder sind oft geprägt von Gegensätzen, Anspielungen und einer poetischen Melancholie. Der Roma-Junge, der in einem uralten, verrosteten Kettenkarussell steht, während im Hintergrund die offene Tür eines Wohnanhängers zu sehen ist. Die Telefonzelle im Stadtzentrum von Gjilan, über der zahlreiche Werbeschilder auf die Dienste von Dolmetschern und Rechtsanwälten aufmerksam machen: Ein Foto, das man schnell übersehen kann, und das doch sinnbildlich für die nicht vorhandene Kommunikation zwischen Albanern und Serben steht.

Nicht ganz zufrieden bin ich allerdings mit der Gestaltung des Buches. Da es ausschließlich Querformate zeigt, verstehe ich nicht ganz, warum für das Buch ein Hochformat gewählt wurde, so dass die Bilder lediglich mit 11 mal 14 Zentimeter und sehr viel Weiß drumherum abgebildet werden.

Erschienen ist “Kosovo” im Benteli Verlag. Es zeigt 91 Farbfotografien auf 128 Seiten und kostet 29,80 Euro.

Link: Benteli

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150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden

Und noch ein Buch über Fotografie und die Berge. Naja, zumindest könnte man das beim Anblick vieler Bilder aus “Ansichtssachen” meinen. Doch bereits der Untertitel verrät, dass es eigentlich um etwas anderes geht: “150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden”.

Herausgegeben wurde das Buch (384 Seiten, 117 farbige und 136 schwarzweiße Abbildungen, 48 Euro) von Stephan Kunz und Köbi Gantenbein, und es ist zur gleichnamigen Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen. Darin gehen sie dem Stellenwert nach, den die Architektur im schweizerischen Graubünden seit dem 19. Jahrhundert hat. “Weil aber in erster Linie Fotografien betrachtet werden, steht nicht die Geschichte der Architetkur in diesem Kanton im Zentrum. Vielmehr geht es um die Sicht der Fotografen und um die Frage, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert hat. Was steht wann, wie und warum im Fokus?”, erklären die Herausgeber im Vorwort und unterstreichen diesen besonderen Aspekt direkt mit einer Reihe von Aufnahmen, die die Fotografen Katalin Deér, Christian Kerez, Claudio Moser, Stephan Schenk, Gaudenz Signorell von der St. Nepomuk-Kapelle in Oberrealta gemacht haben.

Dennoch ist es kein klassisches Fotobuch, sondern eher ein reich bebildertes Lesebuch, das in Aufsätzen die je spezifische Sicht von Architekten, Ingenieuren und Fotografen aufzeigt. So lernen wir unter anderem den Fotografen Christian Ferdinand Meisner (1863-1929) kennen, der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hatte, die Bündner Täler und Ortschaften zu dokumentieren, dabei aber auch die Landschaft auf sehr eigenwillige Art interpretiert. Oder wir entdecken Albert Steiner (1877-1965), der die Natur liebt und dem Architektur darin wie Fremdkörper vorkommt – auf mich wirkt er wie eine Art schweizerischer Ansel Adams. Die Spannweite erstreckt sich schließlich bis zu kritischen Fotografen der Jetztzeit, in denen die Postkartenidylle von Fotografen wie Hans Steiner, Paolo Rosselli, Marcel Hoffmann und Jules Spinatsch hinterfragt und auch zerstört wird.

Diese Mischung macht den Reiz und den Wert von “Ansichtssache” aus. Zugleich kann man anhand dieses überschaubaren Gebietes die Entwicklung der Architekturfotografiegeschichte im Allgemeinen verdeutlichen.

Link: Scheidegger & Spiess

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Gebirgsfotografie früher und heute

In der neuen Ausgabe der Photonews habe ich zwei aktuelle Bücher von Fotografen vorgestellt, die sich beide mit der Hochgebirgsfotografie auseinandersetzen – allerdings zu sehr unterschiedlichen Zeiten. Bei “Jules Beck – Der erste Schweizer Hochgebirgsfotograf” verrät der Titel bereits viel über den Inhalt, und die Aufnahmen Becks waren allein deshalb schon etwas Besonderes, weil Ende des 19. Jahrhunderts kaum jemand in Höhen über 4000 Meter mit einer Kamera unterwegs war.

Das Buch “The Aspen Series” stammt hingegen von Walter Niedermayr, spielt im Hier und Jetzt und stellt das Gegenteil von Beck dar: Das Hochgebirge ist nicht länger etwas für Extremsportler, sondern dient längst als Kulisse für den Masssentourismus mit seinen Folgen.

Meinen Text gibt es hier als PDF.

Link: Scheidegger & Spiess, Hatje Cantz

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“Out of Focus” von Peter Olpe

Das Design des Buches ist so schlicht wie das einer selbstgebauten Camera Obscura – der Buchblock ist nackt und zeigt die gebundenen Seiten, die graue Pappe des Covers könnte (sieht man einmal von der Prägung des Titels ab) funktionaler kaum sein. Dennoch hat es ein Highlight versteckt – ein klitzekleines Highlight, möchte ich sagen, denn der Titel hat in der Mitte eine zwei Zentimeter große, kreisrunde Öffnung, in der wiederum eine schwarze Lochblende eingelassen wurde – theoretisch könnte man dadurch also fotografieren. Das braucht man aber nicht, denn das haben schon drei Dutzend andere Fotografen für uns gemacht. Aber der Reihe nach.

25 Jahre lang hat der Schweizer Grafiker Peter Olpe Lochkameras entworfen, gebaut und zeitweise auch vertrieben. Bei den Renovierungsplanungen für sein Haus stellte er sich 2008 schließlich die Frage, was mit den ganzen schwarzen Kästen in seinen Schränken geschehen soll. Auf der einen Seite nehmen sie nur Platz weg, auf der anderen Seite konnte er sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nach seinem Tod möglicherweise einfach so in der “Kehrichtverbrennung” entsorgt werden würden (obwohl sie seiner Meinung nach bestimmt “hervorragend brennen” würden). Also fasste er sich ein Herz und fragte im Musée suisse de l’appareil photographique in Vevey nach, ob sie vielleicht Interesse hätten, seine bescheidenen Kameras in ihrer Sammlung aufzunehmen. Und das hatten sie. Und sogar mehr, denn die Direktoren Pascale Bonnard und Jean-Marc Yersin boten Olpe sogar an, eine Ausstellung mit seinen Kameras zu machen. Und weil Olpe ja zusätzlich Grafiker ist, bot er an, den Katalog zur Ausstellung selbst zu gestalten.

Dies alles wäre nun eine feine, aber nicht weiter aufregende Anekdote über die Hintergründe einer Ausstellung. Doch Peter Olpe wollte noch mehr. “Geben bekannte Hersteller [...] nicht auch Bücher heraus, die dokumentieren, was bedeutende Fotografen mit ihren Produkten anstellen? Wenn ich schon einmal – wenn auch nur kurz – dazugehört habe, möchte ich auch so ein Buch mit Bildern, die Fotografen und Künstler mit meinen Kameras realisiert haben”, sagt er in selbstironischer Bescheidenheit in seinem sehr lesenswerten Vorwort zum Buch “Out of Focus”.  Mit 36 Gestaltern, Künstlern und Fotografen ging er deswegen einen Tauschhandel ein (übrigens ganz ähnlich wie es beispielsweise früher Polaroid gemacht hat): Jeder bekam eine von Olpe selbst hergestellte Lochkamera und konnte sie auch behalten, wenn er im Gegenzug mit dieser Kamera eine kleine Serie von mindestens drei Bildern aufnimmt, die Olpe für seinen Ausstellungskatalog verwenden darf. Die Teilnehmerliste ist dabei durchaus interessant und vor allem sehr gemischt. Mit dabei sind unter anderem Georg Aerni, Alec Soth (von dem nur ein einziges Bild zu sehen ist),Volkmar Herre, das Duo Taiyo Onorato/Nico Krebs, Marc Räder, Joël TettamantiOliviero Toscani, Christian Vogt (der gleich drei Kameras erhalten hat) und Herlinde Koelbl.

Unter den Bildstrecken findet man jeweils eine Biografie, einen kurzen Text sowie ein Foto der Kamera, mit der die Bilder aufgenommen worden sind, samt “Datenblatt”. Das ist insofern interessant, weil Hobbyfotografen sich ja meistens nur über genau diese Daten austauschen, selten aber über Bildgestaltung und -konzeption. In diesem Fall macht es aber Sinn, weil die Kameras erstens schön und skurril und extrem zugleich sind (eine Blende von 1:190 kommt in der klassischen Fotografie ja eher selten vor) und sie zweitens natürlich großen Einfluss auf das Bild selbst haben. Letztlich bleibt es aber beim Nutzer selbst, was er daraus macht – und da ist die Bandbreite auch in diesem Buch gewaltig.

Darüber hinaus gibt es diverse Statements und zahlreiche Abbildungen der Kameras, die Olpe dem Museum vermacht hat. Allein die sind schon aufregend anzuschauen, weil sie so archaisch und individuell und vor allem extrem einfach sind.

Das Buch “Out of Focus” ist im Schweizer Niggli Verlag erschienen. Es zeigt rund 850 Fotografien auf 432 Seiten und kostet 62 Euro.

Link: Niggli, Cameramuseum Vevey

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“Intervall” von David Kühne

Sicherlich ist “Intervall” von David Kühne kein klassisches Fotobuch. Es ist eine Konzeptarbeit, die sich aber mit den Themen Zeit, Fotografie und, ja, dem Filmwechsel beschäftigt. Inhaltlich geht es darum, eine Minute lang jede Sekunde ein Foto einer Uhr aufzunehmen. Dass diese das Logo der Marke Ilford trägt, kann wohl als Verweis auf die klassische, analoge Arbeit in der Dunkelkammer gedeutet werden.

Auf jedem Foto sieht man also den Sekundenzeiger jeweils einen Schritt weiter wandern. Gähnend langweilig? Ja – zumindest die ersten zwölf Sekunden. Denn dann ist der Rollfilm in seiner Hasselblad voll und Kühne muss die Kassette wechseln. Das dauert bei ihm fünf Sekunden. Da die Zeit aber nun einmal nicht stehen bleibt, konnte Kühne erst bei Sekunde 17 weiter fotografieren. Die Zeit, in der er den Film gewechselt hat, stellt er dennoch dar – nur, dass die Seiten in dem kleinen Büchlein konsequenterweise leer bleiben. Das Spannende an dem Buch sind also nicht die Fotos, die zu sehen sind, sondern die Fotos, die nicht zu sehen sind – oder vielmehr die Fotos, die Kühne nicht machen konnte. Wir wissen, was auf ihnen zu sehen gewesen wäre, und dennoch fehlen sie, um die Geschichte rund zu machen.

Für mich persönlich ist “Intervall” aber auch eine Metapher des früheren Außer-Gefecht-gesetzt-Werdens, wenn beim Fotografieren der Film gewechselt werden musste. Mir fällt dabei unweigerlich das legendäre Foto von Nick Út ein, das er von der nackten und vor dem Napalm-Angriff auf die vietnamesische Stadt Trang Bang flüchtenden Kim Phúc gemacht hat. Wer genau hinschaut, sieht rechts im Bild seinen Fotografen-Kollegen David Burnett, der gerade mit seiner Kamera beschäftigt ist. Was für eine Demütigung: Da fotografiert gerade jemand ein Jahrhundert-Foto und man selbst muss nicht nur den Film wechseln, sondern die ganze Welt schaut einem auch noch dabei zu.

Kühne selbst muss während “Intervall” insgesamt drei Mal die Kassette an seiner Hasselblad austauschen, bis es schließlich zum (ironischen) Showdown kommt: Der Minutenzeiger bewegt sich einen Schritt weiter.

“Intervall” ist im Rhein-Verlag in einer 100er Auflage erschienen, hat 130 Seiten und kostet 19,80 Euro.

Link: Rhein-Verlag

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“The Mother Road” von Hans Gremmen

Katja Stuke hat mich beim Düsseldorfer Book Salon auf Hans Gremmen und sein Projekt “The Mother Road” gebracht. Das sei die beste Arbeit, die bislang mit Google Street View-Bildern gemacht wurde, meinte sie. Ob es tatsächlich die Beste ist, weiß ich nicht, aber ich finde sie ebenfalls großartig, weil sie extrem konsequent weitergedacht ist. Und weil sie nicht auf das Außergewöhnliche in den Bildern setzt wie beispielsweise Michael Wolf oder Jon Rafman oder auf das Alltägliche wie bei Doug Rickard, die dafür tage-, wochen- und monatelang das Internet durchstöbert haben.

Hans Gremmen hat auch viel Zeit mit Google Street View verbracht. Vielleicht sogar mehr Zeit als die drei Obengenannten zusammen. Aber er war nicht auf der Suche – er hatte die Bilder bereits gefunden und musste sie nur noch abfotografieren beziehungsweise … ja, wie heißt das überhaupt? “Screenshotten”? Denn der Niederländer ist die komplette Route 66 virtuell “nachgefahren” – Stück für Stück, Bild für Bild, Mausklick für Mausklick. Vier Monate lang jeden Abend für ein paar Stunden. 151.000 Mal hat er dabei den Bildschirm kopiert, die Bilder aneinander gereiht und zu einer Art Stop-Motion-Film verarbeitet. Was für eine Fleißarbeit! Vor allem aber hat Gremmen das “Prinzip Street View” ins Gegenteil verkehrt: Aus Fotos, die beim Fahren entstanden sind, macht er eine Fahrt, die aus Fotos entsteht.

Dabei passiert etwas spannendes: Die wohl emotional und mythisch aufgeladenste Straßenverbindung in den USA wirkt in diesem virtuellen Roadmovie vollkommen trivial und beinahe ermüdent trist. Der Zauber von Freiheit und Pioniergeist, der der Route 66 bis heute innewohnt, ist längst verflogen und wird bei Gremmen zusätzlich entzaubert, indem man die Reise auf der auch als “Mother Road” oder “America’s Mainstreet” bezeichneten Strecke nun bequem vom Wohnzimmersessel aus machen kann – und die virtuelle Kompassnadel in der oberen Bildecke tanzt dazu. Die Freiheit besteht im Jahr 2013 also nicht darin, als einsamer Wolf auf einem Motorrad quer durch die USA zu reisen, sondern sich im Internet alle Informationen zu beschaffen, die einem zur Verfügung gestellt werden. Aber auch das kann ein sehr einsames Unterfangen sein.

Ob man sich “The Mother Road” tatsächlich komplett anschaut, ist bei einer Filmlänge von über fünf Stunden fraglich. Aber man könnte es, denn Gremmen hat den Film auf zwei DVDs gebannt. Weil es zudem noch ein zwölfseitiges Booklet gibt, gilt das fertige Produkt übrigens als Buch und nicht als DVD, was den ermäßigten Steuersatz zur Folge hat. Aber auch mit dem vollen Satz wäre “The Mother Road” noch erschwinglich – die beiden DVDs sind in einer 1000er Auflage erschienen und kosten gerade einmal 12 Euro.

Link: Hans Gremmen

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Düsseldorf Photo Weekend startet heute

Heute beginnt das zweite Düsseldorf Photo Weekend mit der Eröffnung des Book Salons im NRW-Forum, wo mehr als 30 Verleger, Buchhändler und Antiquare ihre Bücher und Magazine zur Fotografie präsentieren.  Samstag und Sonntag haben dann zudem die Galerien und andere Kulturinstitutionen ihre Türen geöffnen und laden zum Rundgang ein. Weitere Highlights sind ein öffentlicher Portfolio Review, der sogar bei Arte Creative live übertragen wird, sowie eine Vortrags- und Diskussionsreihe zum Thema Fotobuch am Samstagnachmittag in der Kunststiftung NRW.

Mehr Informationen gibt es in meiner Ankündigung im Ksta – und natürlich auf der Homepage des Düsseldorf Photo Weekend.

Link: Düsseldorf Photo Weekend

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“Boy Stories” von Johan Willner

Ich liebe dieses Bild! Das erste Mal gesehen habe ich “Die Ordnung” von Johan Willner im Nachwuchsförderbereich „Descubrimientos“ auf dem Festival PhotoEspana in Madrid. Das war im Jahr 2009. Ein Junge mit sehr erwachsenem Blick und einer blutigen Augenbraue sitzt im Fond eines Autos. Sein mutmaßlicher Vater, dessen Gesicht nicht zu sehen ist, steht neben der Fahrertür, hält sich an ihr fest und spielt mit der anderen Hand nervös an den Fingernägeln, während im Hintergrund eine Horde Schüler steht, die alle in die gleiche Richtung zu schauen scheinen – auf eine Stelle direkt neben dem Betrachter. Nur nicht der Junge im Auto – der schaut mich direkt an. Die ungeklärte, latent bedrohliche Situation, in der auch der sich schützend vor den Jungen stellende Vater hilflos wirkt, fesseln mich bis heute.

Nun ist das Buch “Boy Stories” erschienen, in dem sich der 1971 geborene Schwede Willner in gewisser Weise sich selbst stellt – “Die Ordnung” ziert dabei nicht nur das blaue Leinencover, sondern war für ihn auch der Ausgangspunkt für die gesamte Serie. Willner beschäftigt sich mit Erinnerungen, vor allem aber mit ihrer Re- und Dekonstruktion – für ihn sind sie wie gepresste Blumen zwischen Buchseiten – irgendwann werden sie trocken, hart und brüchig. Sein einleitender Text ist sehr aufschlussreich und spannend zu lesen, liegt allerdings nur auf schwedisch und englisch vor. Er berichtet von eigenen Erfahrungen, die ihn begleiten und die ihn geprägt haben – in der Kindheit, aber auch als Erwachsener. Willner schaut auf die Dinge, die sich verändern und auf Dinge, die sich nicht verändern – wie die Haken in der Umkleidekabine seiner alten Schulsporthalle, die für ihn zum Sinnbild dafür werden, dass sich jeder aus seiner Klasse einen festen Platz (in der Gesellschaft) suchen musste und die nun von anderen belegt werden.

Diese Erinnerungen, Fiktionen, Gedanken hat Johan Willner sechs Jahre lang in Fotografien umgesetzt. Sie sind sehr fein und detailiert inszeniert und haben dennoch häufig einen fast surrealistisch-dokumentarischen Charakter, falls es das überhaupt gibt: Erinnerungen (und Träume) sind in unseren Vorstellungen meist “bereinigt” von störenden Details und auf das Wesentliche fokussiert. Tatsächlich wirken Willmers Bilder auf mich auch weniger wie Inszenierungen, sondern eher wie Stills – allerdings nicht aus Filmen, sondern aus Träumen oder Erinnerungen: Ein wenig hölzern und doch agil und mitunter furchtbar präsent, schließlich wird der Betrachter häufig direkt angeschaut und so Teil des Geschehen.

Natürlich gibt es Parallelen zu den Inszenierungen von Jeff Wall und Gregory Crewdson – gerade Crewdson hat als Kind häufig den Patientengesprächen seines Vaters, der Psychoanalytikerm war, gelauscht, was seine Fantasie enorm angeregt haben dürfte. Wirkt die Bedrohung und das Geschehene in seinen Bildern jedoch fast übernatürlich, liegt der Schrecken bei Willner im Alltag – und häufig weiß man auch nicht, ob man Angst oder Mitleid mit seinen Protagonisten haben muss. Die vier mit Spielzeugbogen “bewaffneten” Jungs, die auf einem Trampelpfad am Waldrand stehen, wirken selbst am meisten überrascht darüber, dass sie gerade aus Spaß einen Schwan erschossen haben, der nun tot vor ihren Füßen liegt. Und von dem Mann, der in einem surreal-anonymen Raum ein (eventuell totes?) Kleinkind auf den Armen wegtragen will – ist er der trauende Vater oder ein Mörder. Oder vielleicht sogar beides?

Das sind nun alles sehr krasse Beispiele, dabei hat Willners Serie auch andere, weniger dramatische Bilder wie beispielsweise den Tisch vor einem Fenster, auf dem ein gutes Dutzend Stapel alter Briefe liegt, oder der Patient, ein glatzköpfiger Herr, der langsam durch sein Krankenzimmer geht und sich dabei auf sein rotes Jojo-Spiel konzentriert. Durch die Erläuterungen in Willners Text verstehen wir, dass er einem solchen Mann tatsächlich begegnet ist, als er als Kind seinen Vater in einer Psychiatrie besucht hatte. Willners Bilder sind also meist voller Unsicherheiten, Verwunderungen, Verlustängsten und natürlich Trauer. Aber (bis auf wenige Aufnahmen) so gut in Szene gesetzt, dass sie mich tatsächlich ein wenig verstören und lange in mir nachhallen – und so irgendwie auch zu einer Erinnerung von mir selbst werden, die ich schließlich mit eigenen Erfahrungen und Fragmenten auffülle.

“Boy Stories” ist bei Hatje Cantz erschienen. Das Buch hat 76 Seiten und kostet 35 Euro.

Link: Hatje Cantz

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